Die Skandinavier des frühen Mittelalters nannte man Wikinger/Normannen. Kurz vor Karls Kaiserkrönung wurden ihre Ausflüge ins südlichere Europa verstärkt wahrgenommen, ein Euphemismus für mit Schrecken verbundene Beutezüge.
Skandinavien ist seit 12000 Jahren besiedelt. Nach der letzten Eiszeit drangen Menschen in diese Gegend vor, dem schmelzenden Gletscherfuß folgend, ließen sich nieder und kamen ab 3000 v.Chr. dazu, Landwirtschaft zu betreiben. Es gab Austausch mit den Germanen am südlichen Ostseestrand, auch gelegentlich kriegerische Auseinandersetzungen, nie aber mehr als Grenzkrieg. In welthistorischer Hinsicht aktiv wurden die Wikinger ab etwa 793. Der Krieg Karls des Großen gegen die Sachsen schreckte sie auf, zudem drangen christliche Vorstellungen in ihren Lebensraum, was auf die Wikinger bedrohlich und zugleich anziehend wirkte. Das Bedrohliche lag im Monotheismus eines dreieinigen Gottes, der auf die differenzierter die Welt fixierenden Nordgermanen weltschmälernd und mit der Himmel-Hölle-Dichotomie auch aggressiv wirken mußte. Die germanische Mythologie ist in ihrem Gesamtausdruck klarer und sehr viel freier als das ethisch-rigorose Christentum mit seinem Kirchenapparat. Die Germanen besaßen keine Priesterkaste, die ihnen Regeln vorschrieb. Ihr Ausbruch war ein Verteidigungskrieg gegen das ausgreifende Christentum, das sie als Bedrohung ihrer Lebensart begriffen. Zugleich lockte das Gold des reichen Südens.
Es war nicht so, daß die Wikinger in unbekannte Lande aufbrachen; seit Octavians Zeiten trieben sie Handel mit Rom und anderen, tauschten Bernstein, Met, Honig, Holz, Erze und Felle gegen manches Zivilisationsprodukt, Weizen oder auch Schmuck. Es war nicht der Hunger, der sie aus Skandinavien nach Süden trieb, andernfalls wären sie direkt bis nach Ägypten oder zu anderen Kornkammern gesegelt. Ob die Sachsen als Scharnier wirkten, also die Skandinavier während der Völkerwanderung vom Süden ausschlossen, darf bezweifelt werden. Auch während der Völkerwanderung wurde gehandelt, gab es Austausch zwischen den Völkern, wurden Geschäfte gemacht, geliebt, gelebt, getötet. Die Niederwerfung der heidnischen Sachsen durch die christlichen Franken besaß keine das Tor nach Süden öffnende Wirkung, durch das nun beutegierige Barbaren ungehindert stießen. Dieser Sieg hatte den Normannen vielmehr ihr eigenes Schicksal propädeutet. Da nur der im Kampf (fürs Gute) gefallene Nordmann Walhalla erreicht, brachen sie auf, für ihr Volk zu kämpfen und expansive und durch reduzierten Glauben und Zivilisationsgüter verweichlichte Südgermanen zurückzutreiben, bevor diese in den Norden kommen würden.
Aber die Bedrängten griffen nicht nur direkt nach Süden aus, sondern auch nach Nordwesten und Südosten. Im Nordwesten kam Leif Erikson bis nach Neufundland, im Südosten segelten sie bis zum Kaspischen Meer - über die Newa und die Wolga. Überall setzten sie sich an die Spitze der Gesellschaft: ein Herrenvolk. Aber das blieb nicht von Dauer: die Nordmänner verloren nach zwei Generationen ihre Spannkraft im heißen Süden - und gingen in der Bevölkerung auf. Oder sie konnten sich nicht behaupten - wie im eisekalten Neufundland - und kehrten nach Skandinavien zurück. Nur in den klimaähnlichen Rußland (Rus ist ein anderes Wort für die Skandinavier/Waräger) und Westeuropa konnten sie sich nachhaltig behaupten und wurden homöostasischer Bestandteil der jeweiligen Volkskörper (Briten resp. Franzosen). Das erfolgte in verschiedenen Formen: als seßhafte Bauern (wie in Irland, Island oder Grönland), als Herren (wie die Dänenkönige sich Britanniens bemächtigten), als Plünderer (Nordfrankreich, Rheinstädte, britische Klosteranlagen an der britischen Nordseeküste) oder als Händler.
Die Gegenwehr der Südländer war ihre Sonne, die der Südgermanen das Christentum, die Taufe nach erfolgter Missionierung. Das besiegte jeweils die ungestümen Nordmänner. Um 950 war die Expansion im Grunde erledigt, alle nachfolgenden blieben Episode.