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Thema: eules gesammelte suren (restart)

  1. #26
    schreibt hier hin und wieder
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    gratwanderung

    ich fahre dir über den verleumund
    mit heisser zunge
    und hole mir kalte füsse

    aus deinen katzenaugen fliesst scheingold
    und netzt mir die haut
    auf weiter flur

    hirnstämme fliehen in die berge
    und scheren die höhen
    über einen kamm

    du schliesst die lippen
    der hahn kräht
    zum dritten mal

  2. #27
    schreibt hier hin und wieder
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    um die fetten hälse

    um die fetten hälse etiketten
    ein brett vor der stirn
    auf dem kopf ein pfund butter
    kerkerzellen im hirn
    zäh im blute
    steckt konvention
    und der stein auf dem herzen
    bleibt liegen zum hohn
    das denken in gewissenshaft
    die zunge zu protokoll
    die weste blütenweiss
    die frackhose voll
    gehorsam macht die beine breit
    dem guten ruf voraus geeilt
    schon werden orden und legate
    unter einander aufgeteilt

  3. #28
    schreibt hier hin und wieder
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    dankgebet eines zeitgeists

    dankgebet eines zeitgeists

    ich sag es gleich vorweg: ich bin dankbar und zufrieden! geniesse ich doch die privilegien eines im wohlstand der ersten und alten welt geborenen gemeinsam mit millionen gleich gestellter und gleich gesinnter, die, verbunden durch die gemeinsame tradition, den gemeinsamen, heil bringenden glauben und die uns alle einende kultur, wie ich, dem wohl des ganzen verpflichtet, strebend der sache des nächsten und der allgemeinheit dienen. wer dies für übertrieben oder pathetisch hält, dem möchte ich erwidern: ganz und gar nicht, mein freund! es gilt einzutreten für das gute in der welt und dort, wo es noch verhindert, sein vorankommen zu befördern! gott bewahre mich vor der globalen mieselsuch, die heute, so scheint es, gerade die hellsten köpfe und aufrechtesten gemüter befällt. nicht den sachzwängen will ich mich beugen, sondern in der hoffnung auf eine bessere zukunft für jene, die heute noch darben, will ich mich üben. nicht dem jammer will ich mich ergeben, sondern nicht müde werden, die litaneien vom sieg gegen not und elend nachzubeten. mein wohlstand ist mir verpflichtung zur achtung und bewahrung der werte, auf denen er gebaut. darin weiss ich mich eins mit den besten meiner art. gleich ihnen, die mir vorbild und ansporn zugleich, will ich meinem schöpfer danken und seinen auftrag zu erfüllen, mich mühen.

    ich will ehrlich trachten, meinen pflichten nach zu kommen, die mir von gott - und in dessen auftrag und an dessen stelle auf erden - von seiner kirche, vom staate, der das allgemeine weltliche wohl befördert, und seinen gewählten repräsentanten in weiser fügung übertragen.

    ich will mich fügen den meinem egoismus und meiner selbstsucht einhalt gebietenden regeln und gesetzen und will k?mpfen wider die sünde der eitelkeit und bek?mpfen die destruktiven kräfte des kritizismus und des widerstands gegen die allgemeine sittliche ordnung.

    ich will mich entziehen dem sog des säkularismus, der, dem menschen eine freiheit vorgaukelnd, die in der welt für sich nie zu finden, sondern allein in der segensreichen verbindung mit dem rechten glauben gelegen, nur vom übel ist.

    ich will befolgen die gebote des herrn und seiner kirche, die gesetze der sittlichkeit und des anstands, des gleichen die des staates und seiner gewalten, weil nur so die rechte ordnung und verfassung des menschlichen zusammenlebens her zu stellen ist.

    ich will mich anschliessen den kämpfern für gerechtigkeit und mich verweigern den falschen propheten, die nur angst und schrecken verbreiten, im wallenden gewande des gottesfürchtigen daher kommen, darunter aber den dolch und die bombe verstecken, mit welchen sie den friedfertigen drohen, so sie sich ihnen nicht unterwerfen.

    ich will mich bekennen zur demokratie, denn sie allein beschert uns die herrschaft der gottgefälligen über die sünder, der aufrechten über die gefallenen, der schwarzen schafe über die lämmer.

    ich will respektieren die zweigeteilte natur der göttlichen schöpfung, die da geschaffen als tag und nacht, arm und reich, mächtig und ergeben, klug und einfältig, oben und unten, rein und verdorben, tot und lebendig und nicht auf gewaltsamen umsturz der verhältnisse sinnen.

