Ergebnis 1 bis 25 von 25

Thema: Unsere Sprachwerkstatt

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.504
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    Unsere Sprachwerkstatt

    Beschäftigung tut not: Hier die Grundierung neuzeitlicher Rechtssprache.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.504
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Unsere Sprachwerkstatt

    - von Sonnenfels sah es als seine patriotische Pflicht an, ein vermittelndes Deutsch (zwischen Adel und Volk) als neue Kanzleisprache einzuführen
    - er stieß damit auf breiten Widerstand, denn Sprachreinheit galt in den katholischen Landesteilen als protestantisch (!)

    Deutsche Gesetzesbücher durften vorerst nicht kommentiert werden. Gesetz wurde gefunden, nicht paraphiert durch die Vernunft. Gesetz war, was Ausgleich schuf. Aber Ausgleich wurde nicht durch Verstand festgesetzt, war nicht zeitlich und räumlich bedingt, sondern galt immer. Präzedenz! man vermische niemals Rechtspraxis und -wissenschaft!
    Wider den praxisbezogenen Unterricht! Es darf gesagt werden, daß Beschulung das Gerüst liefern solle.
    Sprache liefert Rüstzeug, nicht das Gerüst selber. Praxis liefert Angehängtes, ist dem Wesen so fern wie eine Schneise dem Wald.

    Tautologien:



    • männiglich
    • alldieweil
    • ansonsten
    • eingestehen
    • Abschluß
    • Berichtigung
    • in Rücksicht auf
    • Rücksprache
    • Befugnis
    • Auskunft
    • unerfindlich
    • in Anbetracht
    • ein Schreiben erlassen
    • leerbeladen
    • unberührt


    Baum, der



    Linde, Eibe, Tanne, Fichte, Eiche, Birke, Kastanie, Lärche, Ulme, Buche, Pinie... die und Kiefer, die

    ABER Ahorn, der → warum?



    Der zappelnde Galan trägt dicht sein blondes Haar; er steht, verzogen bis ins Mark, steht heimstatt heuchelnd im geratewohl und findet doch den Weg zurück, allein; ist's doch ein eigen Strähnen streuen fahles Licht... Warum fallen mir diese Worte ein? Was macht's in unserem Kopfe, wenn man seine Feder ohne Nachdenken übers Papier rascheln läßt?
    Ich ahne den Prozeß des Schreibens. Das ist Schrott, aber er war in mir. Ich weiß, daß es Schrott ist, aber ich glaube hierin meine Sprache zu sehen.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    14.May 2000
    Ort
    Cary (Nordcarolina)
    Beiträge
    97
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Unsere Sprachwerkstatt

    na ja, ein paar von den lateinischen wörtern sind ja noch stärker in gebrauch als die eindeutschungen.
    ususfructus nennt man heutzutage, glaube ich, "nießbrauch".

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    1.May 2000
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    191
    Renommee-Modifikator
    20

    Question AW: Unsere Sprachwerkstatt

    Ich erfuhr von einem Jüngling aus Stuttgart, daß dort eine neue Rechtschreibsitte urbar gemacht werden sollte:
    undurstig hieße von nun an sitt
    als komplement zu unhungrig: satt

    wer weiß mehr?

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.504
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    Post AW: Unsere Sprachwerkstatt

    Zwei Anmerkungen zur Rechtschreibreform, zwei Beispiele für die Dummdreistigkeit, mit der Tradition weggewischt werden soll:

    1. belemmert soll werden zu belämmert

    - Wortstamm ist aber Lemma, d.i. die lateinische Urversion eines eingedeutschten Wortes (Glossarien und Übersetzungen), also entsteht die Unverständlichkeit bzw. Unfertigkeit des Ausdrucks in erster Linie aus der Unfähigkeit der Überlieferung... Hat mit dem Schaf also nix zu tun.

    2. Tolpatsch soll werden zu Tollpatsch

    - wird also an toll gebunden → Unsinn, weil das Wort Tolpatsch {wie das daraus entstandene Tölpel, was idiotischerweise dann doch einellig (!) bleibt} aus dem Ungarischen stammt, dort die Herkunft eines Infanteristen beschreibt, der dem Bauernstand entstammt, somit ein wenig ungelenk, aber nicht toll genannt werden kann

    Eine Tonne ist eben auch nicht ein Ton, obwohl man sich da so seine gemeiniglichen Gedanken machen kann.

    Antwort an visitor:

    Keiner weiß davon, vokativ!
    Preisfrage: S-P-O- Sätze, zerstören sie in der Fülle den Stil?

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.504
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    grau vs. Greuel

    Wer von schwarz-braunem Fachwerk spricht und dann von Gräueln, bei dem assoziiere ich GRAU, nicht griuwelich oder griuzelich, also GRAUSEN, starr geworden zu Grauen (kommt eben nicht von grau sein) bzw. Grausen geworden.


    Deshalb ist Greuel auch richtig, wenngleich die postmodernen Sprachschluderer ein Gräuel durchsetzen wollen.

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    10.July 2000
    Ort
    Duisburg
    Beiträge
    666
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Unsere Sprachwerkstatt

    Philologische Fliegenbeinzählarbeit

  8. #8
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    3.May 2001
    Ort
    Augsburg
    Beiträge
    59
    Renommee-Modifikator
    0

    Philosoph vs. Lektor

    erstellt von Robert: Hagen, das sind die Feinheiten der Sprache, die Dich zu einem Philosophen, mich aber zu einem Lektor machen.
    nein, so geht das nicht!
    Die Feinheiten der Sprache macht uns nicht zu etwas, sondern die Sprache ist - oder und hier sind wir doch auch in der Diskussion, lassen wir deinen Freund, Heidegger, sprechen: "Die Sprache kommt durch die Sprache zur Sprache." Also vice versa: Die Struktur der Sprache gibt uns in unserer Fähigkeit mit der Sprache umzugehen die Prämissen der Ausdrucksfähigkeit vor. Du kannst die Sprache unter literarischen Gesichtspunkten analysieren und dich als Lektor einbringen, aber über die grundsätzliche Struktur von Sprache damit nicht hinwegsetzen. Also wie ist das Verhältnis zwischen Philosophie und Einzelwissenschaft? Unter meiner Diktion hat die Philosophie, wenn sie dann redlich betrieben wird (siehe Heidegger), die Aufgabe die Prämissen für die Einzelwissenschaften zu begründen, die aus der Einzelwissenschaft nicht begründbar sind.
    In diesem Sinne: Es kocht noch nicht!
    Gruß hagen

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.504
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    Heidegger im Sprachordner

    Heidegger ist ein Feind des deutschen Idealismus, als solcher schon nicht Freund der Wolkensteiner.
    Sprache liegt in uns und kommt zum Vorschein, aber sie greift übers Vorkommen hinaus. Doch reden wir nicht darüber, schweigen wir dazu!

    Heute fiel die Bombe. Nur ein Gingko im Epizentrum überlebte. Ein Grund mehr, auf die Klassiker zuzugehen, die Nachkömmlinge aber mit Schamblättern zuzudecken. Vielleicht hilft's ja!

  10. #10
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    10.June 2000
    Ort
    Rom (Italien)
    Beiträge
    82
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: kalte anemonen

    erstellt von aero: Nur Dummköpfe glauben, daß ihr Ersterguß perfekt sei (für asmodai: Nach Verben des Glaubens, Meinens und Denkens setze ich vorzugsweise den Konjunktiv, obwohl das im Deutschen nicht unbedingt notwendig ist.)
    für asmodai? wie komm ich zu der ehre? [..] und was ist mit mir und dem konjunktiv ? kann mich nur erinnern, dass ich kattz/klammer geraten habe, in seinen "kalten anemonen" einen konjunktiv durch einen indikativ zu ersetzen, weil das besser in den text passt. war's das?

    konjunktiv ... lass mich mal nachdenken ... im obigen beispiel passt er, klar. wie ist das aber mit sätzen wie: "ich glaube, das geht so." und "ich nehme an, er hat gewonnen."? lässt sich daraus *ich glaube, das gehe so. machen und *ich nehme an, er habe gewonnen. ??? oder funktioniert das bloß bei dummköpfen (nur dummköpfe glauben, das gehe so. und: nur dummköpfe glauben, er habe gewonnen.), nicht jedoch, wenn ich etwas glaube?

    ratlos,

    asmodai

  11. #11
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.504
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Unsere Sprachwerkstatt

    Er hat so recht. Man darf nicht unliebsame Präpositionen tilgen, nur weil's einem gefällt. Der Genetiv mag sein Recht in der Sprache besitzen, aber er ersetzt nicht immer, er spart auch aus.
    Ich denke krumm. Meine Sätze drehen sich um sich selbst. Das gefällt mir, macht aber das Lesen für andere nicht leicht. (man beachte: ich habe eine Präposition benutzt!) Vom Verstehen will ich gar nicht erst reden.
    Kann man überhaupt seinen Schreibstil ändern? Kann ich es?

  12. #12
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Unsere Sprachwerkstatt

    Mir ist ein schönes Oxymoron über den Weg gelaufen: Westorientierung!

  13. #13
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    4.May 2000
    Beiträge
    109
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Unsere Sprachwerkstatt

    die sprache ist viel fältig, monsieur.
    setz mir keinen stacheldraht!

  14. #14
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    27.July 2000
    Ort
    Freiburg im Breisgau
    Beiträge
    462
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Unsere Sprachwerkstatt

    Dummheit, Ablativ?

  15. #15
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.504
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26
    Leicester, darf's ein bißchen mehr sein? Ich substituiere jetzt lester durch ein Dingwort: Kellner, darf's ein bißchen mehr sein. Jetzt permutiere ich die Bestandteile: Ein bißchen lester darf's mehr sein. Und jetzt bilde ich von lester ein nomen: Ein bißchen Lästerung darf's mehr sein.

    beiten - ein Warten ohne Ausblick aufs zu Erwartende
    Problem bei der Zuordnung von ß als 27. Buchstaben. Was wird mit daßß? Ein dasß, das, daß daßß? Gleichberechtigung des Buchstaben bedeutet, ihn auch doppeln zu können, da er als Zischlaut sehr wohl gedoppelt werden könnte. Problem mit der Frage der Homonyme. Sollen die verschwinden zugunsten einer Formveränderung? Unsinn!

    Was ist der Unterschied zwischen Ost-Deutschen, Ostdeutschen und Ostreichern? Es gibt kein Ostvolk.
    Nur den Gedanken behalten!

    Kiesbank kommt von kiesen, küren, etwas wollen, wählen, gutsein.
    Weil doch mancher dies als Fehler des Buches "Flußspaziergänge" brandmarken könnte.

    Weltbild zu haben heißt, in der Welt sein mit einer Sprachgemeinschaft. Weltbild ist nationell, doch apolitisch.
    Weltanschauung bildet sich übers Individuelle in einer politischen Auseinandersetzung. Diese wiederum benötigt den entsprechenden Stoffwechsel bei der Auseinandersetzung, d.i. die Sprache. Ohne Auseinandersetzung kein neues Blut, Aushöhlung und Wertverlust.
    Sprache fungiert als ein Weg zur Selbsterkenntnis des Rechten. Wähle, Mensch!

    Die Umschreibung zählt zu den wärmsten Bestandteilen dichterischen Schaffens. Allerdings neigen nicht wenige Wortschaffende dazu, Beschreibungen durch progressives ZU zu erweitern. Wie könnte man das verhindern?

  16. #16
    Mitgestalter
    Registriert seit
    8.December 1998
    Ort
    Hamburg
    Beiträge
    1.032
    Renommee-Modifikator
    22

    AW: Unsere Sprachwerkstatt

    hieße ja dann, den erweiterten infinitiv zu tilgen.
    und wohin dann mit meinem komma?

  17. #17
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.504
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Unsere Sprachwerkstatt

    Kaum und ja, doch. Es ist ein Konstruktionsfehler. Ein Fehler, der mit schematischem Denken zu tun hat. Es ist recht einfach mit dem erweiterten Infinitiv, mit Kausalsätzen, mit parataktischen Reihen, gleichen Muster.
    Völlig aus der Mode ist die Partizipalkonstruktion gekommen, Nominalstil wird gemieden. Ich weiß nicht, ob diese Schreibe schlechter ist. Ich jedenfalls habe meine liebe Mühe mit den erweiterten Infintiven, mit diesem Kausalstil, diesem pseudokausalen Geschwätz.

    Aber ich will jetzt nicht jammern. Es ist nicht so schwierig, Erweiterungen (die letztlich nichts anderes als Relativierungen sind) zu meiden: Man vermeide Daß-S?tze, UM ZU-Sätze oder auch nur WENNs. Das wird dem Probanden nur anfangs schwerfallen, dann aber, denke ich, wird eine neue Freiheit raumgreifend Sprachwelten öffnen, die bislang verschlossen blieben.

  18. #18
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    10.July 2000
    Ort
    Duisburg
    Beiträge
    666
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Unsere Sprachwerkstatt

    Als Partizip Perfekt von "kiesen" kennen wir wiederum "erkoren" sehr gut, was in einigen Weihnachtsliedern demnächst wieder erklingen wird.

  19. #19
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.504
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    Zschokkes Stil

    cäcilie von hohenberg, ein buch des einst bekannten und heute weitgehend unbekannten magdeburger autoren zschokke, glänzt durch stilistische ausschweifungen. statt es wurde abend zu schreiben, notierte zschokke folgendes:

    erstellt von Zschokke:

    Schon hatte die hehre Königin des Tages ihr Geschäft auf der diesseitigen Halbkugel vollendet und eilte, ihren Glanz der entgegengesetzten zuzuwenden; nur noch ein schwacher rosenfarbener Schimmer, der Widerschein ihres untergehenden Lichts, umfloß den Horizont. Der Schwüle eines heißen Sommertages folgte eine sanfte erfrischende Brise. Die von der Glut des Tages niedergesenkten Häupter der Blumen erhoben sich und strömten ihren Wohlgerüche in die Atmosphäre aus; Scharen von Krähen und Dohlen eilten mit lautem Gekrächz den Lichttürmen der Dächer zu. Die Vögel des Tages verstummten und suchten den wohlbekannten Zufluchtsort für die Nacht; an ihrer Stelle trat der lichtscheue Kauz aus seinem Schlupfwinkel hervor und erhob seine schauerlich winselnde Stimme. Von Zeit zu Zeit ließ sich aus dem Schilf an den Sümpfen das hohle eintönige Geschrei des einsamen Rohrdommels zwischen dem Gequäck der Frösche h?ren; während die liebliche Sängerin des Waldes, die Freundin der Dunkelheit und der Schatten, ihre Zauberlaute unter diese Grabgesänge des hinsterbenden Tages mischte.
    Darf hier gestritten werden, ob Es wurde Abend nicht anschaulicher ist, weil in diesen drei Worten ein ganzer Kosmos entstehen kann, während Zschokke mit seiner wenn auch linearen Panoramatechnik doch minder phantasiebegabte Leser erst dazu anstiftet, sich die Welt des Dichters vorstellen zu können?

  20. #20
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.504
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    Wustmann

    Wustmann behauptete, Partizipialsubstantive dürften nicht Ableitungen auf -in bilden: Beamtin, Verwandtin, Beklagtin, Bekanntin, Geliebtin...

    das wird unsere gleichstellungsbeauftragt(in)e sicherlich erfreuen, so etwas zu lesen

  21. #21
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.504
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Unsere Sprachwerkstatt

    Die Rechtschreibreform ist gescheitert. Es erforderte Mut, sie zurückzunehmen. Ob hier allerdings ein Volksentscheid Klarheit bringt, darf bezweifelt werden. Man müßte klipp und klar die Logik der bis 2000 gebräuchlichen Rechtschreibung nachweisen und könnte vielleicht den einen oder anderen Kompromiß eingehen, wobei... wer schließt schon von vornherein Kompromisse?

    Uwe Grund von der Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS) stellte fest, daß deutsche Schüler heute etwa doppelt so viele Fehler machen wie vor Durchdrückung der Reform. Das mag natürlich einerseits daran liegen, daß mehr Migrantlinge deutsche Schulbänke drücken, dürfte zudem an einer zunehmenden Lesefaulheit liegen, die als Kennzeichen der Postmoderne die Kinder mehr und mehr dazu veranlaßt, Schriftsprache v.a. als Kommunikationsmittel zu gebrauchen, nicht aber als Rechtschreib-Körper zu begreifen. So etwa: Wozu korrekt schreiben, es recht doch hin, daß ich verstanden werde? (dadurch werden zuerst die Feinheiten der Sprache abgeschliffen; am Ende bleibt ein oberflächliches Verständnis des Geschriebenen auf einem niedrigen Niveau der Verständigung)
    Die Fehlerquellen liegen v.a. in den Bereichen, die reformiert wurden: ss/ß-Schreibung, Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung.
    Die Reformatoren waren angetreten, hier Vereinfachungen schaffen zu wollen. Das Gegenteil erfolgte. Es ist sehr viel schwieriger, die nicht auf Semantik beruhenden Änderungen zu verinnerlichen als etliche Regeln auswendig zu lernen, die jetzt das Regelwerk bestimmen. Ich erinnere hier an die unsäglichen Veränderungen im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung. Vor der Reform hieß es schlichtweg: wörtliche oder übertragene Bedeutung? Heute gelten uneinheitliche Befugnisse mit lassen oder gehen, wobei etliche Ausnahmebestimmungen ein heilloses Durcheinander anrichten.

  22. #22
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.504
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    Post AW: Unsere Sprachwerkstatt

    Liste von Johannes Dornseiff

    schlecht: nichtsdestotrotz - besser: nichtsdestoweniger
    schlecht: blauäugig - besser: naiv
    schlecht: kamen drei Menschen ums Leben - besser: kamen drei Personen ums Leben
    schlecht: Ängste - besser: Befürchtungen
    schlecht: wir danken für Ihr Verständnis - besser: wir bitten um Verständnis/Nachsicht
    schlecht: recycling - besser: Rezyklierung/Rückverwertung
    schlecht: es macht keinen Sinn - besser: es hat keinen Sinn
    schlecht: Region - besser: Gegend

  23. #23
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.504
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Unsere Sprachwerkstatt

    Wer über die Sprache dichtet, hat das Geheimnis der Sprache nicht erfaßt. Sprachkunst ist eine Folge, nicht das Wesen, das Ursprüngliche der Dichtung. Sprachkunst ist also Handwerk, aber keineswegs Seelenarbeit. Dinge, Gegenstände, Gedanken, Ideen sind es, die der Dichter zuerst wollen muß, mitzuteilen hat. Erst wenn er will, wird er auch die passende Sprache finden. Die Sprache liegt auf der Straße, man muß sie aufheben. Aber der Bückende benötigt ein MOtiv, um sich zu bücken. Das Motiv findet er in dem, was er mitzuteilen beabsichtigt, eben das, wozu Sprache gebraucht wird. Wer sich NUR auf die Sprache fixiert, der hat das Wesen des Dichtens nicht begriffen und wird oberflächlich bleiben.

  24. #24
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
    Registriert seit
    1.September 2013
    Beiträge
    1.256
    Renommee-Modifikator
    8

    AW: Unsere Sprachwerkstatt

    Ich sah da ein Interview mit Martin Walser. Er wurde gefragt...ob er denn heute anders (Herangehensweise) schreibt als früher. Er verneinte das...betonte aber, dass seine Sätze mit zunehmendem Alter immer kürzer ausfallen - begründete das mit seiner Atemluft. Die Satzlänge spiegelt seinen Atemrhythmus wider. Erst nach dem Punkt holt er wieder Luft. Da er früher relativ lange die Luft anhalten konnte...fielen auch seine Sätze relativ lang aus. Heute, mit 90, fallen sie entsprechend kurz aus. Ich fand das sehr interessant - werde künftig wohl den ein oder anderen Satz mit ganz anderen Augen lesen.

  25. #25
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.504
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    periphere Unendlichkeit

    Mußte überlegen, ob die Wortgruppe "periphere Unendlichkeit" nicht besser im Ordner "Soloecismus" aufgehoben sein würde, aber nein: sie gehört hierher.

Ähnliche Themen

  1. Unsere EU
    Von anderedimension im Forum Politik.
    Antworten: 42
    Letzter Beitrag: 04.07.19, 10:36
  2. Unsere Nationalhymnen
    Von ala im Forum Leiden schafft
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 29.06.08, 12:47
  3. Unsere Pilzköpfe
    Von aerolith im Forum Alles Aushämische
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 09.10.04, 22:48

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •