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Thema: Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

    Dumme Gedanken eines noch dümmeren Menschen - ein gänzlich misslungener Text:

    1. Weltweit werden die sich regen Zulaufs erfreuenden spirituellen und religionsextremistischen Ideologien politisch relevant.
    2. Ende der 90er Jahren des letzten Jahrhunderts waren 20% der im deutschsprachigen Buchhandel verkauften Werke Bücher mit religiösen und neoreligiösen Inhalten. Die populärste Form dabei ist die esoterische Literatur, die sich weiterhin stark im Aufwind befindet.



    Letztere möchte ich zunächst thematisieren und - Punkt 1 und 2 verbindend - polemisch die (unbeantwortet bleibende) Frage in den Raum werfen:

    Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?


    Seit den 60er Jahren haben sich in den westlichen Industriestaaten viele neue religiöse Bewegungen entwickelt. Das Spektrum reicht dabei von spirituellen Massagepraktiken bis zur Verehrung neuer Erlösergestalten.

    In vielen Ländern Europas ist der Zuwachs an esoterischer Literatur beträchtlich. Im Vordergrund stehen spirituelle Techniken mit Hilfe derer man sich Zugang zu verborgenen Kräften verschafft, um gewisse Bewusstseinszustände oder Heilswirkungen zu erreichen. (Angesichts von Angebot und Nachfrage bin ich geneigt, mich der Begriffe 'missionarische Impulse' einerseits und 'neoromantische Hoffnungen' andererseits zu bedienen, vielleicht bietet sich in weiterer Folge die Gelegenheit dazu)

    Die spirituelle Dienstleistungsindustrie wird oft als Reaktion auf Kapitalismus (und die dadurch bedingte "Selbstentfremdung") sowie der Wissenschaften beschrieben.

    Ist der Esoterikboom nur Reaktion, und nicht vielmehr aus derselben geistigen Basis wie des Kapitalismus und des modernen Wissenschaftsverständnisses entsprungen?

    Esoterische Weltbilder sind im Wesentlichen konstruktivistisch:
    Die Akteure neoreligiöser Felder schöpfen ihre Sinnzusammenhänge aus dem Nullpunkt. Ihre Welten entstehen aus Symbolen, die sich aus dem Nichts konstruieren lassen. Unter Zuhilfenahme verschiedener traditioneller Mythen ermöglicht dies das Verständnis des Selbst, des Ichs, des Bewusstseins als kosmisches Mysterium, das kosmische Ganze wird auf das eigene Selbst bezogen und in Interaktion gesehen.

    Das Resultat ist die subjektivierte und ästhetisierte Realität, jedoch wird diese Realität mit der Vehemenz einer wissenschaftlichen Objektivität eingefordert. Es werden die ehemals unversöhnlichen Gegensätze von wissenschaftlicher Rationalität und spiritueller Erfahrungswelt überbrückt. Wissenschaftlichkeit wird in religiöse Inhalte integriert.

    Esoterische Konstruktionen bzw. Spekulationen über die Welt rechtfertigen sich rational, sie integrieren wissenschaftliche Elemente, wobei aber weder eine kritische Distanz zur Spekulation noch eine Skepsis gegenüber der Spekulation feststellbar ist. Die Folge ist die Möglichkeit einer totalen Immunisierung gegenüber jeglicher Art von Kritik, die autosuggestive Erfahrungsrealität wird als Realität an sich erfasst. Eine Kritik an "den" Wissenschaften seitens der Esoterik ist unglaubwürdig. Sie wird für ihre eigene Rechtfertigung dogmatisch missbraucht.

    Die Vielfältigkeit der neoreligiösen Anwendungsformen ist vor allem durch die Verknüpfung von religiösen Inhalten mit nicht-religiösen Praxisfeldern gekennzeichnet. In ihren Anwendungen (Dienstleistungen) stellen sie Wissenschaften wie beispielsweise Medizin, Psychologie oder Soziologie in ein spirituelles Bezugssystem.

    Es werden also konkrete Nutzenaspekte in einem religiösen Kontext angeboten, somit sind neoreligiöse Industrien Erfahrungsindustrien (mit Hang zum Spezialistentum), in deren Vordergrund die Stärkung des Ichs oder des Bewusstseins steht. Wir haben es hier mit einer Nutzenmaximierung zu tun, die in ihrer Ausprägung an die oft zitierten kapitalistischen Auswüchse erinnert, vielmehr ihr ironischerweise entspringen, das Kapital hierbei ist das Ich, das Bewusstsein.

    Was die subjektive Erfahrung betrifft, meine ich, dass Esoterik sich autosuggestiver Tricks bedient: Ein Ereignis wird um eine subjektive Bedeutung erweitert, die dem Ereignis selbst zugeschrieben wird. Jede Alltagshandlung könnte damit als ein spiritueller Ritus mit kosmischer Wirkungszuschreibung aufgefasst werden. Das Erlebte selbst wird hierbei gemäß dem ihm zugewiesenen Bedeutungsrahmen als authentisch empfunden. Ein esoterisches Weltverständnis öffnet die Tore für jede beliebige Art für Immunisierung: Das Individuum kann seine Sinnzusammenh?nge beliebig konstruieren, dabei soll aber stets das eigene Ich oder Bewusstsein erhalten bleiben und in jeder Weise durch beliebige Sinnannahmen sich rechtfertigen, also wie dargetan, sich immunisieren.

    Die Heilsversprechungen basieren auf einen radikalen Narzissmus, psychologisch betrachtet, es scheint, das "Ganze" möchte auf das "Selbst" bezogen, das eigene Bewusstsein als Weltsubstanz empfunden werden.

