+ Antworten
Ergebnis 1 bis 8 von 8

Thema: Gedichte aus der Tang-Zeit

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.June 2002
    Ort
    München
    Beiträge
    716

    Gedichte aus der Tang-Zeit

    nacht ist's. der schnee fällt
    bei nacht. der wind weht
    vom eis. wo du bist
    zu mir. leid vergeht.

    ich bin versunken.
    du bist schon verweht.
    nacht ist's. der schnee fällt
    bei nacht der wind weht.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    3.867
    Blog-Einträge
    35

    AW: Gedichte aus der Tang-Zeit

    Meine Ex-Frau würde hier mehr oder minder melancholisch sagen: verloren. Hier spricht nicht Edgar Wallace, sondern eine verlorene Seele.

    Das sagt so gar nichts über die Qualität des textes aus, nur über den Zustand derer, die hier etwas versucht. Sucht.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.June 2002
    Ort
    München
    Beiträge
    716

    AW: Gedichte aus der Tang-Zeit

    ja mit versuch hast schon recht, aber nicht wie du denkst.
    sucht ists hier nicht, obwohl ich verstehe, wie du es hier meinst.

    dieses gedicht ist der ein paar jahre alte versuch, einer sehr komplizierten reimform von chinesischen gedichten aus der tang-zeit gerecht zu werden. es hat eine enorm verlangsamende struktur und wirklich einen sehr verloren wirkenden klang. da hätte deine ex-frau vollkommen recht. ich bin immer noch nicht ganz dahinter gekommen, wie es eigentlich funktioniert. es ist seit jahren eines meiner mir rätselhaftesten gedichte. wenn ich die genaue anleitung wieder gefunden hab, so stell ich sie hier dazu.

    ich kenne das problem der suggestivität meiner gedichte. jeder leser bezieht sie auf sich persönlich. das kann er natürlich, ich bin ja froh, wenns jemand liest. aber ich schreibe frei und nicht codiert. da hätt ich ja schöne zensurschere im kopf, wenn ich immer noch alle subjektiven auslegungen anderer mitbedenken müßte dennoch passierts mir nicht zum ersten mal, daß falsche bezüge hineininterpretiert werden.

    das wirft die interessante frage auf, inwieweit die bekanntschaft eines dichters sich auf die interpretation seines texts auswirkt. ich denk mal, da? man da den texten oft unrecht tut. sie stehen für sich. die autobiografische dichte kommt selten aus der gegenwart (zumindest ergibt das nur tagebuchlyrik), sondern aus einem konglomerat von allem bisher gelebtem leben. was du am besten an der ähnlichkeit aller liebesgedichte untereinander ablesen kannst. sie passen im grunde für jeden leser. ich habe jedenfalls noch nie eines gelesen, aus dem sich der oder die angebetete spezifisch abgehoben hätte. die leichte übertragbarkeit auf jedes lyrische Du macht sie beliebt und beliebig gleichzeitig. und das ist eben auftrag der dichter: jedem menschen die worte zu geben, die er vielleicht selbst nicht findet. deshalb werden die großen dichter immer noch auswendig zitiert.
    das ginge nicht, wären sie codiert und allen anderen unverständlich. die uncodierte suggestivität hat also eine große beliebigkeit zur ergänzung und muß diese haben, sonst gelingt der transfer nicht. hermetische wollen den ja auch nicht. aber ich möchte für alle menschen schreiben, die sich in einer bestimmten situation worte wünschen. das versteh ich als soziale aufgabe des dichters. dieses trauergedicht ist für menschen, denen jemand gestorben ist. es ist kein wintergedicht. wenn du also verlorenheit herauszulesen in der lage bist, so ists als gedicht gelungen. und ich habe bis heute keine bessere form für die verlangsamung des rhythmus für trauer gefunden, als eben diese chinesische.

    danke für deine befasse.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    27.July 2000
    Ort
    Freiburg im Breisgau
    Beiträge
    338

    AW: Gedichte aus der Tang-Zeit

    Das Gedicht, eigentlich sind es nur 6 Zeilen (die ersten Zeilen werden zu Schlußzeilen). Es wirkt depressiv. Wodurch? Sicher durch das Thema: Schnee, nacht, eis, verwehen. Dann durch die auffällige Punktsetzung mitten im Vers. Die natürlich die Lesegeschwindigkeit zusätzlich abbremst: am Zeilenende sowieso, dann wieder zwei Silben später. Zeile 3 nach dem Punkt ist unverständlich: " wo du bist zu mir". Schön der Reim von "eis" nach "leid".

    Mir gefällt der Text, die dumpfe Melodie, die ungewöhnliche Form

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.June 2002
    Ort
    München
    Beiträge
    716

    AW: Gedichte aus der Tang-Zeit

    danke, Lester. die punktsetzungen waren die vorgeschriebenen Zäsuren innerhalb des verses.
    der wind ist sozusagen ausgespart: wo du bist ~~~~~ zu mir.
    ich finde es auch sehrsehr eigenartig. aber die verlangsamung der sprache eben, die dadurch erreicht wird, die findich hat schon was.

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.June 2002
    Ort
    München
    Beiträge
    716

    Post AW: Gedichte aus der Tang-Zeit

    ohne die strenge form. dennoch: tang-zeit. verlangsamung.

    Allem Leben
    Sich verweigernd. Euphemistischer:
    Die Liebe des Solitärs
    Zu seiner Einsamkeit.

    Opakes.
    Aus Angstkalkül Paria. Verletzender
    Denkmale setzend
    In verletzten Innenräumen

    Seiner Einsamkeit
    Gläserne Steigerung. Verzweifelter:
    Suchend Opakes

    In verletzten Innenräumen
    Unfruchtbarer
    Allem Leben.

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.June 2002
    Ort
    München
    Beiträge
    716

    AW: Gedichte aus der Tang-Zeit

    Und trinke endlich
    An der Schweigebrust
    Die warme Milch
    Des Irreseins

    Und springe
    Ohne Laut
    In das All
    Des Schweigens

    Dann endlich
    Lange Nichts sein
    Nur vollendet
    In Stille

  8. #8
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    3.867
    Blog-Einträge
    35

    AW: Gedichte aus der Tang-Zeit

    Suggestivität ist kein Problem bei einem Lyriker. Im Gegenteil. Wenn ein Text nicht DIESE Ebene hätte, würde er bei den meisten Lesern auf keine Gegenliebe stoßen. Es ist die Vieldeutigkeit, die uns in einen Text erst einläßt. Die glattpolierte Oberfläche mag mehr abstoßen als die Klippen, die der Brandung des lesegierigen Herzens - wer anders als dieser Lesertypus läßt sich überhaupt auf Lyrik ein? - entgegenstehen, zugleich aber die Lücken besitzen, die ihn seltsam hineinziehen. Und was anderes als Suggestion zieht ihn hintan?

    Zu den beiden untig angefügten Texten bald mehr...

+ Antworten

Ähnliche Themen

  1. Hoch-zeit
    Von Paula im Forum Lyrik
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 11.05.18, 10:05
  2. Stephen Crane: Sämtliche Gedichte
    Von aerolith im Forum Buch- und Autorenforum
    Antworten: 111
    Letzter Beitrag: 27.02.18, 07:46
  3. Emily Dickinson übersetzen - alle Gedichte
    Von Lester im Forum Buch- und Autorenforum
    Antworten: 8
    Letzter Beitrag: 01.06.17, 11:20
  4. Kategorie: Schlechte Gedichte
    Von kls im Forum Lyrik
    Antworten: 117
    Letzter Beitrag: 19.03.17, 11:38
  5. Die Zeit
    Von Darkness im Forum Lyrik
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 11.05.05, 22:01

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •