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Thema: Wolkensteins Wortarchiv

  1. #76
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Veraltete Wörter (II)

    Im knurrigen Knorr- und Wörterparadeis sei Habermas und Kant und Mandeville (der Bienenfabler) introduciert:

    Kant formuliert hier die Beschreibung einer luxusorientierten, nur scheinbar an Tugenden des Gemeinwohls orientierten Gesellschaft, die aber paradoxerweise doch allen ihren Mitgliedern einen zwar gestaffelten, aber insgesamt befriedigenden Status liefere ..
    »eine Menge von vernünftigen Wesen,
    die insgesamt allgemeine Gesetze für ihre Erhaltung verlangen,
    deren jedes aber insgeheim sich davon auszunehmen geneigt ist,
    so zu ordnen und ihre Verfassung einzurichten,
    daß,
    obgleich sie in ihren Privatgesinnungen einander entgegenstreben,
    diese einander doch so aufhalten,
    daß in ihrem öffentlichen Verhalten der Erfolg ebenderselbe ist,
    als ob sie keine solche bösen Gesinnungen hätten«-
    eine Variation auf
    Mandevilles Slogan »private vices public benefits«.

    Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit, Neuwied: Luchterhand 1965, S. 123.

  2. #77
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Veraltete Wörter (II)

    ent-

    Präfix bei Verben

    Es bezeichnet:

    - die Annäherung an ein Gegenüber (a),
    - das Rückgängigmachen einer Handlung (b),
    - das Entfernen oder Sich-Entfernen (c).

    Die Bedeutung (a) ‘gegen, entgegen’ ist heute selten geworden (z. B entbieten, entsprechen).

    Recht häufig bezeichnen Ent-Verben (b) Vorgänge, welche den entsprechenden Vorgang des einfachen (nicht präfigierten) Verbs rückgängig machen (entfalten, entladen, entspannen, enttäuschen, entehren, entwaffnen, entwürdigen).
    Ähnlich operieren „Ent-Verben“, welche ein Substantiv oder ein Adjektiv verbalisieren und dann durch „ent“ dementieren (entlarven, entrinden, entseelen, entvölkern) (entmündigen, entsittlichen), als poetisches Verfahren etwa wirksam in „entschoßen“ (Andere Dimension).

    Schließlich (c) weist „ent-" bei transitiven und intransitiven Verben auf ein Agens hin, das sich oder etwas von seinem Primärpunkt entfernt (entfernen, entnehmen, entreißen,entfliehen, entgehen, entweichen).

    Etymologisch wahrscheinlich nicht verwandt ist das neuhochdeutsche "ent-" in Verben mit inchoativer/ingressiver Aktionsart (entbrennen, entflammen, entzünden).

    Das Hapax Legomenon "entschoßt" dürfte kaum ingressiv verstanden werden. Und selbst wenn "entschoßen" ingressiv sein sollte, so ist das PPP (Partizip Perfekt Passiv) der Indikator für einen abgeschlossenen Vorgang und fehlenden Schoß.
    Bei "entflammt" dagegen dürfte trotz des PPP der Anfangszustand denotiert sein, der sich von einer dauerwärmenden Flamme durch Intensität und Nichtabsinken auf ein mittleres Niveau abhebt.

    Vgl. DWDS (Pfeifer)
    https://www.dwds.de/wb/ent-

  3. #78
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Richard
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    AW: Veraltete Wörter (II)

    Entsinkend bedankt.

  4. #79
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Veraltete Wörter (II)

    Revenant mit Zotteln erhofft (siehe DiCaprio und Bär)/.

  5. #80
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Richard
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    AW: Veraltete Wörter (II)

    Eines meiner Lieblingswörter: hienieden

    Worttrennung:
    <dl><dd>hie·nie·den</dd></dl> Aussprache:
    <dl><dd>IPA: [hiːˈniːdn̩]</dd><dd>Hörbeispiele: —</dd><dd>Reime: -iːdn̩</dd></dl> Bedeutungen:
    <dl><dd>[1] veraltet: auf dieser Erde, im Diesseits</dd></dl> Herkunft:
    <dl><dd>aus hie- und veraltet nieden = „in der Tiefe, unten“, mittelhochdeutsch niden(e), althochdeutsch nidana; verwandt mit nieder[1]</dd></dl> Beispiele:
    <dl><dd>[1] Der Clochard wurde verspottet, da er hienieden in Lumpen wandelte.</dd><dd>[1] „Heilige uns in der Beobachtung deiner göttlichen Gebote, daß wir würdig und theilhaftig werden eines langen, glücklichen Lebens hienieden und des ewigen zukünftigen Seins.“[2]

