Karl zeugte achtzehn eheliche Kinder mit mehreren Frauen. Drei Söhne seiner Lieblingsgattin Hildegard, einer Schwabin, die mit 26 Jahren nach der Geburt ihres zehnten Kindes starb, erhielten die Schwertleite, wurden somit volljährig. Er erkannte die drei überlebenden Söhne Hildegards an: Karl, Pippin und Ludwig. Die Töchter durften nicht heiraten, frönten aber zahllosen Ausschweifungen am Hofe in Aachen, die Karl nicht unterband. Karl änderte das fränkische Erbfolgegesetz nicht, was alle anerkannten Söhne als gleichberechtigte Erben bestimmte. 806 bestimmte Karl die Teilung seines Reiches:


  • Sachsen und Nordfranken;
  • Aquitanien und
  • Bayern und Italien.


Eine Episode aus dem Zeitalter der Karolinger: „[...]die Päpstin Johanna, auch Frau Jutte genannt […] Die erste Erwähnung der Sage finden wir 1261 bei Stefan de Bourbon […] Danach war Johanna in Mainz geboren, wurde von einem Liebhaber nach Athen entführt, wo sie studierte, darauf sei sie, als Mann verkleidet, in Rom Lehrer und schließlich, für zwei Jahre und sieben Monate [zwischen 855 und 858], Papst geworden. Entlarvt wurde sie, als sie, durch einen familiarem [intimer Freund] geschwängert, während einer Prozession zwischen dem Kolosseum und der Kirche des hl. Klemens [Klemens von Alexandria], ein Kind gebar, worauf sie von der empörten Menge auf der Stelle getötet worden sei.
Wichtig ist, daß als Vater des Kindes häufig der Teufel ausgegeben wird, wodurch das Frevelhafte der Amtsanmaßung Johannas unterstrichen wird. Auch wird berichtet, daß sie, vor die Wahl zwischen irdischer Schande und ewiger Verdammnis gestellt, die erstere gewählt habe.“ (Elisabeth Frenzel: Stoffe der Weltliteratur. S. 495. Stuttgart 2005.)

Karl und Pippin starben vor dem Vater, blieb Ludwig (778-840), den Karl 813 zum Mitkaiser krönte. Zugleich bestimmte er Pippins Sohn Bernhard zum König von Italien. Am 28.Jänner 814 starb Karl, 72 Jahre Jahre alt.



Unter Ludwig gab es bereits Zerfallserscheinungen, zumal Ludwig nicht in der Lage war, mit straffer Führung die Fliehkräfte im Reich zu nutzen. Die Folge waren Rangkämpfe, die wiederum zum Zerfall des Reiches führten. Unter Karls Enkeln kam es 843 zum Vertrag von Verdun, der Machtbereiche bestimmte. Ludwig I. Söhne, die Brüder Karl, Ludwig und Lothar, bestimmten nach dem Tode ihres Vaters 840 300 Männer, die die Grenzen im einzelnen feststellten und zu folgendem Ergebnis kamen:


  • Westfranken soll Karl II. der Kahle regieren;
  • Ostfranken Ludwig II. dem Deutschen gehören und
  • Mittelfranken soll Lothar I. zugesprochen werden.


Die Kaiserwürde ging an Lothar I.. Das Geteile ging weiter und weiter. [1] Im Südwesten hatten die Mauren bereits die spanische Mark dem Islam zurückgewonnen, [2] im Norden die Dänen ihre Markstellung [3] zugunsten eines neuen Heidenstaates gewandelt. Das Imperium Karls besaß nach seinem Tode keinen Mittelpunkt und kein funktionierendes Gemeinwesen. Somit bildeten sich überschaubare politische Einheiten, vorerst noch lose durch das Blutsband der Brüderschaft zusammengehalten, doch eben über jener Lebenstage nicht hinaus existierend. Verdun 843 steht nicht für die Schaffung einer neuen politischen Ordnung. In Karls Imperium kämpften nun drei Häuptlinge gegeneinander. Keiner der drei Brüder dachte an Konsolidierung, und der Zersetzungsprozeß des Reiches ging weiter: jeder bekämpfte jeden.

Der inneren Zerrüttung gesellten sich Angriffe von außen zu: Die Wikinger konnten unbehelligt die Küsten angreifen, manchmal segelten sie die Flußläufe stromaufwärts und brandschatzten. Die Schlagkraft des fränkischen Heeres hatte nachgelassen, eine Flotte war zwar geplant, jedoch nicht gebaut worden. Die Wikinger mußten sich mit Nadelstichen begnügen, zu gering war ihre Zahl. Existenzbedrohender wirkte da der Autoritätsverlust bei Karls Enkeln. Die Grafen drangen mehr und mehr darauf, ihre Lehen als erbliche zu erhalten, da das nicht gewährt wurde, verweigerten sie die Heeresfolge. Die strukturelle Schwäche des karolingischen Heeres wurde bei der Schlacht um Paris 884 deutlich. Der Kaiser kam mit seinem Heer, das aus vielen Grafen und deren Kontingenten bestand, um Paris von der Umklammerung der Wikinger zu befreien. Diese zogen sich auf das südliche Seineufer zurück und verschanzten sich. Doch statt diese Verschanzungen selber einzupferchen und somit auszuhungern, zogen die Grafen bald ab: Faulheit und Verpflegungsprobleme gaben wohl den Ausschlag. Denn der Kaiser sorgte sich nicht um die Verpflegung seiner Truppen, das überließ er den Grafen. Somit war das fränkische Heer nicht auf Belagerung eingestellt, sondern auf Entscheidungsschlachten.
Eine auf Vorratswirtschaft ausgerichtete Geldwirtschaft, die dann Nahrung und Bedarfsgegenstände auf den Markt wirft, wenn ein guter Preis dafür erzielt werden kann, all das gab es im 9. Jahrhundert nicht. Der Tausch von Gütern war vorrangige Handelsform. So hatten die Wikinger die Gegend um Paris bereits geplündert, für die Grafenkontingente war nichts mehr zu holen. Sie ritten also wieder nach Hause.
Damit hatten die Karolinger politisch abgewirtschaftet, eine geistige Führung der Päpste gab es nicht. Auch vom Papststuhl aus regierten Willkür und Grausamkeit, wie die vom Geschichtsschreiber Gregorovius übermittelte Totensynode und das Faktum zehn ermordeter Päpste zwischen 880 und 1000 belegen. Die allgemeine Empörung über die Ordnungsmächte war groß. Der Kaiser machte einen Vertrag mit den Wikingern und wies ihnen das Burgund als Winterquartier zu. Das war auch den letzten Getreuen des Kaisers zuviel, sie erhoben sich und setzten die Absetzung Karls des Dicken durch.
Neben den Wikingern im Westen drangen die Ungarn von Osten über die Grenzen und brandschatzten. Es wurde Zeit für eine neue Macht. Aber zuvor noch ein Blick auf die Entwicklungen im Norden Europas, über die in diesem Abschnitt mehrfach genannten Wikinger.


Aufgaben:


  1. Liste die wichtigsten politischen Ereignisse des 9. Jahrhunderts auf und erkläre ihre Bedeutung! (II)
  2. Erkläre den strukturellen Fehler in der Erbfolge der Franken! (II)






[1] Die fränkischen Herrscher benutzten Kapitulare zur Festlegung herschaftlicher Politik. Karl II. begnügt sich in seinem Kapitular damit, die Verfahrensform für die Neubelehnungen mit Grafschaften und königlichen Lehen während der Zeit seiner Abwesenheit festzulegen. Die Erbberechtigung des Sohnes auf das Lehen seines Vaters wird von Karl II. nicht bezweifelt. Er legt allerdings Wert darauf, die Belehnung selbst zu vollziehen. Brachte ein Belehnter keinen männlichen Erben zustande, zog Karl II. das Lehen nach dessen Tod wieder ein und folgte damit der Politik seines Großvaters Karl der Große.

[2] Die Rückgewinnung zumindest eines Teils von Spanien wird dem spanischen Nationalhelden El Cid (11. Jahrhundert) zugeschrieben, was der allerdings selten genug das tat, wofür er heute in Spanien gefeiert wird. Er verriet Christen gegen Muslime und Muslime gegen Christen, Christen gegen Christen und Muslime gegen Muslime, bis sein persönliches Ziel erreicht war: König von Valencia. Zuvor brandschatzte und plünderte El Cid die Stadt, obwohl sie sich ihm ergeben hatte.

[3] Als Mark bezeichnet man ein Grenzland mit besonderen militärischen Aufgaben und Rechten, die insbesondere die Sicherheit betreffen.