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Thema: Anfang einer Erzählung

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Anfang einer Erzählung

    1.Kapitel

    Es sollte ein neuer Beginn nachdem ich wieder einmal aus der Welt gefallen. Mich zurückgezogen hatte, besser gesagt in meinem Zimmer gestrandet war und man gut und gerne vorwerfen könnte, dass ich faul war, schlimmer noch ich war süchtig, süchtig nach Computerspielen, gefangen in einer virtuellen Welt, deren Belohnungssystem jenes der tatsächlichen abgelöst hatte, ich jagte nach Gegenstände, nach Schwertern, nach Rüstungen stundenlang, von morgens bis abends. Ich jagte mit Gleichgesinnten, einer kleinen Gruppe, bestehend aus 3 Personen, spielten wir dieselben Levels wieder und wieder. Wir spielten nach Effizienz, nicht nach Spielspaß. Jeder Bewegungsablauf war genau geplant. Jede unnötige Pause, jeder Zeitverlust wurde vermieden.
    Der Bildschirm quoll über vor Feinden. Horden von ihnen. Groteske Gestalten, entlehnt aus der Mythologie aller Herren Länder. Mischwesen Aus Mensch und Tier. Dämonen mit fahlen, muskelbekannten Körpern, unzähligen Gliedmaßen oft mit Waffen anstatt Händen. Sie brandeten an uns an, torkelten auf uns zu, sprangen aus dem Schatten heraus. Nur uns konnte das nichts anhaben. Wir schnitten durch sie durch als wären sie Gras und vernichteten Dutzende von ihnen gleichzeitig. Das Spiel zählte mit und je mehr man in kurzer Zeit vernichtete, desto mehr Bonus erhielt man.
    Ein Rausch an Farben, die kurz über den Bildschirm blitzten, so viele gleichzeitig, dass man nicht mehr wusste, zu was welche Farbe gehört. Spezialeffekte der Fertigkeiten von uns und der Fertigkeiten unserer Gegner blitzten auf, zu schnell um sie bewusst wahrzunehmen. Das Gehirn schützte sich, war ihnen aber gleichzeitig schutzlos ausgeliefert.
    Wir unterhielten uns über TeamSpeak, aber eigentlich hatten wir uns nichts zu sagen. Wir sprachen uns nicht mal mit unseren echten Namen an, sondern mit den Namen unserer Charaktere. Ich wusste die Namen nicht mal oder hatte sie vergessen, obwohl wir jetzt Monate zusammenspielten. Sie interessierten mich auch nicht.
    Die Belohnungen kamen wahllos. Jeder besiegte Gegner konnte das erhoffte Ausrüstungsstück fallen lassen. Insgeheim hoffte man darauf, aber eigentlich kam nur Müll. Berge von Müll. Hunderte, tausende Stück von Müll, die man nicht brauchen konnte. Hat man noch Kräfte sammelte man sie ein und trug sie zu einem NPC, was als Abkürzung für Non Player Charakter stand. Dieser entzauberte sie, so hieß es und man erhielt Handwerksgegenstände, mit den man sich andere Rüstungsteil herstellen konnte, die man eigentlich auch nicht brauchen konnte. Das Spiel selbst belohnte einem nämlich fast nie. Manchmal spielte man tagelang ohne dass man etwas Brauchbares fand.
    Dem Spiel angeschlossen war ein Auktionshaus, wo Spieler ihre Gegenstände zum Verkauf anbieten konnte, für Sie ahnen es, ebenfalls virtuelles Geld und woher die begehrtesten Ausrüstungsstücke eigentlich kamen. Das Spiel war so erfolgreich, es wurde von Millionen gespielt, dass die Preise astronomisch waren. Ein besonderer Gegenstand, mit den passenden Attributen, die den Spielercharakter stärker machten, konnte hunderte Millionen kosten, ein Vermögen, das man, wenn überhaupt, in Wochen vielleicht zusammen bekam. Spieler machten sogar Videos und stellten sie auf Youtube, wenn sie einen Gegenstand mit fast perfekten Werten erhalten hatten. Diese Videos wurden geteilt in Foren und hatten Millionen Views. Man konnte ein kleiner Star werden hatte man so einen perfekten Gegenstand.
    So kam es, dass je länger ich spielte, desto weniger spielte ich, sondern betrachtete die Angebotsseiten des Auktionshauses stundenlang. Ich wurde zum virtuellen Kapitalisten. Hoffte auf Schnäppchen und manipulierte Detailmärkte. Ich kaufte Unterkategorien auf und setzte sie zu einem höheren Preis wieder ein. Ich kaufte am Morgen, da dort die Preise niedrig waren, weil weniger Leute spielten und verkaufte am Abend, wenn auch die spielten, die noch einen Job hatten.
    Je länger ich spielte desto mehr entfernte ich mich von der Wirklichkeit und desto schwieriger wurde der Weg zurück. Im Spiel hatte man Status, man kannte sich aus, man hatte sozialen Kontakt, wenn auch verzerrt und, objektiv betrachtet, was ich damals nicht konnte, nicht von Bedeutung, denn das einzige, was uns verband, war unsere Sucht. In der Realität erwartet mich mein Zimmer und meine Eltern, die schon seit Monaten nichts mehr mit mir anzufangen wussten und vor denen ich versteckte, womit ich meine Zeit verbrachte, die irgendwann aber sowieso aufgehört hatten zu fragen.
    Ich war vor einem halben Jahr arbeitslos geworden. Ich hatte selbst gekündigt, aber die Firma war ein paar Monate danach sowieso Pleite gegangen. Diese Firma war der Wurmfortsatz der österreichischen Wirtschaft gewesen. Wir wussten nichts, konnten wenig, betrogen oft und träumten gleichzeitig von einer neuen Art des Wirtschaftssystems, indem Kooperation statt Konkurrenz herrschen würde, weil wir nicht konkurrenzfähig waren, indem das Gemeinwohl über dem Profit stehen würde, obwohl unsere Kernaufgabe, darin bestand Leute am Telefon zu belästigen, indem Kredite danach vergeben werden, wie sehr das Wohl der Welt vermehrt wird, weil wir bei Banken heillos in der Kreide standen. Unsere Vorgesetzten waren so beseelt von diesen esoterischen Ideen, dass sie auf das banale Alltagsgeschäft am liebsten vergaßen. Trotzdem die Leute waren nett gewesen, obwohl ich die Leute überall nett fand, den Antrieb meines Lebens besteht darin, irgendwo Anschluss zu finden, irgendwo dazuzugehören. Ich arbeitete dort für 5 Euro die Stunde und setzte mich dafür jeden Tag zwei Stunden ins Auto. Ich konnte mir nur leisten dort zu arbeiten, weil meine Eltern reich waren, denn der Treibstoff für mein Auto fraß den Großteil meines Gehaltes auf. Ich arbeitete dort, weil Arbeiten das Wichtigste in Österreich ist, egal was man arbeitet, nur solange man arbeitet, kann einem keiner besserwisserisch ins Leben hineinreden, denn man stand auf eigenen Füßen. Es spielte keine Rolle was man arbeitete, schon lange konnte es sich Österreich nicht mehr leisten zu fragen, was sinnvoll war, Utopien gab es nicht mehr. Der Markt regelte, was sinnvoll war. Bezahlte jemand dafür, war es sinnvoll. Auch in unserem Fall bezahlte uns Firmen dafür, dass sie diese Tätigkeiten nicht selbst ausführen mussten, weil sie dem Ruf der eigenen Firma schaden würden, weil man Standards nicht garantieren konnte. Wir waren eine Schar von Tagelöhnern, die praktisch jeden Auftrag annahm.
    In Österreich wurde man das erste halbe Jahr vom Arbeitsamt in Ruhe gelassen. Jobs gab es nicht, also konnten sie nichts vermitteln, vor allem für einen so oft gescheiterten wie mich, dessen Alternativen, je älter ich wurde, immer mehr abnahmen. Auf mich wartete keiner, anders noch also noch vor 10 Jahren geschienen hatte, als ich gerade maturiert hatte, und die Lehrer und unsere Eltern so taten als stünde uns die Welt offen. Ja, die ganze Gesellschaft tat so, als könnten wir alles werden. Nur die Wahrheit war, eigentlich waren wir gar nichts. Die Matura war in Österreich nämlich nichts mehr wert, zumindest die allgemein bildende höhere Matura. Man konnte studieren und erst damit konnte man etwas werden. Schaffte man kein Studium, so wie ich aus Gründen, auf die ich später noch eingehen werde, war man nichts als ein Universaldilettant. Und man hatte acht Jahre seines Lebens vielleicht nicht vergeudet, aber man hätte besser etwas Anderes gemacht, denn es war ein totes Ende. Die vielleicht beste Option war es, diese acht Jahre zu vergessen und mit einer Lehre wieder von vorne zu beginnen. Nur eine Lehre das konnte ich nicht machen. Mein Vater hatte studiert. Alle meine Cousins und Cousinen studierten. Eine Lehre wäre von vornhinein eine Niederlage gewesen. Obwohl es für mich vielleicht das Passende gewesen wäre. Nur ist unsere Gesellschaft in Österreich so gestrickt: Es gibt jene die denken dürfen und jene die arbeiten sollen, hoffentlich ohne sie viele Gedanken zu machen. Nur braucht es vielleicht nur zehn Prozent von denen, die denken sollen, und die schaffen oft Werke, die von denen, die nicht denken sollen, dann zwar konsumierten werden sollen, aber bitte ja ohne sich darüber Gedanken zu machen. Die Nichdenkendürfenden können aber irgendwann dann gar nicht mehr denken, weil ihr ganzer Arbeitsablauf ja so aufgebaut ist, dass sie unter keinen Umständen denken sollen und der Arbeitsalltag bestimmt bekanntlich den Tag. Irgendwann interessiert sie die große Mehrheit der Nichtdenkendürfenden dann nicht mehr für die Ergüsse der Denkendürfenden und ihre Bücher und Zeitschriften, ihre Musik und Theaterstücke werden nicht mehr gekauft. Worauf ein großes allgemeines Wehklagen beginnt. Von der Kulturlosigkeit der Gesellschaft wird geraunt, über das sinkende Niveau allerseits wird gejammert. Nicht gesagt wird, dass einige doch eigentlich und im tiefsten Herzen recht froh darüber sind, denn so kann man sich mit Niveau, Kultur und Bildung von anderen abheben, sie als Waffe einsetzen, als Mittel mehr Wohlstand, mehr Aufmerksamkeit und ein mehr von eigentlich allem zu erlangen, dabei unterscheiden man sich gar nicht so sehr, man hat nur einen andere Art Dinge anzugehen, oftmals einfach hinterfotziger, versteckter und verschlagener, obwohl man nach außen hin den Toleranten mimt, den Gutmeinenden, aber bitte ja nur in der Fremde, weit weg von einem selbst.
    Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Es gab keinen äußeren Grund. Keinen Vorfall mit meinen Eltern. Keinen Streit mit meinen Mitspielern. Kein höheres Erkennen, wie sinnlos mein Leben geworden war. Ich hörte einfach auf und fiel ins Nichts. Mein Tagesinhalt war plötzlich nicht mehr existent. Ich hatte nichts, womit ich die ganzen Stunden zwischen Frühstück und Mittagessen, zwischen Mittagessen und Abendessen, die alle meine Mutter zubereitete und die die einzigen Gelegenheiten waren, wo ich mein Zimmer verließ, zu füllen. Ich lag zunächst auf der Couch und starte Löcher in die Luft und widerstand dem Drang den Computer einzuschalten und zumindest nachzusehen wie meine Auktionen gelaufen waren. Es kostete mich viel Mühe und Disziplin, den Automatismen, die sich in den letzten Monaten eingeschlichen hatten zu widerstehen.
    Mein Blick schweifte umher und suchte nach Anhaltspunkten, was ich nun tun sollte. Ich sah den Bücherschrank neben dem Kasten, der übervoll war und dessen Inhalt sich von der gesammelten Weltliteratur mit Schwerpunkt Österreich bis hin zum billigsten Fantasieroman erstreckte. Erinnerungen wurden wach, an eine Zeit als ich diesen Traum noch verfolgte und Germanistik studierte hatte, selbst geschrieben, sogar einmal fast einen Preis gewonnen hatte und das erste Mal durchgedreht war. Ich hatte jetzt schon fast zwei Jahre kein Buch gelesen.
    In der anderen Ecke stand noch Verkaufskartons von Computerteilen herum, die ich nie weggeräumt hat nachdem ich vor ein paar Monaten meinen Computer selbst zusammengebaut. Ich hatte Blut und Wasser geschwitzt als ich die Elektronikteile eingesetzt hatte und war der festen Überzeugung gewesen, dass ich bestimmt etwas kaputt gemacht hatte, als ich ihn zum ersten Mal eingeschalten hatte, aber er hatte sofort funktioniert. Konnte das auch etwas sein, woran ich anschließen konnte?
    Ich wünschte, ich hätte mir mehr Gedanken machen können. Ich wünschte, ich hätte ein Für und Wieder abwiegen können, aber dafür reichte mein Verstand, dafür hatte ich die letzten Jahre zu wenig nachgedacht und mein eigenes Ich zu sehr von mir weggeschoben, als dass ich abwiegen könnte, was mir vielleicht Freude bereiten würde. Ich war mir nicht mal sicher, ob das von Belang war, ob man in der modernen Wirtschaft Arbeit sowieso nie Selbstverwirklichung sein kann und nur solche Dinge bezahlt werden, die die Mehrzahl der Menschen nie freiwillig tun würden.
    Ich schaltete den Computer ein und begann zu recherchieren, welche Kurse es gab, welche kurzen Ausbildungen, die ich schaffen könnte, damit ich in irgendwas einen Abschluss hätte und nicht wieder in Call Center landen und meinen eigenen geistigen Verfall zuschauen konnte. Ich stieß auf der Wifi-Homepage auf eine Ausbildung zum Netzwerk-Administrator in Klagenfurt, also in Fahrtdistanz und auf der Homepage den Universität Salzburg auf eine Ausbildung zum Bibliothekar. In Salzburg lebte mein Bruder, deshalb konnte ich mir vorstellen dort zumindest temporär zu leben. Beide dauerten ein Jahr. Ein Jahr kam mir unendlich lang, wo ich in letzten Jahren von Tag zu Tag gelebt hatte und schon lange keine längerfristigen Ziele verfolgt hatte.
    Ich druckte beides aus, lies es aufmerksam durch und markierte alle wichtigen Informationen. Ich bereitete mich vor, legte mir Argumentationen zu Recht, denn ich würde morgen zum AMS fahren, egal ob ich einen Termin hatte oder nicht. Ich würde sie überzeugen, so wie das letzte halbe Jahr konnte es nicht weitergehen.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Anfang einer Erzählung

    wenn du gar kein...oder erst am ende deiner erzählung ein feedback wünschst...dann lase mich das wissen.

    was mir sofort sympathisch war: du verschluckst, wie auch ich, so manches wort. bei mir ist das keine absicht - bei dir vielleicht schon.
    ein begriff stach mir sofort ins auge: "temporär"...der passt so gar nicht zum rest der sprache. ein "vorübergehend" oder ein "zeitweise" klingt für mich ehrlicher.