    Wiktionary

    </dd></dl>

  6. #81
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Veraltete Wörter (II)

    Vices

    Das hier ist - sind wir mal höflich - recht aenigmatisch:

    Vices: heute bedeutet das Wort mehr Mits, Kram, Scheiß... im Sinne von Miami Vice, seinerzeit bedeutete es das Übernehmen der Pflichten eines Gesandten/Bevollmächtigten: diplomatischen Alltag gestalten

    Der Stein der Luft geht weder auf zwei Quelldomänen ein: vice (Ablativ: an Stelle von, daher Vizekanzler und ähnliches, vgl auch vice versa - vice, engl., im Sinne von vitium/Laster).
    Der Wiktionary-Eintrag darunter liefert kaum Illuminierendes zum Wort. Nun ja.

  7. #82
    Chefchen Avatar von aerolith
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    Cool Patentscheißer

    Bezeichnung Rathenaus für eine spezielle Art Technokraten, die es in seiner Branche offenbar zu Hauf gab. Patentscheißer waren die auf ihre Tätigkeit des Erfindens und daraus Gewinnziehens fixierten Ingenieure, die es auch heute noch im Reich geben dürfte, andernfalls gäbe es nicht derart viele Patentanmeldungen hierzulande.

  8. #83
    Chefchen Avatar von aerolith
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    Lightbulb Bresche

    Wenn man sich den wikipedia-Eintrag für "Bresche" durchliest, könnte man meinen, es sei ein Lehnwort aus dem Französischen, das sich ab dem 17. Jahrhundert in Deutschland ausbreitete.

    Zweifel!

    Meiner Meinung nach ist das Wort älter und kein Lehnwort. Es taucht bereits vor 1600 auf, etwa 1597 erstmals im Kontext der Zersprengung von Mauern, brechen. Es könnte aber auch noch älter sein und im Kontext mittelalterlichen Bergbaus Verwendung gefunden haben. Brekzie oder Breccie meint da nämlich die Bruchstellen, die durch nur verkittete Gesteinsformationen dem Bergmann Durchbrüche ermöglichen. Ich glaube, diese mittelalterliche Nutzanwendung des Wortes ist älter als die frühneuzeitliche. "In die Bresche schlagen" bedeutet dann nämlich, genau diese Bruchstelle mit besonderer Kraftanstrengung aufbrechen.

  9. #84
    Chefchen Avatar von aerolith
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    ausrasten

    Kein Archaismus, sondern ein Wort mit Bedeutungswandel, was zunehmend im Gebrauch ist, allerdings in der neuen Bedeutung. Die alte Bedeutung hielt sich wohl bis etwa 1960, wenngleich sterbend in seiner täglichen Benutzung. Dann, um 1980 muß das Wort irgendwer neu semantisiert haben, denn plötzlich wurde aus dem "ausrasten" in der Bedeutung des Ausruhens das aus dem Raster springen, also sich ungebührlich, unsittlich oder gar ungesetzlich verhalten. Punkbewegung?

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    Quelle

  10. #85
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Richard
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    AW: ausrasten

    Zitat Zitat von aerolith Beitrag anzeigen
    Punkbewegung?
    Dort hab ichs kennengelernt, die Umwandlung kam aber allgemein aus der linken Szene.

  11. #86
    Chefchen Avatar von aerolith
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    intrikat

    Botschafter Rantzau bezeichnete die deutsch-russischen Verhältnisse von 1926 mit dem Adjektiv "intrikate" (verworren, schwierig) und stellte das Nomen "Verwicklungen" hinzu. Er behauptete, der litauische Gesandte in Moskau sei zwar ein weltgewandter Mann, könne aber den intrikaten Verwicklungen nicht folgen und schalte deshalb in Sitzungen nach wenigen Minuten ab.

    So so!

  12. #87
    Chefchen Avatar von aerolith
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    Hermann Conradis (um 1888) Sprachgebrauch

    Beim Lesen der ersten Seiten Conradis hatte ich ihn im Verdacht, mir auf jeder Seite ein eher selten gebrauchtes Fremdwort um die Ohren zu hauen, wie es stilistisch unsichere junge Schreiberlinge gern machen. Doch nach zween Beispielen unterließ der junge Mann (war etwa 26, als er seinen Text über den jungen Kaiser, Wilhelm II., schrieb) dieses Gebaren. Die zwei Beispiele bleiben:

    insipide (für dümmlich) und
    haranguieren (für palavern, schwätzen)

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