    schliesslich und endlich will ich aufhören, gott und den staat ständig mit bitten, forderungen und ansuchungen zu belästigen, will mich bescheiden und in diesem edlen sinne müszigend wirken auf meine nächsten und verwandten, auf dass auch sie sich der niederträchtigen gesinnung des eigennutzes entledigen und fortan wirken zum wohle des ganzen, seiner ordnung und gerechten einrichtung, so wie es gott gefällt und befohlen von seinen statthaltern auf erden.

    nun denn, mit einem worte, meiner langen rede sinn zusammen fassend, gestehe ich freimütig:

    ich danke gott für die einsicht in die weise ordnung seiner schöpfung!
    ich danke meinen eltern, lehrern und dem staate sowie seiner diener für die lehre des gehorsams und der fügung in die allgemeinen notwendigkeiten!
    ich danke schliesslich der gütigen vorsehung, in dieser besten aller möglichen welten leben zu dürfen!

  4. #29
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    Lightbulb patriotismus

    ganz ohne nation und ehre
    befällt mensch eine grosse leere
    er füllt mit hymnen sie und fahnen
    und dem geraune seiner ahnen

    er hört des blutes stimme rauschen
    und liebt es, marschmusik zu lauschen
    im herzen ist er patriot
    und morgen ist er tot

    drum vaterland, magst ruhig sein
    volk liebt dich bis ins grab hinein

  5. #30
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    das ist kein gedicht

    das ist kein gedicht
    hat keinen mund, der spricht
    kein auge da zum sehen
    kein kopf, der zu verdrehen
    es fehlen füsse ihm und hände
    der anfang und das ende

    das ist kein gedicht
    nirgends ein herz, das bricht
    ein lyrisch ich suchst du vergebens
    erst recht den sinn des lebens
    nackt und verlassen steht es da
    heissa jucheiassa

    das ist kein gedicht
    der leser weiss es schon
    der autor nicht
    hängt ihn!
    spiesst den gesellen auf
    inmitten seiner wörter

    das ist kein gedicht
    macht euch nur keinen reim
    darauf
    nein!
    geht endlich
    heim!

  6. #31
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    fallobst

    das fallobst aus meinen träumen
    liegt am tag faul in der sonne
    lockt fliegen und wespen
    brütet vor sich hin
    nehm ich es auf
    wie verblasste erinnerung
    zerfällt es mir in den händen
    kehrt heim in die welt der schatten

  7. #32
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    aw: das ist kein gedicht

    macht spass, dieses gedicht, das keines ist, zu lesen. und beim "heissa jucheiassa" stimmt das timing so vorzüglich, dass ichs wunderbar find. obendrein gibts ein lyrisch ich und ein lyrisch du, was will man mehr, auch wenn das eine das andere scheints vergeblich sucht.
    doch doch, eule, mich hast (fast) überzeugt damit:
    dieses gedicht ist wahrlich (k)ein gedicht!
    und das (fast) kommt übrigens von dieser strophe her:

    Zitat Zitat von eulenspiegel
    das ist kein gedicht
    der leser weiss es schon
    der autor nicht
    hängt ihn!
    spiesst den gesellen auf
    inmitten seiner wörter
    brauchts die? nee!

  8. #33
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    aw: das ist kein gedicht

    geb dir ja recht, diese strophe muss nicht sein; eine laune liess sie stehen, auch dichter haben schwächen

    das lyrische ich dankt! was glaubst du, was alles gestrichen wurde!

    gruss eule.

  9. #34
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    das ei - eine ostereierei

    ich legte dir ein ei
    entgegen der vernunft
    das ist so brauch
    in meiner zunft

    ja komm nur
    geh es suchen
    hinter dem sinn
    oder im kuchen

    vielleicht liegt es
    auf jener hand
    die jeder kennt
    doch keiner fand

    nahm es columbus
    nach amerika
    so wär es weg
    und nicht mehr da

    kann sein
    ich hab vergessen
    wo es steckt
    in all der zeit

    ich legte dir ein ei
    ins einer, aller, keinerlei
    was ist dabei?
    es ist vorbei!

  10. #35
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    schlupfloch

    hauch ein aus
    dazwischen ein traum in fleisch und blut
    rotz und galle
    freudentränen aus eis und salz
    trüben dir das aug
    hoffnungen schimmern
    immer hundert meter voraus
    ersticken im staub
    deiner stiefel
    du legst dich hin
    den himmel im hirn
    stehst auf
    so oft der tag sticht
    bis alles wasser verbraucht
    die lust versiegt
    der hass verdampft
    machst dich davon
    schlupf loch
    und weg

  11. #36
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    familienbetriebswirtschaft

    verbrüdert, verschwestert
    ahnungsvoll
    bemuttern sie das vaterland
    stiefeln kind und kegel
    durch heimatsand
    oheimlich grüsst der onkel
    von oben
    sauer blickt
    das basenpaar
    mehr personal!
    ruft das familitär
    und füttert kanonen
    mit spatzen
    die vetternwirtschaft
    liegt am boden
    total vernichtet

  12. #37
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    oh weh!

    weh, weh
    weh durch
    weh durch mich
    weh durch dich
    weh, weh

    ein hauch nur
    weht durch mich
    durchweht auch dich
    ein hauch nur
    weh

    und jetzt wollt ich albern den haken zum bauchweh schlagen
    z. b.

    ein bauch nur
    er weht so weh
    mein bauch
    dein bauch
    oh weh

    aber ich habe mich eines besseren besonnen und beende das gedicht nach dem 2. vers.

    jedoch gilt: wind und geist wehen, wo sie wollen. so weit so weh!

  13. #38
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    das butterbrot

    mein butterbrot
    mein butterbrot
    färbt langsam
    tropf um tropf
    sich rot
    schad ist es
    um die butter
    schad ist es
    um das brot
    schad ist es
    um die mutter
    die mutter
    sie ist tot

    mein butterbrot
    mein butterbrot
    wer wird das brot
    noch essen
    die mutter tot
    die mutter tot
    ich werd sie nie
    vergessen

  14. #39
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    die rückkehr der ameisen

    hie und da ein verwitweter reim auf partnersuche
    auf dem tisch ein paar welke rosen
    verduftet ins erinnern
    wünsche, lost in albumblättern
    kein platz für jetzt zwischen den uhrzeigern
    groll in allen ecken
    die züge sind abgefahren
    es regnet vergangene zeit
    auf unfruchtbare erde
    der ameisenhügel verlassen

    ab mit dem reim in die tonne
    rosen auf den kompost
    das album auf den scheiterhaufen
    die uhr ins museum
    groll in die asche
    ins abwasser mit der vergangenheit
    und siehe
    die ameisen kehren wieder

  15. #40
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    was ich will

    ich will

    mir sonne und mond
    aus den augen drücken
    daraus eine suppe kochen

    tag und nacht
    zu einem faden spinnen
    daran meine träume hängen

    vater und mutter
    aus dem kopf mir schlagen
    mit einem herzen aus stein

    gedanken wie unkraut jäten
    das gedächtnis
    häckseln zu stroh

    durst mit hunger stillen
    ende und anfang
    verknoten

    alle bilder verbrennen
    das lachen in tränen
    ertränken

    meine zunge legen
    auf thymian und rosmarin
    in essig und öl

    schmetterlingsflügel
    zu kunstblüten
    stecken

    gott zum geburtstag
    einen puffbesuch
    schenken

    aus wollen
    einen pullover
    stricken
    und
    masche für masche
    ins nirwana
    ficken

  16. #41
    Kurzvormabschussiger
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    das mäkeln verhäkeln

    interessant, was du so willst, eule.
    möge es dir gelingen.


  17. #42
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    was ich will

    interessant, was du so willst, eule. (zitat paula)

    mein lyrisches ich, liebe paula, mein lyrisches!

  18. #43
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    es tanzt kein stein

    die nacht hat ein gesicht
    der tag einen namen
    es summt und brummt im kopf
    gedanken fliegen ein und aus
    und schütteln ihre fracht
    in mein gehirn
    die augen schauen stets das gleiche bild
    auch wenn sie fest geschlossen
    uralte ängste flattern auf
    heut nur noch schatten ihrer selbst
    doch zäh, mit sieben leben
    bewölken sie die junge saat
    ein baum kann nicht wandern
    es tanzt kein stein
    komm krähe, hack mir die augen aus
    dann muss ich das ende nicht sehen

  19. #44
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    Post liebeserklärung

    jeder hat eine, jeder eine eigene. jeder liebt sie auf seine weise. manche haben mehrere. doch eine davon ist immer favoritin. die, in welcher man zählt, rechnet, fühlt oder betet. sie nennen sie muttersprache. weil man mit ihr gross geworden. weil sie einen umgab, umhüllte, umsorgte wie eine mutter. weil man an ihrer hand die welt erkundete, erfand. weil sie zusammen mit der muttermilch eingeatmet, eingesogen, aufgesogen und verinnerlicht wurde. sie formte mich. sie gerann mit der zeit zu einer hülle, die mit den jahren fester und fester geworden. ein panzer. charakter sagen manche. stütze wie behinderung. hilfe und gefängnis in einem. ein ebenbild meines wesens. von ihm konturiert und von ihr im gegenzug geprägt.

    für viele ist sie geliebte. eine höchst unverlässliche. manchmal hingebungsvoll und leidenschaftlich, dann kalt und abweisend. ich kann nicht denken ohne sie und nicht fühlen. nicht sprechen und schreiben. nicht träumen und wachen. sie ist immer da und doch nur selten zu greifen, begreifen. fasslich nur in ihrer äusseren erscheinung. ihrem wesen nach unfassbar.

    sie ist heilige und hure zugleich. sie gibt sich jedem hin. dem grössten schurken wie der lautersten seele. dem lügner wie dem wahrheitsliebenden. sie prostituiert sich dem niedrigsten zweck und dient den hehrsten zielen. sie ist wort gottes und des elenden fluch. sie ist todesurteil dem verdammten und verheissung dem hoffenden. sie wirft sich dem blutrünstigen tyrannen genauso an die brust wie dem edlen freigeist. sie wird missbraucht, misshandelt, vergewaltigt und nimmt dabei keinen schaden. im gleichen moment erstrahlt sie in vollkommener schönheit und vollendung. allen torturen zum trotz. aller vernichtung zum hohn.

    ich misstraue ihr zutiefst. und kann doch von ihr nicht lassen. sie ist täuschung, wahn, blendung. eine fata morgana des geistes. binnenwelt und fenster nach draussen. ein paradox. ein gleichnis. werkzeug und kunstwerk in einem. sie ist die grenze meiner welt und brücke vom ich zum du.

    sie tönte aus den mündern der götter und entrang sich den kehlen der sklaven. sie sang liebe und predigte hass. sie füllt heilige bücher und hohle köpfe bis heute. sie macht den menschen zum ebenbild gottes oder teufel. sie lässt den dichter singen und den unglücklichen klagen.

    mit ihr beschreiben wir die welt. in ihr offenbart sich unser eigenes wesen. sie trennt uns von den dingen. und öffnet die tür ins abstrakte. wie wir sprechen, so denken wir. was wir denken, wird uns vorgesagt. vorgeschrieben. in wort und schrift. wir hören sie und sind ihr hörig.

    manchmal möchte ich sie verlassen. sie töten und verstummen. in der hoffnung, der hörigkeit zu entgehen. dem sklavendasein zu entrinnen. dann wieder bin ich froh, dass ich sie habe. denn sie bleibt, wenn alle gegangen, alles vergangen. sie bleibt bei mir, wenn ich allein bin. sie, die hure, die ich mit allen teile, verlässt mich nie. und dafür liebe ich sie.

  20. #45
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    die elster

    eine elster auf dem dach
    stiehlt meine aufmerksamkeit
    und fliegt weg
    damit

    ich sitze da
    und weiss nicht warum
    sie das tut

    komm zurück
    kecker vogel

    doch sie atzt ihre jungen
    mit der seltsamen beute

    und die werden davon
    gross und stark

  21. #46
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    versuch über ein thema von ernsthafter schwierigkeit

    versuch über ein thema von ernsthafter schwierigkeit
    ernster versuch über thematische schwerhaftigkeit
    thema schwerhörigkeit beim besuch von ernst
    fernstudien mathematischer hörigkeit
    fermatische störrigkeit
    fertische göre
    fertig

    damit wäre der kreis abgesteckt. der arktisch hochalpine. für die folgende rundwanderung. in die eisige welt der gletscher. deren ewigkeit begrenzt. wie es sonnenscheint. eine ewigkeit von endlicher dauer. mit ablaufdatum. gigantische eiszapfen, an denen die erderwärmung lutscht. jeder sonnenstrahl ein marterpfeil. ein heisser pfahl im fleisch der eisriesen. die jahrhunderttausenden getrotzt und jetzt einfach weggerotzt. werden. ablaufen. ausrinnen. ausgletschern. wegplätschern. heute eissalon, morgen geröllhalde. in fünf jahren kein schneehäubchen mehr auf dem kilimandscharo. in zwanzig die alpen ohne eis. nur mehr iglo, langnese und mövenpick. und gelato italiano. in fünfzig jahren der himalaya eine steinwüste. der nordpol eine wasserleiche.

