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Thema: Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht

  1. #1
    Chefchen Avatar von aerolith
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    Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht

    Thesen I bis XLI werden demnächst hiermit verknüpft (nicht verlinkt), so daß ein Ordner mit allen Thesen entstehen wird.

    Thesen XLII bis LXXIV im phpBB-Forum, was bald hierher verfrachtet wird

    morgen setzt die Arbeit mit These LXXV fort

  2. #2
    Chefchen Avatar von aerolith
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    These LXXV: Der Zeitpunkt der Übergabe des Ultimatums war bedacht

    These LXXV: Die Übergabe des Ultimatums erfolgte just in dem Augenblick, da der französische Ministerpräsident St. Petersburg verlassen hatte, damit sich Rußland und Frankreich nicht auf die Forderungen gegen Serbien einstellen könnten.

    Bestenfalls halbwahr.
    Ziel der deutschen Außenpolitik im Juli 1914 war es nicht, Rußland und Frankreich in einen Krieg um Serbien zu ziehen. Das Ziel bestand noch nicht einmal in einem Krieg gegen Serbien, sondern in einer Zurechtweisung desselben, falls sich serbische Regierungsstellen an der Vorbereitung des Attentats beteiligt hatten, was für Berlin/Wien feststand, aber durch die eben in dem Ultimatum gestellte Forderung einer regierungsunabhängigen Aufklärung durch österreichische Beamte verifiziert werden sollte. Das war die Forderung, die den kriegerischen Konflikt auslöste, denn serbische Regierungsstellen wollten sich nicht durch österreichische Beamte kriminalistisch untersuchen lassen. Doch wie hätte die Lösung heißen können? Vielleicht hätten Kriminalbeamte eines neutralen Landes diese Arbeit erledigen können. Das hätte Serbien vorschlagen können. Das hätte auch k.u.k. vorschlagen können. Insofern, daß es NICHT geschah, liegt die Wahrheit versteckt, daß sowohl Wien als auch Serbien den Krieg wollten. Österreich mußte ihn ansteuern, weil es im Kern getroffen worden war, um Serbien zu bändigen; Serbien wollte ihn haben, weil die Verlockung eines großserbischen Staates in Südslawien (Jugoslawien) im Bunde mit Rußland, Frankreich und Britannien zu erreichen war.
    Daß die Überreichung des Ultimatums zu einem für den Überzeichner günstigen Zeitpunkt erfolgte, ist pillepalle. Im Zeitalter des Funks (zumal auf einem französischen Kriegsschiff) und des Schnellboots dürfte der französische Ministerpräsident umgehend telegraphisch informiert worden sein. Zudem ist es zweischneidig von Fischer, einerseits dem deutschen Kaiser zu konzedieren, daß der im Norden auf Urlaubsreise geht und dennoch kriegsbereit sein soll und andererseits dem französischen Ministerpräsidenten dessen Kriegsbereitschaft abspricht, wenn der auf dem größten französischen Schlachtkreuzer gemütlich vor der deutschen Küste langschippert. Also entweder sind beide betriebsbereit oder keiner.

  3. #3
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    These LXXVI: Grey hielt Lokalisierung des Serbien-Konflikts für unmöglich

    These LXXVI: Der englische Außenminister hielt die Lokalisierung des Serbien-Konflikts für unmöglich.

    Das ist richtig.
    Allerdings verschweigt Fischer hier das Entscheidende. Daß Fischer keinen veritablen Zusammenhang zwischen Bethmann Hollwegs Politik und der Greys herstellen kann, liegt in der Natur der Politik beider. Das bedeutet, es kann keine Textstelle geben, die eine Mitteilung Greys an Bethmann Hollweg in dieser Frage der Lokalisierung des Konflikts (wie Bethmann es gern gehabt hätte) geben. Während Grey systematisch auf den Krieg Britanniens mit dem Reich hinarbeitete, glaubte Bethmann Hollweg, ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger Bülow, an eine Neutralität Britanniens. Und unter diesem Gesichtspunkt liegt es auf der Hand, daß Grey eine Lokalisierung für unmöglich hält, denn sowohl Rußland als auch Frankreich werden diese Möglichkeit nutzen, um den Krieg anzuzetteln, während Britannien seinen Bündnispflichten nachkommen muß. Diese Bündnispflicht war im Reich aus dem Blickwinkel geraten, ergo nahm man dort an, man könne den Konflikt in Serbien (unter Neutralität Britanniens) lokalisieren.

  4. #4
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    These LXXVII: Bethmanns zentrale Überlegung betraf Rußland

    These LXXVII: Rußlands Eingreifen für Serbien würde ihm die Rolle des Aggressors zuweisen. Darauf basierten Bethmanns zentrale Überlegungen.

    Falsch.
    Daß Rußland für Serbien eintreten würde, war nicht der zentrale Punkt der Überlegungen des Reichskanzlers. Das war Gewißheit. Ob dieses Eingreifen militärisch oder diplomatisch erfolgen würde, war dabei weniger von Interesse.
    Bethmanns zentrale Überlegungen betrafen das Verhalten Britanniens. Die Herbeiführung britischer Neutralität war der zentrale (Ausgangs)-Punkt von Bethmanns Politik und sein größter Irrtum, denn Britannien war mit Edwards Regierungsantritt keineswegs mehr neutral und arbeitete auf die militärische Auseinandersetzung mit dem Reich hin. Würde Britannien neutral bleiben, würde Rußland von einem militärischen Eintreten zurückweichen, auch wenn es mit Frankreich im Bunde war.

  5. #5
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    These LXXVIII: Kriegserklärung an Serbien vor Abschluß der Mobilmachung

    These LXXVIII: Die österreichische Mobilmachung erforderte 16 Tage. Das Procedere sah erst nach erfolgter Mobilmachung die Kriegserklärung vor.

