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Thema: Das Zeitalter Karls des Großen

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Das Zeitalter Karls des Großen

    Etwas über die Rangfolge der Wertschätzung bezüglich von Ausländern, Einheimischen, Bischöfen und jungen Müttern bei den Franken - es gab die Salfranken (Salier), Rheinfranken (Ribuarier) und die Moselfranken (Treverer):


    1. Wenn ein Ribuarier einen zugewanderten Franken tötet, werde er wegen 200 Schillingen als schuldig erachtet.


    2. Wenn ein Ribuarier einen zugewanderten Burgunden tötet, werde er mit zweimal 80 Schillingen bestraft.


    3. Wenn ein Ribuarier einen zugewanderten Römer tötet, werde er mit zweimal 50 Schillingen bestraft.


    4. Wenn ein Ribuarier einen zugewanderten Alemannen oder Friesen oder Bayern oder Sachsen tötet, werde er wegen zweimal 80 Schillingen als schuldig erachtet.


    5. Wenn jemand einen freigeborenen Kleriker tötet, werde er wegen zweimal 50 Schillingen als schuldig erachtet.


    6. Wenn jemand einen Subdiakon tötet, werde er wegen zweimal 100 Schillingen als schuldig erachtet.


    7. Wenn jemand einen Diakon tötet, werde er mit dreimal 100 Schillingen bestraft.


    8. Wenn jemand einen freigeborenen Priester tötet, werde er mit dreimal 200 Schillingen bestraft.


    9. Wenn jemand einen Bischof tötet, werde er mit dreimal 300 Schillingen bestraft.


    10. Wenn jemand die Leibesfrucht in der Mutter oder ein Neugeborenes, bevor es einen Namen hat, tötet, werde er wegen zweimal 50 Schillingen als schuldig erachtet. Wenn er die Mutter samt der Leibesfrucht tötet, werde er mit 700 Schillingen bestraft.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Das Zeitalter Karls des Großen

    Karl der Große verschmolz Römer- und Germanentum und kann als Ahnherr zweier Welten gelten, der deutschen und der französischen. Diese Zeit prägten die Kraft des germanischen Heerestums und die Intentionen Karls, Bildung zu bewahren, was bedeutete, die griechisch-römischen Ursprünge der Kultur in seinem Herrschaftsgebiet zu erhalten. Die Kirche bot sich als Trägerin dieser Bestrebungen an, denn in ihr versammelten sich Schriftkundige, währenddessen nur wenige Germanen lesen oder schreiben konnten. Karls Verdienst liegt darin, daß er die Wiederbelebung antiker Wissensschätze beförderte, letztlich auch durch seine Hofakademie, der er einen der genialsten Köpfe des Zeitalters vorstellte, den aus York in England stammenden Angelsachsen Alkuin. Der Horaz Karls, wie man ihn auch nannte, schrieb den Geistlichen vor, sie sollten Gottes Wort vorlesen, nicht heidnische Lieder oder Werke der römischen Klassik, den Vorleser solle man hören, nicht den Harfner, sagte er. Als Abt zu Tours wandelte er die Klosterschule zur einflußreichsten des Abendlandes. Alkuin gilt als geistiger Vater der Frühscholastik. Er formulierte zwei Bildungs-Wege:




    Heutige Akademiker würden Jura, Medizin oder Chemie, Physik und dergleichen vermissen. Diese Disziplinen waren kein Gegenstand der Akademie des Alkuin, sondern Lehrberufe, manche sogar als unrein verschrien. So mußten Ärzte ihr Handwerk vor den Toren der Stadt verrichten; Juristen (Advokaten) galten als Betrüger und durften ebenfalls keine Stadt betreten; Chemiker und Physiker waren immer hart am Rande einer Ketzerklage. Karls Zeit war die des gesprochenen Wortes. Wissen wurde mündlich vermittelt. Karl schuf eine Hofakademie, die Schüler als Nachwuchs für die Besetzung der Bistümer und Abteien ausbildete. Das ist eine Form der Machtsicherung. Und dies zeigt auch die Machtverhältnisse zwischen Kirche und Staat. Karl benutzte die Kirche zur Sicherung seiner Macht, auch der künftigen. Die Verwaltungsstellen wurden von Schülern besetzt, die im Sinne Karls ausgebildet worden waren. Sie würden sich als dankbare Parteigänger des Karolingers erweisen.
    Karl rettete vieles, allerdings: Geschichtsschreiber, v.a. die des Mittelalters, neigen zu tendenziöser Geschichtsschreibung. Das bedeutet, sie schrieben die Geschichte so, wie sie ihren Herrschern nützte. Starb der Herrscher, der Chronist dagegen blieb im Amt, kam es zur Änderung der Geschriebenen, es wurde ausradiert und überschrieben, bis die Darstellung dem neuen Herrscher paßte. Wir müssen demnach mit diesen Quellen sehr vorsichtig umgehen. Sie zeigen, wie Karl und seine Nachfahren die Dinge sahen, nicht unbedingt, wie sie der Wirklichkeit entsprachen. (Neben zahlreichen bereits zu Karls Zeiten gefälschten Urkunden treten die später gefälschten. Wahrscheinlich sind mehr als die Hälfte aller bekannten Quellen gefälscht.)
    Zu dieser Zeit wurde verfügt, daß jeder Missionar eine Tafel führen sollte, die das Osterfest für jedes Jahr berechnete. Jede Kloster- oder Kirchgründung bekam eine Tafel, auf die die Osterfeste eingezeichnet waren. Am Rand dieser Tafeln notierte man bedeutende Ereignisse. Geschichtsschreibung entstand, ganz öffentlich. Im Kloster Lorch in Hessen fanden sich die ältesten Annalen über Karls Taten, annales Laurissenses. Ein Auftragswerk. Politische Tendenzliteratur. Mächtigenhofierung. Da wird so manches ausgeblendet, verschwiegen, umgedeutet. Mit Einhard, dem Nachfolger Alkuins an Karls Hofschule, beginnt die deutsche Geschichtsschreibung, die wie folgt unterteilt werden kann:


    1. historia (Historie) – Erzählung des Geschehenen; das Wirken Gottes
    2. chronica (Chronik) – Zeitabläufe, die Tätigkeit des Geschehens in einer bestimmten Zeit wird erzählt
    3. annales (Annalen); res gesta (Taten des Königs) beziehungsweise vita (Lebensbeschreibung) – die Aufzeichnungen dessen, was geschah mit minderem Erzählcharakter


    geringere geschichtsbeschreibende Werkformen:


    • narratioErzählung; kleineres Werk über eine Person
    • genealogia – Geschlechtererzählung
    • katalogus – bestimmter Zusammenhnag von Taten und Ereignissen
    • liber chronicarum – Buch versammelter Kataloge
    • legende – vorgelesene vita


    Karl verfügte die Aufbewahrung seiner Beschlüsse, zudem die der Reichstage an 29 verschiedenen Orten, die sogenannten Kapitularien. Diese und viele andere Quelltexte finden sich in einem Großwerk, der Monumenta Germaniae. Seit 1819 ist man bestrebt, alle auffindbaren Quellen des Reiches in diesem Riesenwerk zu erfassen. Viele Quellen beschreiben militärische Taten. Karl ließ zur Verbesserung der Infrastruktur Wege durchs Reich bauen, wenigstens einer ist heute noch in Gebrauch, der Hellweg von Aachen bis nach Magdeburg, später weiterführend über Berlin bis nach Königsberg, die heutige Bundesstraße 1.
    Karl war an einem freien Bauernstand interessiert, der sich für seine Scholle einzusetzen wüßte. Der Lehnseid band viele Grafen an den Ruf des Königs. Fiel der Graf, so wurde sein Lehen neu vergeben. Die Grafen ihrerseits waren stark daran interessiert, ihre lehnsabhängigen Bauern in Untertänigkeit zu bringen, also über ihren Tod hinaus Pflichten einfordern zu lassen, die dann ihren Söhnen gegeben werden müßten. Man kann erkennen, wie Interessen auseinanderliefen. Der entstehende Adel positionierte sich gegen den Nährstand und den König zugleich. Der König seinerseits war auf einen freien Nährstand angewiesen, wollte er weiter siegreich sein, benötigte aber auch starken Adel, der seine Krieger zu führen wußte, eine Kriegerelite quasi, die er entlohnen mußte.
    Die großen adligen Besitztümer wurden von abhängigen Bauern (Kolonen) bestellt, die auf dem gräflichen Salhof zusammenkamen und hier ihre Organisation erfuhren. Darüberhinaus bewirtschafteten sie auch eigene Gehöfte. Geld spielte eine untergeordnete Rolle, man tauschte Naturalien und Dienstleistungen.
    Im Unterschied zum heute herrschenden Kapitalismus besteht im Feudalismus ein stärkeres Bindungsverhältnis zwischen Herrn und Knecht, ein stärkeres und durch gegenseitige Rechte und Pflichten definiertes Verhältnis. Der Grad der Entfremdung von der Arbeit ist gering. Im Feudalismus sieht jeder den Erfolg seiner Arbeit, wenn sie nicht oder schlecht getan wird, so werden viele darunter leiden. Im Kapitalismus sind einzelne Bestandteile im Produktions- und Verteilungsprozeß austauschbar, auch sieht der einzelne oft nicht den Erfolg oder Mißerfolg seiner Arbeit. Dafür existiert im Kapitalismus eine exakte Abrechnung. Am Ende einer Zeitspanne geht jeder mit einem mutmaßlich ausgehandelten Anteil am Ertrag nach Hause. Im Feudalismus ist die Arbeit nicht am Ende dieser Zeitspanne getan, sondern besteht quasi ein Leben lang. Die Neuzeit, besonders der lutherische Protestantismus, definierte Arbeit als Selbstzweck, nicht den Ertrag, und bestimmte diese als Lebenszweck. Das bedeutete und bedeutet noch heute für viele Menschen einen Verlust an Lebensinhalt, wenn sie nicht mehr arbeiten können, sei es Eigen- oder Fremdverschulden wegen. Im Mittelalter wird Arbeit als naturali ratione, als Notwendigkeit zur Erhaltung des Lebens des einzelnen und der Gesamtheit, bestimmt. (Weber)
    Auch im Gerichtswesen vollzog sich ein Prozeß der Arbeitsteilung: Die Grafen (Karl setzte ca. 200 im ganzen Reich ein) sonderten aus dem Gemeindeverband sogenannte Rachinburgen aus, die ihn bei der Findung des Urteils in einem Streitfall berieten, quasi die Stimme der Gemeinde übernahmen. Diese behielt das Recht der Zustimmung, den Vollbort. Karl bestimmte die Festlegung von scabini beziehungsweise scofi (Schöffen) und untersagte das echte Thing, zu dem bis dahin jeder freie Franke kommen mußte. Statt dessen wurde das geschlossene Thing begründet. Zur Kontrolle berief er Boten, sogenannte Missi oder auch Waltboten, die durchs Land reisten und Beschwerden aufnahmen, die gegebenenfalls vor dem König verhandelt werden mußten.


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    Aufgaben:


    1. Fasse die wichtigsten Leistungen Karls des Großen in einer Übersicht zusammen! (II)
    2. Was tat Karl, um seine Macht zu sichern und auszubauen? (II)



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