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Thema: Fragen/Antworten

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Fragen/Antworten

    24. Dezember 2004. Eröffnung dieses meines... "Arbeitsordners". Als Geschenklein an mich selbst?

    Der Akt des Schreibens ist immer auch und gerade der Versuch, aus dem Bereich des Persönlichen auszubrechen und dadurch dieses "eine" Leben zu befreien... wovon?

    Es scheint legitim - und mehr noch: wünschenswert -, sich mit "fremden" Gedanken auseinanderzusetzen, diese aufzunehmen in diesen "Fluchtplan" für das eigene Leben, welchen das Schreiben bedeutet.

    In diesem Sinne beabsichtige ich, wahllos einige Fragen, die sich mir stellen während des Schreibens (an was auch immer), in diesem Ordner zumindest zu 'konservieren', selbstverständlich aber immer in der Hoffnung, dass von euch Anregungen, im besten Falle gar Antworten ebenfalls eingehen werden hier.

    danke dafür im voraus.

    Mr. Jones

    frage: gibt es eine schuld, die man auf sich geladen hat, wenn die "böse tat" ohne absicht geschah? (z.b. ödipus: wird er schuldig, wenn er ohne sein wissen mit seiner mutter...?)

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Fragen/Antworten

    nein

    für mich ist schuld eine schuld, wenn ich es mit berechnung und absicht getan habe
    __________________
    Bornierte Menschen soll man nicht widerlegen wollen. Widerspruch ist immerhin ein Zeichen von Anerkennung (Richard von Schaukal, öster. Schriftsteller 1874-1942)

  3. #3
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    AW: Fragen/Antworten

    natürlich ist er in gewisser weise schuldig, aber aus einer anderen perspektive, nicht aus seiner, weil ja ohne sein wissen, aber...
    ich glaube, es kommt auf die sicht an. wer fragt denn nach der schuld? die öffentlichkeit? die gesellschaft? oder er selbst?...je nach perspektive kann die schuld (-frage), so glaub ich, anders ausfallen...mir fiele da spontan ein ganz großes beispiel ein...
    __________________
    Sandra

  4. #4
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    AW: Fragen/Antworten

    Ich finde, das ist einer der tragischen Aspekte des Lebens, dass man oft etwas Richtiges oder Gutes tun will und dann etwas Schlechtes dabei herauskommt. Da könnte man sich denken, es wäre besser gewesen, man hätte gar nichts getan. Aber Nichtstun aus Angst vor irgendwelchen unabsehbaren Folgen (und die gibt es immer) kann ja auch nicht die Antwort sein. Wir haben halt nicht alles in der Hand. Wir können nur mutig und aufrichtig sein und dabei Fehler machen.

    Hoffe euer 24.12. war schön! Ich bin ziemlich beschwipst. Und die Wohnung ist ein heilloses Chaos. Gähn.

    Lähne

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Lightbulb AW: Fragen/Antworten

    Freilich ist er schuld. Und ich weiß auch nicht, ob ich darüber traurig sein sollte. Ein Pech gehabt macht es auch nicht. Wir kommen nicht unbeleckt auf die Welt. Freilich, wäre ich einer jener neumodischen Individualisten und der Auffassung, daß jeder mit Zero anfängt, dann müßte ich sofort schreien: "Was kann denn Ödipus dafür?" Aber dieser Auffassung bin ich nicht. Ich denke, bis wenigstens ins vierte Glied ist Schuldhaftung gegeben.

    Ich büße selbst für die Taten meiner Eltern und Großeltern und meiner Urgroßeltern. Keine Frage. Sehe ich nicht aus wie sie? Spreche ich nicht ihre Sprache? Esse und lebe und athme ich nicht ihre Luft? Ich trage ihr Bild und ihre Worte in meinen Herzen, bewußt, unbewußt und unterbewußt, also bin ich (auch) sie. Ich nehme ihre Schulden auf und trage sie ab. Ich nehme das (aus meiner Sicht) Gute und entwickle es weiter. Und manches denke und lebe ich weiter, das ihnen von besonderem Wert war, auch wenn ich es heute nicht immer so begreife, wie sie. Aber ich versprach es. Und ich begreife es jeden Tag ein wenig mehr.

    Um auf Ödipus zurückzukommen: Er zeigte Demut. Und das macht ihn unvergänglich und allen Nachgeborenen zu einem Vorbild. In einem metaphysischen Sinne hat er sein Menschsein erwiesen und sehr viel Gutes bewirkt, als er sich selbst bestrafte.

    Ich könnte Stunden darüber schreiben. - Danke, Jonathan!

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Fragen/Antworten

    hannah arendt: "Wo alle schuld sind, ist es keiner."
    vielleicht sollte ein jeder hier erst mal definieren, was er unter schuld versteht.

    gibt es nicht die eigen zugestandene und die oktroyierte?
    ist schuld schuld, wenn ich sie als solche empfinde, oder wenn jemand anderes mich dessen bezichtigt?
    beides(?) wo ist der unterschied
    __________________
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  7. #7
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Fragen/Antworten

    Wenn nur das Schuld ist, wofür ein Mensch sich schuldig fühlt, dann sind die Sensibelchen, die sich selbst hinterfragen, Verantwortung für ihr Tun übernehmen, Schuld aner- und bekennen, sich ENTschuldigen, die schuldigsten Menschen - und die mit dem stumpfen Gewissen sind die Schuldlosen.

    Letztere haben aber oft ein sehr scharfes "Bewusstsein" für die Schuld anderer Menschen... daher BEschuldigen sie gern - jeden, nur sich selbst nicht.

    Ich glaube, dass die Beurteilungskriterien für Schuld außerhalb des Menschen liegen.

    Lene

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Fragen/Antworten

    schuldhaft handelt, wer vorwerfbar handelt.

    bei den germanen galt noch die erfolgshaftung: "die tat tötet den mann."

    da war es für strafe egal, ob den täter ein verschulden traf oder nicht. wurde beispielsweise beim holzfällen ein mann ohne das verschulden des fällenden getötet, wurde er an seinem sack an das brückengeländer genagelt.

    so etwas finde ich nicht in ordnung. bin froh, dass das heute nicht mehr geregelt ist!

    the christmas-schnobs

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Fragen/Antworten

    Das Prinzip als solches hat viel für sich, Schnoberle. Die Tat macht den Mann. Solche Weichei-Argumentation wie Notwehr oder dergleichen kann prinzipiell nicht gutgeheißen werden. Da schwirrt zuviel Unbedachtes umher. Selbst Dein Beispiel des umstürzenden Baumes hat da nicht viel für sich. Was geschicht denn da eigentlich, wenn ein Baum umstürzt, wohlgemerkt, wenn einer einen Baum umstürzen läßt (sägen etc.). Was macht er dabei eigentlich? Schaut der sich nicht um, wenn der Baum fällt? Läßt der einfach fallen? - oder, anders betrachtet, sagen wir mal, religionshistorisch betrachtet: Wessen Nähe so ein "Unfall" eignet, der hat eben Pech genug an den Hacken, daß die Gemeinschaft gar nicht anders kann, um den Fluch der Götter abzuwenden, als diesen Mann schlichterdings zu opfern. Der tut dann durch sein Opfer noch was Gutes und das Gleichmaß ist wieder hergestellt. Sühne nennt sich das wohl schon seit Urzeiten.

    Und wenn man bedenkt, wann einem das ACHTUNG! im Halse abstirbt - doch nur, wenn man es eigentlich nicht rufen will.

    Liebes Schnoberle! Die Problematik der Schuldfähigkeit beschäftigt mich schon lange. Ich habe schon als 18jähriger ein Drama namens vis maior geschrieben und dort einen Speerwerfer schuldig gesprochen, der einen Zuschauer aufspießte. Den und den Veranstalter.

    noel: Blödes Argument von Hannah. 1. Niemals sind alle im gleichen Maße schuldig. Das prüfe jeder für sich selbst. 2. Niemals und niemals nicht sind alle schuldig. Es gibt kein Tätervolk! Wer aber an Schicksal resp. Schicksalsgemeinschaft glaubt, dem bleibt gar nichts anderes übrig, als sich in die Schuldgemeinschaft zu begeben. Er hätte sich ihr ja wie Hans Jonas schlichtweg in ethisch verantwortungsvoller Drohgebärde auch entziehen können.

  10. #10
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    AW: Fragen/Antworten

    schuld und sühne.
    oder wenn man, wie auch die neuzeitlichen übersetzer, genau:
    verbrechen und strafe.
    kann man nachlesen.
    dereinst dostojewski... (tach sandra, na?)

    ich war ja mal kathole.
    früher und richtich.
    richtich messdiener und all so was.
    wein hier.
    wasser da.
    und zwischendrin: weihrauch.

    die katholen fahren ja völlig auf den schuldkomplex ab.
    kömmst auf die welt und bist erst mal der arsch.
    weil mensch.
    sündenpfuhl quasi implantiert.
    sodom und gommorha (?) im blut.
    sausack! arschfresse!

    dann kannst de dich allmählich läutern.
    kommunion.
    ein schönes wort.
    wie kommunismus.
    komm doch.
    vien, wie der franzose sacht (ab 1789...).

    firmung.
    nun jeder selbst der näxte, der behauptet:
    wohlan, gott ismir.
    ismir der näxte.
    imma und über-all und bis in den tod.

    sacht.
    sacht man.

    ich hab schon pferde kotzen sehen.
    hm.
    naja.
    sacht man so.

    vor allem dann,
    wenns mir scheiße geht.
    dann, my god,
    dann ist häxte eisenbahn:

    hilf mir.
    gib mir.

    pah!
    pfui deibel.

    n?.

    die arme sau is auch nur ein mönsch...
    womöglich.
    weiß ich nit, aba könnt ja sein.

    und dann diese kreuz-geschichte.


    weiweiwei.


    da ist noch einiges im argen, dünkt mir.
    schad?.


    naja.

    ich hab ja zeit.

    er hatte pech...


    noch was?

    achja, ich plädoriere auf unschuld!
    ich schreie: schwan!

  11. #11
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    AW: Fragen/Antworten

    so ihr. wird alles in text eingearbeitet, und auch was kömmt noch, verlasst auch drauf. und danke. und weitere
    frage(n):

    erinnerung: was ist das? wie sieht sowas aus, erinnerung? filmt, oder fotografiert das gedächtnis? und was läuft denn da so ab, was für ein film? oder das bild, wie sieht das aus auf dem foto im kopf? was ist erinnerung, und wo geht hin das vergessene?

  12. #12
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    AW: Fragen/Antworten

    nix.

    nix wird vagessn.

    bleibt allet.

    war, ist und wird.

    was auch immer.

    sagen wir: ein schrank!


    bleibt, war und wird:

    sagen wir ein fisch!

    fragen noch?

    blubb.

    a priori...

  13. #13
    schreibt hier hin und wieder
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    lieber chef, war eben bei den germanen so. da wurde der verursacher bestraft, ganz egal ob ihn ein verschulden traf. er konnte alle sicherheitsmaßnahmen getroffen haben ("baum fääääällt!" rufen, warnschilder aufstellen:" warnung des forstministers: umfallende bäume können ihrer gesundheit schaden!"). all dies hätte ihm nicht geholfen, die tat - und eben nicht der täter mit all seinen rechtfertigungs- und entschuldigungsgründen - tötet den mann. so schnell ist der sack gar nicht an das brückengeländer genagelt.

    dein sperwurfbeispiel ruft mir einen fall aus der lex aquillia, dem römischen gesetz über den schadenersatz in erinnerung.

    ein barbier betrieb sein geschäft in der nähe eines ballspielplatzes. an sonnigen tagen steltte er schon mal stuhl samt kunden und schnippselte im freien an mähne und bart herum. und eines tages begab es sich, dass unser barbier wieder einmal stuhl samt kunde ins freie verortet hatte. just in dem moment, als der barbier mit dem rasiermesserscharfen rasiermesser an der kehle rumfummelte, kam ein ball vom ballspielplatz geflogen, direkt auf die rasiermesserführende hand des barbiers.

    blutspritz. ein wenig zappeln noch. und der kunde war unrasiert in den tod gegangen.

    wer haftet für begräbniskosten? unterhalt der hinterbliebenen? verdienstentgang des barbiers? reinigungskosten des balls?

    fragen die unter den römischen juristen heftig diskutiert wurden.

    the christmas-schnobs

    lieber mr.jones, an die erinnerung erinnere mich gelegentlich. ich nehme gerne dazu stellung!

  14. #14
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    AW: Fragen/Antworten

    Wobei "Schuld" bei den Germanen wörtlich zu nehmen war - diese Krämerseelen waren durchaus bereit, zwecks Schuldausgleich einen materiellen Gegenwert zu akzeptieren. Wer diesen nicht leisten konnte, dem ging es mit dem Ziel eines Ausgleiches im Sinne von "Gleichgewicht" ans Leder...

    Erinnerung ist die peinlichste und krasseste Form von Selbstbetrug.

  15. #15
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    AW: Fragen/Antworten

    zwar sagte noch niemand, wovon er spricht, wenn er vom erinnern spricht, aber immerhin zwei klare aussagen:

    "nix wird vagessn. bleibt allet." (zum beispiel der schrank im fisch, siehe pauls kommentar.)

    "Erinnerung ist die peinlichste und krasseste Form von Selbstbetrug." (hui, spannend. bitte genauer noch, wenns geht, und mehr, bitte!)

  16. #16
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Fragen/Antworten

    entscheidend ist in der tragödie, wobei ich nicht weiß, ob da gerade ödipus das beste beispiel ist, die doppelbindung: die wahlmöglichkeiten eigenen handelns sind derart beschränkt, daß jede alternative schuldig macht, deshalb die helden dahinsterben zum gerechten ausgleich im fünften akt.

    die erfolgshaftung des unschuldigen dient einem ausgleichs- oder rachebedürfnis, ist aber ungerecht, da sie die lasten ungleich verteilt.
    das fortstehlen aus der individuellen verantwortung in eine allgemeine ist es auch. hier trägt ja niemand mehr schwer. was alle tun ist noch nicht gerecht. aber menschen sind nun mal mutiger in der masse, rotten sich gerne gegen ausgesuchte opfer um die sau rauszulassen, geben dann noch gerne dem opfer die schuld. selber schuld! sagen sie dann höhnisch.

    ob man objektiv etwas dafür kann oder nicht, entlastet nicht vom sich schuldig fühlen. daß hier die feineren den groben gegenüber benachteiligt sind, hat ja Lene gut herausgehoben.

    im schuld tragen nimmt man aber etwas auf sich und den anderen ab. der sündenbock ist ein heiliges tier. ja: demut ist das stichwort. eine fast ausgestorbene tugend bei all dem geschrei: ich bin aber nicht schuld!
    dumm oder schuld zu sein sind zwei große tabus heute, in deren nähe niemand kommen möchte. ihre bedeutung wird völlig verkannt.

    und um mich nicht zu wiederholen paradoxerweise meinen einstandstext hier noch mal:



    "Es gibt doch zwei Arten von Schuld: die von außen Zugewiesene, naja mit ihr hat die Gruppe umzugehen, und die vom Ich-Tribunal Verhängte. Sie ist die Schwere, die belastet, zumal es keine Instanz zu geben scheint, die verzeihen kann, auch wenn das Opfer dies schon vermochte.

    Schuld ist in erster Linie eine Unfreiheit im Fühlen, dem nachgeschaltet: im Handeln. Befangen, gefangen, verfangen.

    Wege in die Freiheit führen über das Tun. Wieder-gut-machung. Nicht das Verzeihen befreit, ganz im Gegenteil, wieder wird man dadurch gefangen, befangen, steht noch mehr in der Schuld des Opfers.
    Wie also handeln, um sich von dem Schuldgefühl zu befreien? Denn dies ist der erste Schritt: die Erkenntnis, dass es sich um ein eigenes Gefühl handelt. Der zweite: es zulassen und frei strömen lassen, bis man es durch und durch kennt.
    Weiter: es begrenzen, denn man neigt dazu, es immer mehr zu vergrößern. Warum man das tut? Selbstbehauptung, wenn man sich schon keine Wirkmächtigkeit im Guten zutraut, so doch im Bösen.
    An dieser Stelle hat man das Schwerste hinter sich: ja - hier habe ich in diesem Rahmen genau diese Schuld auf mich genommen. Genommen, ja, weil ein Schuldbeladener zumindest die Aufgabe hat, den anderen das Gutsein zu erleichtern. Denn es ist ja in den meisten Fällen eine schicksalhaft zugewiesene, nicht eine absichtlich in die Welt gesetzte Unzulänglichkeit, deretwegen man sich schuldig fühlt.
    Kennt man Umfang und begrenzte Schwere der eigenen Schuld, so suche man nach einem Gegenstück gleichen Umfangs und gleicher Schwere an Wiedergutmachung. Man muss nicht ein Mehrfaches leisten. Nur dieses. Nur an vermutlich einem Menschen. Ist das Opfer nicht, so sei es ein anderer Mensch. Bietet sich die selbe Sachlage nicht noch einmal an, geht also eine Wiedergutmachung nicht, so suche man nach Gelegenheiten, selbst ein Gleiches einem anderen zu verzeihen. Diese Gelegenheit wird sich mit Sicherheit finden lassen, denn neben den eigenen Schuldgefühlen tr?gt man ja genug an Verletzungen. Und es ist ein Kreislauf: auch an diesen Verletzungen hat jemand die Schuld genommen, damit man selbst die Gelegenheit bekommt, zu verzeihen.

    Schuld grenzt nicht aus. Sie ist lediglich Anstoß, selbst verzeihen zu lernen, andere nicht auszugrenzen, weil sie schuldig geworden sind. Sie ist immer auch eine Aufgabe für den anderen, nicht nur für sich selbst. Sie ist lebensnotwendiger Motor, nicht nur in der Literatur. Jeder Mensch ist dem anderen Aufgabe. Er kann dies nur sein, wenn er auch Schuld auf sich nimmt. Er reiht sich damit in alle anderen Menschen ein."

  17. #17
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Fragen/Antworten

    Das ist in der Tat eine sehr spannende Angelegenheit, vielleicht sogar eines meiner Lieblingsthemen. Vielfältig sind auch die Mechanismen der Interpretation, die Ansätze gegenseitigen Betrügens oder Hoffierens in dieser Frage. Erinnert euch bitte, daß wir einen Ordner hatten - wann werde ich endlich wieder darauf zugreifen dürfen? -, in dem es um die Zurechnungsfähigkeit ging/geht, Imputabilität. Wenn es Schuld gibt, dann ist der Schuldige auch verantwortlich. Wenn es Verantwortlichkeit gibt, dann gibt es auch Freiheit...


    Aber bleiben wir noch ein wenig beim Bedeutungs-Umfeld der Schuld als nacktem Begriff. Der Ottersleber Großküchenmeister Achtpanther vermeldet, daß Erinnerung - Moment, muß nachschauen - SELBSTBETRUG sei. Aber holla! Da platzt mir ja die Hutfeder. Wer wird denn Erinnerung als eine allgemeingültige Wahrheit postulieren wollen, der Dinge wie Gültigkeit, Relevanz oder überhaupt Meßbares beigestellt werden dürfen? Betrug bedarf immer eines auf Allgemeingültigkeit oder auch auf eine Meßbarkeit zwischen Vertragspartnern fußende Überzeugung. Das kann der Begriff einfach nicht leisten und dann soll man es auch nicht von ihm verlangen. Eine modern gewordene Wortgruppe wie "kollektive Erinnerung" ist ins Woerterbuch der Unwörter aufzunehmen.