    In der Tat.
    Am 23. Juli erfolgte die Übergabe des Ultimatums, das in 48 Stunden beantwortet werden mußte. Man ging in Wien und Berlin davon aus, daß Serbien die Bedingungen nicht erfüllen würde.

    ultimatum_23071914.jpg
    Wenn man jetzt 16 Tage mit der Kriegserklärung gewartet hätte, wäre das nur für Serbien und seine Verbündeten von Vorteil gewesen, zugleich war die Mobilmachung für den 23. Juli nicht befohlen worden, da dies als Akt der Aggression aufgefaßt hätte werden können, ergo mußte Österreich ohne Mobilmachung Serbien angreifen, sofern Serbien das Ultimatum nicht erfüllen würde. Es mußte Tatsachen (fait accompli) schaffen, Lokalisation herbeiführen, die herbeizuführen wäre (Belgrad lag unmittelbar an der österreichisch-serbischen Grenze) und des Stillhaltens von Rußland und Frankreichs bedurfte. Rußland allerdings hatte schon lange mobilgemacht und stand mit Heeresmacht an der deutschen und österreichischen Grenze.

  6. #6
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    These LXXIX: Das Reich unterband englische Vermittlungsvorschläge

    These LXXIX: Um eine mögliche Mediation (Vermittlung) Britanniens zu unterbinden, sabotierte das Reich englische Vermittlungsvorschläge.

    Halbwahr.
    Fischers Argumentationslinie behauptet Britanniens guten Willen, den Krieg zu verhindern, der, von den Deutschen untergraben, dazu führen mußte, daß sich Britannien dann gezwungen sah (zudem noch nach einem deutschen Durchmarschversuch durch Belgien), die Seite Frankreichs und Rußlands zu nehmen.
    Das Reich konnte Greys Politik nicht unterstützen, weil es sie als Einmischung in eine innere Angelegenheit Österreichs auffaßte, das sich von Serbien angegriffen fühlen mußte. Das erklärt die Aufregung des Kaisers, der dem Bündnispartner Österreich freie Hand ließ und sich jede Einmischung von Rußland, Frankreich oder Britannien verbat.
    Die Briten aber kochten ihr eigenes Süppchen, Rußland und Frankreich wußten Britannien hinter sich und waren auf Krawall aus. Das Reich aber glaubte an eine NEUTRALE britische Politik, ergo nahm man in Berlin an, daß schlimmstenfalls Frankreich und Rußland Krach machen würden, sich aber Serbiens wegen in keinen Weltkrieg stürzen würden.
    Und das war ein Irrtum!

  7. #7
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    These LXXX: Berlin provozierte Petersburg

    These LXXX: Der Kaiser empörte sich über ein Gespräch zwischen Berthold und dem russischen Geschäftsträger in Wien und nannte es "gänzlich überflüssig", was Rußland düpieren sollte.

    Fischer geht davon aus, daß die Doppelmonarchie einen Annektionskrieg gegen Serbien führen wollte.
    Das war nicht der Fall.
    Fischer geht davon aus, daß das Reich Krieg wollte.
    Das war nicht der Fall, aber das Reich begriff den Krieg 1914 als politisches Mittel.
    Fischer geht davon aus, daß die Doppelmonarchie nicht das Recht besaß, den Hintergründen des Attentats in Serbien mit eigenen Beamten auf den Grund zu gehen.
    Das hätte aufgrund des zeitweisen Charakters der Untersuchung keineswegs die Souveränität Serbiens beschnitten; schließlich war anzunehmen, daß höchste serbische Regierungsstellen in die Vorbereitung des Attentats verwickelt waren, wie konnte man da in Serbien eine korrekte Aufklärung mit serbischen Beamten erwarten?
    Daß Rußland sich hier in den österreichisch-serbischen Konflikt einmischte, während Berlin klipp und klar sagte, Wien möge das selber regeln, sich aber kein X für ein U vormachen lassen, ist ein großer Unterschied. Allerdings wollten Rußland und Frankreich die Füße nicht stillhalten, weil eine militärische Intervention Wiens gegenüber Serbien das mühsam aufgebaute Großserbien wieder zerstückelt hätte, was am Ende der Doppelmonarchie mehr genutzt als geschadet - gerade wegen eines Verzichts auf Annektion.

  8. #8
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    LXXXI: Berchthold beugte sich der deutschen Pression und befahl die Mobilmachung

    These LXXXI: Der k.u.k.-Generalstabschef Berchthold beugte sich dem deutschen Druck nach einer Mobilmachung.

    Falsch.
    1. Der Generalstabschef besitzt nicht die Befugnis, eine Mobilmachung zu verfügen. Diese liegt allein beim Kaiser.
    2. Der Kaiser der Doppelmonarchie hatte für den 28. Juli verfügt, 8 Corps zu mobilisieren, die sich gegen Serbien richten sollten. Eine Teilmobilmachung.
    3. Auch nach dem von Fischer vermuteten deutschen Einspruch änderte sich nichts. Serbien wurde am 28. Juli der Krieg erklärt.
    4. Berchthold war ein Falke und stand von Anfang an auf dem Standpunkt eines Präventivkrieges.
    5. Das Reich wollte Lokalisation des Konflikts, also eine schnelle Lösung, bevor die Großmächte überhaupt Mobilisierungsbefehle ausprechen würden. Das erklärt das deutsche Drängen, das aber in Wien offene Ohren fand, wobei es sowohl auf deutscher als auch auf k.u.k.-Seite zahlreiche Vertreter für behutsames Vorgehen gab.

  9. #9
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    These LXXXII: Die deutsche Einmischung in österreichische Entscheidungen...

    These LXXXII: Die reichsdeutsche Einmischung hinsichtlich der österreichischen Politik zielte auf die Ausschaltung ausländischer Interventionsabsichten.