    Hauptkritikpunkt:

    Es entsteht eine Zweckrationalit?t, die den individuellen Standpunkt mit seiner Perspektive bewahrt. Die große Gefahr dabei ist, dass sich auf diese Art selbst psychische Defizite zu religiösen Werten erheben lassen!


    Warum ist Esoterik populär?

    Ich denke, es lässt sich durch den konstruktivistischen Charakter einen kreativen Raum bilden. Es besteht keine Veranlassung mehr, sich an Begriffsdefinitionen zu halten, Sinnzusammenhänge können frei gewählt werden, wobei sich wie gesagt jene durchsetzen, die den Anspruch auf wissenschaftliche Rationalität stellen (und nicht einhalten).

    Zweitens dürfte das Menschbild der Neurowissenschaften seine Rolle spielen, die das Bewusstsein zu einem System neuronaler Impulse reduziert ("die 4. Kränkung der Menschheit" nach Kopernikus, Darwin und Freud), wonach das vielgeliebte Ich nur mehr aus Milliarden feuernder oder nicht-feuernder Neuronen besteht, seiner kosmischen Relevanz beraubt wird.

    Drittens die Betonung der Individualität und einer Art postmodernen Ich-Isolationsempfindung.

    Für weitere Punkte will ich den esoterischen bzw. neoreligiösen Rahmen verlassen und die Frage nach den Faktoren der Religiosität, religiöse Bedeutungsmuster oder metaphysische Programme weiter fassen und dazu Folgendes vorschlagen:


    • Bedürfnis nach Bedeutung


    These: Neben den Grundbedürfnissen des Überlebens scheint es ein Sinnbedürfnis zu geben, das, wenn nicht typisch menschlich, zumindest kulturell bedingt ist. Dieses Sinnbedürfnis ist jedoch an seinen kulturellen Rahmen gekoppelt.

    In den westlich-konsumistischen Gesellschaften bedeutet das die Verbindung von Haben-Orientierung (i.S. der Terminologie von Erich Fromm) mit dem metaphysischen Bedürfnis. Die Folge ist ein Verständnis eines substantiellen Ichs, eine Verabsolutierung der Person, die man in naiveren Auslegungen traditioneller Religion auch wieder findet, beispielsweise wenn die Sterblichkeitsangst dadurch überwunden wird, ein vergleichendes Ich (jetzt und danach) einzuführen, also die jenseitige Fortführung der diesseitigen Person oder Aspekte des diesseitigen Bewusstseins.
    Dies bedeutet, dass die Haben-Orientierung, wenn sie die metaphysische Vorstellungswelt beeinflusst, und ich meine, dass diese Entwicklung nicht zu übersehen ist, dazu verleitet, die (defizitären) Bed?üfnisse des Habenwollens durch die jeweiligen Sinnkonstruktionen zu befriedigen und zu bestätigen.

    • Wahrheit als emotionale Gestimmtheit


    These: Wahrheit ist etwas, das als Antwort auf die Frage nach Sinn genügt.

    Diese Antwort wird rational denkend in Übereinstimmung mit der Erfahrungswelt gesucht. Das Akzeptieren von Antworten als Wahrheit entspringt einer emotionalen Gestimmtheit. Der Punkt, an dem Wahrheit eintritt, ist somit kein Resultat der rationalen Herleitung, sondern eine emotional bedingte Beendigung dieser Herleitung. Das, was als Wahrheit genügt, ist wahr. Oder: Womit ich mich zufrieden gebe (=emotionale Gestimmtheit) reicht mir aus, als Wahrheit zu betrachten. Die rationale Herleitung ist lediglich gedankenkausal, sie muss nicht logisch sein.




    Fazit:

    Der Verfasser, unheilbar an morbus metaphysicus erkrankt und religiöse Ideen bei sich selbst als Wahnbildung entlarvend, fordert unverschämterweise: Eine moderne Aufklärung sollte den moralischen Imperativ auch auf Selbstanalyse und Reflexion der eigenen Bedürfnisse ansetzen, sowie der Vernunft - verstanden als Möglichkeit des Hinterfragens der eigenen Gestimmtheit - mehr Gewicht geben als dem Verstand, der oft nur als Rechtfertigungswerkzeug dient.
    __________________
    Es führt zu wesentlichen Entdeckungen, wenn man den Künstler einmal als Betrüger fasst. (Nietzsche)

  2. #2
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    AW: Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

    also mit dem einleitungssatz hast du schon mal jeden deiner leser beleidigt laß ihn weg.

    deine analyse finde ich gar nicht dumm, sehe nur den konnex zu einem mythos nirgends.
    ein mythos wäre eine einigende vorstellung, die global geteilt wird. insbesondere daran fehlts im jetzigen zeitalter aber ganz besonders.
    die zerrissene eso-szene, die ihrerseits bereits kapitalistische auswüchse zeigt, wie du richtig bemerkst, bietet diesen mythos nicht.
    und sie ist ja nicht neu. der alte weg, welcher in europa vor dem christentum begangen wurde, dabei aber von den vorsichtsmaßnahmen der verschwiegenheit und geheimhaltung begleitet, brach nach dem wegfall des christentums als einigendem europäischen dach einfach wieder durch. nur diesmal völlig ungeschätzt und jeder scharlatanerie offen, dem ego zuarbeitend und damit völlig conträr zum spirituellen weg.

    und die menschen in ihrer verunsicherung greifen nach jedem strohhalm bis zum gummibärchenorakel.
    dieser backlash nach der aufklärung war zyklisch vorauszusehen. ebenso sicher kommt wieder eine neue wissenschaftlichkeit nach.

    aus meinen rudimentären esoterikkenntnissen gesprochen, befinden wir uns im wassermannzeitalter, aquarius - ein alter hut.
    der neue mythos wird die freundschaft sein oder nichts wird sein. die braucht aber keine esoterik mehr, denn die egos werden aufgegeben. aus rationaler einsicht. die neue wissenschaft wird eine soziokulturelle sein: human-power statt technologie. die esoterik ist insofern eine randerscheinung eines absterbenden, deswegen sich aber gerade noch am höhepunkt befindlichen egos. das hast du doch ganz schön gezeigt.

    am mythos der freundschaft ist zu arbeiten. der wesentliche baustein dazu aus dem alten weg ist die erkenntnis, daß jede farbe ihre notwendige daseinsberechtigung hat, daß keine fehlen darf. daß es nichts grundsätzlich böses oder schlechtes gibt, sondern die integrierenden kräfte zu stärken sind.
    alles in allem wird gebraucht.
    daß du das selbstreflexive ansprichst, freut mich. daran fehlt es bei aller egozentrik merkwürdigerweise am meisten.

  3. #3
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    AW: Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

    Liebe Susanna,

    Ich verstehe deine Mythos-Definition der "einigenden Vorstellung" nicht.

    Unter 'Mythos' hatte ich bislang so etwas wie welterklärende antike Fabeln und Göttererzählungen verstanden...

    Jedenfalls sehe ich im Nachhinein selbst wieder meine Schwächen der Begriffswahl...

    Mit mythologisches Zeitalter meine ich also pauschal eine Ära der religiös/spiritistischen Weltauslegung. Oder sagen wir 'Superstitionismus'...

    Ich kann übrigens deinen Optimismus nicht teilen, für mich ist das alles erst der Anfang. Ich sehe in Zukunft einen deutlichen Vernunftverfall und in der Folge zahlreiche Wertekollisionen der unterschiedlichsten Aberglauben.

    Ein Blick in die USA sei gestattet: da versuchen Kreationisten eine ganz Nation zu 'superstitionieren', in den Südstaaten mit im wahrsten Sinne des Wortes Wahnsinnserfolg. Die Präsidentschaftswahl hat sich - mit der Ansicht stehe ich nicht alleine - durch religiöse Selbstinszenierung entschieden. Soviel zum christlichen Fundamentalismus, die Fundamentalismen anderer Religionen sind ohnehin im Dauerblickpunkt.

    Der Esoterikunkultur im 'aufgeklärten' Europa (oder allgemeiner im "Westen") bestätigt für mich einen globalen Trend.
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  4. #4
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    AW: Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

    nach dem sozio-kulturellen faschismus (20. jhdt.) kommt halt jetzt der esoterisch motivierte faschismus auf uns zu. eins ist sicher, auf der strecke bleibt immer die vernunft.

    warum das so ist? eine erklärung für mich wäre das unvermögen des menschen, ohne einen 'sinn' und ohne eine 'bedeutung' für sein dasein leben zu können (er glaubt wenigstens, er braucht diese krücken zum leben); dass dieser 'sinn' fast immer zum un-sinn mutiert und die be-deutungssucht im fanatismus endigt, das zeigt leider die erfahrung;

    ich halte diese sinnsucht des homo erectus eh für sein grösstes defizit; alle kapitalen verbrechen wurden/werden 'im sinne' einer höheren idee begangen! ideologie ist der grosse gegenspieler der vernunft und siegt meistens.

    gruss eule.

  5. #5
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    AW: Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

    @ rasu
    fabeln und göttererzählungen verbleiben im "bloßen" raum von literatur, wenn sie nicht in den herzen der menschen einen verbindlichen ort gefunden haben. zum mythos kann nur ein inneres bild werden, von dem jeder nächste, nicht nur der eingeweihte, auch die kleinste codierung versteht. der rückgriff auf dieses gemeinsame schafft den mythos. er dringt ins alltagsleben ein und es wird mit ihm gelebt. das meine ich mit einigender vorstellung. zugleich wird klar, daß nur die literatur einen solchen mythos schaffen kann, wobei diese nicht unbedingt eine geschriebene sein muß, sondern ein carmen sein kann, wie sie es traditionellerweise war.

    @ Eule
    auf der strecke geblieben
    immer wieder, immer nur...

    du denkst linear, erklärst aber deinen sprung von einer linie zur anderen nicht. nach jedem faschismus folgte auch eine gewaltlose bewegung, von der aus sozusagen wieder ein neuer anlauf in den nächsten abgrund erfolgte - um in deiner welt zu bleiben. da siehst du das glas wasser immer halb leer.
    ich sehs immer halb voll. aus jedem scheitern entsteigt ein phönix. ich sehe das zyklisch zusammengehörig. der große gegenspieler der ideologie ist das ideal. dieses entspringt für mich unmittelbar der vernunft. daß aus ihm eine ideologie oder ein - ismus gemacht wird, ist immer zeichen von unvernunft.
    die sinnsuche wirst dem menschen nicht austreiben können, da er mit der sicht auf den eigenen tod gestraft ist. und gesund ist das: dort wurzelt das ideal. dem hängenden bodenstarrenden kopf ist eine sonne und ein himmel gegeben. dafür ist man mensch. das "ob" eines ideals würde ich nie in frage stellen. sehr wohl aufpassen muß man bei dem "wie" seiner umsetzung. gewalt und fanatismus, faschismus sind die machtmittel der trittbrettfahrer eines ideals. diese konjunkturritter würden aber genauso offen ohne ideal am offenen herzen operieren. das ist für mich kein kriterium, deshalb das ideal gleich mit zu verurteilen. das ideal selbst muß sich also seiner vereinnahme ständig und aufmerksam entziehen.

    ich sagte ja schon andernorts, daß die religiösen institutionen allen kriegerischen auseinandersetzungen in ihrem namen die legitimation offiziell und inoffiziell entziehen müßten. blanke macht und gewalt bliebe übrig. die klare fratze des engels.
    dieses durchschaut, kann nur die vernunft und nur zur integration raten. wie? mit liebe. eine andere antwort gibt es nicht, wenn man konsequent denkt. am grund jeder machtsucht und gewalt steht ein defizit so groß, daß es immer wieder die grenzen der vernunft sprengt und andere auch! leiden sehen will, sie ängstlich und am boden braucht, um sich ein bißchen besser zu fühlen. ergo ist das defizit aufzufüllen und nicht noch mehr dazuzupacken. sind lange lernprozesse, die am leichtesten natürlich zu verlachen sind. aber das ist kein vernünftiger umgang damit. vernünftig scheint mir, samen zu säen, immer wieder. was sonst. (und dies ist keine resignierende frage, sondern ergebnis)

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

    Dieser Text wartet schon geraume Zeit auf eine ANTWORT. (worauf auch immer) Heute denn. Ich erinnre mich eines Streits mit Schnoberle um den Realismus-Begriff. Hierüber lassen sich bloß Meinungen austauschen und schon gar nicht läßt es sich mit dem Holzhammer argumentieren. Das führt nur zu verhärteten Fronten.

    Zitat, erstellt von Gorgias: Es ist nichts. Wenn etwas wäre, wäre es nicht erkennbar; wäre es erkennbar, so wäre es nicht mitteilbar. Sein und Nichtsein können nicht zugleich sein. Das sinnlich Unendliche ist ein Jenseits des Seins, es ist nicht; es ist eine Verschiedenheit, die vom Sein immer verschieden gesetzt wird.
    Das ist Musik aus dem mythologischen Zeitalter, sehr viel älter noch als Gorgias (5.Jhd. vc.).
    Rasumichin verbindet die Mythologie mit spiritistischen Neigungen des postmodernen Menschen und konstruiert daraus eine Tendenz fürs gesamte Zeitalter. Immerhin stellt er hier nur Fragen, und das ist gut. Manchmal ist es notwendig, ein wenig zu übertreiben, damit das Gewohnte und Alltägliche seine Bedeutung erhält oder verliert.

    #

    zu 1. Dazu wären ein paar Zahlen ganz hülfreich, sonst ist das bloß Hörensagen.

    zu 2. Was bedeutet das? Was ist neoreligiöse Literatur? Ende des 18. Jhd.s waren 50 bis 80% der verkauften Bücher sogenannte Erbauungsbücher. Spricht man also vom Zeitalter der Klassik als einem Zeitalter der mythologischen Renaissance? Was ist esoterische Literatur?

    Ich glaube, mein Buch "Die Leiden des jungen Wo." enthält hier auch einiges darüber. Ist es deshalb so ein Buch? Zugespitzt gefragt, ist ein Buch, in dem man sich mit dieser Problematik auseinandersetzt, ein esoterisches Buch? Ist das Wolkenstein-Forum ein esoterisches Forum, weil wir um solche Themen keinen Bogen machen?
    Es gibt hier in Magdeburg einen Masseur, der benutzt alte indische Massagetechniken und verbrennt auch das eine oder andere Pfeifchen dubiosen Inhalts. Cool. In der Kirche gibt es Weihrauch, zu Weihnachten Zimt oder Räucherkerzen. Ja und? Gab es immer, gibt es immer. Mensch ist so, entspringt seinem Naturell, sich als eins in allem zu fühlen, also auch stets und ständig auf der Suche nach dem alter ego zu sein. Verirrungen einbegriffen.

    Was ist Dein Problem damit?

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

    Zeit, ein merkwürdiges Faktum. Genau vor einem Jahr war ich hier zum letzten Mal. Heute stieß ich bei der Lektüre einer recht klugen Arbeit von Mähl aus dem Jahre 1965 über den Unterschied zwischen zyklischer und endzeitlicher Geschichtsbetrachtung.

    Wir Europäer haben uns mit dem Christentum auch das jüdische Zeitverständnis angeeignet, da hilft es gar nichts, daß sich Augustin regulierend einbrachte. Wir denken heute endzeitlich. Bis zur Zeitenwende taten das ausschließlich Juden, sie ERWARTETEN ihren Messias. Sie warten noch heute. Aber wir Europäer haben uns Jesus' angenommen und mit ihm die Zeit neu definiert, im Geiste der juedischen Heilserwartung neu bestimmt.
    Die Griechen dachten noch zyklisch: Manchmal konnte es da geschehen, daß die Vergangenheit die Zukunft küßte, das Bekannte dem noch Unbekannten begegnete und eins ward.
    Das ist heute nicht mehr möglich. Heute steuert alles auf etwas zu, auf ein mythologisches Zeitalter, das bloß eine Zwischenstation sein kann auf dem langen Weg zur Menschwerdung des Menschen, wenn die Vernunft siegte und die Menschen dem ideal angeglichen wurden...

    Die alte Vorstellung eines zirkulierenden Zeitlaufs sind da doch irgendwie sehr viel plausibler und erheiternder, freier. Früher oder später wird es dann auch ein Goldenes Zeitalter wieder geben, das den Keim des Untergangs in sich trägt... Und weiter und weiter und weiter, endlos. Wir haben einen Platz im Rondell, und einem jeden kann schwindlig darauf werden... :wasgeht?:

  8. #8
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Was diesen Ordner für mich interessant macht, ist die aufgeworfene Fragestellung hinter dem Thema: Religiosität.

    Der Mythus ist ein Muster; Geschichte manifestiert in diesen angepaßte Formen. Mythus ist unvergänglich, nicht abzutöten, solange es Menschen gibt. Das Mythische gehört zum Menschsein wie das Pinkeln. Ohne geht nicht. Das Mythische ist eine Struktur des Menschseins. Wir sehen Abbilder in unserer Gegenwart, in jedem Zeitalter neu erdacht und gestaltet, die uns die Grobstruktur, die Anfänge gleichsam, ein vor aller Historizität liegendes Vorvorgestern erahnen lassen.
    Wenn der Ötzi also darnach fragt, ob wir auf ein mythologisches Zeitalter zusteuern, ist das ungefähr die gleiche Fragestellung wie: Steuern wir auf ein Zeitalter zu, in dem Menschen pinkeln müssen?

    Aber ich möchte noch auf diese grundsätzliche Fragestellung kommen: Religiosität.

    Ich weiß nicht, ob ich ein religiöser Mensch bin. Ich möchte es gern sein, aber ich glaube auch, daß das ein recht unsinniger Wunsch ist. So etwas kann nicht erzwungen werden, eine erzwungene Religiosität, die nicht von Herzen kommt, ist eine unsinnige.

    Mieth hat in seinem Essay "Epik und Ethik" 1976 Religiosität als eine Verbindung von Aufmerksamkeit und Gehorsamkeit bezeichnet. Das gefällt mir. Aufmerksamkeit in bezug auf die inneren Vorgänge der Welt. Man muß hören können, beschrieb es Hölderlin. Das Ohr auf den Boden legen. Die Nase in den Wind halten. Zuhören, wenn der Nächste etwas sagt oder auch verschweigt. Gesten deuten. Im Dunkel sehen. Unterscheiden, aber nicht werten. Gott zuhören. Gott spricht durch vieles. Ich bin Pantheist genug, um das zu glauben.
    Gehorsamkeit ist ein Wort, das in unserem postpostmodernen Zeitalter schwer aus der Mode kam. Ich habe das mit meinem protestantischen Verstand so aufgefaßt, daß ich an dem Ort, wo mich Gott hinstellte, wirke. Und das so gut und schlecht, wie ich es kann, aber immer mit ganzem Herzen. Ich fasse diesen Begriff "Gehorsamkeit" als Aufforderung, mich Umständen anzupassen, dabei wahrhaftig zu bleiben und mich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Vielleicht sogar weniger als nicht wichtig.

    Zum Zusammenhang von Weltseele und Zeitalterbestimmung: (inspiriert von Hermann Detering)

    Die erste Weltseele ist eine sehr großräumig gedachte, aber ganz erfolglose, eine stoische Weltseele, die niemand zur Erleuchtung und zur Gotteskenntnis führte; darauf folgte eine engere, besondere des Alten Bundes, die freilich karge Frucht abwirft, da erst die einmalige Gottesoffenbarung die Wahrheit bringt: in diesem einen Menschen ist die Fülle des Logos gegeben, zugleich hat diese Offenbarungsweise Bedeutung für alle, sie ist universell.

    Die Richtigkeit meiner Interpretation bestätigt Hippolyt (Philosophoumena X 32-34.). Der Logos, durch Gott mit der Weltschöpfung beauftragt, geht von Gott selber aus; er ist nicht wie andere Wesen aus dem Nichts geschaffen, er ist aus Gottes Wesen entstanden, dessen eingeborener Sohn und darum Gott, obschon nicht der Gott, der aus sich selber Gott ist (Corpus Herm. VIII 2: "der Vater ist die Ursache seines eigenen Bestehens". Der hermetische Logosbegriff ist von Philo abhängig. Vgl. Jos. Krolt, Die Lehren des Hermes Trismegistos. Münster in W., 1914, S. 60.). Nach Vollendung seines Schöpfungswerkes beginnt der Logos mit der Erlösung der Menschheit. Er erscheint in den Erzvätern, erwählt sich ein Volk, dem er durch Mose ein heilsames Gesetz gibt; er inspiriert viele Propheten. Zum Schluß entscheidet sich Gott für ein noch wirkungsvolleres Mittel zur Erleuchtung und Rettung der Menschheit. Er befiehlt dem Logos, sich in Person den Menschen zu zeigen, direkt zu ihnen zu sprechen, ohne Zwischenpersonen, und ein menschliches Leben zu durchleiden, das für alle als Vorbild dienen kann.

    Das sind die Zeitalter.

    Es gibt einen wichtigen Einspruch vorzunehmen: Ein zyklisches Geschichtsbewußtsein verträgt keine Zeitalterbestimmung, keinen Telos.
    Jedes "Zeitalter" kehrt wieder, so oder so. Wir werden irgendwann vor Troja stehen und es brennen sehen. Immer wieder.

  9. #9
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    AW: Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

    Die Rede Benedikts XVI. in Regensburg rief bei den Muslimen Empörung hervor. Sie glauben, der Papa riefe zu einem neuen Kreuzzug auf. Das tut er wohl auch, aber es ist kein Ruf zu einem Kreuzzug in den Osten, sondern zu einem gegen die zynische Vernunft des Westens, die die Verhöhnung des Heiligen als Freiheitsrecht bezeichnet.

    Ich bin kein Katholik, aber in diesem Punkt gebe ich Benedikt recht.


  10. #10
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    AW: Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

    da ist noch einiges unscharf.

    - Abgrenzung von religion und macht:
    die verhöhnung der macht ist ein freiheitsrecht. der kampf beider seiten geht nicht um religiosität, sondern um die mit ihr bewirkte macht. die kirche hat durch ihr machtgebaren den hohn geweckt. gott nicht.
    die radikalen islamisten streben nach der macht, so wie sie es vom westen gelernt haben. es besteht ein zusammenhang zwischen todesstrafe und selbstmordattentat. das streben nach der macht hat auch hier die karikaturen geweckt. allah nicht.

    - Abgrenzung von vernunft und denken:
    die vernunft ist eine kategorie der seele, nicht wie das westliche denken, der verstand, eine vom menschlichen wegsehenkönnende begabung. gott will die vernunft wollen müssen, weil sie probiotisch ist. sie will das leben all seiner geschöpfe, ist im eigentlichen solidarität. sollte man meinen. denn außer dem regenbogen wissen wir von gott kein zeichen, daß er nicht selbst am liebsten seine geschöpfe in sintfluten immer wieder vernichten würde. das zeichen ist uns nur erzählt. es ist also eine menschliche interpetation. dennoch ein menschliche interpretation, die für das überleben aller vernünftig ist, da auch das kleinste teilchen im biotop sinn macht.

    - Abgrenzung von gehorsam und blindem gehorsam:
    gehorsam ist demut, die sich in das sein einfügt, dem sein fügt, dem all dient, den dienenden willen entwickelt. blinder gehorsam dient einem ego, das den gehorsam nicht rechtfertigen kann und keine infragestellung zuläßt. blinder gehorsam dient der macht.

    - mythos und macht:
    mit mythen kann man macht ausüben. sie stellen eine macht auch selbst dar, indem sie vorbild oder abschreckung, ziel oder sinn, schulterschluß oder feindbild vorgeben. sie können das so leicht tun, weil sie erklärungen liefern für unerklärliche oder noch nicht erklärliche tatsachen. insofern werden sie immer bleiben wie das pinkeln. stimmt schon.
    auch wenn es viele menschen gibt, die keinen sinn für mythos haben, keine erklärungen wollen und sich selbst zum zentrum engerer oder weiterer konzentrischer kreise nehmen.
    wird der mythos abgestriffen, wird freiheit von allerdings nur der macht, dem er diente, gespürt. die zerschlagung des mythos dient also der aufklärung. dennoch hat sie den großen haken, neue mythen zu kreiren. den zum beispiel, daß es keiner mythen bedürfe. ersatzmythen, unter denen sich auch der reine nihilismus verbergen kann.
    mythengefangene menschheit. dennoch bleibt an dieser stelle die anforderung an literaten, vernünftige mythen zu schaffen, die dennoch nicht langweilen. jaja, wir haben sie in der trivialliteratur. erst recht in der science fiction. wir hatten sie immer. wir haben sie nur nicht in der politik und der ethik, da beide zu langsam sind, stets einem althen mythos verhaftet.

    dazu ein alter katholischer witz:

    die kinder spielen krieg.
    "spielt doch einmal frieden!" sagt ihnen einer.
    "wie spielt man frieden?"

  11. #11
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    AW: Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

    gestern habe ich mir herrn kerner im fernsehen angetan. ich wartete auf die gustloff-runde und lauschte den krüppelsätzen verona pooths, die nichts sagte, das aber wortreich. währenddessen schlief ich ein (insofern ist verona wirklich zu gebrauchen). als ich zwischenzeitlich aufdöste, sah ich herrn knopp (der zdf-geschichtsguru), der mir gerade erklärte, daß die opfer letztlich selber schuld seien, weil schließlich die ss vorher in rußland gewütet habe. er nannte den untergang der gustloff eine tragödie. und da dämmerte mir im halbschlaf, daß der mann ja gar nicht anders könne, alles andere würde seinen job gefährden. dennoch halte und hielt ich seine aussagen nicht nur für epochenspezifisch, sondern eben darum auch für verbrecherisch.

    ich frug mich, was wir in unserem neuen europa eigentlich wollen? ist es nicht das friedliche nebeneinander, dazu ein gemeinsames, perspektivisches...? wollen wir, dessen bin ich mir sicher. wessen bedarf es dazu? richtig, ehrlichen umgangs miteinander und nicht der aufrechnung, schuldzuweisung und dergleichen mehr. ich kann im kommunismus, der vor dem angriff unserer soldaten schon mehr menschen umgebracht hat, und dem faschismus keinen wesentlichen unterschied sehen. ich kann zwischen dem faschistischen polen, das an unserer grenze stand, um anzugreifen und dem faschistischen frankreich, das sich nicht traute, auch keinen unterschied erkennen. das plutokratische england und das imperialistische amerika sind auch nicht besser als der nationalsozialismus. jedenfalls 1939. heute wären sie besser, aber nur, weil sie gelernt haben, die engländer schmerzhaft, die amerikaner sind noch dabei, auch wenn sie welt immer noch mit krieg überziehen und die kosten dafür ihren verbündeten aufladen. ich frage mich wirklich manchmal, wer nun schlimmer ist, der die wahrheit verschweigende oder der bewußte lügner?
    und dann kommen soche blödsinnigen urteile heraus wie dies von knopp, der den opfern letztlich die eigenschuld gab.

    in der bundesliga gab es letzte woche eine rote karte für den brasilianer diego, der seinen griechischen gegenspieler umstieß, nachdem der ihn beschimpft hatte. 1860 erhielt eine rote karte, weil der franzose ribery sich nach einem harmlosen schubser seines gegenspielers derart am boden wälzte, daß man glauben konnte, er habe starke schmerzen... das argument in den zeitungen war daraufhin, daß man unrecht nicht mit unrecht vergelten dürfe, diego und riberys gegenspieler also zurecht eine rote karte gesehen hätten. dem stimme ich zu. allerdings hätte der franzose wegen schauspielerei auch wenigstens eine gelbe karte sehen müssen - und der grieche ebenso.

    nun, in der geschichte, zumal wenn es um uns deutsche geht, gilt das selbstredend nicht. da dürfen russische u-boote auf deutsche passagierschiffe schießen und zehntausend menschen in den tod schicken; vielleicht waren auch ein paar flak-helfer dabei, dann wäre das ja ein militärischer angriff gewesen! das ist dann für diese krummgeister okay, denn es ist vergeltung. und ich kann es schon heute hören, wie die ratten aus ihren löchern kommen und das gutheißen und als ein recht beschreiben. ich empfinde das als opferschelte. wenn sie doch einmal den mut hätten und das als kriegsverbrechen nennten.
    in der ddr hatte man auch keine probleme damit, die bombardierung dresdens oder magdeburgs als kriegsverbrechen zu bezeichnen und neulich erst gab der amerikanische präsident bush zu, daß man auschwitz hätte bombardieren müssen. frage ich mich natürlich, warum man es nicht tat, dresden und magdeburg dagegen schon? (daß in der DDR die versenkung der gustloff nicht erwähnt wurde, paßt in meinen beitrag, das war dann nämlich auch nicht korrekt, wenn das jemand getan hatte; in der DDR maß man also auch mit zweierlei maß)

    ich will hier die greuel des nationalsozialismus nicht relativieren oder gar gutheißen, beileibe nicht, das waren verbrecher, aber ich frage mich immer mehr, ob die anderen, die alliierten, wirklich die guten in diesem krieg waren. und ich glaube, sie waren es nicht.

    Steht itzo noch der Zusammenhang zum Ordnerthema an: Mythen werden durch die Mächtigen geschaffen. Sie dienen der Behauptung ihrer Macht aposteriori. Manche nennen das auch richtig: Der Sieger schreibt die Geschichte. Die geschichte aber ist nur Folge der Alltagsmythen, die täglich neu konfiguriert werden, aber in ihrer Substanz unveränderbar sind. Wir steuern also NICHT auf ein mythologisches Zeitalter zu, sondern befinden uns mitten darin. Kapitalismus mit seinem Vernunft-Getue ist kraftvolle Ablehnung derselben. Vernunft ist die dunkle Seite des Mythos dieser Tage. Es ist die Vernunft, die sich auf pragmatische verstandestätigkeit stützt, auf Nutzdiktate und Rationalismus.

  12. #12
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    AW: Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

    world war II: the good war?
    sozialistische revue winter 2000:


    http://isreview.org/issues/10/good_war.shtml

  13. #13
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

    in adornos werk "dialektik der aufklärung" wird zwischen der tätigkeit, dem wirkprinzip der aufklärung, und dem mythos ein bedingungsverhältnis vermutet: kein wunder, denn wie ließe sich sonst eine dialektik der aufklärung herstellen?

    wörtlich lese ich:
    erstellt von Adorno:
    wie die mythen schon aufklärung vollziehen, so verstrickt aufklärung mit jedem ihrer schritte tiefer sich in die mythologie. allen stoff empfängt sie von den mythen, um sie zu zerstören, und als richtende gerät sie in den mythischen bann.
    mit anderen worten: wer etwas zerstören will, stärkt es nur. d.i. die dialektik des lebens. und diese erkenntnis ist alt wie ein baum: nur die gleichgültigkeit und das nichtwissen zerstören erinnerung. die auseinandersetzung läßt das mythische, das böse, das verbrecherische, das gute und das famose gleichermaßen am leben. jetzt stärker also etwas verdammt und verfolgt wird, um so stärker wird es.

    man bedenke das im angesicht der medialen aufmerksamkeit für hitler, rechtsextremistische gruppierungen und die nsu. entweder hat man die dialektik nicht verstanden oder man hat sie sehr wohl verstanden und thematisiert immer wieder das gleiche, um es aufzubauen und letztlich seine eigene arbeit damit zu sichern.

  14. #14
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

    unserer zeit fehlt es an metaphysik. das bedürfnis nach einer metaphysischen grundierung des daseins besteht nicht. da das ahnungsvolle aber in jedem menschen angelegt ist, seine numinose bestandheit, driftet er im vagen, pendelt in den techniken der postmoderne, die doch dem wesensgrund abhold sind, ihn (unbekanntermaßen) "fundamental" ablehnen. sie sind ja alle so versessen klug. aftergeraune, zeug, überwunden... lauten die noch freundlicheren umschreibungen für blödsinn oder spinnerei.
    und wenn es kritik gibt, dann diesseitsbezogene. man wolle den nationalstaat zurück, man wolle ein europa der vaterländer, man wolle einen überwundenen nationalstaat, man wolle eine ökologisch-verträgliche politik, man wolle soziale gerechtigkeit, gleichheit... das sind spinnerte ziele.

  15. #15
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    AW: Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

    War denn die Frage, mit der Wissenschaft einst auf den Weg geschickt wurde, nicht diejenige nach der Verbindung von Geist und Materie?

    Könnte nicht von einer Hochzeit zwischen Spiritualität und Wissenschaft gesprochen werden? Betrachten wir die Vorgänge, die sich bei einer einfachen Armbewegung im Körper abspielen und erkennen die Ionisierungsvorgänge als "Verschalten von Materie", könnten wir beginnen zu staunen. Wir verschalten in jeder Sekunde Materie, nunmehr bewiesen. Die Videos von Dr. Ulrich Warnke im Internet sind frei zugänglich, jeder möge sich insofern eine eigene Meinung bilden.



    So wird ein mythologisches Zeitalter insofern anbrechen, als wir den abstrakten Kern der alten Sagen und Mythen wissenschaftlich neu zu betrachten lernen könnten. Was war das goldene Flies? Was war die Bundeslade? Was ist die Auferstehung im Geist?

    Haben wir wirklich schon alles verstanden, was zwischen den Zeilen gesagt werden sollte? Zum Eingangstext sei angemerkt, dass es eine brauchbare Analyse der industriellen Vermarktung der Hoffnungslosigkeit darstellt und viele wesentliche widersprüchliche Aspekte und Effekte darstellt. Schöpfung durch Beobachtung ist eine wissenschaftlich im Messproblem definierte und unterschiedlich bewertete Tatsache. Die Kopenhagener Deutung des Doppelstaltexperiments wäre durch Hawking und Zeilinger zu ergänzen und könnte auch dann als kompatibel mit dem erkannt werden, was die Zeitlosen Weisheitslehren quer durch die Menschheitsgeschichte lehrten.

    Allein der Umstand, welche Zeiträume der Maya-Kalender abbildete, lässt die gesamte bisherige wissenschaftliche Lehrmeinung zur Kulturgeschichte fraglich erscheinen. Wie wollte jemand einen Zyklus von 25920 Jahren genau berechnen, wenn mindestens 2000 Jahre der Beobachtung zum Erkennen der Systematik notwendig sind? Und einem Mathematiker, der etwas einmal beobachtet hat, schenken wir wenig Glauben, leitet er daraus schon eine Formel ab. Die Zeiträume umfassen Zyklen von bis zu 432 000 Jahren und können kein Produkt erworbenen und beobachteten Wissens sein. Dafür haben die jeweiligen Kulturen nach heutiger Lehrmeinung in der Wissenschaft nicht die Zeiträume überdauert, die zum Erwerb und zur Bestätigung dieses Wissens durch Beobachtung notwendig gewesen wären.

    Ebenso wären geeignete Instrumente zur genauen Beobachtung nötig gewesen. Wesentlich wäre die Notwendigkeit, dieses Wissen mitsamt "Forschungsauftrag" über mindestens 2000 Jahre weitergegeben und bewahrt haben zu müssen. Ansonsten ist der Zyklus von 25920 Jahren mathematisch nicht zu berechnen. Zur Venusschleife komme ich noch, muss ich erstmal suchen.

    Verschränkung, von Einstein als spukhafte Fernwirkung bezeichnet, setzt Zeit und Raum in ein erweitertes Konzept der Betrachtung, würden wir diese allseitige wechselwirkende Verschränkung wissenschaftlich belegen können, wäre ein mythologisches Zeitalter unausweichlich. Was denkst Du denn, geschätzter Geschichtsexperte Aerolith, welches Schafsfell es lohnte, Jasons Aeronauten zum Aufbruch zu bewegen? Woher kam das Wissen um die Zyklen des Universums, den Zodiakus und die Ekliptik? Woher kam die Null? Warum geht es um genau diese "Nullpunktenergie", dem bewiesenen Zustand der Verschränkung?

    Daneben: Durch den Hype und die Fehldeutungen zum Datum 2012 wurde der Esoterik viel Wind aus den Segeln genommen, weil sich bestimmte Vorstellungen so nicht sofort bemerkbar machten. Doch gehen wir davon aus, dass mit dem Übertritt in das "Wassermann-Zeitalter" also dem Vorrücken im Zodiakus, bestimmte kollektive Veränderungen verbunden sind, könnten wir bemerken, mitten in diesem metaphysischen Prozess zu stecken.

    Anschließen möchte ich mich der Kritik am Allgemeingültigkeitsanspruch subjektiver Lehren, die individuellen Offenbarungen entstammen. Hauptkritikpunkt ist jedoch, bewusst bestimmte Abhängigkeiten zu erzeugen, um "dauerhafte Kundenbindungen" bei einem vorrangig wirtschaftlich orientierten "Geschäftskonzept" zu gewährleisten. Glauben zu verkaufen, beruht darauf, Wissen vorzuenthalten. Wissen anzubieten, das Glauben unnötig macht, ist nicht Kern dieser Geschäftsidee. Klar, die Trösterindustrie hat auf allen Ebenen Hochkonjunktur.

    Dauerhaft vor sich selbst davonzulaufen, wird der Menschheit nicht gelingen können. Zeit ist dahingehend relativ. Wir sind in einem Klärungsprozess von Vorgängen, die im kollektiven Unbewussten wurzeln und nun hochgespült werden. Die reine Rationalität wird immer mehr zur unhaltbaren These.
    Was sagte Goethe sinngemäß zu dem Thema?

    "Es wäre schön, wenn die Schüler nicht sofort versuchten, Lehrer zu sein".

    Die Vorläufigkeit des Wissens niemals aus den Augen zu verlieren, bewahrt die Offenheit für neue Sichtweisen. Wir lernen immer weiter, Standpunkte sind ein Relikt des vergangenen Zeitalters, wir auch immer wir es nennen werden. Die lange dunkle Nacht der Seele, so wird es in den Weisheitslehren umschrieben. Aber alles nur eine subjektive, unbedeutende und vorläufige Deutung vorliegender Informationen.

  16. #16
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Steuern wir auf ein mythologisches Zeitalter zu?

    Es wird als Zeitalter der Umkehr und Besinnung in die Geschichte eingehen.
    Das Zeitalter, wo man (nach großem Leid) erkannt hat, dass uns die Religionen auf einen falschen Weg geführt haben. Das kleine Luxembourg hat heute den Anfang gemacht und wird seinen Ehrenplatz in der Geschichte bekommen.

    Hinzufügung der Forenadministration am Neueinstelltag ins neue Wolkenstein-Forum am 13. Mai 2017: Papier vom 26. Jänner 2015; der Parlamentsbeschluß stammt vom 20. Jänner d.J.

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