    Vorerst Ende der Durchsage. Aber ich komme wieder. Denn ich könnte hier auch die Erinnerung als durchaus Wechselbälglerisches begreifen.- Unsere (Mesnchen)geschichte ist schließlich nach hinten offen. Dumm sind doch nur die, die behaupten, daß Geschehenes vorbei wäre, weil man es nicht ändern könnte. Dumm deshalb, weil unsere Erinnerung uns da ein Schnäppchen schlägt und das, was wahr, stets neu bewertet, also auch verändert. Ergo hat der Großkopferte aus Ottersleben recht. Erinnerung ist eine Hure. Interpretation ist eine mächtige Waffe.

  18. #18
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    a

    a priori.
    sprachs und verflachte in den seilen.
    weilen.
    weitete und schuf in ärinnerung.
    sich und all die tage.
    meer!

  19. #19
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    AW: fragen/antworten

    nein. beides stimmt nur begrenzt.

    erinnerung ist konservierte gegenwartswahrnehmung, teilt also deren selektive fehlerhafte wahrnehmung an und pfirsich. aneinandergereiht ergibt sich erfahrung. diese ist wurzel des handelns, bis sie schwächer wird und von anderen erfahrungen abgelöst. diese ergeben dann eine verstärkende oder verblassende, eine verifizierende oder verfälschende, glorifizierende oder verdammende einfärbung der erinnerung. oder deren gänzliches absacken, wenn auch nie verschwinden.

    krankheiten können ihren ursprung darin haben, daß erinnerungen nicht als abgeschlossene in ruhe abtauchen können, sondern schmerzend offen bleiben und sich in allerlei wehwehchen in erinnerung bringen. sind notizzettel also, daß da noch was abzuarbeiten ist. der altkreis zu schließen. insofern sind sie heilungserstschritt. insofern sind sie aber manchmal auch zerstörerische verallgemeinerung: einmal so - immer so und arbeiten den ängsten zu, auch und gerade den ängsten vor schuld. daß das nicht stimmen muß, erfährt man nur durch schließen des kreises und neues mutiges handeln. anders gehts nicht.

    wegen der verschiedenen einfärbungen der erinnerung erinnern sich menschen unterschiedlich und nichts schlimmer, als einem alten ehepaar beim streit über ihre "gemeinsam/getrennten" erinnerungen zuhören zu müssen. auch kennen wir die verschiedensten augenzeugenaussagen.

    peinlich sind sie nur, wenn man teile des eigenen, nochnichtheutigen Ichs verleugnet, weil man sich der unvollkommenheit schämt, statt sich der inzwischen größer gewordenen vollkommenheit zu freuen und auf gerade diese differenz stolz zu sein.

    selbstbetrug? ja, wenn man sich einfriert als der alte, der man damals war, wie beim figurenreißen, sich nicht ständig selbstreflexiv auf der spur bleibt, sich ehrlich anschaut und sagt: mei, was warst heut wieder blöd! aber wenn man am strengsten mit sich selbst ist, so bleibt einem der selbstbetrug schon erspart. da haben sogesehen die feineren den gültigen ausgleich über die grobgestrickten: sie betrügen sich weniger und gehn sich auchmal entschuldigen, sie kultivieren nicht ihre schwarzen leugnungslöcher, sondern akzeptieren ihre schwächen und kehren aus. selbstreinigung nenn ich das.

  20. #20
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    nach dem

    nach dem abwasch.
    würde ich und nenns.

    als müsste man bügeln.

    hemd allemal!


    schwester im -
    sagen wir schwan -
    nur.

    die mond wird.

  21. #21
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: fragem/antworten

    mit wasser hats nix, liebes Paulchen
    eher schon mit bügeln, aber nit wegen der glätte, sondern wegen der hitze. ist selbstinszeniertes fegefeuer und eben trocken, weils wasser würde ja nur verwässern.
    manchmal spiel ich mit meinen kindern spiel: "was ich so richtig blöd an dir find, mama", also das dürfen sie dann ohne scheu und sind ja von kleinauf gewöhnt.
    da seh ich dann immer sehr gut den zusammenhang zwischen schuld und erinnerung. sind verletzungen da bei ihnen, an die ich mich gar nicht oder vollkommen anders oder sogar gut gemeint erinnere. und ich bin heilfroh, daß sies nicht länger mit sich rumschleppen müssen und sie auch. ich brenne zwar dann schon in heißem schämen, erzähle meine damalige sichtweise oder entschuldige mich und sie kriegen ihrerseits die nächsten entsprechenden verfehlungen gutgeschrieben. wir sind menschen und keine maschinen. und richtig glücklich sind die dann, wenn sie so gut gewappnet von meinen selbst ihre näxten fehler machen dürfen. ich glaub das war einer der ersten sätze, die ich ihnen beigebracht hab: wir haben ein recht auf eigene fehler. die kann alle erfahrung und gutratschlag der anderen nicht ersetzen

  22. #22
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    AW: Fragen/Antworten

    erstellt von als:
    ...an die ich mich gar nicht oder vollkommen anders oder sogar gut gemeint erinnere.
    gestattet mir, dass ich wiederholt auch und gerade frage, vor allen anderen fragen zum thema erinnerung: aber wovon sprecht ihr denn, wenn ihr von erinnerung sprecht? filmt das gedächtnis, oder fotografiert es? wie sieht denn das aus, erinnerung? mal abgesehen davon, dass erinnerung vielleicht vollkommen anders aussieht als sie müsste, um deckungsgleich mit der vergangenen "realität" zu sein: wie sieht sie überhaupt aus?

    (wär schön, zwei drei voneinander "unabhängige" beschreibungen davon zu lesen zu bekommen, wie erinnerung sich präsentiert im kopf: vielleicht gibts da ja am ende gar... unterschiede in den köpfen?)

  23. #23
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Fragen/Antworten

    Zum Gedächtnis etwas von Borges:

    Das unerbittliche Gedächtnis
    (...)

    Wir nehmen mit einem Blick drei Gläser auf einem Tisch wahr; Funes alle Triebe, Trauben und Beeren, die zu einem Rebstock gehören. Er kannte genau die Formen der südlichen Wolken des Sonnenuntergangs vom 30. April 1882 und konnte sie in der Erinnerung mit der Maserung auf einem Pergamentband vergleichen, den er nur ein einziges Mal angeschaut hatte, und mit den Linien der Gischt, die ein Ruder auf dem Río Negro am Vorabend des Quebracho-Gefechtes aufgewühlt hatte. Diese Erinnerungen waren indessen nicht einfältig; jedes optische Bild war verbunden mit Muskel-, Wärmeempfindungen usw. Er konnte alle Träume, alle Dämmerträume rekonstruieren. Zwei- oder dreimal hatte er einen ganzen Tag rekonstruiert; nie war er über etwas im Zweifel gewesen, aber jede Rekonstruktion hatte einen ganzen Tag beansprucht. Er sagte mir: "Ich allein habe mehr Erinnerungen, als alle Menschen zusammen je gehabt haben, solange die Welt besteht." Und weiter: "Meine Träume sind wie euer Wachen." Und schließlich, gegen Morgengrauen: "Mein Gedächtnis, Herr, ist wie eine Abfalltonne." Ein Kreis auf einer Schiefertafel, ein rechtwinkliges Dreieck, ein Rhombus sind Formen, die wir vollkommen wahrnehmen können; ebenso erging es Funes mit der zerzausten Mähne eines Pferdes, mit einer Viehherde auf einem Hügel, mit dem wandelbaren Feuer und der unzählbaren Asche, mit den vielen Gesichtern eines Verstorbenen während einer langen Totenwache. Ich weiß nicht, wieviel Sterne er am Himmel sah.
    All diese Dinge erzählte er mir; weder damals noch später habe ich sie in Zweifel gezogen. Damals gab es weder Film noch Phonographen; trotzdem ist es unwahrscheinlich, ja fast unglaublich, daß niemand mit Funes je ein Experiment gemacht hat. Tatsache ist, daß wir immerfort alles hinausschieben, was nur hinauszuschieben ist; vielleicht wissen wir alle zutiefst, daß wir unsterblich sind, und daß jeder Mensch früher oder später alles tun und alles wissen wird.
    Funes' Stimme, aus dem Dunkel, sprach und sprach.
    Er erzählte mir, daß er sich um 1886 ein eigenes Zahlensystem ausgedacht hatte. Er hatte es nicht niedergeschrieben, denn was er nur einmal gedacht hatte, konnte er nicht mehr vergessen. Den ersten Anstoß gab ihm, glaube ich, der Ärger über die Unbequemlichkeit, daß die berühmten "Drei und dreißig Uruguayer" zwei Ziffern und zwei Wörter brauchten, anstatt eines einzigen Wortes und einer einzigen Ziffer. Dieses verrückte Prinzip wendete er dann auf die anderen Zahlen an. Statt siebentausenddreizehn sagte er (zum Beispiel) Máximo Pérez, anstatt siebentausendvierzehn Die Eisenbahn. Andere Zahlen waren Luis Melián Lafinur, Olimar, Schwefel, die Zügel, der Wal, das Gas, der Kessel, Napoleon, Agustín de Vedia. Statt fünfhundert sagte er neun. Jedes Wort hatte ein eigenes Sinnbild, eine Art Merkzeichen; die letzten waren sehr kompliziert... Ich versuchte, ihm auseinanderzusetzen, daß diese Rhapsodie unzusammenhängender Begriffe genau das Gegenteil eines Zahlensystems sei. Ich sagte ihm, daß, wenn man dreihundertfünfundsechzig sagt, man drei Hunderter, sechs Zehner, fünf Einer nennt; eine Analyse, die in "Zahlen" wie der Neger Timeteo oder Fleischdecke nicht enthalten ist. Funes verstand mich nicht oder wollte mich nicht verstehen. (...)






    Zu Schuld: erinnere ein Gedicht unseres Altvaters Goethe über die Frau eines Brahmanen, das mich sehr beeindruckt hat. Die Frau war so 'rein' (was immer das ist), dass sie, wenn sie zum Fluß ging, um Wasser zu holen, das Wasser sich zur Kugel formte, und sie es ohne Gefäß, mit bloßen Händen, nach Hause tragen konnte. Eines Tages sah sie im Fluß das Bild eines jungen Mannes, eine Versuchung für sie (mehr schreibt Goethe davon nicht). Aber sie widerstand der Versuchung. Aber ab dem Augenblick ballte sich das Wasser nicht mehr zur Kugel. Sie war 'schuldig' geworden allein durch die Versuchung. Unschuldig schuldig (ach ja, ihr Mann, der Brahmane, schlug ihr darauf den Kopf ab).

  24. #24
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    AW: Fragen/Antworten

    kurzfilme in o-ton und farbe mit zwei besonderheiten:


    1. nicht linear hintereinander ablaufender, sondern kaleidoskopartig gleichzeitig abrufbarer überblick der einzelnen szenen
    2. nicht aus dem eigenen blickwinkel, sondern mit perspektivenwechsel auf die ganze szene möglich, so daß man sich zusätzlich auch selbst als handelnde figur sehen kann.

  25. #25
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    AW: Fragen/Antworten

    erinnerung ist nicht ohne,
    gar wichtiger bestandteil des dus.
    als ichs.
    erfahrung kann mans nennen, a priori.

    sang schön die güldne stimme aus paris,
    oder wars ein spatz,
    je ne regrette riens,
    muß ja dann auch was gewest sein.

    oder wie ein puzzle,
    diese allegorie mag ich gern,
    die teile kannst selbst zusammenfügen,
    am end wünsch ich ein hübsches bild.

    mag sein,
    daß zuletzt ne schrecksekunde,
    nun denn -
    aber erinnerung allemal.

    wußt sogar schon der bekloppte freud.
    könnt man ausholen, meinen:
    cogito, ergo neandertaler mal.
    dereinst fisch...

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