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Thema: Die Merowinger während der Ausprägung des Feudalismus

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    Resurrector Avatar von aerolith
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    Rotkäppchen und die Päpstin

    Ein König von Britaa, vielleicht auch von Kürling [Westfalen], will Pippin seine Tochter zur Frau geben und sendet ihm ein Bild von ihr zu. Pippin möchte sie heiraten und schickt seinen Hofmeister, sie holen zu lassen. Dieser böse rote Ritter jedoch schiebt Pippin seine eigene Tochter unter und befiehlt zwei Knechten, die echte Braut zu töten und zum Beweis ihre Zunge zu bringen. Die beiden töten statt dessen einen kleinen Hund, die Prinzessin geht zu einem Köhler und darauf zu einem Müller, für den sie aus ihrem Mantel Borten aus Gold und Silber stickt.

    Nach sieben Jahren verirrt sich Pippin auf der Jagd in diese Gegend, und sein Sterndeuter sagt ihm voraus, daß er die kommende Nacht bei seiner Ehefrau schlafen und ein Degenkind, einen männlichen Erben, zeugen werde. Der Müller bietet dem König zuerst seine beiden eigenen Töchter an, die als die nicht Richtigen erkannt werden und wohnt endlich der Prinzessin bei. Sie erzählt ihm ihre Geschichte und zeigt ihm als Zeichen einen Ring. Pippin gelobt und gebietet Schweigen.
    Frau Percht, wie die Prinzessin genannt wird, gebiert [nach der Zeit] ihren Sohn Karolus, der als Sohn des Müllers getauft wird. Pippin wird benachrichtigt, ist jedoch auf verschiedenen, Jahre dauernden Kriegszügen. Karl selbst hält sich für den Sohn des Müllers, wird später Page eines Edelmannes, kommt an den Hof Pippins und wird - endlich - als [dessen] Sohn erkannt.? (Christian von Aretin: Älteste Sage über die Geburt und Jugend Karls des Großen. München 1803.)

    Der historische Kern: Zu Karls Zeiten kam quasi jede Frau zur Zeugung legitimer Nachfahren in Frage.
    Rotkäppchen ist überall, Schneewittchen nicht weit. Schließlich hat hier auch Parcival seine Ahnungen erfahren. Der Stoff ist so vielfältig in unsere Geschichte verwoben, daß er wohl mehrere Male in Variationen Wirklichkeit wurde.

    Zwar nicht Johanna die Wahnsinnige, aber auch eine, die der Wahnsinn trieb, die Päpstin Johanna, auch Frau Jutte genannt:


    Eine Episode aus dem Zeitalter der Karolinger: "[...]die Päpstin Johanna, auch Frau Jutte genannt [?] Die erste Erwähnung der Sage finden wir 1261 bei Stefan de Bourbon [?] Danach war Johanna in Mainz geboren, wurde von einem Liebhaber nach Athen entführt, wo sie studierte, darauf sei sie, als Mann verkleidet, in Rom Lehrer und schließlich, für zwei Jahre und sieben Monate [zwischen 855 und 858], Papst geworden. Entlarvt wurde sie, als sie, durch einen familiarem [intimer Freund] geschwängert, während einer Prozession zwischen dem Kolosseum und der Kirche des hl. Klemens [Klemens von Alexandria], ein Kind gebar, worauf sie von der empörten Menge auf der Stelle getötet worden sei.
    Wichtig ist, daß als Vater des Kindes häufig der Teufel ausgegeben wird, wodurch das Frevelhafte der Amtsanmaßung Johannas unterstrichen wird. Auch wird berichtet, daß sie, vor die Wahl zwischen irdischer Schande und ewiger Verdammnis gestellt, die erstere gewählt habe.? (Elisabeth Frenzel: Stoffe der Weltliteratur. S. 495. Stuttgart 2005.)

  2. #2
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    Post Die Merowinger während der Ausprägung des Feudalismus

    Bei den Merowingern, dem sagenhaften fränkischen Stammesfürstengeschlecht, das seit dem 5. Jahrhundert von Nordgallien aus Gallien und große Teile Germaniens unterwarf, bildete sich der fürs Mittelalter bestimmende Kriegerstand heraus. Die Krieger wählten ihren Zeugmeister, den sie Hunni nannten, und dieser edle Hunni war für die Ausrüstung verantwortlich (ca. 45 Kühe war die Ausrüstung eines Reiters wert); er regelte auch die Verteilung der Beute, meistens durch Los. Ob die Hunni ihren erworbenen Adel vererben konnten, darf für die meisten germanischen Stämme bezweifelt werden, wohl kaum jedoch bei den Merowingern, denen gemeinsames Blut mehr bedeutete als den anderen Germanen. Es war bei den Merowingern gleichgültig, ob eine Königin aus herrschaftlichem Hause war oder eben Volk; alle, die mit dem Blute des Herrschers in Berührung kamen, waren selbst zum herrschen geboren. Zu Schwierigkeiten führt diese Prämisse der politischen Herrschaftsbildung allerdings auch, denn jeder Sohn des Königs konnte die Krone für sich beanspruchen. Das Prinzip der Primogenitur (Erstgeborenenrecht auf Nachfolge in Amt und Würden) setzte sich erst um 1000 durch.
    Grundrente: Reinertrag des Bodens, d.h. das Ergebnis aus dem Gesamtertrag des Bodens abzüglich der Lohn- und Zinskosten für die den Boden bewirtschaftenden Bauern. Die Erträge mußten dem Grundherren bis zum 24. Juni (Johanni) entweder bar, als Fronarbeit oder in Naturalien erbracht werden.