    ...später mehr

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Anfang einer Erzählung

    Danke andere-dimension,

    Das mit dem Wortverschlucken tut mir leid. Ich bin beim Schreiben oft so in Gedanken und Emotionen, dass ich oft mit der Struktur Probleme habe. Auch den Satzbau, ob Beistrich oder Punkt usw. bitte noch nicht beurteilen.
    Feedback wäre natürlich super. Ich habe nicht viele Leute, die meine Texte lesen und das wäre ein großes Dankeschön wert.

  4. #4
    andere-dimension
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    AW: Anfang einer Erzählung

    das muss dir nicht leid tun...passiert auch mir ständig. seit ich leute habe...die mir solche "fehler" ausgleichen (wenn es darauf ankommt)...passieren sie mir immer öfter. vielleicht sind das ja auch (bei mir) die ersten anzeichen einer beginnenden demenz. aber ich will dir keine angst machen. the story sells...und ich finde deine geschichte interessant...zumal sich wohl sehr viele leute mit ihr, bzw mit dem protagonisten, identifizieren können. zu glauben... man müsse...gegen die eigene innere überzeugung... auf teufel heraus ein studium beginnen...das kennen viele. das gab es schon immer...ist aber heute aktueller denn je. das spiel, egal in welcher form, ist eine von vielen möglichkeiten...dieser sackgasse zu entkommen...wenn auch nur für eine gewisse zeit.

  5. #5
    Taco Petrastoni
    Laufkundschaft

    AW: Anfang einer Erzählung

    Waren Sie nur zu faul, die Fehler zu korrigieren?

    Mögen Sie Thomas Bernhard?

    Ich tippe, im letzten Kapitel stirbt der Erzähler.

  6. #6
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Anfang einer Erzählung

    Zu faul glaube ich nicht. Vielleicht zu euphorisch und zu ungeübt beim Schreiben.

    Lustigerweise habe ich gerade die autobiographischen Bücher von Thomas Bernhard angefangen zu lesen und mir auf Youtube ein paar Interviews und Dokus über ihn angesehen. Ich mochte einige seiner Aussagen schon sehr gerne, zum Beispiel, dass er über das schreiben will, über das nicht gesprochen wird und dass man beim Schreiben einen gewissen Erregungszustand braucht, sonst kann man gleich im Bett liegen bleiben.
    Seinen Stil mag ich auch, obwohl schon immer eine gewisse Zeit braucht bis man wieder flüssig im Lesen ist. So eine Stunde Bernhard lesen geht nicht, also eher was fürs Wochenende als für den Abend.

  7. #7
    pjesma
    Laufkundschaft

    AW: Anfang einer Erzählung

    Nach fuenfte Zeile aufgehoert zu lesen. Zeit ist Geld. Meine mir was Wert. Hart und gerecht und *ohne Gruß*

  8. #8
    Taco Petrastoni
    Laufkundschaft

    AW: Anfang einer Erzählung

    Ich las das Kapitel noch einmal, es gefällt und ich möchte gerne weiterlesen. Wäre es ein Taschenbuch für 8 Euro, ich kaufte es. Auch im Wolkenstein-Verlag.

    Sie werden nie viele Leser haben, es ist nur ihr Los.

  9. #9
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Anfang einer Erzählung

    Kapitel 2

    Ein Zug, der um 6.45 abfährt, setzt ein Aufstehen um 5 Uhr voraus. Falls sie nicht in dieser Lage sind- und die meisten Menschen sind nicht in dieser Lage, dann wissen nicht, wie schwierig das einem fallen kann, vor allem wenn man wie ich gerade wieder begonnen hat seine „Medikamente“ zu nehmen, um wieder zu versuchen ein wertvolles Mitglied dieser Gesellschaft zu sein.
    Es ist zwar nicht so, dass ich aus meinen Träumen gerissen werde, eines der Medikamente verhindert gerade, dass ich träume und versetzt mich in jenen knapp 5 Stunden dauernden, koma-gleichen Zustand, in dem nicht ständig in meinem Hinterkopf, von mir gleichzeitig zwar unvernommen, trotzdem durch meine Handlungen bestätigt, mein Gedankenstrom arbeitet. Wenn ich genauer darüber nachdenke, dann ist es eigentlich recht gut, dass mein Zug um 6.45 fährt, denn wach wäre ich sowieso und dann hätte ich mehr freie Minuten zu meiner Verfügung und freie Minuten sind für mich gefährlich.
    Auch so gibt es schon fast zu viele freie Minuten, nämlich, wenn ich die Zeit meiner Körperpflege subtrahiere, um die Sechzig. Man füllt diese also, um tunlichst zu vermeiden, über sich selbst und sein Leben nachdenken zu müssen. Gesegnet sei hierfür das Internet, denn die zwei Zeitungen, die täglich zwischen drei und vier Uhr morgens vor meiner Türe abgeliefert werden, sind in 15 Minuten erschöpft, was den Weltpolitik-, Lokalpolitik-, Wirtschafts- und Kulturteil betrifft. Also rasch weiter zu den Fernsehnachrichten des Vortages. Sie ahnen vermutlich, dass, wenn man die Zeitungen von heute schon gelesen hat, die Fernsehnachrichten von gestern kaum mehr zu einem Erkenntnisgewinn beitragen. Das spielt aber keine Rolle, denn so gut Zeitungen auch sind, die meisten bemühen sich zumindest, so haben sie doch einen Nachteil: Sie beinhalten keine bewegten Bilder und außerdem keine Nachrichtensprecher, die ich so gerne dabei beobachte, wie sie mühelos und angestrengt zugleich versuchen einen Ausdruck eigener Meinung oder auch nur Anteilnahme zu vermeiden, sondern nur kleine erstarrte, aufgehübschte Bildchen der Kommentarschreiber. Oft fühle ich mich den Nachrichtensprechern persönlich verbunden. Sie sind quasi meine Coaches, meine Lehrmeister in Kommunikation. Meine Gespräche sind meist genau so aufgebaut: Ich verlese oder wiederhole leicht interpretiert, mich selbst beobachtend, bar jeder Anteilnahme die Informationen die von außen an mich herangetragen werden und hoffe damit die Erwartungshaltung der anderen, eben jener außen, zu befriedigen, ohne sie dabei allzu lange und direkt anzusehen. Kürzlich wurde mir mitgeteilt, dass dies mir nicht so gelingt, wie ich selbst gedacht hatte und ich mich unaufmerksam verhalte, ich bitte Sie aber zu verstehen, dass ich keineswegs absichtlich unaufmerksam bin, sondern meist nur sehr genau auf das Erzählte achte oder auch sehr genau, über das gesunde Maß hinaus, auf einzelne Ihrer Bewegung. Somit bitte ich Sie weiteres, es mir nicht übelzunehmen, wenn ich durch Sie hindurchschaue.
    Im Internet habe ich dann täglich ein neues Steckenpferd. Durch meine umfangreiche, abgebrochen, eher angefangene als abgeschlossene Bildung sind mir die meisten Denker dem Namen und der Schlagwörter nach bekannt. Also suche ich dann mittels Google und Youtube Seiten und Videos eben dieser. So fange ich dann Chomsky-Interviews oder Game Theory Vorlesungen der Yale Universität zu sehen, trinke dabei meinen dritten oder vierten Kaffee und versuche zu vermeiden, dass mein eigenes Leben über mich hereinbricht und mir meine gesamte Aufmerksamkeit raubt und ich mich dabei verliere, über Sachen und Vorfälle nachzudenken, die zwar Jahre zurückliegen, trotzdem aber nicht abgeschlossen sind. Schon nach kurzen bricht meine Aufmerksamkeit aber ab oder ich möchte mich einfach nicht länger so mit der Welt beschäftigt. So eingeengt von Theorien und Theorem, so verknappt und zweidimensional in einer Disziplin, so ohne Herz und ohne Seele, so kopflastig und dann beginne ich Musik zu sehen und zu hören. Ich beginne mit Bob Dylan, Blind Melon, Nirvana und Alanis Morissette. Ich beginne oft mit Künstlern, die mir schon seit Jahren, schon seit meiner Jugend bekannt sind. Mit Musikern, deren Songs irgendwann zu Mantras für mich wurden, die ich verknüpfe mit Emotionen, die ich irgendwann verspürte. Mit den Orten und Menschen, die der Grund für diese Emotionen waren. Ich gebe mich der Musik hin und lass die Töne und Worte in mich eindringen und durch mich durchfließen, bis nur mehr sie existent sind und ich nicht weiß ob es noch meine eigenen sind oder vielmehr als das. Manchmal denke ich dann, ich fühle, was Dylan gefühlt hat, als er diesen Song geschrieben hat. Das Verwobene, das Verdichte der Kunst wird zu meiner Realität und ich hänge den Worten nach wie Sonnenstrahlen und die Töne erheben mich. Bis ich nicht mehr dort bin, wo ich eigentlich bin und nicht mehr so klein und unbedeutend und so alleine wie ich bin. Nie fühle ich mich verbunden mit der Welt, mit speziell dieser Welt aus Gedanken und Emotionen, die zwar die eines Anderen ist, aber doch auch so sehr meine eigene.
    Und das Wunderbare ist: Es braucht nur so wenig Zeit. Nur Minuten, in denen ich frei und losgelöst bin und die dann den ganzen Tag vorbestimmen, in einfärben, wenn ich es mir bewahren kann und der Zauber nicht verfliegt. Von allen Drogen tuen nur Musik und Literatur wirklich gut und nur sie habe ich mir bewahrt. Sie sind meine Zufluchtshäfen vor den Unruhen und auch Banalitäten meiner Existenz und ich such sie auf so oft ich kann, nehme mir Auszeiten in ihnen. In jeder Pause, in der ich kann. Und es ist so schön neben anderen zu sein, ganz für sich, mit Musik im Ohr, den irgendwie werden dadurch auch die Menschen besonderer. Fremde werden zu Teilen der Musik und ich überlappe das Fremde in ihnen, das alles, was ich nicht weiß von ihnen und von fast allen Menschen, denen man begegnet, weiß man nichts, mit den Gedanken und den Stimmungen der Musik. Sie sind dann Darsteller bei Songs von Lou Reed. Sie müssen gerade das Denken, was Lauryn Hill sich gerade denkt. Bitte glauben Sie mir ich wähle mir meine Songs genau aus und sie werden Ihnen zwar wahrscheinlich nicht gerecht aber schämen müssen Sie sich ihrer ganz bestimmt nicht. Und um ehrlich zu sein, welche andere Möglichkeit hätte ich denn? Was wäre denn, wenn ich sie ansprechen würde, um nach etwas anderen zu fragen, als nach der Uhrzeit und selbst das ist unglaubwürdig und sie einfach bitten würde mir etwas von sich zu erzählen?
    So verfließt dann die Fahrt durch mein Heimatland im Zug. Mal mit mehr und mal mit weniger Mitreisenden und nie sind wir uns näher als auf der Rolltreppe nachdem uns der Zug ausgespuckt hat und, wo dann jeder dem anderen nicht zu nahe treten will und Kontakte vor allem mit den Blick so gut es geht vermeidet und man meint es wären hunderte Weg so aufgezeichnet, dass sie sich nie schneiden und das wäre so vorherbestimmt.
    Ich kann mich noch gut erinnern, als ich zum ersten Mal den Weg in das Schulungszentrum fand. Wie eingeschüchtert ich war und mich gleich anfangs verlor zwischen all den verschiedenen Räumen und mir vorkam wie in einer Klinik, weil weiß die einzige Farbe war, die ich sah und selbst die Schilder in neben den Tür mir keine sinnvollen Informationen darboten. Mit Begriffen wie Vermittlungsvorbereitung oder kaufmännische und technische Abklärung hatte ich damals noch nichts anfangen können. Schließlich fand ich dann doch den Weg in den für mich bestimmten Seminarraum, wo schon zwei andere warteten. Zum einen war dort Markus. Er war jünger als ich Anfang 20, braungebrannt, und über und über mit Tätowierungen bedeckt. So wie es eigentlich alle der Jungen, die ich an diesem Tag nur auf Terrasse stehen und rauchen sah, mit denen ich damals aber noch nicht gesprochen hatte, ihren Körper über und über bedruckt hatten. Jetzt glaube ich dass es ihr Ausweg war, weil wir doch alle so verschüchtert waren und meinten wir hätten nichts mehr zu sagen, vielleicht nicht einmal mehr ein Recht zu sprechen.
    Markus hatte als Maurer gearbeitet bis er sich eines Tages mit einem Bolzenschussgeräte durch das Fußgelenk seines linken Beines geschossen hatte, was seine Maurerkarriere schlagartig beendete und er nur noch von einem kurzen Hilfsjob zum nächsten wechselte. Er hatte zum Beispiel in den Wintersaisonen immer als Liftwart gearbeitet. Nun war immer aber selbst das nicht mehr möglich und so hatte seine Versicherungsanstalt ihm eine Umschulung genehmigt, bevor er drohte arbeitsunfähig zu werden.
    Zum anderen gab es dort Lisa. Lisa wiederum war älter als ich. Sie war schlank, beinahe durchscheinend und hatte einen kessen Kurzhaarschnitt. Sie hatte in verschiedenen Hotels der gehobenen Kategorien als Konditorin gearbeitet, bis man sie in ihrem letzten Betrieb so unter Druck gesetzt und gemobbt hatte, dass sie einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte.
    Uns verband, dass wir unseren Platz in der Welt verloren hatten und nicht recht wussten, wohin mit uns.
    Die erste Woche wurden wir durchgehend getestet, um unsere Fähigkeiten aber auch Neigungen festzustellen. Durchgeführt wurde dies von verschiedenen Vortragenden, die meist nicht mehr als ein bis zwei Stunden bei uns verweilten und uns die Fragebögen austeilten und dabei die Zeit nahmen. Wissen Sie, ich war davor schon ein Jahr zu Hause gewesen und hatte wohl hie und da einzelne Kurse besucht. So hatte ich meine Sprachkenntnisse in Italienisch und Französisch aufgefrischt, was aber nur bescheidenen Erfolg hatte, denn Sprachen, um sie zu beherrschen muss man üben, also sie aktiv ausüben, am besten täglich. Dies trifft nicht nur auf Sprachen zu, sondern auf fast alles, was es überhaupt zu tun gibt. Genau diese Möglichkeit fehlte mir aber, oder vielleicht suchte ich sie auch nicht genug, oder vielleicht verhinderten auch meine Ängste und Zwänge, dass ich sie suchte. Wie auch immer jedenfalls konnte ich z.B. Englisch ich hatte es immerhin 8 Jahre in der Schule gehabt, auf der Universität 5 Kurse in Englisch absolviert, war mehrmals in den USA und in anderen englischsprachigen Ländern gewesen und sah wöchentlich vielleicht ein Dutzend Stunden Sendungen in englischer Sprache, aber einen englischen Satz geschrieben hatte ich zum letzten Mal vor Jahren. Und dass die Mehrzahl von fish fish ist war mir irgendwann auch abhanden gekommen.
    So verhielt es sich mit vielen Dingen. Bei den Rechnungen war meist der Ansatz nicht das Problem, nur zum letzten Mal dividiert hatte ich auch vor Jahren und so flogen die Zahlen bei den ersten Versuch kreuz und quer durch meinen Kopf, bis mir wirklich schwindlig wurde und mich ein leichter Brechreiz überkam.
    Oft spielte die Zeit auch verrückt. Lebt man nur nach seiner eigenen Uhr, verliert man jedes Zeitgefühl und Stunden können sich anfühlen wie Minuten und Minuten wie Tage. Bei manchen Aufgaben ging es mir so. Währen Lisa und Markus noch arbeiteten, war ich schon fertig und las alles noch einmal durch und kämpfte gegen den Zwang an, aus dem Raum zu fliehen, um draußen eine zu rauchen. Zugleich stieg aber auch Verunsicherung in mir hoch. Hatte ich die Aufgabe richtig gelesen? Etwas übersehen? Zu einfach gedacht?
    Lisa schienen die Tests nicht viel auszumachen. Äußerlich bewahrte sie Ruhe und ich bewunderte sie sehr dafür. Nur bei den Dingen, die etwas mit Mathematik zu tun hatten, meinte sie anschließend, dass Mathematik nie ihres gewesen war. Viel mehr dazu sagte sie nicht. Ob sie in diesen Tests deshalb schlecht abschnitt, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, denn die Ergebnisse wurden uns in einem Einzelgespräch mitgeteilt und untereinander tauschte man sich darüber nicht aus.
    Bei Mark sah die Sache anders aus. Oft sah er zu mir herüber, wobei sich dabei Falten auf der seiner Stirn abzeichneten und er gedankenverloren an seinem Stift herumkaute. An den Nachmittagen, in denen wir meist kleine Präsentationen über uns, unsere Stärken und unsere Ziele im Leben ausarbeiten mussten, reagierte er oft bockig und beschwerte sich lautstark, was der Scheiss ihm bringen sollte.
    In unserem Schulungszentrum hatten alle Teilnehmer, auch die in anderen Räumen zur gleichen Zeit Pause. Wir trafen uns dann immer auf der Terrasse. Es war der heißeste Sommer seit Jahrzehnten und so waren wir heilfroh, dass ein Sonnensegel sich fast über die ganze Terrasse spannte und die Temperaturen darunter wenigstens einigermaßen erträglich wurden.
    Die Namen der anderen Teilnehmer, die meisten waren vielleicht schon ein paar Wochen hier, kannte ich anfangs nicht und so gab ich ihnen Spitznamen nach den Eigenschaften, die sie auszeichneten. Den General hätte wohl niemand übersehen können, selbst wenn er nur einen Tag hier verweilt hätte. Der General war knapp 180 groß und hatte bestimmt 130 Kilo, was sogar mehr war als ich. Er hatte als Mechaniker gearbeitet und bei einem Arbeitsunfall ein Unterbein verloren. Dort saß jetzt eine schwarze, gepolsterte Prothese, die er im kleinen Kreis und bei großer Hitze gerne abnahm, weil er dann sehr schwitzte. Wir verbrachten oft die Mittagspausen zusammen, wenn wir beide keine Lust hatten, die andere in das Zentrum zu begleiten, weil offen gesagt, es uns zu beschwerlich war.
    Ich mochte den General, obwohl er das einem nicht leicht machte. Ich bewunderte ihn sogar für seine bestimmende Art. Einmal die Woche machten wir zum Beispiel einen Spaziergang, Bewegungstraining wurde das genannt, und stets war es der General, der das Ziel, damit die Dauer, und natürlich auch das Tempo festlegte. Dieses Verhalten war so tief in seiner Persönlichkeit verankert, dass es ihm gar nicht auffiel, wie sehr es den anderen manchmal missfiel, wobei auch diese meist nichts dagegen unternahmen, sondern nur hinter seinem Rücken, sich über ihn das Maul zerrissen. Wagte es doch jemand Widerstand zu leisten, überforderte das aber den General und drehte sich einfach um und ging davon. Des Generals Traum war es wieder zu arbeiten, bevorzugt in seiner alten Branche, vielleicht irgendwo im Lager. Einige Praktika in dieser Richtung hatte er schon gemacht, aber zu mehr hatte es nicht gereicht, obwohl er dem Unternehmen vermutlich nicht einmal etwas gekostet hätte. Sie wissen ja die Wirtschaftslage.
    Neben dem General, und natürlich Lisa und Markus, hatte ich noch mit Peter am meisten Kontakt. Auf ihn hatte mir damals auf die Schnelle kein Spitzname einfallen wollen. Seine Kleidung war zunächst das Auffälligste an ihm. Er trug immer weite Metal-Musik-Shirts. Peter war vielleicht Anfang 20, 170 cm groß, schlank und auch tätowiert. Seine Augen hatte er auf der Terrasse stets hinter einer Sonnenbrille versteckt, die er auch manchmal in den Klassen nicht abnahm, was unsere Lehrer aber nicht störte, diese waren überhaupt vor allem psychologisch ausgezeichnet geschult und behandelten uns mit größerem Verständnis und mit größerer Würde also wir es draußen irgendwo erfuhren. Ich war eines Tages eher zufällig mit ihm ins Gespräch gekommen. Normalerweise hielt Peter sich eher zurück und beteiligte sich kaum an den Unterhaltungen. Nur wenn die Stimmung etwas ausgelassener war, wir sagen dazu „der Schmäh lief“, machte er meist die für mich witzigsten Anmerkungen.
    Die Terrasse war sehr groß nahe am Zugang standen 2 Tische, an denen sich die meisten aufhielten. Morgens mit einem Automatenkaffee in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand. Mittags deutlich weniger mit einer Leberkässemmel der nahen Fleischhauerei, die eines der wenigen Geschäfte war, wo wir mit unseren Lebensmittelkarten tatsächlich einkaufen konnten.
    Ich wanderte aber meist ruhelos umher. Die ständigen Tests forderten ihren Tribut und irgendwo, tief in mir drinnen, war etwas außer Rand und Band geraten. Ich merkte wie ich den Pausen ständig zitterte und in kleineren Abständen an meiner Zigarette zog. Ich konnte nicht stillhalten. Sogar wenn ich es mir selbst einschärfte, wirkte es nur kurz, worauf mir wieder bewusst wurde, dass ich die letzten Minuten wieder umhergeirrt war.
    In einigen Pausen fing ich auch wieder an Stimmen zu hören. Das war schon Monate nicht mehr der Fall gewesen. Ich hörte Stimmen, die mich aufs Übelste beschimpften. Oft raunte mir auch der eine oder andere Teilnehmer Wörter wie Idiot und Arschloch zu. Ich musste dann immer zustimmen, brauchte aber eine gewisse Zeit, um einzusehen, dass dies nicht wirklich passiert war.
    Nach der ersten Woche wurden wir verschiedenen persönlichen Betreuern zugeteilt, dabei kam es zuerst zu Komplikationen, da der Kurs in der Urlaubszeit begonnen hatte und so einige Betreuer gerade nicht mehr da waren oder aber bald nicht mehr da sein würden.
    Meinen Betreuer mochte ich. Wir hatten schon viel mit einander zu tun gehabt, denn er hatte viele der Tests überwacht und wissen Sie, ich bin zwar unfähig soziale Beziehungen zu deuten, aber ich wollte glauben, dass wir uns sympathisch waren. Ich vertraute ihm zumindest. Das war für mich wichtig in dieser Zeit einer neuen Lebenssituation, voller Veränderungen, voller Probleme, mit denen ich im Vorhinein nicht gerechnet hatte. Natürlich, so kam es mir vor, begann ich sofort uns Verhältnis zu überstrapazieren. Ich vereinnahmte ihn manchmal und begann halbe Stunden lang über meine Empfindsamkeiten zu sprechen. Ich versuchte zumindest ihn jeden meiner wertvolleren Gedanken mitzuteilen, besonders jene abwegigen, die mich oft so sehr vereinnahmen, dass die Alltäglichen daneben bedeutungslos werden.
    Ich merkte, und das zumindest war gut, dass ich wieder drohte aus der Realität zu rutschen, und nahm mir fest vor, diesmal meine Strategie zu ändern. Nichts wollte ich für mich behalten, bis daraus eine eigene Welt entsteht, die sich dann beginnt, dagegen zu sträuben, sich mit der konsensual bestimmten Wirklichkeit zu überlappen. Leidtragender war jeder Mensch, zu dem ich ein Verhältnis hatte. Die Anzahl war überschaubar und so bekamen diese mehr ab. Gott sei Dank entschlüssle ich in meinem Wahn die Welt jedoch meist so, dass alles, was man einem Menschen sagt, jeder andere Mensch genauso weiß und dieser jeder andere Mensch hat dann auch nichts Besseres zu tun, als sich ausschließlich in allen Momenten, in denen wir uns oftmals rein zufällig begegnen, mit mir zu beschäftigen. Sie wissen nicht wie belastend und schwer zu verkraften es sein kann, dass jeder Passant, an dem man vorübergeht und mit dem man höchstens Blickkontakt aufnimmt, alles und davon vor allem das Schlechte von einem weiß. Auf lange Sicht ist dies jedoch sicherlich ein guter Aspekt meines Wahns, denn niemals sage ich einem einzelnen Menschen alles, was in mir vorgeht und durchbreche damit alle Leitplanken des menschlichen Miteinanders. Trotzdem erhalte ich aus der Summe, diesmal zumindest, der verschiedenen Reaktionen der verschiedenen Personen genug Resonanzen, die mich an der Oberfläche der realen Welt, festbinden, und verhindern, diesmal zumindest, mein Absinken in meine eigene konstruierte Welt.
    Als meine Wahnideen schlimmer wurden und damit sind nicht die üblichen Beschimpfungen gemeint, sondern dass ich begann vor allem Bewegungen, vor allem Gesten, die die anderen Teilnehmer mit ihren Armen durchführten auf mich zu beziehen und ihnen eine quasi magische Bedeutung beimaß, indem Sinne dass sie mich verursachten magisch zu beeinflussen und ich wieder mit Abwehr-Ritualen begann, hatte ich zwar nicht die Kraft einzusehen, dass das nicht wirklich war, aber mir gelang es zumindest, anders als noch in den Episoden in den Jahren zuvor, mit anderen, mit meinen Betreuern darüber zu sprechen.
    Ich wurde einen Vormittag freigestellt um ins nahe gelegene Krankenhaus zu gehen. Ich wanderte durch die Innenstadt, die mir von Kindheit an vertraut war, denn meine Großeltern hatten hier gelebt und ich erinnerte mich an allen Ecken und Enden, dass ich hier mit meinem Großvater einmal Eis gegessen hatte, als ich vielleicht zehn Jahre alt war oder dass hier mein Großvater immer samstags Brathühnchen kaufen gewesen war. Gleichzeitig versuchte ich mir eine Strategie für das Gespräch mit dem Arzt oder der Ärztin in der Ambulanz zurecht zu legen. So komisch es klingt, denn die meisten wollen eigentlich aus solcher Art von Programmen nur raus, ich wollte es aber nicht aufgeben, denn es war das einzige, was mir geblieben war und mein einziger Kontakt zur Welt außerhalb meiner Familie. Ich war mir sicher, dass die Ärzte auf der Ambulanz mich wahrscheinlich am liebsten dabehalten würden, denn immerhin hatte ich gerade eine akute schizophrene Episode, aber die Psychiatrie, so gut es die Ärzte dort auch meinen, ist für mich nicht der richtige Platz um wieder gesund oder zumindest stabiler zu werden, denn man ist dort wieder auf sich zurückgeworfen und man hat zu viel Zeit sich mit einem selbst zu beschäftigen.
    Als ich der Ärztin alles erzählt hatte und sie hatte sich wirklich Zeit für mich genommen, schloss ich damit, dass ich gerade eben in einem Programm des AMS bin und ich unter anderem von Psychologen betreut werde, dass ich, so war ich mir sicher, keine Gefahr für mich oder für andere darstellte, denn Gott sei Dank äußerte sich mein Wahn nicht so, und dass ich deshalb nicht auf die Psychiatrie wollte. Sie vereinbarte mit mir, dass ich anstatt Tabletten gegen meine Schizophrenie nun eine Depotspritze nehmen sollte. Diese hatte wohl eine höhere Dosis und eine konstantere Wirkmittelabgabe. Außerdem vertraute sie mir wohl nicht, dass ich meine Tabletten regelmäßig nahm. Überdies sollte ich mich hier bei einer niedergelassenen Psychiaterin melden, bei wem überließ sie mir.
    Ich ging zurück ins Schulungszentrum, setzte mich aber auf die Terrasse und nicht gleich wieder in die Schulungsräume und recherchierte Telefonnummern von Ärzten. Zufällig fand ich die Nummer einer Psychiaterin, rief dort an und vereinbarte für in zwei Wochen für meine nächste Spritzenabgabe einen Termin. Diese Ärztin sollte im nächsten Jahr einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben werden, obwohl ich sie nur alle zwei Wochen für vielleicht 15 bis 30 Minuten sah.
    Nach ein paar Wochen, die immer mehr zur Routine wurden, den Großteil der Zeit verbrachte ich in der kaufmännischen Abklärung, wo wir allerlei Dinge, wie Preisberechnungen oder Geschäftsbriefe schreiben taten, neigte sich dieses Arbeitslosenprogramm dem Ende zu und es wurden Entscheidungen getroffen, wie es mit den Teilnehmern weitergehen sollte, ob sie wieder arbeitsfähig wären oder nicht, d.h. ob sie nach Hause und in die üblichen Routinen des AMS entlassen werden sollten oder ob es auf andere Art weitergehen sollte.
    Ich glaube, ich war ein sehr verlässlicher Schulungsteilnehmer und war jeden Tag da, egal wie belastend meine Gedanken auch waren. Von meinen beiden zuvor gefassten Plänen, hatte sich zum einen der Plan Bibliothekar zu werden in Luft aufgelöst, denn ich war zwar nach Salzburg gefahren und hatte mich dort beworben, aber wurde nicht genommen. Zum anderen startete der Netzwerkadministratorkurs in Klagenfurt erst in 3 Monaten. Ich war offen zu meinen Betreuern und bat sie mich irgendwie dazubehalten, denn ich wollte nicht wieder aus einem sozialen Gefüge fallen und misstraute mir selbst, wenn ich wieder zu Hause stranden würde.
    So wurde beschlossen, dass ich an einem längeren Programm für Arbeitslose mit psychischer Beeinträchtigung teilnehmen würde, das auch hier in Villach, allerdings am Stadtrand in einem eigenen Gebäude, stattfand.
    Dort sollte ich, nachdem ich mich einmal einen Tag umsehen hatte dürfen, mich nächste Woche einfinden.
    Geändert von ste (03.06.17 um 06:59 Uhr)

  10. #10
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    AW: Anfang einer Erzählung

    Kapitel 3:

    Die Räume des Trainingszentrums lagen im ersten Stock eines Mehrparteienwohnhauses. Es gab drei große Räume. Zum einem ein Entspannungszimmer, das bis auf eingerollte Yogamatten vollkommen leer war. Den Kunstraum, bei dem an den Wänden zwar vereinzelt Computerarbeitsplätze standen, der aber ansonsten nur aus einem großen Tisch bestand auf dem Malerbedarf abgelegt war. Den Kern allerdings bildete ein Raum, wo wir Teilnehmer uns die meiste Zeit aufhielten sollten. Der lag meist im Halbdunkel, denn die Fenster, die die ganze Länge über beide Außenseiten liefen, waren mit vertikalen Jalousien verhängt. Links und rechts des Einganges lagen Unmengen An Computerteilen fein säuberlich in mannsgroßen Regalen eingeräumt. Am Fußende standen fertige Tower-Rechner, darüber folgten Netzteile, Motherboards, Ramstücke und alles weitere aus dem Computer aufgebaut waren.
    Es war zwar nicht so, dass ich abgesagt hätte, wenn es anderes gewesen wäre, aber die ganzen Computerteile und auch die Aussicht mich 2 Halbtage in der Woche mit ihnen zu beschäftigen hatten, hatte mich vollends davon überzeugt, dass ich hier richtig war.
    Alle Büroplätze in diesem Raum waren schon fast vollständig belegt, als ich eingetroffen war und mich die Jüngere der beiden Leiterinnen in den Raum führte und mich kurz namentlich vorstellte. Ich hatte Glück ein Platz im Eck war noch frei und ich nahm ihn sofort in Beschlag und würde ihn nie wieder hergeben, obwohl ich wenig später herausfand, dass er eigentlich einem anderen Schulungsteilnehmer gehörte, der aber selten an den festen Unterrichtseinheiten teilnahm und sich lieber selbst beschäftigte, wofür man den Kunstraum aufsuchte. Das war sowieso eine Eigenheit des Programms. Man musste nicht. Alle Teilnehmer hatten psychische Probleme und waren daher nicht immer belastbar. Trotzdem sollte man aber und es wurde positiv aufgenommen, wenn man teilnahm.
    Es blieb mir für den Moment erspart, dass ich mich näher vorstellen musste und alle Blicke auf mich gerichtet sein würden. Außerdem würde in ein paar Minuten sowieso der Unterricht beginnen. Ich sah mich um und musterte die anderen Teilnehmer im Raum. Wir waren ein bunter Haufen. Altermäßig gab es einige, die vielleicht Mitte Zwanzig waren. Andere waren schon um die fünfzig. Irgendwie fühlte ich instinktiv heimisch, denn ich hatte in den letzten Wochen wieder etwas Zutrauen in die Menschheit gefasst, obwohl ich als die Vortragende den Raum betrat und sich die meisten in der Mitte des Raumes an einem großen Tisch versammelte, noch Abstand hielt, gerade so viel, dass es nicht als unhöflich erachtet werden sollte, denn ich signalisierte, dass ich meinen Computerarbeitsplatz verlassen hatte und meine Aufmerksamkeit dem Programm widmete.
    Der älteste Teilnehmer, dem Aussehen nach, der an der Innenwand als erster saß, tat das nicht und spielte weiterhin ein Browserspiel, das daraus Bestand bunte Kugel zu stapeln, bis diese dann irgendwann herunterfielen und immer große Zahlen aufblinkten. Auch mein einziger Nachbar zu meiner rechten, ebenfalls schon um die fünfzig rückte wie ich nicht in die Mitte, legte aber immerhin seinen Zeichenblock zur Seite, auf dem eine wirklich gute Bleistiftskizze einer halbnackten Cindy Crawford, welche er vom Monitor abgemalt hat, ersichtlich wurde und drehte den Bürostuhl zur Mitte des Raumes.
    Die Vortragende kam auf mich zu und reichte mir die Hand. Marion hieß sie. Sie war für eine Frau recht groß und hatte krause, dunkle Haare. Sie war ungefähr in meinem Alter.
    An meinem ersten Tag sollte es um das Thema Fremd- und Eigenwahrnehmung gehen. Ich glaube, wir taten das auch für mich, denn so hatte ich die Möglichkeit die anderen den Namen nach und ihren Eigenschaften nach kennenzulernen. Wir teilten uns also in Zweiergruppen auf und bekamen Stifte und Kärtchen in die Hände gedrückt, womit wir alles notieren sollten, um es dann später vor der ganzen Gruppe präsentieren zu können.
    Ich bekam den Typen zugeteilt von dem ich den Platz gestohlen hatte und den ich nicht namentlich erwähnen werde, denn er ist für mich und auch für die Geschichte irrelevanter, als der Buschauffeur, der die meisten jeden Morgen hierherbrachte. Vor allem aber hat er versucht mich zu schlagen, das einzige Mal, dass mir in diesem Jahr auch nur so etwas in der Art passiert ist und dass obwohl wir ja die Geistesgestörten waren und ich gerade vor kurzem wieder in der Ankündigung einer Reportage lesen musste, dass der Herausgeber heilfroh war, dass seine Reporterin wieder unbeschadet aus einer Irrenanstalt zurückgekommen war.
    Eigentlich hat er mich nicht geschlagen, sondern nur begonnen mich zu schupfen und mich bei jeder Gelegenheit als Dicken bezeichnet, aber ein paar Wochen danach war er dann sowieso aus dem Programm ausgetreten. Schade für ihn, nicht für uns.
    Ich lernte so also Klaus kennen, meinen Sitznachbarn, der von uns vielleicht am ärmlichsten gekleidet war mit seinen verwaschen Jeans und T-Shirts und der aber studierte hatte, sein Marketingstudium sogar abgeschlossen hatte. Er war der einzige von uns der ein Studium abgeschlossen hatte. Ich und Martin hatten zwar eines oder gleich mehrere begonnen, es aber nie abgeschlossen.
    Klaus bezeichnete sich selbst als ruhigen Menschen, der aber auch ein Einzelgänger war, auch weil er von seiner Familie verstoßen worden war, was er nur andeutete und somit den Grund auch nicht erklärte.
    Sabrina war Modeverkäuferin gewesen und bezeichnete sich selbst als Familienmenschen, der gerne im Freundeskreis Dinge unternahm.
    Martin hatte Informatik studiert, wollte aber eigentlich immer Maler werden. Er beschäftigte sich viel mit Street Art, HipHop und Graffitis und hatte wohl eine wildere Jugend hinter sich.
    Für den Moment möchte ich ihnen nicht alle Dutzend Teilnehmer vorstellen, denn sie würden es sich nicht merken können und mir ging es genauso. Vor allem wird es sie wundern, dass ich nichts über Krankheiten schreibe, obwohl wir doch in ein Programm waren für Leute mit psychischen Erkrankungen. Nur war es so, wir sprachen untereinander darüber kaum. Selbst bei uns blieb es, sowie eigentlich in der Gesellschaft an und für sich, ein Tabuthema. Hatte jemand ein akutes psychisches Problem, ging er in das Büro unserer zwei Leiterinnen und so blieb es hinter verschlossen Türen.
    Vielleicht misstrauten wir einander deshalb auch ein wenig und versuchten uns eher an den vermeintlich sicherlich gesunden Vortragenden anzubiedern, muss man schon fast sagen, denn sie wurden immer umschwärmt und konnten kaum so viele Gespräche führen, wie sie sollten.
    Eigentlich weiß ich nur von drei der Teilnehmer genau was sie hatten. Es kam auch nur selten vor, dass jemand explodierte und laut wurde. Die Leute implodierten eher und zogen sich zurück. Auch das rechne ich den Leuten hoch an, den bei uns allen waren unsere Lebensentwürfe kapital in die Hose gegangen und jetzt war es schon ein Erfolg, wenn jemand irgendwo halbtags als Kellner arbeiten würde, womit ich nichts gegen Kellner sagen möchte, aber eigentlich wäre es nur zu verständlich gewesen, wenn die Leute wütender gewesen werden, ob jetzt gegen sich selbst oder gegenüber der Gesellschaft ist dann wohl eher eine Typfrage.
    Sie dürfen sich also keine Geschichte der großen Dramen oder ein zugespitztes Theaterstück erwarten. Vielleicht lag es auch an den Medikamenten, die die meisten von uns sicherlich nahmen, dass alles größtenteils so wohl gesittet und eher ruhig verlief. Vielleicht war aber auch das Programm bewusst so gestaltet worden, denn wir hatten ja ein Jahr Zeit bekommen wieder fit für den Arbeitsmarkt zu werden. Ein Jahr der kleinen Schritte, der persönlichen Entwicklung, ohne Prüfungen oder Aufgabenstellungen, deren Erfüllung verpflichtend war. Ich glaube viele hatten so eine Sicherheit schon lang nicht mehr gehabt und es erleichterte sie.
    Nachdem wir also uns selbst beschrieben hatten und unser Gruppenpartner uns beschrieben hatte, bis auf mich und den Typen, wir kannten uns ja schließlich nicht und notierten deshalb Beschreibungen von Freunden und Bekannten, begannen wir ein Kartenspiel zu spielen. Auch hier ging es darum andere einzuschätzen. Es hießt die Werwölfe von Düsterwald. Karten wurden verdeckt ausgeteilt und so jedem Teilnehmer eine Rolle zugeteilt. Grob gesprochen waren die einen Dorfbewohner und die anderen Werwölfe, die diese Dorfbewohner fressen wollten. Eigentlich war es so ähnlich wie bei Arthur Millers Hexenjagd. Jeder beschuldigte jeden ein Werwolf zu sein und am Schluss wurde abgestimmt, wer zur Sicherheit des Dorfes getötet werden sollte um möglichst zu verhindern, dass in der Nacht die Werwölfe sich wieder Opfer suchen würden.
    Ich wurde vom wütenden Mob schon als Zweiter gelyncht, obwohl ich ein unschuldiger Dorfbewohner gewesen war, ich hatte mich aber schlecht verteidigen können, als der Verdacht auf mich gelenkt worden war, ausgerechnet von Martin, der mir von allen am sympathischsten war und der wie sich später herausstellte selbst ein Werwolf war und sogar gewann, denn er überlebte als einziger. Die Werwölfe gewannen bei uns fast immer.
    Nachdem Spiel war die Mittagspause gekommen und ich durfte schon nach Hause fahren, denn anfangs musste man am Programm nur halbtags teilnehmen, um sich langsam daran gewöhnen zu können. Zu Hause angelangt, aß ich noch etwas, sah mir dann ein paar Folgen meiner Lieblingsserie an und ging früh schlafen.

  11. #11
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    AW: Anfang einer Erzählung

    Kapitel 4:

    Am nächsten Morgen nahm ich zum ersten und letzten Mal an den Entspannungsübungen teil, die von der Älteren der Leiterinnen gehalten wurden. Es nahmen nicht alle teil. Martin bevorzugte es zum Beispiel zu malen. Die Mehrzahl fand sich jedoch im Raum ein.
    Wir rollten die Yogamatten am Boden aus, zogen unsere Schuhe aus und legten uns darauf nieder. Ich hatte ähnliches schon auf der Psychiatrie kennengelernt, Dort, unter schweren Medikamenten, noch schwerer als die die ich jetzt nahm, und in der Eintönigkeit des Klinikalltages, war es eine willkommene Abwechslung gewesen. Hier war ich mir unsicher. Denn es ging darum unsere Phantasie zu benutzen, uns paradiesische Orte vorzustellen und auch in unseren Körper hineinzuhören. Nur war mein Körper ein Schlachtfeld. Ich rauchte Kette und war schwer übergewichtig. Ich misshandelte meinen Körper. Es ist wahrscheinlich meine Art zumindest schleichend Selbstmord zu begehen, den als ich am Balkon gestanden war, nachdem ich wieder einmal von einer Universität abgegangen war und ich Stimmen meiner Familie gehört hatte, die sagten ich wäre eine Schande, war ich im letzten Moment zurückgetreten. Vermutlich war ich nur zu feige gewesen.
    Außerdem war es oft so gewesen, das ich in den schlimmsten psychotischen Zuständen dachte, ich könnte meinen Geist über die Wirklichkeit legen, sogar dass ich es müsste, dass es Priester und Ordensleute genauso machten, um den Teufel fern zu halten. Ich dachte mir aber abwechselnd ich wäre der Teufel und verbot mir meinen Geist zu nutzen, verbot mir zu denken, denn ich hatte Angst gehabt, dass meine Gedanken aus meinem Kopf entkommen könnten bzw. das andere meine Gedanken aus meinem Kopf ziehen könnten. Manchmal war es sogar so gewesen, dass ich keine Zeitungen mehr lesen hatte können und kein Fernsehen mehr schauten hatte können, weil so wie ich die Bilder der Kommentarschreiber und Nachrichtensprecher sah, sahen sie mich. Sie wussten wer ich bin und sie hassten und verabscheuten mich, deshalb bohrten sie sich in meinen Kopf hinein und suchten nach meinen schlechten Taten. Die größten Sünden waren zwar schon längere Zeit her, aber genau diese suchten sie immer und immer wieder und so wusste bald jeder in Österreich, was ich für ein verabscheuungswürdiges Wesen ich war. Einmal war ich im Bett gelegen und hatte in eine Bibel hineingeweint. Vor mir tauchten Menschenköpfe auf, zuerst die, denen ich Unrecht getan hat, bald aber jeder Mensch, dem ich jemals begegnet war und ich entschuldigte mich bei allen, dass ich ihnen begegnet war. Ich wollte meine Existenz auslöschen und dachte durch diese Art des Betens könnte ich es.
    Ich hatte mir schon vor längerem verboten mich mit Religion zu beschäftigen. Selbst Kunst, was ich am meisten liebte, hatte ich mir lange Zeit verboten. Je uninspirierte eine Sache war, desto sicherer erschien sie mir. Deshalb freute ich mich auf den Netzwerkadministratorkurs und war froh mich mit Computern beschäftigen zu dürfen, denn nichts ist uninspirierender als Computer.
    Gleichzeitig wollte ich nicht schon am zweiten Tag nicht an einem Programmpunkt teilnehmen und so folgte ich nicht den Instruktionen, die mit esoterischer Hintergrundmusik, aus den Lautsprechern der Stereoanlage kamen, ja verbot mir sogar ihnen zuzuhören. Mit geschlossenen Augen hörte ich um mich herum. Einer schnarchte. Von den anderen hörte man leise die Atemzüge.



    Nach den Yogaübungen fand zum ersten Mal unser Computerkurs statt. Von uns nahmen nur vier daran teil, alles Männer, der Rest beschäftigte sich selbst. Unser Lehrer hatte einen Ziegenbart und war eher drahtig. Peter musste man immer extra einladen, denn er war internetsüchtig. Er verbrachte seine Zeit am liebsten damit sich Witzseiten im Internet anzusehen. Er scrollte und scrollte. Dabei lachte er kein einziges Mal. Unser Lehrer legte ihm sanft die Hand auf die Schulter und riss ihn so aus seinem Zustand. Dann war er wieder im hier und jetzt. Wir holten den Kompressor, denn wir sollten alte Towergehäuse vom Staub reinigen. Wir trugen also den Kompressor zu zweit auf die Terrasse und bliesen dort den Staub aus den Gehäusen.
    Wenn Peter einmal an etwas teilnahm, dann war er voller Energie und man konnte sehen, dass viel Lebensfreude in ihm steckte, die aber so tief verschüttet war, dass andere sie aus ihm sanft herausholen mussten, denn er selbst konnte es nicht.
    Wir hatten uns alle unsere Computerarbeitsplätze selbst gebaut und bauten auch Rechner für andere, die sich ansonsten keinen leisten konnten. Heute weiß ich nicht, ob Computer und das Internet nicht die Geißel der modernen Menschheit sind, denn man findet für alles eine Bestätigung. Egal wie abstrus ein Gedanke ist oder wie pervers eine Vorliebe, im Internet findet man bestimmt genügend Material dazu.
    Manchmal frage ich mich, ob das Internet nicht gesäubert gehört, um schwache Menschen vor schlechten Entscheidungen zu bewahren, denn oft denke ich, dass es keinen Zufall gibt, sondern nur Geister um Menschen ringen, in jeder Sekunde des Tages, bei jeder Entscheidung, die man trifft. Viele von uns konnten diesen Geistern nicht wiederstehen. Wir waren so tief in der Hand dieser Geister, dass wir wie betäubt waren. Manchmal weiß ich aber auch nicht, ob diese Geister auf uns von der Gesellschaft geladen wurden, weil wir ja die Arbeitslosen und die psychisch Kranken waren und als solche musste wir uns ja auch benehmen. So verlangte es die Gesellschaft.

    Kapitel 5:

    Am nächsten Morgen hatten wir unsere Art des Bewegungstrainings. Wieder einen Spaziergang. Diesmal aber nicht durch das Zentrum und vorbei an Menschen, sondern am Ende der Stadt, in Wurfweite zum Ortsschild. Unsere Trainerin kam aus Deutschland, genauer gesagt aus Bayern. Sie lebte aber schon länger in Kärnten. Menschen aus Bayern sind mir sympathisch. Ich kann nicht genau sagen warum, vielleicht weil sie uns so ähnlich sind, ihnen aber der Mief der Provinz fehlt.
    Unsere Trainerin hatte ihr Auto am Parkplatz des über die Straße liegenden Supermarktes geparkt. Dort führte sie uns hin, nachdem sie alle Verhandlungen, ob einer Teilnahme oder einer vorgeschobenen Begründung der Nichtteilnahme gewonnen hatte. Man konnte immer behaupten, man könne nicht, oder man müsse dies und jenes ganz dringend machen. Man hätte eine Bewerbung zu schreiben, weil man von einem sehr verheißungsvollen Job gehört hatte. Aber in Wahrheit sträubten wir uns einfach oft und wollten nur unsere Ruhe, weil wir uns schon teilweise aufgegeben hatten. Nicht vollkommen, denn die, die sich vollkommen aufgegeben hatten, kamen irgendwann ganz einfach gar nicht mehr. Manchmal war es also schon ein Sieg, ob für das Programm oder für einen selbst können sie beurteilen, dass man überhaupt gekommen war und seine ganze verschüttete Welt, aus Depression, Enttäuschung und Wut, im Kopf zwar mitgebracht hatte, aber ignoriert hatte.
    Diese Trainerin nahm oftmals wenig Rücksicht auf so etwas und oft war das gut, denn wir musste oft zu unserem Glück gezwungen werden. Einmal hatte sie gesagt und das werde ich niemals vergessen, dass wenn wir alle so weiterleben würden, würden wir Diabetes bekommen und dass wir uns das dann selber angefressen hätten. Sie sollte recht behalten.
    Die Trainerin führt uns zu ihrem Auto, weil sie etwas Besonderes mit uns vorhatte. Sie öffnete den Kofferraum und darin lagen Nordic Walking- Stecken, die sie uns schmackhaft machen wollte, weil dann der ganze Körper arbeitet und nicht nur die Beine und der ganze Bewegungsablauf sowieso gesünder wäre und vor allem man mit Nordic Walking-Stecken nicht rauchen könnte.
    Sie hatte sogar Erfolg. Gut die Hälfte nahm solche Nordic Walking-Stecken und wir machten uns auf den Weg. Vorbei an dem größten Wirtschaftsunternehmen der Region, das Computerchips herstellte und dessen Parkplatz so voll war mit Autos, dass sie kreuz und quer und fast übereinander standen.
    Irgendwie war es surreal, dass gerade wir daran vorbeigingen.
    Unser Spazierweg führte oben auf einem Damm dem Fluss entlang. Wir waren eine recht hübsche Prozession. Peter ging immer einsam an der Spitze voraus und redete mit keinem. Ich ging auch meist alleine vor mich hin, weil ich mir so schwer tat überhaupt zu sprechen. Ich war so leer innerlich und so abgestumpft, dass ich nicht einmal mehr merkte, was mich im Kern so belastete. Ich, der ich alle Chancen im Leben gehabt hatte. Chancen, von denen andere nur träumen können und jede einzelne grandios und oftmals binnen kürzester Zeit vergeben hatte.
    Manchmal jedoch lies ich die Trainerin und die Gruppe, die sich um sie geschart hatte, zu mir aufschließen und hörte zumindest den Konversationen zu. Manuelas Hund war nach einem Jahrzehnt gestorben. Manuela hatte bei einer großen Baufirma als Projektmanagerin gearbeitet und hatte Baustellen in ganz Österreich besucht und überwacht. Jetzt hatte sie, glaube ich, Burn Out. Manuela weinte fast und zeigte uns Bilder auf ihrem Smartphone von ihrem Hund, der vielleicht so etwas wie ein letzter Weggefährte für sie gewesen war, denn er hatte sie auch durch ganz Österreich im Auto begleitet und war auch jetzt, wo sie alleine lebte, stets bei ihr gewesen.
    Irgendwie war mir das ein zu viel an Emotionen und ich ging wieder voraus. Hat man selbst kaum Kontakt zu seinen Emotionen, kann mit den Emotionen anderer nur schwer umgehen. Irgendwie kam ich mir dabei aber auch wie ein Arsch vor.
    Unser Umkehrpunkt war eine kleine Brücke, die über einen kleinen Bach führte. Dort machten wir kurz Pause und naja redeten ein bisschen. Dann ging es wieder meist einzeln zurück. Im Büroraum merkte ich erst, wie verschwitzt ich eigentlich war, denn ich war so außer Form, dass mich ein lockerer Spaziergang von vielleicht ein oder eineinhalb Stunden wirklich anstrengte. Und so war ich froh, dass wir dann etwas Zeit bekamen uns selbst zu beschäftigen bis die Mittagspause und somit der Endpunkt meines Tagesplans gekommen war.

  12. #12
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    AW: Anfang einer Erzählung

    Kapitel 6


    Unsere Kunstlehrerin war so atemberaubend schön, dass man sich zwingen musste nicht nur auf ihre Schönheit zu achten, denn sonst verlor man sich in ihr und es erschien mir unangebracht Trainerinnen nach Kategorien wie Schönheit zu bewerten. Leider war sie auch noch ausgesprochen nett und so verzauberte sie alle Männer. Es fanden sich fast alle im Kunstunterricht ein und versuchten sich wenigstens an Malerei. Sogar unser ältester Schulungsteilnehmer Hans war wie ausgewechselt. Hans, der sonst an nichts teilnahm, mutierte zum Musterschüler. Er war schon Monate in diesem Programm und hatte sich schon so etwas wie eine eigene Technik beigebracht. Viele der Gemälde an den Wänden stammten von ihm, wie ich später erfuhr. Sie zeichneten sich durch eine Liebe und Hingabe an Struktur und Oberflächen und dicken Farbaufstrichen aus.
    Meine eigenen Malversuche waren so ungelenk wie die eines Volkschülers oder im besten Falle eines Unterstufenschülers. Es war zum Verzweifeln, ich wollte so viel ausdrücken, nur mit Malerei konnte ich es nicht. Ich hatte mich fast zwei Stunden redlich bemüht, nur ohne den geringsten Erfolg. Dabei hatte ich den anderen ohne Neid zugesehen wie sie aufblühten. Martin stach natürlich alle anderen aus. Er malte Portraits von Hip Hop-Künstlern, die ihn beeinflusst hatten, die man quasi als Plattencover verwenden konnte. Er sammelte seine Arbeiten sogar, weil er sich an einer Kunstakademie bewerben wollte.
    Aber auch Sabrina und Manuela waren ganz eifrig bei der Sache und ihre Finger waren ganz voller Farbe, was ihnen einen Hauch von Kreativität verlieh und sie wirklich liebenswert macht. Ich liebe kreative Frauen. Manuela machte nur hin und wieder Pausen und setzte sich an einen Computer um Ebay-Auktionen zu beobachten, denn sie war gezwungen alte Sachen von ihr zu verkaufen, um ihren Lebensstandard halbwegs halten zu können.
    Peter machte Bleistiftskizzen von geometrischen Figuren, einer Unzahl von ihnen, auf den Blättern. Er arbeitete unermüdlich. Es rang mir richtig Respekt ab, wieviel Mühe er auf seine Arbeit verwendete.
    Die einzige, die nicht teilnahm war Babsi. Babsi haben sie bis jetzt noch nicht kennen gelernt. Babsi war untersetzt und sah eigentlich eher aus wie ein Junge und hatte sogar das Gehabe eines eben solchen. Sie war Masseurin gewesen und hatte, glaube ich Borderline. Manchmal war es mit Babsi schwierig. In der einen Stunde konnte sie der netteste Mensch auf Erden sein, mit einem Lachen, das ansteckend war, und in der nächsten Stunde war sie wirklich feindselig. Babsi trug immer langärmlige Pullover, egal wie heiß es auch immer war, denn sie ritzte sich und wollte nicht, dass das jemand weiß.
    Babsi hatte sich mit der Erlaubnis unserer Leiterinnen zurückgezogen, weil sie für eine Meisterprüfung lernen wollte. Sie wollte sich endlich selbstständig machen können und hatte sogar die Aussicht in jener großen Computerchipfirma freiberuflich als Masseurin zu arbeiten, sobald sie die Meisterprüfung hatte.
    Nur hin und wieder sah Babsi nach dem Rechten. Sie hatte dabei das große Vorbereitungsbuch immer dabei. Es wirkt allerdings noch recht fremd in ihren Händen und sie beklagte sich auch, dass sie schon jahrelang nichts mehr auswendig gelernt hatte und jetzt gleich so ein elendig dickes Buch auswendig lernen müsse.
    Nachdem ich mich sehr gerne kreativ ausdrücken wollte, aber mir die Malerei nicht lag, sprach ich die Trainerin an, ob ich stattdessen schreiben könnte. Sie erlaubte es mir, obwohl sie sicherlich nicht hundertprozentig überzeugt war. Zuerst begann ich nach meinen alten Geschichten zu recherchieren. Ich war ein wenig auf Literaturplattformen aktiv gewesen, musste aber mit Bedauern feststellen, dass diese ziemlich verwaist waren. Eine meiner Lieblingsplattformen in der Schweiz war sogar komplett dicht gemacht worden.
    Trotzdem fand ich aber eine alte Kurzgeschichte und druckte sie aus. Ich lies sie durch und fand sie sogar ganz gut. Ich gab sie der Trainerinnen, damit sie sie auch einmal durchlesen könnte. Vielleicht tat ich das, um ihr zu beweisen, dass ich zum wenigstens zum Schreiben etwas Talent hatte.
    Es stellte sich nun die Frage über was ich schreiben wollte, denn ich konnte nur über Sachen schreiben, worüber ich persönliche Erfahrungen besaß. Ich entschied mich für Schizophrenie und begann eine Begebenheit in Graz, als ich noch Germanistikstudent gewesen war, niederzuschreiben. Als ich eine Ausstellung von Ingeborg Bachmann im Literaturhaus besucht hatte und auf großen Tafeln autobiographische Sätze von ihr über die Zeit des 2. Weltkrieges notiert gewesen waren. Die Sätze hatten mich so in ihren Bann gezogen, ich hatte die Stimme von Ingeborg Bachmann so eindringlich in meinem Kopf gehört, dass es mir vorgekommen war als würden mich schwarze Fäden immer näher an die Sätze ziehen. Unter den Tafeln hatten sich sogar Blutlachen gebildet. Ich war auf die Knie gesunken, so sehr nahm es mich emotional mit.
    Gerade als ich dabei war das auszuformulieren, trat der Typ ohne Namen an meinen Arbeitsplatz heran und begann sich über mich lächerlich zu machen, was das soll, was ich mir einbilde. Zu glauben, Schreiben zu können und überhaupt würde schon niemand die richtigen Schriftsteller lesen. Er hatte wohl mal ein Praktikum in der Redaktion eines Boulevardblattes gemacht und meinte nun, die Koryphäe im Bereich Schreiben zu sein. Ich muss zugeben, ich konnte es nicht ganz ignorieren und so hörte ich für diesen Tag zu schreiben auf.

  13. #13
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    AW: Anfang einer Erzählung

    Kapitel 7

    Am Freitag ließen wir es etwas ruhiger angehen. Wir hatten wieder Computertraining. Die Drecksarbeit war jedoch schon erledigt und so machten wir uns daran einzelne Rechner zusammenzusetzen. Ram war immer knapp, denn die Administratoren in den Firmen, von den wir die alten, ausgemusterten Rechner bekamen, bauten den Ram gerne aus, um aktive Rechner damit zu erweitern.
    Norbert, Paul – die beiden hatten Jahrzehnte in einer Fabrik gearbeitet und waren, nachdem die Fabrik pleite gemacht hatte durch eine Arbeitsstiftung in unser Programm gekommen – Peter und ich setzten also die Computerteile zusammen. Paul brauchte dabei Hilfe von unserem Trainer, denn er war immer sehr zaghaft und als Tischler hatte er nie viel mit Elektronik zu tun gehabt. Norbert dagegen hatte privat schon immer viel mit Computertechnik experimentiert.
    Das Verkabeln der einzelnen Komponenten hatte gut funktioniert und so begannen wir Windows aufzusetzen, was auch nicht schwierig war, aber viel Zeit beanspruchte, vor allem das Einspielen der ganzen Updates. Es blieb also viel Zeit zum Quatschen. Unser Trainer versprach uns für nächste Woche einen Ausflug zu machen. Wir würden zu einem großen Industriebetrieb fahren um dort ausgemusterte Rechner zu holen. Das würde sicherlich interessant werden.
    Auch versuchte unser Trainer Hans zur Mitarbeit zu bewegen. Hans hatte ihm einmal erzählt, dass er vor Jahren die Homepage seiner freiwilligen Feuerwehr gestaltet hatte. Das war der Anknüpfungspunkt für unsern Trainer. Er zeigte ihm im Internet verschiedene CMS-Systeme, also Sachen wie Wordpress und Drupal, Systeme mit denen man moderne Homepages gestalten konnte. Hans schien interessiert.
    Auch um Sabrina kümmerte sich unser Trainer. Sie konnte nicht Maschinschreiben. Unser Trainer fand auch hierfür Lernhilfen im Internet.
    Unser Trainer war selbst Autodidakt und hatte im Leben schon die verschiedensten Jobs gemacht und überall in Österreich gelebt. Er konnte gut mit jedem.
    Manuela ließ er aber in Ruhe. Man konnte spüren, dass sie heute keinen guten Tag hatte. Es war als schwebten Gewitterwolken über ihr. Sie ging auch mehrmals ins Büro unserer Leiterinnen.
    Als das Büro einmal frei war, ging auch ich zum ersten Mal hinein. Die Leiterinnen frugen mich gleich, wie ich zurecht gekommen war und ich sagte ganz gut und dass es mir sehr gefalle, was auch der Wahrheit entsprach. Ich entschuldigte mich auch sofort, dass ich an den Entspannungsübungen nicht teilnahm, weil es meine Vergangenheit mit der Schizophrenie verhinderte und sie verstanden das. Auch bat ich ab nächster Woche ganztags teilnehmen zu dürfen, irgendwie wollte ich keine Zeit verlieren. Auch hier willigten sie ein, obwohl es unüblich war. Normalerweise bekam man immer mindestens zwei Wochen Eingewöhnungsphase.
    Ich sprach auch an, dass ich mir Sorgen machte um Peter und dessen Internetsucht. Sie wiesen mich aber in die Schranken. Ich könne mich gerne mit ihm unterhalten aber ich sollte mir verbitten an ihm herumzudoktern.
    Vor allem die jüngere der Leiterinen fand ich sympathisch. Auch sie war ungefähr in meinem Alter. Sie hatte langes, blondes Haar und sah sehr sportlich aus. Ich würde noch oft das Gespräch mit ihr suchen.
    Der Freitag verflog irgendwie wie im Flug. Gerade so wurden die Updates fertig und ich installierte noch einige kostenlose Programme, die auf keinem Rechner fehlen sollten. Sachen wie Acrobat Reader, VLC Media Player etc.
    Ich war richtig stolz als ich den fertigen Rechner, meinen ersten, ins Regal schob, bereit von einem finanziell Schwachen für einen symbolischen Betrag erworben zu werden.
    Wir alle freuten uns aufs Wochenende, so wie wahrscheinlich jeder Mensch in Österreich. Irgendwie fühlte sich das Programm wie ein Job an und ich war stolz die erste Woche eines neuen Jobs erfolgreich absolviert zu haben.

  14. #14
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Anfang einer Erzählung

    Kapitel 8

    Montagmorgen nahm ich nicht den Zug, wie sonst üblich, sondern setzte mich in mein Auto um die einstündige Strecke zwischen meinen Wohnort und Villach hinter mich zu bringen. Ich hatte einen Termin bei der Ärztin für meine Spritze. Eigentlich war es kein richtiger Termin. Die Sprechstundenhilfe hatte nur gesagt, dass sie ab 9 Uhr Ordination hatten und dass es manchmal länger dauern könnte, da Akutpatienten den Wartenden oft vorgezogen würden.
    Ich stellte mich also auf eine längere Wartezeit ein.
    Mein Autoradio war schon mit einem USB-Anschluss ausgestattet und so war ich nicht auf die öffentlichen und privaten Radiostationen und den Chartmüll, den sie bevorzugten zu spielen, wahrscheinlich wurden sie sogar gut dafür bezahlt, angewiesen. Ich konnte mir meine eigene Playlist aus meinen Lieblingstiteln zusammenstellen. Ich hatte hunderte Songs auf meinen Stick gespeichert.
    Ich wusste nicht, was mich bei der Ärztin erwarten würde. Würde sie mir nur meine Depot-Spritze geben, was nur einige Minuten dauerte, wovon der Löwenanteil auf die Vorbereitung entfiel, denn man bekam ein ganzes Set. Mit Serum, Lösungsmittel, Aufsätzen und Spritzen für den Po oder den Oberarm. Ich kannte mich deshalb so gut damit auch, weil ich vor Jahren schon einmal diese Spritze bekommen hatte. Damals hatte ich auch bei meinen Eltern gelebt und ich hatte die Spritze selbst vorbereitet, damit mein Vater, der Arzt gewesen war, sie mir verabreichen konnte. Jetzt war er krankheitsbedingt dazu nicht mehr in der Lage.
    Ich wünschte mir so sehr eine Gesprächspartnerin in der Ärztin zu finden. Jemanden den ich vertrauen konnte. Ich hatte selten über meine Schizophrenie mit jemanden sprechen könnten und nie im vollen Umfang. Manchmal hatten sich meine schizophrenen Episoden über Wochen, ja sogar Monate hingezogen. Ich hatte meist allein gelebt oder ansonsten meine schizophrenen Gedanken vor meinen Mitbewohnern versteckt. Meist hatte die Schizophrenie selbst dafür gesorgt, den oftmals, ich weiß nicht, wie ich es formulieren soll, hatte sie mir mitgeteilt, dass alles, was ich denke geheim ist und geheim bleiben muss. Dass man sich darüber nur telepathisch austauschte und das hatte ich oft getan. Ich hatte telepathisch mit der ganzen Welt kommuniziert. Mit meinen Mitstudenten, mit den paar Freunden, die ich hatte, mit Künstlern, die ich mochte, mit Professoren, die mich beeinflusst hatten. Manchmal sogar mit religiösen Führern.
    Oftmals hatte es lange gedauert, bis ich nicht mehr den äußeren Schein waren hatte können. Manchmal hatte ich ganze Semester studieren können und sogar eine normale Anzahl an Semesterwochenstunden mit sogar oft ausgezeichneten Noten absolvieren können und war dabei nebenbei komplett schizophren gewesen. Anfangs sind Studien in Österreich vielleicht zu leicht. Die Professoren fangen wieder bei 0 an, denn sie konnten sich nicht darauf verlassen, dass man in den Gymnasien irgendwas gelernt hatte, so schien es jedenfalls. Dieser Anfang war oft spielerisch. Man bekam kurze Ausschnitte der Materie serviert. Man ging jedoch noch nicht wirklich in die Tiefe. Darin war ich gut, sogar sehr gut. Ich konnte gut Texte analysieren und Aussagen auf richtig und falsch bewerten. Irgendwann wurde jedes Studium jedoch anders. Es ging nicht mehr ums Analysieren, sondern darum Unmengen an Stoff auswendig zu lernen oder aber man musste in Mathematik brillieren können. Für beides hatte ich kein Talent. Und so war ich in den ersten Semestern immer einer der besten Studenten gewesen und dann, wenn der Bruch kam, konnte ich nicht mehr mit. Ich hatte es mit Wirtschaft versucht und war gut gewesen in den Nebenfächern Jus und Soziologie. In Englisch und historischen Wirtschaftswissenschaften, aber nie in Mathematik und daran war ich gescheitert. Ich war dann drogenabhängig geworden und nur sporadisch auf die Universität gegangen. Auf der Universität hatte ich immer mehr den Anschluss verloren und es wurde es immer schwieriger überhaupt hinzugehen. Als ich dann fast gar nicht mehr vor die Tür gegangen war und wenn nur um Lebensmittel oder etwas in der Richtung einzukaufen, hatte ich begonnen viel Literatur zu lesen und mich selbst auf Literaturplattformen auszudrücken, indem ich Texte verfasste oder Texte anderer kritisierte. Das, was für viele ein Hobby war und dessen Qualität vielleicht nicht der Rede wert war, wurde eigentlich zum meinem Hauptlebenszweck.
    Den ersten Text, den ich jemals geschrieben habe, schickte ich zum einem Literaturpreis und wurde prompt zu einer Lesung eingeladen. Ob es an der Qualität meines Textes lag oder daran, dass der Jury-Vorsitzende ein Bekannter meines Großonkels gewesen war, kann ich immer noch nicht mit Sicherheit sagen.
    Literatur war für mich immer so etwas wie Flucht gewesen. Das Letzte, was geblieben war, nachdem ich alles andere verloren hatte. In meiner Familie war Kunst nicht viel wert. Eben ein Hobby. Eine Narretei. Nicht einmal ein wirklich gutes Hobby. Besser wäre, man betätige sich sportlich oder ging zumindest an die frische Luft und in die Natur. Bücher zu lesen, war dekadent.
    Trotzdem unterstützten mich dann meine Eltern als ich mein Studium von Wirtschaft auf Germanistik änderte. Das gleiche Spiel begann vor vorne. Die ersten Semester war ich wieder gut darin, Texte zu analysieren. Aber diesmal kam ich nicht an Fächern wie Sprachwandel und Sprachvariation vorbei, in denen es darum ging die Lautverschiebungen über die Jahrhunderte auswendig zu lernen. Ich hatte bis auf einer Professorin, die ich fast vergötterte, niemandem gesagt, dass ich gleich im ersten Semester Germanistik bei einem Literaturpreis las. Ich wollte die Aufmerksamkeit nicht, so es denn welche gegeben hätte. Ich wollte unsichtbar sein. Ich träume von Unsichtbarkeit schon mein ganzes Leben. Ich kann auch mit Neid nicht umgehen. Trotzdem war ich wie durch Zauberhand in jedem Schreibkurs der Germanistik. Und was tat ich? Ich las nicht nur die Bücher, die ich sollte, sondern begab mich auf die Suche nach einer Geheimsprache. Ich lieh mir auf der Bibliothek Unmengen von Büchern von christlichen Mystikern aus. Sachen von Teresa von Avila oder Meister Eckhart Las in der Kabbala. Hatte sogar ein Buch über Hexerei.
    Nebenbei begann ich mich selbst zu reinigen. Ich hörte auf zu rauchen bzw. rauchte Zigaretten nur mehr als Ritual. Drogen zu nehmen hatte ich schon vorher aufgegeben und habe nie mehr damit angefangen. Ich kaufte Lebensmittel nur mehr in Ausnahmefällen im Supermarkt und dort studierte ich immer die Ablaufdaten. Ich dachte nämlich durch deren Zahlenmystik könnte man herausfinden, ob es sich um ein energetisch gutes oder schlechtes Lebensmittel handelte.
    Ich ging oft auf den Markt und kaufte dort nicht die schönen Lebensmittel, sondern welche von Marktstandlern, die ich als gute Menschen einschätzte. Den nur wer selbst ein guter Mensch war, konnte auch gute Lebensmittel herstellen. Den Akt des Kaufens dieser Lebensmittel betrachtete ich als energetische Handlung, so wie alles eine energetische Handlung war. Und ich Ex-junkie, der so einen schlechten Einfluss auf seinen eigenen Bruder und seinen kleinen Freundeskreis hatte, den bei mir auf der Couch hatten sich die meisten Leute immer weggetan, wollte ich endlich ein guter Mensch werden.
    Es war eine Notwendigkeit, denn nur gute Menschen können gute Texte schreiben. In den Schreibkursen, wo es darum ging dramatische Texte zu verfassen, schrieb ich kryptischen Scheiß, darüber dass mich der Teufel endlich in Ruhe loslassen solle. Ich schrie in an. Ich bespuckte ihn. Mein Lehrer verstand die Texte aber nicht und ich durfte sie nicht erklären.
    Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich das erste Mal eine Stimme hörte. Es war auf dem Weg zur Uni, neben dem modernen Glaskomplex der Wirtschaftswissenschaften auf dem Weg zu einer Vorlesung über moderne Literatur der Germanistik. Ich hatte in der Früh mich wieder mit Religion beschäftigt und war über die Seiten der theologischen Fakultät gesurft, um zu sehen, welche Lehrveranstaltungen sie im Angebot hatten. Auf der Homepage der Religionswissenschaften, deren Lehrveranstaltungsangebot am verheißungsvollsten war, war ich an dem Bild einer Professorin hängengeblieben. Ihre Stimme hörte ich dann. Sie bot an mich auszubilden. Nach der Vorlesung, bei der ich nur physisch anwesend war, ging ich auf die Bibliothek und lieh mir jedes Buch, dass diese Professorin jemals geschrieben hatte aus.
    Ich belästigte diese Professorin niemals. Ich ging nie in einer ihrer Lehrveranstaltungen. Ich traf sie, soweit ich weiß, nie persönlich. Nur manchmal, wenn ich spazieren ging und ich machte jeden Tag immer ausgedehntere Spaziergänge, irgendwie um zu sehen, ob in der Welt noch alles beim Rechten wäre, ging ich an den Religionswissenschaften vorbei, die in einer kleinen unscheinbaren Seitengasse gelegen waren.
    Aber in Gedanken habe ich mit dieser Professorin jeden Tag gesprochen. Sie unterwies mich in der Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Wir gingen gemeinsam die Texte von Schriftstellern durch oder auch Songtexte. Wir unterteilten die gesamte Kulturwelt in Gut und Böse. Stellten fest, an welchen Sätzen, dass festzumachen sei. Wo man eingreifen müsste um einen positiven Schluss zu ziehen.
    Darüber wollte ich mit der Psychiaterin sprechen und über noch so vieles mehr, denn das war nur der Anfang meines Wahns. Ich legte also die Strecke nach Villach in Trance, in Gedanken versunken zurück und grübelte viel über meine Grazer Zeit nach. Nebenbei hörte ich die gleichen drei Lieder immer und immer wieder.
    Ich parkte nahe dem Rathaus auf einem großen privaten Parkplatz. Die Praxis der Psychiaterin war in Flussnähe gelegen. Ich wählte den Weg dahin so, dass ich über den Villacher Hauptplatz musste, obwohl der Weg so etwas länger war. Aber ich wollte nicht alleine durch Seitengassen gehen, sondern mich in Mitten von Menschen bewegen. Manchmal erscheint es mir nämlich so, als würden wir uns gegenseitig, alleine durch unsere Präsenz, erden und ich wollte wieder aus einem Gedankenstrudel über meine Vergangenheit heraus. Gleichzeitig widerte mich der Hauptplatz aber an. Die ganzen Modegeschäfte, die Banken und die Fastfoodketten. Die ganze Oberflächlichkeit Österreichs kam mir vor Augen, denn das, was wirklich wichtig ist, findet man in Österreich nicht auf den Hauptplätzen, nicht mal in den Seitengassen, wo in Villach die ganzen Bars und Cafes lagen, sondern nur im Privaten. Dort finden die zwischenmenschlichen Begegnungen statt. Liebe und Freundschaft und solche Dinge.
    Die Eingangstür des Wohnhauses, worin die Praxis lag, stand offen und ich fuhr mit dem Lift hinauf. Ich setzte mich in Wartezimmer, in dem schon viele warteten und das zu klein und zu stickig war für alle. Ich schnappte mir eine Illustrierte und tat so als würde ich interessiert lesen. In Wahrheit half es mir nur die ganzen anderen Patienten zu ignorieren und so die räumliche Enge zumindest erträglich zu machen.

  15. #15
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    AW: Anfang einer Erzählung

    Das Warten zog sich hin. Es war jetzt schon halb elf und als ein junger Mann, der erst ein paar Minuten hier war, aufgerufen wurde, verlor meine Sitznachbarin die Nerven und sie fing sich lautstark zu beschweren an. Ich tat irgendwie so als würde mich das alles gar nichts angehen. Ich dachte an nichts und überflog auf meinem Smartphone, die Online-Ausgabe einer Zeitung, bei der ich auch hin und wieder Kommentare schrieb. Nicht, dass ich wirklich viel Interesse an den Artikeln hatte, ich las eigentlich nur um die Zeit totzuschlagen und dieser Ort des Wartezimmers war auch äußerst unpassend dafür, über mich selbst nachzudenken. Ich wünschte mir nur, ich hätte meine InEar-Kopfhörer dabei, dann könnte ich wenigstens Musik hören.
    Um 11 wurde ich dann aufgerufen und ich schnappte mir mein Spritzenset, das die ganze Zeit auf meinen Beinen gelegen war, während ich so dagesessen hatte.
    Die Ordinationshilfe war mit etwas ganz anderem beschäftigt, als ich das Durchgangszimmer betrat. Das Formelle und die E-Karte hatte ich ihr schon gegeben als ich die Praxis vor zwei Stunden betreten hatte. So wies sie mich nur an gleich ins Zimmer der Ärztin einzutreten.
    Die Ärztin sah mit ihrer ungewöhnlichen Frisur, auf der rechten Seite hatte sie langes schwarzes Haar, auf der linken Seite waren die Haare kurzrasiert, aus wie eine alte Punkerin, die es zufällig in einen weißen Arztkittel verschlagen hat. Sie war mir sofort sympathisch.
    Sie nahm mir das Spritzenset ab und begann die Gebrauchsanweisung zu lesen. Ich bot an ihr zu helfen, weil ich ja Erfahrung damit hätte, und so erklärte ich es ihr.
    Sie begann sich nach meinen Lebensumständen zu erkundigen und ob das meine erste schizophrene Episode gewesen war. Wir hatten uns inzwischen an dem großen Schreibtisch gesetzt. Sie auf der einen, ich auf der anderen Seite.
    Ich erzählte ihr vom Programm des Ams, das ich besuchte und dass ich Moment wieder zu Hause lebe nachdem ich meine Studien abgebrochen hatte und Arbeit gegangen war.
    Sie kannte das Programm sogar, weil auch andere Patienten von ihr dort teilnahmen. Ich wollte nicht fragen, wer das denn sei.
    Ich sagte ihr, dass diese Episode halb so schlimm gewesen war und ich gut reagiert hatte und nicht wie schon öfters wochenlang durch die Stadt geirrt war.
    Sie frug mich, ob ich Drogen nehmen würde. Ich verneinte und sagte, ich hätte Drogen genommen, aber das wäre jetzt schon zehn Jahre her und dass die Schizophrenie erst ein oder zwei Jahre später zum ersten Mal aufgetaucht war.
    Sie sagte, dass es aber trotzdem dazu beigetragen haben konnte und ich keine Drogen mehr nehmen soll, weil ich sie nicht vertragen würde.
    Sie schüttelte jetzt die Spritze und das angeschlossene Wirkstoffbehältnis, damit Wirkstoff und Lösungsmittel sich gut vermischten. Das sah bei jedem irgendwie witzig aus.
    Sie frug mich, ob ich im Moment irgendwelche Symptome hätte. Ich erklärte wahrheitsgemäß, dass ich seit einer guten Woche keine Stimmen hörte und nur manchmal mir bei Fremden dachte, dass sie mich kennen würde, aber dass auch das nur selten der Fall wäre.
    Sie hielt das Programm wirklich für gut und sagte mir, ich solle die Zeit nutzen wieder stabiler zu werden. Sie kenne sonst keine bessere Alternative. Ich kannte auch keine.
    Ich zog mein Hemd aus und sie desinfizierte die Stelle an meinem Oberarm, wo er der Einstich stattfinden würde. Als sie die Spritze ansetzte und injizierte, zuckte mein Muskel ein wenig.
    Ich erklärte meine Schizophrenie nicht. Es fühlte sich noch nicht richtig an, denn ich wollte nicht den Anschein erwecken, als dass ich darauf stolz wäre, obwohl es die intensivsten Gefühle waren, die ich jemals in meinem Leben empfunden hatte. Ich wusste, dass das alles nur in meinem Kopf stattgefunden hatte und somit nur für mich real war, denn leider waren meine schizophrenen Episoden als das gespeichert, als intensive Erinnerungen.
    Wir verabschiedeten uns. Ich war zufrieden. Die Ärztin war verständnisvoll und gleichzeitig nicht gefühlsdusselig gewesen. Vor allem aber hat sie mich als Mensch behandelt und nicht als Patienten. Das sind die besten Ärzte, die die jemanden als Mensch behandeln.
    Ein Satz vom Gespräch mit den beiden Leiterinnen fiel mir. Die Jüngere hatte gesagt, dass es hier nicht um Krankheiten ginge, das wären nur Begriffe, sondern um Menschen.






    Kapitel 9

    Ich fuhr zu unserer Schulungseinrichtung und kam dort genau richtig zu Mittagspause an. Wir bekamen täglich 5,50 Euro an Essensmarken und die gab ich meist für das Mittagessen aus. Im großen, nahegelegenen Supermarkt gab ein angeschlossenes Restaurant. Das Restaurant war auch das einzige in der Gegend, das die Essensmarken akzeptierte, aber nur das Restaurant, nicht der Supermarkt selbst.
    Norbert und Paul saßen schon an einem Tisch und aßen, ich setzte, nachdem ich mir mein Essen selbst geholt hatte, denn das war ein Selbstbedienungsrestaurant, mich nicht zu ihnen. Ich war heute schon wieder genug unter Menschen gewesen, man denke nur an das volle Wartezimmer. Mein Kontingent an verkraftbaren menschlichen Begegnungen war endlich, wenn nicht sogar überschaubar. Überschritt ich diese Grenze, kam mir jedes Gespräch wie Lärm vor, der meine Nerven strapazierte. Sie nahmen es mir wahrscheinlich übel. Wochen später fragte mich nämlich einer der beiden, ob ich mich für etwas Besseres hielte.
    Diesen Eindruck konnte man gewinnen, auch wenn es nicht der Fall war. Ich hielt mich selbst nämlich im Gegenteil für menschlichen Abschaum, denn jeder den ich kannte, hatte im Leben schon mehr geleistet als ich. Entweder mehr gearbeitet, schneller und erfolgreicher studiert oder hatte im Privatleben so etwas Großartiges geleistet, wie Kinder aufzuziehen.
    Ein Bekannter meines Vaters hatte mich einmal als Parasit bezeichnet. Vielleicht war ich das und hätte ich nicht meine Krankheit, dann spräche überhaupt nichts gegen diese Auffassung.
    Aber was war meine Krankheit schon? War ich in einer akuten schizophrenen Episode, nahm ich sie nicht als Krankheit war. Im Gegenteil die Gedanken hatten eine große Faszination und Anziehungskraft. Ich war etwas Besonderes, fast schon ein Art Auserwählter und die Welt war geheimnisvoll. Nie kam mir währenddessen in den Sinn, wie verrückt das alles war. Oft folgte ich der schizophrenen Episode mit all meinem Herzen und Verstand.
    Und wenn ich dann Wochen oder Monate später aufwachte, hatte sich die Welt ohne mich weitergedreht und das Studium oder jetzt sogar schon die Studien waren verloren. In unserer heutigen Welt kann man es nicht leisten, einmal ein paar Wochen nicht Teil von ihr zu sein. Die Erfordernisse an Konstanz unserer modernen Welt sind so absurd hoch, wenn man darüber nachdenkt, dass es verhinderte, dass vielleicht durchaus begabte Menschen, die jedoch diese Konstanz nicht hatten, außen vor bleiben musste.
    Oft waren ganze Städte verbrannt. Städte, die mich aufgenommen hatten und mir Chancen geboten hatten. Graz war solche verbrannte Erde. Ich hatte mich in den letzten Jahren genau einmal nach Graz getraut, um alte Freunde zu treffen, und dabei am ganzen Leib gezittert. Zu präsent waren die Erinnerungen. Zu schwer, war es zu zuordnen, was nur in meinem Kopf passiert und was die Außenwelt mitbekommen hatte.
    Graz eine eigentlich großartige Stadt ist für mich ein einziges Traumagebiet.

  16. #16

    AW: Anfang einer Erzählung

    Kapitel 9 nähert sich wohl der Mitte "Des Anfangs einer Erzählung". Fand einige Gedanken, die ich von mir selbst kenne.

    Der gesamte Globus hat sich zu einem Traumagebiet entwickelt. Ansonsten ist dieser Planet eigentlich ein großartiger und wunderschöner Ort.

    Das Ego ist das einzige Trauma. Doch nur in dem Maß, in dem ihm Bedeutung und damit Wirkung verliehen wird, ist es wirklich.

    Wie es uns jede künstliche Intelligenz jederzeit bestätigen könnte: Es ist alles nur in unserem Kopf.

    Daneben: Wohin hat uns die gesellschaftliche Funktionalität am Ende gebracht?

    Weiter daneben mal eine Frage: Wie wird eigentlich von VW mit den Dieselbesitzern in Österreich umgegangen?

    Kann der "funktionierende VW-Arbeiter nun "stolz" auf seiner Hände Arbeit und sein "Lebenswerk" sein?

    Am Ende der Geschichte wird die Erde nur zum Trümmerfeld, weil alle "ihre vermeintliche Funktion" erfüllen, die das Ego ihnen aufzwingt.

    Doch welche Funktion erfüllt die Funktion? Ohne Sinn und Zweck sehen wir eh eine bedeutungslose Welt.

    Wir regen uns im Prinzip auf, weil wir eine bedeutungslose Welt sehen, wenn wir keinen Sinn in der Funkion sehen.

    Wenn die Funktion jedoch die Mitwelt außen vor lässt, ist sie auf jeder Daseinsdimension immer eine Illusion.

    Ich find den ja schön:

    "Mein Kontingent an verkraftbaren menschlichen Begegnungen war endlich, wenn nicht sogar überschaubar. Überschritt ich diese Grenze, kam mir jedes Gespräch wie Lärm vor, der meine Nerven strapazierte. Sie nahmen es mir wahrscheinlich übel".

    Man könnte es präzisieren: Mein Kontingent an funktionalisierten menschlichen Begegnungen ist endlich, wenn nicht sogar erschöpft. Überschreitet ein Gespräch nicht die Grenzen des Egos in irgendeinem Punkt, kommt es mir wie Lärm vor, der auf Dauer meiner Nerven strapaziert.

    Andere Dimension hätte vielleicht auf das Präsenz hingewiesen, was es erleichtert, dem Erzählstil des Gedankenflusses leichter zu folgen.

    Aber sind nur Gedanken, die mir beim Lesen einfielen. Wie gefällt den Menschen in Österreich denn nun die "Funktion", die Ihnen die deutschen Autobosse zuwiesen? Ich meine, reicht ja an sich, wenn die Piefkes die Piefkes hinter die Fichte führen. Und unsere "gespaltene Wirtschaftspersönlichkeit" dehnen wir in die Welt aus. Was einige Kapitel weiter oben seinen Kontext findet....

    Wer dehnt all-so den Schwachsinn aus? Das Ego oder der Mensch, der einen Menschen als Menschen sieht?

    VW sieht nicht die Menschen. Da VW der Politik bestimmt, was sie sein darf, sind wir erneut bei den IG-Farben angelangt und darin zu "funktionieren" ist im Prinzip der Verrat am Grundgesetz. Die Frage ist halt, wer der Parasit wirklich ist und wo er sitzt...

    Trifft der Mensch auf das Selbst, wird das parasitäre Verhalten des Egos mitsamt seiner Gesetze des Chaos erst ersichtlich.

    Wer könnte widersprechen, wenn wir sagen, dass sich die Menschheit kollektiv in einer äußerst gespaltenen Lage befindet.

    Das Klima retten und auf die "Funktion durch ARBEIT" verzichten? Oder die Funktion fortführen und wissend in den Abgrund rennen?

    Wenn die Teilhabe- und Konsumfunktion den Ausfall der Gesamtfunktion des Ökosystem bedeutet, wäre es verrückt, "ordnungsgemäß" zu funtionieren...

    Dann wäre es ebenso verrückt, diesen Schwachsinn in dieser Form fortzusetzen. Und noch verrückter, die Menschen durch Spritzen und Pillen zur Teilhabe an Schwachsinn befähigen zu wollen, der die Gesamtfunktion unmöglich macht...

    Zitat von Ste: "Zu präsent waren die Erinnerungen. Zu schwer, war es zu zuordnen, was nur in meinem Kopf passiert und was die Außenwelt mitbekommen hatte".

    Offenheit bedeutet die Annahme, also Akzeptanz der Annahme, dass ohnehin alles für alle transparent ist. Allein der Gedanke, die Mitwelt würde nicht irgendwann bemerken, dass der Diesel vom Kopf her stinkt, führt zur Angst vor dem Aufdämmern der klimatischen Wahrheit. Ohne Lügen und Geheimnisse ist keine Angst vor der Aufdeckung der Wahrheit nötig.

    Jeder sieht alles. Das ist Transparenz und die Basis, die Gespräche sinnvoll macht.

  17. #17
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Anfang einer Erzählung

    Nö, Michael, der Erzählstil ist schon der richtige - ob fiktive oder wahre Autobiographie...das macht nur in der Vergangenheitsform Sinn/innerhalb dieser habe ich ja auch noch meine Spielmöglichkeiten. Aber klar ist; umso weiter zurück in der Zeit, desto sprachlich dünner wird die Luft, die Möglichkeit Grammatik und Sprachgefühl in Einklang zu bringen. "Sie frug mich" oder "Sie fragte mich" - da kollidieren dann Lehrer - und Lesermeinung. Macht sicherlich auch einen Unterschied ob eine Geschichte eher von der Sprache...oder vom Inhalt lebt. Ich bin, wenn es um Prosa geht, ein absoluter Laie - das kann aber manchmal auch ganz nützlich sein...den i.d.R. werden Geschichten mehrheitlich von Laien gelesen.

  18. #18

    AW: Anfang einer Erzählung

    Ich denke nicht, dass es sich um eine Autobiographie handelt, eher wird die Autobiographie als Rahmen für den Erzählstil verwendet. Beleg von weiter oben:

    "Ich wurde vom wütenden Mob schon als Zweiter gelyncht, obwohl ich ein unschuldiger Dorfbewohner gewesen war, ich hatte mich aber schlecht verteidigen können, als der Verdacht auf mich gelenkt worden war, ausgerechnet von Martin, der mir von allen am sympathischsten war und der wie sich später herausstellte selbst ein Werwolf war und sogar gewann, denn er überlebte als einziger. Die Werwölfe gewannen bei uns fast immer."

    Wenn zitiertes Fragment im Präsenz stehen würde, ließe sich die Szene "einfacher" schreiben. In der Vergangenheitsform kann nach dem "gelyncht werden" vom Ich-Erzähler auch kaum aktiv weitererzählt werden. Daher denke ich nicht, dass es eine Autobiographie werden wird...