    Richtig und falsch zugleich.
    Was ist Politik anderes als Einmischung, Gestaltungswille, der sich an anderem Sinn reibt und seinen durchsetzen will?
    Das ist das eine. Etwas anderes ist die politische Lage Mitte 1914. Das Reich wollte keinen Krieg, warum auch? Aber es wollte, daß Österreichs Position auf dem Balkan nicht nur Bestand blieb, sondern sich gegenüber den aggressiven Serben verbesserte. Wir dürfen hier nicht vergessen, daß der Krieg bis 1914 als probates Mittel der Politik galt. Aber dieser Gedanke bedeutete nicht, daß das Reich seinem Partner VORSCHRIEB oder ihn dazu drängte, gegen Serbien militärisch vorzugehen. Der verinnerlichte Souveränitätsbegriff verbot das der deutschen Politik. Letztlich war das österreichische Angelegenheit. Die deutsche Politik verschaffte Wien nur den freien Rücken, nun aber sollte Österreich seine Stärke demonstrieren, weil sonst andernfalls alle kriegsgierigen und (von Russen und Franzosen) aufgeputschten Völkchen Kriegssituationen schaffen würden - immer im Kontext des Nationalismus. In einem Krieg konnte Österreich nur dann gewinnen, wenn es schnell und präzise zuschlug und den Gegner stutzte - ihn aber leben ließ, weil sonst Revanchegelüste neue Krisenherde schaffen würden.
    Diese Generallinie in der Balkan-Politik verfolgte man in Wien und Berlin gleichermaßen. Es gab in Bärlin und Wien gleichermaßen Falken wie Bedächtler. Beide Seiten hatten gute Argumente. Fischer reduziert die deutsche Politik auf die Falkenfraktion und die österreichische auf die Bedächtler. Dadurch entsteht ein schiefes Bild.

  10. #10
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    These LXXXIII: Berlin will nicht auf Wien einwirken, um den Krieg zu verhindern

    These LXXXIII: Berlin bedrängte Berchthold zur Formulierung einer Kriegserklärung an Serbien, die dieser am 27. Juli anfertigte und dem Kaiser vorlegte.

    Halbwahr.
    Wahr ist, daß die deutsche Politik eine andere Handlungsrichtung besaß als die der Entente. Der Item lautete "Lokalisierung". Die Basis dieser Politik lautete Souveränität. Serbien und die Doppelmonarchie sollten ihre Händel ohne äußere Einmischung austragen. Aber das war in Zeiten verästelter Bündnisse nicht mehr möglich, jedenfalls nicht für die hochgerüstete Entente, die losschlagen wollte.
    Aber gehen wir einmal die Insinuation Fischers durch, dessen Argumentationslinie in etwa lautet: Hätte das Reich der Doppelmonarchie seine Unterstützung versagt oder hätte die Gegenseite der Falken in Wien bestärkt, hätte der Weltkrieg verhindert werden können.
    Und das, meine Damen und Herren, ist ein Trugschluß, denn Rußland war bereits seit März in Mobilmachung und wartete auf den Anlaß; Britannien und Frankreich standen in den Startlöchern, Amerika lauerte im Hintergrund, die Konkursmasse aufzusammeln. Die Jahre vor 1914 waren gekennzeichnet von zahlreichen kriegerischen Handlungen auf dem Balkan: 1914 war das Jahr, in dem Serbien die Doppelmonarchie erstmals direkt angriff. Es waren eben keine privaten Interessen, sondern die des serbischen Nationalismus, der den serbischen Staat durchdrungen hatte und von Frankreich und Rußland politisch und militärisch unterstützt wurde. All das hätte eine Untersuchung ergeben. Sollte Österreich die Ermordung seines Thronfolgers hinnehmen? Was wäre dann passiert? Sollte es die Mordtat von denjenigen aufklären lassen, die sie organisiert hatten?
    Schließlich aber endete der Weltkrieg mit der Zerstörung der Doppelmonarchie. Also war die Entscheidung "Krieg gegen Serbien" falsch. Es wäre sicherlich klüger gewesen, auf den Punkt des Ultimatums, der österreichischen Beamten die Ermittlung in Serbien erlauben sollte, zu beharren. Da sollte sich doch ein unbestechlicher Kriminaler finden lassen, ein Schweizer, Schwede oder Spanier, dessen Ermittlungsergebnisse von allen anerkannt worden wären. Insofern, daß hier Österreich keinen Jota vom Ultimatum wich, war man in Wien auf Krawall aus und spielte damit den Weltkriegsplanern in die Hände.

  11. #11
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    Question These LXXXIV: Die Reichsregierung verzögerte die Weitergabe von Informationen an Wien

    These LXXXIV: Die Reichsregierung verzögerte die Weitergabe insbesondere britischer Vermittlungsvorschläge an Wien, um die Doppelmonarchie in den Krieg zu pressieren [zwingen].

    Halbwahr.
    Richtig ist, daß Berlin Informationen zurückhielt, insbesondere Telegramme seiner Diplomaten aus London, die auch das Verhalten Wiens beeinflussen konnten. Richtig ist, daß Berlin keine Vermittlung Londons wünschte.
    Falsch ist, daß dadurch Wien zum Krieg genötigt werden sollte. Weder Bethmann Hollweg noch der Kaiser wollten den Krieg, auch den kleinen in Serbien nicht. Allerdings hätten sie sich auch nicht dagegen ausgesprochen, falls Wien ihn erklärt hätte, denn sie betrachteten den Krieg als ein politisches Mittel - wie seinerzeit alle maßgeblichen Politiker. Wie dagegen die von Berlin geforderte Züchtigung Serbiens (ohne militärisches Eingreifen) aussehen könnte, bleibt schleierhaft. Offenbar rechnete man in Berlin mit einem Nachgeben der Serben und der vorübergehenden Aufhebung der Souveränitätsrechte der serbischen Regierung. Aber als unwahrscheinlich darf das durchaus angenommen werden. Ergo: man wollte den Krieg nicht, aber man würde ihn annehmen, um die Hintermänner des Attentats von Sarajewo ausfindig zu machen und an den Pranger zu stellen.
    Wilhelm lehnte jede britische Einmischung ab, denn er betrachtete die Ereignisse auf dem Balkan als eine Angelegenheit zwischen der Doppelmonarchie und Serbien. Dieses deutsche Verdikt erklärt auch die Zurückhaltung gegenüber britischen Vermittlungseinflüsterungen, die Teil der diplomatischen Vorbereitung des großen Krieges waren, denn wie die Ereignisse fürderhin zeigen würden, gab es keine NEUTRALE britische Position, die ein Vermittler allerdings haben müßte, wolle er als solcher ernstgenommen werden. Im Gegenteil: das britische Verhalten besaß einen Ausgangspunkt, nämlich seine Zugehörigkeit zur Entente.

  12. #12
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    Lightbulb These LXXXV: Bethmann Hollweg wollte den Kontinentalkrieg nicht verhindern

    These LXXXV: Mittels Doppelzüngigkeit wurde von der Reichsregierung der Kontinentalkrieg vorbereitet.