    wir haben sie auf den scheiterhaufen unseres energieverbrauchs gestreckt. die stillen, weissen riesen. puffen sie aus. aus dieselmotoren und kerosintriebwerken. dass sie ins schwitzen kommen. wir haben vergessen, dass sie die heimat der schneemenschen. und der überirdischen. in ihren bizarren eishöhlen. wo sie göttern auf schneematten in kristallbetten. umweht vom kühlen hauch der zeitlosigkeit. wo sie frieren in erhabenheit. dann und wann herab steigen von ihrem kalten thron, eine magd erwählen. sich an ihr zu reiben und zu wärmen die klammen glieder.

    das ist vorbei. wir heizen ihnen ein. den herren aus der kälte. ersticken sie in oxyd, treiben sie mit gas. aus ihren höhlen. tauen sie ab. destillieren sie zu gletschergeist. und nehmen sie schluckweise. zu uns. hunderttausend jahre regen, schnee und frost vegeistigt zu einem tropfen. wenn das kein beitrag zur spiritualisierung der welt. so gesehen ist der tod der gletscher nur ein übergang. in ein höheres sein. das zum-wohl-sein. prost!

    vom eise befreit das matterhorn, ihrer weissen robe beraubt die jungfrau. den hermelin abgestreift der himalaya. alle haben sie ihre weissen kittel ausgezogen, die hohen damen und herren. weil ihnen zu warm. jetzt thronen sie stumm und reglos in grauer nacktheit. besonnt einerseits, beschattet andererseits. und harren in felsiger unbeugsamkeit der nächsten eiszeit. die abfriere das gewürm zu ihren füssen. diese brandstifter und luftvergifter. auf dass ihren kahlen rücken wieder wachse ein flockiger pelz. sie sich hüllen in dicke mäntel aus edlem firn. und zurück kehren die götter in weiss. mit ihrem geschmeide aus wasserdiamant und eiskristall. die wiederkunft der gletscher. von glazial zu glazial.

  22. #47
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    die hummeln tot

    der morgen sonnt sich
    in sattem grün
    junge zweige blättern
    von baum zu baum
    die luft zwitschert blau

    vergessen mogelt sich
    durch meinen sinn
    und regen rinnt
    unter der haut
    ins tiefe mehr

    zwei blüten bienen
    um die wette
    und hummeln keck
    den hals ins licht
    da sind sie schon geköpft

    ich geh ins haus
    den schatten trinken
    und setze ihn
    wie einen hut
    auf meinen hohlen schädel

    nun ist der morgen hin
    das grün verstummt
    ein zaun
    um jeden baum
    die hummeln tot

  23. #48
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    ein ordentliches haus

    die fragen bohren sich langsam
    durch das hymen meiner rezeption
    und wünschen ein doppelzimmer
    mit aussicht auf besserung

    doppelzimmer gibt es nur für fragen
    mit dazugehörigen anworten
    lautet mein bescheid
    das sehen sie ein und trollen sich
    (nicht alle lassen sich so leicht abweisen)

    in meinem haus herrschen zucht und ordnung
    nicht so, wie bei gesindel und zigeunern
    wo alles in frage gestellt wird
    und nichts beantwortet

    obligat ist festes schuhwerk
    aus gepflegter tradition
    mit griffiger charaktersohle
    und straffen gesinnungssenkeln

    das gibt standfestigkeit
    bewahrt vor fehltritten
    und dem verlassen
    der gesicherten pfade

    für die anachie des zweifels ist bei mir kein platz
    meine zimmer sind aufgeräumt
    alles an seinem platz
    wie es sich gehört
    für ein ordentliches haus

    bezahlt wird im voraus
    bar auf die hand
    betteln und hausieren
    wird zur anzeige gebracht

    und jetzt lassen sie mich bitte allein
    ich habe zu tun
    keine zeit für faxen und pflanz
    wir sind ein ordentliches haus

  24. #49
    Wolkensteiner
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    was ich will

    das gefällt mir am besten von allen!
    zwischenmang hats mal so längen - aber man kann auch nichts davon weglassen!

  25. #50
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    tabu

    sie meiden das licht
    kauern in dunklen winkeln und ecken
    blinde passagiere unter deck
    geistern sie durch die nacht

    dann seh ich sie trotten
    durch graue träume
    geiseln des guten gewissens
    blind wie lemminge

    manchmal zerr ich einen hervor
    wie er sich krümmt und windet
    lass ihn wieder fallen
    wasch mir die hände

    es gibt sie in uns
    die kerker der frommen denkungsart
    die KZs der tausend guten gründe
    die blinden flecken hinter der stirn

    wo der mut versiegt
    wo die freiheit endet
    wo die vernunft kneift
    wo das tabu herrscht

    dem wir huldigen
    uns unterwerfen
    uns einzureihen
    in die schar der gerechten

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