    Als die Merowinger die Herrschaft an sich rissen, änderten sie den laschen Umgang der Germanen mit der politischen Macht von Grund auf. Sie setzten Grafen in Verwaltungsbezirke ein, die einen Stab bildeten, der die Verwaltung in ihrem Sinne durchführte. Es bildete sich eine neue Elite. Die alten Beamten wurden entlassen, manchmal abgefunden, manchmal erschlagen. Die neuen Herren führten die Verwaltung mit fränkischen und römischen Gesetzen. Manches wurde konfisziert und neu verteilt, anderes blieb, je nach dem, wer sich den neuen Herren liebsam gemacht hatte oder je nach dem, was die neuen Herren an Eigenverbrauch geltend machten.
    Der fundamentale Unterschied zwischen den fränkischen und den vorherigen anderen germanischen Herrschern bestand darin, daß die Franken mit der Einsetzung ihrer Grafen, auch romanischer (romanisierte Kelten), die gesamte Verwaltung in ihre Hand nahmen. Die Bezahlung der Beamten nahm der König vor, der die Konfiskationen dazu nutzte. Damit wurde der Staat neu aufgebaut, ein Vasallenverhältnis konstituiert, das auf Dauer ausgerichtet war. Eine Form des Führerprinzips. Der Graf konnte einen Staat im Staate aufbauen, der König war von weiteren Pflichten befreit. Der Graf verpflichtete sich mit Getreuen, dem König bei dessen Kriegszügen beizustehen. Diese Getreuen waren seine Vertrauten, auf die er sich in der Schlacht verlassen konnte. Ein Wort keltischen Ursprungs hat sich als Bezeichnung für diese Getreuen durchgesetzt: Vasall. Diese Vasallen lebten für ihren Grafen beziehungsweise König und mußten versorgt werden. Sie bekamen Land, allerdings erst nach ihrem Dienst, der für die meisten mit dem Tod endete. Aber letztlich wurden so Güter verteilt, die vererbbar waren und die von den Vasallen als Eigentum betrachtet wurden, als Entgelt für treue Dienste.
    Dem Grafen spielte es keine Rolle, ob seine Vasallen Leute seines Stammes waren. Er nahm sicherlich zuerst Familienangehörige in seinen Dienst, doch dann nach Leistung, nicht nach Herkommen. Gerade in den westlichen Gebieten des merowingischen Reiches verschmolzen so fränkische mit romano-keltischen Familien. Die Merowinger verloren deswegen an Kampfkraft – wie bereits erwähnt, waren die Germanen im Schnitt einen Kopf größer als die Römer – und gingen im neuen Volk der Franzosen auf. Das Zusammenführen von Germanen und Keltoromanen schwächte den merowingischen Staat, die Einführung des Einzugsrechts des Lehens durch den König stärkte ihn hingegen: In Frankreich wurde mit diesem Recht die Grundlage des Zentralismus gelegt. Der König konnte einziehen, wenn der Belehnte starb oder wenn er sich gegen den König stellte. Der Erbe des Gestorbenen konnte sich beim König allerdings auch vorstellig machen und ihm seine Treue versichern. Wenn der König Gefallen fand, belehnte er den Erben weiter. Das geschah meistens.
    Das ist das Prinzip der Feudalität: wirtschaftliche und militärische Partnerschaft bei klarer Hierarchie. Der Herr braucht treue Krieger, die er mit Land belohnt. Je mehr Getreue er hat, um so größer wird seine Macht. Der König siegte und ersetzte die einzelnen Hunni durch seine Grafen; die Hunni erhielten eine Funktion: Sie wurden Schulze, Dorfälteste, Verantwortliche für die Durchsetzung des fränkischen Rechts.
    Die Franken befleckten das Christentum nicht wie die Römer durch Ketzerei oder Heidenverfolgung; sie schmückten im Gegenteil die Opfer römischer Heidenverfolgung mit Gold und Edelsteinen.
    Später unter Karl dem Großen wandelt sich das; nunmehr ist ein Verstoß gegen christliche Vorschriften auch ein Verstoß gegen die Rechtsordnung. Karls Herrschaftsposition ruht auf der integrierenden Kraft des gemeinsamen Glaubens.
    Viele Fehden innerhalb der Königsfamilie zwangen 614 auf einem Reichstag zu Paris den merowingischen König Chlothar II. zum Edikt. Niemand solle fortan ungehört verurteilt werden können, niemand seines Erbteils beraubt werden, niemand Abgaben zahlen als die gesetzlichen. Das gleicht einer Selbstbeschränkung des Königtums, sicherte diesem aber letztlich die Macht, denn es unterband Zusammenschlüsse Adliger gegen den König. Der König gab Rechtssicherheit, außerdem verzichtete er auf Eingriffe in familiäre Angelegenheiten seiner Grafen. Nebenher trat ein Verbot für Juden in Kraft, das Bekleiden öffentlicher Ämter betreffend, womit deutlich wird, daß die Merowinger ein christliches Herrschergeschlecht geworden waren. Der König behielt sich die Benennung ausschließlich eingesessener Freier zu Grafen vor. Ferner wurde in Paris die Bischofswahl geregelt: Der König besaß hier nur ein Bestätigungsrecht. Der Bischof wurde vom freien Volk und dem Klerus gewählt, vom Erzbischof geweiht. Weltliche Gesetze besitzen gegenüber Geistlichen keine Gültigkeit. Weltlicher Besitz der Kirche ist den Grafen enthoben, eximiert. Es sind eigene Rechtsbezirke, immun gegenüber weltlicher Verfolgung. Was für ein Machtzuwachs des Christentums!
    Sieger dieser Streitigkeiten waren die adlige Kriegerkaste, die nun mehr Freiheit besaß, mehr Selbständigkeit gegenüber dem König, und die Kirche. Der Weg zur Zersplitterung des Frankenreiches war damit vorgegeben. Der König setzte zur Verwaltung der einzelnen Teilreiche Hausmeier ein, konnte aber deren zunehmende Machtfülle nicht einschränken, zumal seine Meier/Kanzler ihre Familien verschwägerten und auch kirchliche Würdenträger in ihre Familien brachten. Im Osten des Imperiums der Merowinger bildeten sich Hausmeiergeschlechter heraus. Das der Karolinger wurde am erfolgreichsten. Sie erkannten diese Fehlentwicklung bei den Merowingern und vergaben im 8. Jahrhundert keine Güter mehr als vererbbares Eigentum, sondern nur noch als Lehen, beneficium, die nach dem Tode des Belehnten an die Karolinger zurückfielen.
    Pippin war einer dieser Hausmeier. Einer seiner Söhne, Karl Martell, rebellierte gegen die vom Vater vorgeschriebene Erbfolge, setzte sich durch und begründete als Stammvater das Haus der Karolinger. Das merowingische Imperium befand sich in Auflösung: Aquitanien, Bayern, Burgund, Friesland und Thüringen gaben sich eigene Herrscher. Um 714 gab es überall Bürgerkriege, als sich auch noch ein äußerer Feind meldete, der Islam.


    Aufgaben:


    1. Nenne Kennzeichen des Feudalismus! (I)
    2. Stelle die Entwicklung der Merowinger dar und weise nach, daß ihre gewählten Methoden seinerzeit angemessen waren, um sich durchzusetzen! (III)



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