    Blödsinn.
    Fischer argumentiert wie folgt:
    1. Ablehnung englischer Vermittlungsvorschläge;
    2. Täuschung der Öffentlichkeit über Friedensbemühungen Londons und
    3. Pressung Österreichs in den Krieg und
    4. Vortäuschung sofortiger Vermittlung in Wien.

    In der Tat läßt sich das so interpretieren. Man kann die Erde auch als Scheibe ansehen, wenn man sich auf einen Berg stellt und aufs Meer hinaussieht. Betrachtet man die Erde dagegen von außerhalb der Erde, so wird die Scheibentheorie widerlegt. Schließlich kann man aber auch zwischen Schein und Sein der Erde unterscheiden. Dem Schein nach ist die Erde kugelförmig; dem Wesen nach ist sie es nicht, denn sie war es nicht immer und wird, wenn ihre Zeit vorbei ist, wieder zu einer Scheibe werden, sich abgeschliffen haben.
    Alles ist also eine Frage der Betrachtung? Nein. Wir bleiben beim historischen Augenblick. Also müssen wir die Handlungsmuster in den Kontext ihrer Beweggründe stellen.

    Für die Reichsregierung gab es zwei Iti:
    1. der Konflikt auf dem Balkan muß lokalisiert, aber ausgetragen werden.
    Die Folge davon war Kriegspolitik gegen Serbien, das, gemäß der Logik des 19. (!) Jahrhunderts, durch einen militärischen Schlag in seiner Paralyse gebrochen werden mußte.
    2. Britannien wurde als neutrale Macht verstanden, die zugleich aus dem Konflikt herausgehalten werden mußte, die also der serbisch-österreichische Konflikt nichjts anging - wie übrigens auch die Reichsregierung hier heraushalten wollte, zugleich aber Wien zu verstehen gab, daß Bärlin Klärung wünschte.

    Die Folge dieser Paradigmen der deutschen Außenpolitik waren verheerend für die Doppelmonarchie und das ZDR, denn WEDER war London neutral noch bestand jemals die Möglichkeit einer friedlichen Lösung des österreichisch-serbischen Konflikts.
    Fischer glaubt, daß Bärlin den Weltkrieg wollte. Das ist falsch. Bärlin wollte den Krieg gegen Serbien, nicht aber gegen Frankreich, Rußland, Britannien und das lauernde Amerika.

  13. #13
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    Post These LXXXVI: Bethmann Hollweg verfälscht das Kaiserwort

    These LXXXVI: Bethmann Hollweg überspielte seinen Kaiser, indem er dessen Reaktion auf die serbische Antwortnote auf das österreichische Ultimatum Wien verschwieg und damit den Krieg auslöste.

    Falsch.
    Fischer bringt erstens keinen Beleg für diese These und liegt hier zudem auch völlig falsch.
    Begründung: Wien erklärte pünktlich nach Ablauf der Frist Belgrad den Krieg. Die serbische Antwort, die Fischer nicht wiedergibt, war in der Tonart freundlich, in der Sache allerdings nicht. Der Kaiser fiel auf den Tonfall herein, aber seine Reaktion kam eh zu spät, denn Wien verstand die Sprache Belgrads besser und hatte den Krieg erklärt.

    Der Vollständigkeit halber und aus methodischen Gründen sei die serbische Antwort hier wiedergegeben.

    Serbiens Antwort


    Ich werde die Punkte einzeln durchgehen und die oben geäußerte These der in der Form eingehenden, in der Sache aber ablehnenden serbischen Haltung belegen.

  14. #14
    Chefchen Avatar von aerolith
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    Post Textarbeit zur serbischen Antwortnote auf das Ultimatum

    Gehen wir den Text der Serben, die Antwortnote auf das Ultimatum der Doppelmonarchie, anhand einzelner zusammenhängender Textbeispiele, durch:

    erstellt von der serbischen Regierung 1914:

    Serbien hat während der Dauer der Balkankrise in zahlreichen Fällen Beweise für seine pazifistische und gemäßigte Politik geliefert und es ist nur Serbien und den Opfern, die es ausschließlich im Interesse des europäischen Friedens gebracht hat, zu danken, wenn dieser Friede erhalten geblieben ist.
    Gemeint sind die beiden Balkankriege zwischen 1909 und 1914, an denen Serbien maßgeblich beteiligt war. Österreich nicht.

    erstellt von der serbischen Regierung 1914:

    Die königliche Regierung kann nicht für Äußerungen privaten Charakters verantwortlich gemacht werden, wie es Zeitungsartikel und die friedliche Arbeit von Gesellschaften ist, Äußerungen, die fast in allen Ländern ganz gewöhnliche Erscheinungen sind und die sich im allgemeinen der staatlichen Kontrolle entziehen.
    Das zielt auf Äußerungen serbischer Beamter und in verschiedenen Zeitungen (nicht nur in Serbien).
    Allerdings übte die Zensur in Serbien eher weniger Druck aus, als man das denken könnte. Andererseits war es gang und gäbe, Journalisten für ihre Schreibe zu bezahlen, also Meinungsmache zu kaufen. Daß die "Schwarze Hand" zum Großteil aus serbischen Beamten bestand und letztlich Teil des serbischen Geheimdienstes war bezeugt im nachhinein den österreichischen Verdacht, der wohl kaum durch Nachforschungen OHNE österreichische (oder wenigstens neutrale) Beamte zerschlagen oder bestätigt hätte werden können.

    Kurzum: die serbische Regierung besaß nicht nur Einfluß auf die Meinungsmache in den serbischen Medien, sondern sie lenkte sie.

    erstellt von der serbischen Regierung 1914:

    Die königliche Regierung war deshalb durch die Behauptungen, daß Angehörige Serbiens an der Vorbereitung des in Sarajevo verübten Attentates teilgenommen hätten, schmerzlich überrascht. Sie hatte erwartet, zur Mitwirkung bei den Nachforschungen über dieses Verbrechen eingeladen zu werden und war bereit, um ihre volle Korrektheit durch Taten zu beweisen, gegen alle Personen vorzugehen, hinsichtlich welcher ihr Mitteilungen zugekommen wären.
    Der Bock sollte zum Gärtner gemacht werden.
    Hätte die Doppelmonarchie der Untersuchung des Attentats durch ALLEIN serbische Beamte zugestimmt, wäre das in etwa mit der Untersuchung eines Mordfalls durch den Hauptverdächtigen gleichzusetzen. Oder man hätte zum Leiter der Ermittlungen der Ereignisse vom 11. September 2001 Osama Bin-Laden bestimmt. Oder man hätte Eichmann mit der causa "Auschwitz" beauftragt.

  15. #15
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Textarbeit zur serbischen Antwortnote auf das Ultimatum

    erstellt von serbischer Regierung 1914:

    Den Wünschen der k. und k. Regierung entsprechend, ist die königliche Regierung somit bereit, dem Gerichte ohne Rücksicht auf Stellung und Rang jeden serbischen Staatsangehörigen zu übergeben, für dessen Teilnahme an dem Sarajevoer Verbrechen ihr Beweise geliefert werden sollten
    Das läßt sich leicht für einen Zeitpunkt X behaupten, v.a. dann, wenn die Aufklärung von denjenigen geleitet werden soll, die als Täter in Frage kommen.
    Eben aus diesem Grund hatte das österreichische Ultimatum verlangt, die Aufklärung von eigenen Beamten durchführen zu lassen, was die serbische Regierung ablehnte.
    Ein Vermittlungsvorschlag wäre es gewesen, die Untersuchungen von neutralen Untersuchern vornehmen zu lassen.

    erstellt von der serbischen Regierung 1914:
    Die königlich serbische Regierung verpflichtet sich, ohne Verzug aus dem öffentlichen Unterrichte in Serbien alles auszuscheiden, was die gegen Österreich-Ungarn gerichtete Propaganda fördern könnte, falls ihr die k. und k. Regierung tatsächlich Nachweise für diese Propaganda liefert.
    Konjunktiv mit irrealitem Duktus, z.dt. Gummiparagraph. Propaganda wird meist subjektiv wahrgenommen. In Kriegszeiten ist sie meist Folge einer gestörten Kommunikation resp. gravierender Interessengegensätze, wobei jedes Wort als Widerwort wahrgenommen wird.
    In einer Antwort auf ein Ultimatum geht es nicht um Absichtserklärungen, sondern um konkrete politische Handlungen, ergebnisorientierte Handlungen. Die serbische Regierung erklärt vieles, was sie gegebenenfalls zu tun beabsichtigt, geht aber wenig auf die österreichischen Forderungen ein und bleibt im Kernpunkt der österreichischen Forderung - rückhaltlose Aufklärung der Hintermänner des Attentats - ablehnend.

  16. #16
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Textarbeit zur serbischen Antwortnote auf das Ultimatum

    erstellt von der serbischen Regierung 1914:
    Die königliche Regierung ist auch bereit, jene Offiziere und Beamten aus dem Militär- und Zivildienste zu entlassen, hinsichtlich welcher durch gerichtliche Untersuchung festgestellt wird, daß sie sich Handlungen gegen die territoriale Integrität der Monarchie haben zuschulden kommen lassen; sie erwartet, daß ihr die k. und k. Regierung zwecks Einleitung des Verfahrens die Namen dieser Offiziere und Beamten und die Tatsachen mitteilt, welche denselben zur Last gelegt werden.

    Die königliche Regierung muß bekennen, daß sie sich über den Sinn und die Tragweite jenes Begehrens der k. und k. Regierung nicht volle Rechenschaft geben kann, welches dahin geht, daß die königlich serbische Regierung sich verpflichten soll, auf ihrem Gebiete die Mitwirkung von Organen der k. und k. Regierung zuzulassen, doch erklärt sie, daß sie jene Mitwirkung anzunehmen bereit wäre, welche den Grundsätzen des Völkerrechtes und des Strafprozesses sowie den freundnachbarlichen Beziehungen entsprechen würde.
    Der erste Aspekt bedeutet in praxi die Unschuldsvermutung für avisierte Verschwörer im serbischen Staats- und MIlitärapparat.
    Der zweite Aspekt ist casus knacktus (punctum saliens) der Antwortnote. Die Antwort sieht erst einmal so aus, als ob Serbien hier dem k.u.k.-Hauptbewegpunkt (nämlich die lückenlose Aufklärung der Hintergründe des Attentats und die damit verbundene Anprangerung und Bestrafung der Mörder) entgegenkäme. Wenn Teilhabe österreichischer Beamter gestattet wird, nach dem Völkerrecht eine Art Beobachtungsrolle, dann muß doch Wien befriedigt sein!
    Nein, das kann Wien nicht. Wien könnte es, wenn es Vertrauen zu den serbischen Beamten haben könnte. Aber wie das in einer zerrütteten Ehe meist ist: Aphasie. Jedes Wort des anderen taugt nicht zur Lösung der Probleme, weil der andere es so versteht, wie er es verstehen will. Im Falle der "Ehe" Serbiens und der k.u.k.-Monarchie hätte eine unbehelligte Aufklärung durch k.u.k.-Beamte das hervorgebracht, was wir heute wissen, und das hätte im Zeitalter der Monarchien jede Kriegserklärung gerechtfertigt. Wien besaß keine Beweise, nur Vermutungen, aber es besaß aufgrund dieser Antwort die Kenntnis davon, daß etwas im Busche sein mußte, groß udn gewaltig genug, um Wien zu bedrohen. Vermittlung? Wäre es wirklich klüger gewesen, dieses Ultimatum mit der serbischen Antwort als erfüllt anzusehen? Kaum. Nein, nein! Das hätte die Drahtzieher in ihren Handlungen bestärkt und jede k.u.k.-Regierungsarbeit in der Doppelmonarchie erschwert, vielleicht sogar unmöglich gemacht. Ein Zeichen der Schwäche konnte Wien nicht zeigen, seiner Bürger und Untertanen wegen nicht.
    Aber es hätte, wie bereits gesagt, unabhängige und unverdächtige Ermittler vorschlagen können. Dann hätte der Ball in der serbischen Hälfte gelegen.

  17. #17
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Textarbeit zur serbischen Antwortnote auf das Ultimatum

    erstellt von der serbischen Regierung:

    Die königliche Regierung hält es selbstverständlich für ihre Pflicht, gegen alle jene Personen eine Untersuchung einzuleiten, die an dem Komplotte vom 15./28. Juni beteiligt waren oder beteiligt gewesen sein sollen und die sich auf ihrem Gebiete befinden. Was die Mitwirkung von hiezu speziell delegierten Organen der k. und k. Regierung an dieser Untersuchung anbelangt, so kann sie eine solche nicht annehmen, da dies eine Verletzung der Verfassung und des Strafprozeßgesetzes wäre. Doch könnten den österreichisch-ungarischen Organen in einzelnen Fällen Mitteilung von dem Ergebnisse der Untersuchung gemacht werden.
    punctum saliens!
    Für gleich drei Bereiche wird hiermit jede Aufklärung ver- oder behindert:
    1. die meisten Beteiligten sind flüchtig, ergo hält sich die serbische Regierung nicht für verantwortlich;
    2. ein Entgegenkommen der Serben könnte hier beispielsweise die inoffizielle Mitarbeit privater Aufklärer sein, die Serbien hätte vorschlagen können, ohne die serbische Strafprozeßordnung zu gefährden. Zudem sollte man eine Ordnung auch ändern können, wenn damit dem Recht und dem Frieden genüge getan werden kann und
    3. ein Konjunktiiv-Satz über Mitteilungen derjenigen, die an dem beteiligt sind, das sie aufklären sollen und sich erbieten, eventuell darüber, was sie über ihr Tun eruieren können, ist beinahe schon Realsatire. Nein, es ist zynisch.

  18. #18
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    AW: Textarbeit zur serbischen Antwortnote auf das Ultimatum

    erstellt von der serbischen Regierung:

    Die königliche Regierung ist gerne bereit, Aufklärung über die Äußerungen zu geben, welche ihre Beamten in Serbien und im Auslande nach dem Attentate in Interviews gemacht haben und die nach der Behauptung der k. und k. Regierung der Monarchie feindselig waren, sobald die k. und k. Regierung die Stellen dieser Ausführungen bezeichnet und bewiesen haben wird, daß diese Äußerungen von den betreffenden Funktionären tatsächlich gemacht worden sind. Die königliche Regierung wird selbst Sorge tragen, die nötigen Beweise und Überführungsmittel hiefür zu sammeln.
    Die gleiche Konstruktion einer möglichen Willenserklärung, aber KEINE klare Ansage zu dem, was getan werden wird. Ein "ist gerne bereit" bedeutet nichts anderes als die Vorbereitung von Voraussetzungen, beispielsweise müßte der Ultimator dafür etwas bieten, damit sich Serbien bequemt. Wer den Frieden will, der redet nicht so. Zudem kömmt wieder das Argument, daß Serbien Belege haben möchte, die eine unbescholtene Aufklärung erst erbringen kann. Es reicht eben nicht, eine mögliche Absicht zu bekunden, v.a. dann,. wenn der Ultimator KEIN Vertrauen in die Aufklärungsorgane des anderen besitzen kann, weil er hinreichende Verdachtsmomente besitzt, die eben seine Untersuchung entweder verifizieren kann oder auch nicht.

  19. #19
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    AW: Textarbeit zur serbischen Antwortnote auf das Ultimatum

    erstellt von der serbischen Regierung:

    Die königliche Regierung wird, insofern dies nicht schon in dieser Note geschehen ist, die k. und k. Regierung von der Durchführung der in den vorstehenden Punkten enthaltenden Maßnahmen in Kenntnis setzen, sobald eine dieser Maßregeln angeordnet und durchgeführt wird. Die königl. serbische Regierung glaubt, daß es im gemeinsamen Interesse liegt, die Lösung dieser Angelegenheit nicht zu überstürzen und ist daher, falls sich die k. und k. Regierung durch diese Antwort nicht für befriedigt erachten sollte, wie immer bereit, eine friedliche Lösung anzunehmen, sei es durch Übertragung der Entscheidung dieser Frage an das internationale Gericht im Haag, sei es durch Überlassung der Entscheidung an die Großmächte, welche an der Ausarbeitung der von der serbischen Regierung am 18./31. März 1909 abgegebenen Erklärung mitgewirkt haben.
    Die serbische Regierung wird in Kenntnis setzen... wann? Welche Kontrollmöglichkeit besteht für die Doppelmonarchie?
    Die serbische Regierung will nichts überstürzen... Entzückend. Man läßt den Tätern also Zeit, Spuren zu verwischen. Es soll Polizeifahrzeuge geben, die rasen zum Tatort, andere gehen erst mal zum Fußball.
    Die serbische Regierung will diese Frage an den Haag übertragen... welche Frage? die der Schnelligkeit der Untersuchung, die der Mitteilungsart an die Doppelmonarchie? natürlich die, eine FRIEDLICHE Lösung herbeizuführen, allerdings ERST DANN, wenn die eigene serbische Untersuchung nicht zu dem von der Doppelmonarchie gewünschten Ergebnis führen sollte. Nennen wir diese Art der Täterermittlung schlichtweg VERSCHLEPPEND und VERSCHLEIERND, denn zuerst einmal sollen nur diejen igen, die es wahrscheinlich taten, alle Zeit der Welt bekommen, ihre Spuren zu verwischen, dann wird ein konstruierter Täter präsentiert und dann erst eventuell der internationale Gerichtshof angerufen, der nun erst ermitteln darf und das ermitteln wird, was den Serben schlichtweg paßt.

  20. #20
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    Post These LXXXVII: Die Mittelmächte inszenierten die Krise

    These LXXXVII: Die Kriegserklärung der Doppelmonarchie an Serbien ließ eine friedliche Lösung der von den Mittelmächten inszenierten Krise illusorisch werden.