  19. #19
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Anfang einer Erzählung

    Die Werwölfe vom Düsterwald

    Vielleicht lag es auch an den Medikamenten, die die meisten von uns sicherlich nahmen, dass alles größtenteils so wohl gesittet und eher ruhig verlief. Vielleicht war aber auch das Programm bewusst so gestaltet worden, denn wir hatten ja ein Jahr Zeit bekommen wieder fit für den Arbeitsmarkt zu werden. Ein Jahr der kleinen Schritte, der persönlichen Entwicklung, ohne Prüfungen oder Aufgabenstellungen, deren Erfüllung verpflichtend war. Ich glaube viele hatten so eine Sicherheit schon lang nicht mehr gehabt und es erleichterte sie.
    Nachdem wir also uns selbst beschrieben hatten und unser Gruppenpartner uns beschrieben hatte, bis auf mich und den Typen, wir kannten uns ja schließlich nicht und notierten deshalb Beschreibungen von Freunden und Bekannten, begannen wir ein Kartenspiel zu spielen. Auch hier ging es darum andere einzuschätzen. Es hießt die Werwölfe von Düsterwald. Karten wurden verdeckt ausgeteilt und so jedem Teilnehmer eine Rolle zugeteilt. Grob gesprochen waren die einen Dorfbewohner und die anderen Werwölfe, die diese Dorfbewohner fressen wollten. Eigentlich war es so ähnlich wie bei Arthur Millers Hexenjagd. Jeder beschuldigte jeden ein Werwolf zu sein und am Schluss wurde abgestimmt, wer zur Sicherheit des Dorfes getötet werden sollte um möglichst zu verhindern, dass in der Nacht die Werwölfe sich wieder Opfer suchen würden.
    Ich wurde vom wütenden Mob schon als Zweiter gelyncht, obwohl ich ein unschuldiger Dorfbewohner gewesen war, ich hatte mich aber schlecht verteidigen können, als der Verdacht auf mich gelenkt worden war, ausgerechnet von Martin, der mir von allen am sympathischsten war und der wie sich später herausstellte selbst ein Werwolf war und sogar gewann, denn er überlebte als einziger. Die Werwölfe gewannen bei uns fast immer.
    Nachdem Spiel war die Mittagspause gekommen und ich durfte schon nach Hause fahren, denn anfangs musste man am Programm nur halbtags teilnehmen, um sich langsam daran gewöhnen zu können. Zu Hause angelangt, aß ich noch etwas, sah mir dann ein paar Folgen meiner Lieblingsserie an und ging früh schlafen.

    Nanu? Bei aller Skepsis gegenüber dem, was man als Realität charakterisieren will: In dieser Passage der Erzählung geht es um eine in der Vergangenheit des rückblickenden Ichs angelegte Episode.
    Das gruppendynamische Werwolfspiel.
    Dadrin kann man dann schon als (falscher, doppelt falscher) Werwolf sterben und trotzdem weitererzählen.
    Autobiografisch erzählen allemal auch und erst recht.

    Nebenbei gesagt: Selbst wenn diese Textpassage im Präsens stünde, es könnte nach ihr nicht weitererzählt werden, wenn denn der Sprecher gelyncht worden wäre.
    Irgendwie - bei aller Hochachtung für Michael - sein Beobachten und Denken liegt so weit von dem, was man abschätzig als mainstream bezeichnen könnte - dass
    bei ihm auch Grundlagen des Verstehens annulliert werden. Das macht dann sehr viel irrelevant oder zumindest solipsistisch.

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  20. #20
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Anfang einer Erzählung

    Vielen Dank für die Rückmeldungen. Es ist eine autobiographische Erzählung, wobei ich allerdings natürlich die Namen der Personen verändert habe und manchmal die eine oder andere Nebenfigur auch weggelassen habe.
    Ich fand das Arbeitslosenprogramm eine interessante Zeit, weil Charaktere mit den verschiedensten Hintergründen zusammenkamen, an einem Ort, der quasi vom System als aller letztes Auffangnetz geschaffen worden ist. Deshalb wurde auch verhältnismäßig viel investiert, den ansonsten drohten die Leute arbeitsunfähig zu werden.
    In dieser geschützten Atmosphäre wurden dann auch oft persönliche Charakterzüge in Frage gestellt. Nicht Fertigkeiten standen unter Beobachtung sondern Menschen. Das muss ich noch mehr herausarbeiten.
    Nach dem Roman "Die Welt im Rücken", den ich als Theaterstück sah und der sehr realistisch war, will ich auch meine Schizophrenie darstellen, denn ich denke, es könnte Leute interessieren.

    Ich hoffe es hat ansatzweise gefallen.

    PS: Der Satz mit dem Mob und lynchen war tatsächlich auf das Kartenspiel bezogen. Dort wurde ich quasi als Zweiter gelyncht und somit aus dem Spiel genommen, weil ich schlecht argumentieren konnte.

  21. #21

    AW: Anfang einer Erzählung

    @ Willi: Hast ja recht, erst das Gehirn einschalten, dann schreiben...

    @ Ste: Es interessiert mich, was Du als gesunden Geist beschreiben würdest. Es gibt Psychologen, die meinen, dass diejenigen, die unsere gespaltene Welt als "gesund" wahrnehmen, eigentlich krank sind.

    Und was du oben über den Geist schreibst, kommt mir persönlich plausibel vor, daneben liegt diese Gedankenwelt mit dem Kurs in Wundern auf einer stimmigen Linie. Hast nicht eventuell DU recht und alle, die dem Denksystem des Egos - in die Spaltung von Gott - folgen, folgen temporären Irrlichtern und Illusionen?

    Wenn wir nicht von einer "gespaltenen Menschheit durch das Ego-Denksystem" sprechen müssen, wovon dann?

    Wann ist also ein Geist gesund?

    a: wenn er kein Problem wahrnimmt und empfindet, obwohl die Welt um ihn herum einen Krieg gegen sich selbst führt?
    b: wenn er ein Problem wahrnimmt und empfindet, weil die Welt daran glaubt, einen Krieg gegen sich selbst führen zu müssen?

    Wenn das Ego-Denksystem mit all seinen krankhaften Folgen jedoch eine Illusion ist, was wäre gewonnen, unseren unbestreitbaren kollektiven Irrsinn als GESUND zu bezeichnen und diesen Fehler zu kopieren?

    Zumindest kann dann keine Zukunft gefunden werden, die anders wäre als die Vergangenheit. Deine Erzählung ist mutig, offen und es war blöd von mir, nicht die ganze Geschichte gelesen zu haben, um den autobiografischen Aspekt überdecken zu wollen. Warum es im Sinne der Wiederherstellung von Gesundheit auch geht, ist, sich der eigenen Steuerungsmöglichkeiten über den eigenen Geistes durchgängig bewusst zu bleiben.

    Keine Form von Erkrankung kann leichter heilen, wenn wir ihre Existenz in der Mitwelt "bezeugen" lassen. Ich bezeuge lieber Deine völlige geistige Gesundheit, denn: Was in aller Welt soll einen Geist verändern können, den GOTT selbst als ewig unveränderlich erschuf?

    Dass Denksystem des Egos baut darauf auf, sich selbst erschaffen zu haben und als Geist ohne Quelle in diesen Körper gelangt zu sein. Und wie, frage ich Dich, könnte es dann sinnvoll sein, den Geist heilen zu wollen, indem dem Körper die Spritzen und die Pillen verabreicht werden?

    So es als vorübergehender Glaube an die Magie sinnvoll ist, wird der Körper keinen Schaden erleiden, wenn die Angst gemindert wird. Doch eigentlich wollte ich wohl nur sagen, dass Dein göttlicher Geist niemals einer Veränderung unterliegt.

    Der ganze Rest ist, wie bei meiner selektiven Wahrnehmung Deines Textes, nur in unserem Kopf wirklich, und nur solange, wie wir es für wirklich halten. Ich halte es nicht für wirklich, dass irgendjemand geistig krank sein kann. Wir haben nur die Herrschaft über unseren Geist an das Ego abgegeben und beurteilen die Welt nach den chaotischen Gesetzen, die logisch erscheinen, solange der Geist in konflikthafter Beziehung zu Gott steht.

    Wie soll die Annahme richtig sein, dem Körper gegebene Mittel könnten den Geist heilen?

    Es ist allerdings richtig, dass der Geist so mächtig ist, sich selbst zu heilen, wenn er an eine Heilungsmöglichkeit glaubt glaubt. Was das ist, woran er glaubt, ist nur als ein weiterer Schritt im Erkennen der Herrschaft des Geistes über die Materie zu betrachten.

    Seine Unveränderlichkeit anerkennen zu können ist der Punkt, auf dem jede Form von Heilung letztlich basiert: Wir alle sind weiterhin, wie Gott uns schuf. Nur das Ego sagt etwas anderes. Euer Geist kann sich nicht verändert haben.

    Gut, Willi Wamser hat ja recht, es klingt für das Ego-Mainstream-Bewusstsein in der Zeit erstmal ungewohnt. Für einen Schöpfer, den es ja geben müsste, hat sich das Ego nicht selbst als Geist in der Materie erschaffen, ist es das Natürlichste der Welt, dass sich die Ewigen in alle Ewigkeit nicht ändern werden.

    Woran sollte jetzt bitteschön die Ewigkeit erkrankt sein? Selbst mein "peinlicher Fehler" hat mir im Prinzip geholfen, das Denksystem des Egos zu erkennen:

    Jeder macht sich seinen eigenen selektiven Ausschnitt der Wahrheit. Wer könnte dann angemessen urteilen? Daneben könnten höchstens meine Ego-Anteile nicht über meine Blödheit lachen. Man weiß eben nie, wozu ein Fehler einmal gut sein wird.

    Krankheit ist ein Gedanke, der mehr wird, wenn er geteilt und in der Mitwelt bezeugt wird. "Jede Person ist eine Person durch andere Menschen", ein afrikanisches Sprichwort, meint die Wechselwirkung, die im Bestätigen, Bezeugen und Anerkennen von Krankheit ausgelöst wird.

    Denn wie andere über uns urteilen und denken, erfahren wir ebenso. Aber ich wusste schon vor Willi Wamsers berechtigtem Einwand, wie blöd ich doch bin, wenn ich das Ego bin. Aber bin ich ja nicht mehr immer und keinesfalls noch aus innerer Überzeugung...

  22. #22
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    AW: Anfang einer Erzählung

    @Michael

    Wann ich mich gesund fühle?

    Wenn ich Entscheidungen autonom, nach einem Denkprozess, treffen kann. Also keine Stimmen höre, die alles kommentieren was ich sage und oftmals das Gegenteil behaupten, von dem was ich tue. Wenn ich nicht jedes Detail der Außenwelt auf mich beziehe und mich als Mittelpunkt der Welt sehe. Und eine Zeitung, die am gegenüber am Gehsteig liegt, nicht für mich dort platziert wurde, damit ich eine geheime Botschaft darin finde usw.

    Wenn ich halbwegs meinen Verpflichtungen in der Arbeit nachkommen kann und verlässlich jeden Tag erscheine, in meiner Freizeit meinen Hobbies nachgehen kann. Ich zufrieden damit bin.
    Ich nicht denke, jeder Mensch beeinflusst jeden und ich mich ungezwungen in der Öffentlichkeit bewegen kann und mich nicht energetisch anspanne.

    Oftmals denke ich auch, dass es für mich gesünder ist die großen Fragen die großen Fragen sein zu lassen und ich mich mit mehr down to earth- Themen auseinandersetze.

    Auf der Homepage meines Hausarztes steht sinngemäß: Gesundheit ist das Maß an Krankheit, das einem erlaubt seinen Verpflichtungen nachzukommen. So etwas wie absolute Gesundheit gibt es also nicht. Trotzdem braucht es aber ein Mindestmaß an Belastbarkeit, damit ein produktives Leben führt. Und das ist so ein großes Ziel von mir, dass mir im letzten Jahr sehr gut gelungen ist.

    So einmal meine Anmerkungen, weil du gefragt hast Michael.

  23. #23

    AW: Anfang einer Erzählung

    Hallo Ste,

    danke für deine Antwort. Für mich erkenne ich keine "Unterschiede" in meinen Denkstimmen. Die Stimme, die mir sagt, ich solle nach dem Einkaufen einmal im "Bücherregal" des Supermarktes nachschauen, hat schon tolle Bücher dabei gefunden. Und bei Büchern, die ich dort reingelegt habe, hoffte ich, dass das Buch jemandem Freude bringen könnte.

    Und obwohl meine "Denkstimmen" sich gleich anhören, ziehen sie doch in unterschiedliche Richtungen. In wie viele Richtungen der Wille uns zieht, wird am gespaltenen Zustand der Welt deutlich und wer sich darin "gesund" fühlt, kann nur an einer Wahrnehmungsstörung leiden.


    Ich denke, es wäre nicht richtig, unsere Gesellschaft nicht als gespalten zu betrachten und damit weisen alle ihre Teile diese Eigenschaft auf. Als Teil des Wassers kannst du nicht beschließen, nass zu sein. Als Teil einer Gesellschaft kann niemand nicht sein, was diese Gesellschaft ist.

    Ist es Gesundheit oder die Funktion zur Teilhabe und wo bleibt die Freude daran, dass Mittel und Zweck des Handelns eins sind und das sind, was wir wollen?

    "Wenn die "Funktion" (uns obsolet zu machen, bisher) keinen Sinn ergibt, sind Mittel und Zweck unserer Handlungen nicht eins und daher "gespalten", was die klinische Schizophrenie unserer Gesellschaft abbildet."

    Aus dem Ordner über den freien Willen...

    Wie wäre Gesundheit ohne Freude denkbar? Die Teilhabe an einer Gesellschaft, die einen gespaltenen Willen zu besitzen scheint, führt zum Verlust der Freude.

    Gesundheit ist das Maß an Freude, das es einem erlaubt, seinen Verpflichtungen mit Begeisterung nachzukommen, um welche auch immer es sich dabei handeln mag. Freude ist es, den Willen der Stimme für Gott zu vernehmen, was bei mir ein Punkt ist, den ich bisher nicht überschritten habe. So würde ich an sich gern die Stimme für Gott in meinem Geist hören, aber die Stimme für Gott und das Ego sind in meinem Kopf nur durch den Inhalt zu unterscheiden, nicht durch die Form.

    Doch Heilung ist auch die Erinnerung an die Heiligkeit.Du Hast weiter oben das Prinzip der Heiligkeit beschrieben, ohne dass es Deine Mitwelt schon versteht und daher nicht angemessen beurteilen konnte. Hab es auf Seite 332 des Kurses in Wundern gefunden, als wäre es dort für uns hingelegt worden:

    "Vielleicht denkst du noch immer, dass Heiligkeit unmöglich zu verstehen ist, weil du nicht sehen kannst, wie sie so weit ausgedehnt werden kann, bis jeder eingeschlossen ist. Und es wurde dir ja gesagt, dass sie jeden einschließen muss, damit sie heilig ist. Kümmere dich nicht um die Ausdehnung der Heiligkeit, dann du verstehst das Wesen der Wunder nicht. Auch tust du sie nicht. Ihre Ausdehnung weit über die von dir wahrgenommenen Grenzen hianus zeigt gerade auf, dass du sie nicht tust. [...] Eine Eigenschaft ist nicht schwerer zu verstehen als das Ganze. [...] Die Einsicht, dass der Teil deas Ganze ist und das Ganze in jedem Teil, ist vollkommen natürlich, denn so denkt GOTT, und was für IHN natürlich ist, ist für dich natürlich". (1)

    Dabei beziehe ich mich auf die Szene, in der du von dem sprichst, was die Funktion der Priester-Innen einmal war...

    Mein einzig wirksamer Schutz ist es, keinen Schutz für meinen Geist als nötig zu erachten. Wenn es in meinem Geist keinen Willen außer Gottes Willen gäbe, wäre Freude, Heilung und Ganzheit unvermeidlich. Es gibt nichts außer Gott, das wirklich wäre. Die Stimme, die sagt, Gott könne es nicht geben und zum Beweis meinen erbärmlichen Zustand anführt, vergisst mein gegenwärtiges Glück.

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