    In doppelter Hinsicht falsch.
    1. Es waren von serbischen Hintermännern (russisch aufgehetzten und französisch bezahlten) instruierte und ausgerüstete serbische Attentäter, die den Thronfolger der Doppelmonarchie töteten, um damit einen Krieg gegen die Doppelmonarchie anzuzetteln, zumindest eine Krisensituation schaffen wollten, in der Serbien nur gewinnen konnte.
    Die Situation ging letztlich nur Serbien und die Doppelmonarchie etwas an. Das österreichische Ultimatum richtete sich an Serbien, das den Konflikt suchte, weil es Rußland und damit Frankreich an seiner Seite wußte. Wenn Rußland, wie es das hätte tun müssen, Serbien zur unbedingten Mitarbeit an der Aufklärung des Attentats angehalten hätte, wäre die Situation nicht eskaliert. Aber Rußland wollte nicht, weil es selbst und Franklreich kriegsbereit waren. Frankreich wußte Britannien hinter sich, also gab es Rußland positiven Bescheid, das wiederum seinen balkanischen Kettenhund Serbien nicht an die Kette nahm
    2. Ein lokale Begrenzung war immer noch möglich. Österreich hätte sich mit der Beschießung des leeren Belgrad zufrieden gegeben und im Vorfeld schon erklärt, keine territorialen Ansprüche zu besitzen. Damit hätte die gewünschte Untersuchung fortgeführt werden können, die das zu Tage gebracht hätte, was heute alle Welt weiß: hohe serbische Beamte hatten die Attenbtäter geschickt, um einen Krieg gegen die Doppelmonarchie anzuzetteln.

  21. #21
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    Exclamation These LXXXIX: Moltkes Memorandum vom 29. Juli 1914

    Das Buch Fischers hat ungefähr 560 Seiten. Ich bin jetzt auf Seite 71 und habe 87 Thesen behandelt, meist widerlegt, wofür ich ungefähr ein halbes Jahr benötigte. Behalte ich mein Arbeitstempo bei, werde ich voraussichtlich im Frühsommer 2019 damit zu einem Ende kommen.Alles bestens. Ein Mann braucht Ziele.

    These LXXXIX: Moltkes Denkschrift an den österreichischen Generalstab vom 29. Juli 1914 machte klar, daß der Krieg nicht lokalisiert werden könne.

    Die Kardinalfrage dieses Krieges ist die nach der Schuld, die beileibe nicht damit beantwortet werden kann, daß die Eliten nicht wußten, was sie taten, wie Clark es letztlich in seinem Buch "Die Schlafwandler" nahelegt und wie es gegenwärtig modern ist. Geben doch die Spötter in den Kolumnen den Ton an, die da behaupten, man wisse in Bärlin, Washington, London oder Moskau nicht, was man eigentlich tue.
    Das soll auch auch für die Prätendenten der Julikrise zutreffen. So ungefähr: der tumbe Kaiser in Bärlin, der senile in Wien, der von seinen Räten geschobene in Moskau, die Lavierer in London und die Abwarter in Paris saßen letztlich den Serben auf...
    Alles Käse ist das, Genossen! So läßt sich Geschichte nicht interpretieren, wenn man es ernst mit ihr meint.

    Ich bezweifle, daß Moltke das (die Nichtlokalisierung) wissen konnte. Als Stabschef muß er mit dem GAU rechnen und seine Aufmarschbefehle dahingehend modifizeiren. In Bärlin waren die russischen Bewegungen an der russischen Westgrenze nicht unbemerkt geblieben, wie der Kronprinz in seinen Memoiren berichtet. Moltke rechnete aber nicht mit einem Angriff aufs Reich, sondern mit einem auf die russische Südwestflanke, da die Russen die Doppelmonarchie als den vermutlich Schwächeren der Mittelmächte zuerst würden angreifen wollen. Zudem würde Wien zuerst Belgrad einnehmen wollen. Da die Serben eine starke Armee besaßen, die von der Doppelmonarchie nicht nonchalant würde besiegt werden können und Moltke nicht wissen konnte, daß die Serben ihre Hauptstadt geräumt und sich in die Berge verpißt hatten, mußte er davon ausgehen, daß die Doppelmonarchie mit geballter Heeresmacht nach Serbien vorstoßen würde, was die Russen dann leicht hätten nutzen können.

    So ganz nebenher allerdings belegt Fischer damit die Unschuld Wiens, denn Moltkes Momorandum bedeutet nichts anderes als das: Wien wollte eine lokale Aktion und keinen Krieg gegen Rußland, Frankreich oder Italien. Von Wien ging keine Aggression aus, sondern der Akt der Selbstverteidigung gegenüber dem serbischen Angriff vom 28. Juni 1914.

  22. #22
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    Post These XC: Der Kaiser besaß vor dem Krieg Kriegsziele.

    These XC: "Man wolle den Franzosen kein Land abnehmen, unterstrich der Kaiser mit einer Begründung, die aber verhüllt erste Kriegsziele widerspiegelte: man wolle nur die Garantie erhalten, die es ermögliche, weitere Kriege abzuwehren." (S. 73)

    Das war die Lage am 29. Juli 1914.
    Fischer unterstellt dem Reich Kriegstreiberei und Streben nach Weltherrschaft. Das ist nicht haltbar. Wer Krieg führen muß, besitzt immer Kriegsziele. Ein konservatives wie die Erhaltung dessen, was man besitzt und die Konstuion einer Nachkriegsordnung, die das erhalten schafft, was man vor dem Kriege besaß, kann kaum als aggressiver Angriffskrieg mit dem Ziel der Weltherrschaft ausgelegt werden.

  23. #23
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    Post These XCI: Der Durchmarsch durch Belgien war völkerrechtswidrig.

    These XCI: Der militärische Durchmarsch durch das neutrale Belgien war völkerrechtswidrig.

    Falsch.
    Dreifache Begründung.
    1. Wenn sich ein Staat in seiner Existenz bedroht fühlen muß (was angesichts der dreifachen Bedrohung durch Britannien, Frankreich und Rußland gegeben war), so besitzt er nach dem Völkerrecht das Widerstandsrecht. Dieses Widerstandsrecht darf sich nicht gegen neutrale Staaten richten. Wenn Belgien also NEUTRAL gewesen wäre, hätte es den DURCHMARSCH (von nichts anderem als Transit war vor dem Krieg die Rede) akzeptieren müssen. Leistet der neutrale Staat gegen den DURCHMARSCH Widerstand, so handelt er nicht mehr neutral, muß also als Feind betrachtet werden.
    2. Belgien war schon vor dem Krieg KEIN neutraler Staat gegenüber dem Reich. Holland war es, die Schweiz war es, Schweden, Dänemark und Spanien waren es. Belgien war es nicht. Die Briten verkündeten, daß ihre erste Verteidigungsstellung an der Maas läge. Belgien war nur zu diesem Zweck 1830 durch die Briten gegründet wurden, anfangs als Pufferstaat gegenüber FRankreich, später als Aufmarschgebiet und Pufferstaat gegenüber dem Reich. Frankreich und Belgien hatten vor dem Krieg gemeinsam die Verteidigungsstellungen abgesprochen und ausgebaut, denn seit 1905 wußte man dort (das Reich hatte das veröffentlicht), daß der Schlieffen-Plan den DURCHmarsch durch Belgien benötigte, um erfolgreich zu sein. Zudem hatte das Reich sommatiert. Britanniens Geheule wegen eines angeblichen Völkerrechtsbruchs und der DESHALB (???) vorgenommenen Aufgabe der sowieso nie vorhandenen Neutralität, war Propaganda, nichts weiter.
    3. Völkerrechtswidrig wäre der DURCHMARSCH dann gewesen, wenn die Reichstruppen Belgien besetzt hätten, während Belgien den Durchmarsch akzeptiert hätte. Da Belgien aber vom ersten Tage an Widerstand leistete (besonders widerlich waren die Franktireure, Heckenschützen), konnte es Neutralität nicht in Anspruch nehmen und mußte wie Feindesland behandelt werden.

  24. #24
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    Post These XCII: Das Reich gierte nach französischem Kolonialbesitz.

    These XCII: Das Reich besaß als Kriegsziel die Erwerbung französischer Kolonien, wie sich bereits bei der Marokko-Krise gezeigt hatte.

    Jein.
    Das Reich besaß keine kolonialen Interessen in Nordafrika. Bei der Marokko-Krise ging es keineswegs um die Aneignung afrikanischen Besitzes in Nordafrika, sondern um Rangkämpfe, darum, ob sich fremde Nationen in die inneren Angelegenheiten nominell unabhängiger Staaten einmischen dürften oder ob Interessensphären als Lebensräume artifiziell definiert, statuabel sein sollen.
    Das Reich vertrat während der Marokko-Krise den Standpunkt, daß Marokko seinen Weg selbst gehen solle; Frankreich dagegen betrachtete diesen Teil Afrikas als Interessensphäre, mischte sich also in die inneren Angelegenheiten Marokkos anders ein.

    Allerdings aber besaß das Reich koloniale Interessen in Afrika. Zentralafrika. Die Ereignisse im Kongo (belgisches Kolonialgebiet) und die französische Enklave Zentralafrika lagen im Auge des Reiches, das einen Sperriegel gegenüber britischen Intentionen eines vom Mittelmeer bis Südafrika reichenden ZUSAMMENHÄNGENDEN Besitzes. Es gab diesbezüglich Absprachen mit Britannien, auch Konflikte, aber auch Regelungsversuche. Portugal war eh die Konkursmasse und schon seit zwanzig Jahren maßlos überfordert, in Afrika als Kolonialmacht auftreten zu können. Wahrscheinlich war VOR dem Krieg, daß Britannien das Gebiet des heutigen Mozambiks erhalten sollte; das Reich hätte Angola bekommen; Frankreich und das Reich hätten Kamerun und Zentralafrika getauscht, der belgische Kongo wäre zwischen den drein aufgeteilt worden, Britannien hätte Transitrechte bekommen... Das Reich hatte mit Südwest und Deutsch-Ost zwei große Kolonien, die es abrunden wollte.
    Die Kolonienfrage war weder Kriegsgrund noch kriegstreibend.

    Das aber war keine deutsche Primärpolitik, sondern etwa so bedeutsam wie die heutige Gleichstellungsbeauftragtenpolitik: viel Geschrei um relativ wenig. Bismarck nannte die Kolonialpolitik einen Schwindel. Wichtiger war der Bau der Bagdad-Bahn, der das zuhandene deutsche Kapital auf Jahrzehnte binden würde.

  25. #25
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    Exclamation Bethmann Hollweg an Tschirschky (30.08.1914)

    Keine These, sondern eine mir bislang zwar erinnerliche, aber unterdrückte Quelle, die schlagartig deutlich macht, wie man im Reich die wahren Kräfteverhältnisse einschätzte:

    erstellt von Bethmann Hollweg am 30. August 1914 in einem Telegramm an den reichsdeutschen Botschafter in Wien, Tschirschky:

    Wir stehen somit, falls Österreich jede Vermittlung [des Ultimatums] ablehnt, vor einer Konflagration [kriegerische Auseinandersetzung] bei der England gegen uns, Italien und Rumänien nach allen zeichen nicht mit uns gehen würden und wir zwei gegen vier Großmächte ständen. Deutschland fiele durch Gegnerschaft Englands das Hauptgewicht des Kampfes zu.. Unter diesen Umständen müssen wir die Erwägung des wiener Kabinetts dringend und nachdrücklich anheimstellen, die Vermittlung zu den angegebenen ehrenvollen Bedingungen anzunehmen. Die Verantwortung für die sonst eintretenden Foplgen wäre für Österreich und uns eine ungemein schwere.
    Diese Quelle belegt dreierlei:
    1. Es gab keinen Druck des Reiches gegenüber Österreich in der Frage der Reaktion auf das Attentat, wenn, dann in die Richtung, daß Österreich einlenken (vermitteln) möge, damit es nicht zum Weltbrand käme.
    2. Rußland wurde als Gegner nicht sehr ernstgenommen, andernfalls würde die Stoßrichtung nicht zuerst Franklreich/Engaklnd geheißen haben und Österreich nicht zuerst die Hälfte seiner Kräfte gegen Serbien gerichtet haben.
    3. Es gab keinen Zweifel am deutsch-österreichischen Bündnis, wohl aber an der Funktionabilität des Dreibundes, und das bereits VOR der notwendigen deutschen Angriffsentwicklung, die Italien scheinbar eine anfangs neutrale Haltung ermöglichte: kein casus foederis.

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