+ Antworten
Ergebnis 1 bis 8 von 8

Thema: In den wilden Texten: Kafkas "Brücke" in der Erzählanalyse

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.540
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    "Amerika" von einem, der nie dort gewesen

    Wo alle kleinkarierten politischen Betulichkeiten verblassen und der eigene Kern einen Namen bekommt. Kafka in seiner nationellen Selbstdefinition.


    "Entschuldigen Sie bitte", sagte er, "daß ich mich noch gar nicht vorgestellt habe, ich heiße Karl Roßmann."
    "Sie sind ein Deutscher, nicht wahr?"
    "Ja", sagte Karl, "ich bin noch nicht lange in Amerika."
    "Woher sind sie denn?"
    "Aus Prag in Böhmen", sagte Karl.
    "Sehen Sie einmal an", rief die Oberköchin in einem stark englisch betonten Deutsch und hob fast die Arme, "dann sind wir ja Landsleute, ich heiße Grete Mitzelbach und komme aus Wien. Und Prag kenne ich ja ausgezeichnet, ich war ja ein halbes Jahr in der Goldenen Gans auf dem Wenzelsplatz angestellt. Aber denken Sie nur einmal."

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    27.July 2000
    Ort
    Freiburg im Breisgau
    Beiträge
    467
    Renommee-Modifikator
    20

    In den wilden Texten: Kafkas "Brücke" in der Erzählanalyse

    "...K.s Hinterlassenschaft die genialste deutsche Prosa seit Jahrzehnten ist.
    Was gibt es denn auf deutsch, was daneben nicht Spießerei wäre?"
    T. Mann über Kafka, 4.4 1935. Erstaunlich.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    25.September 2000
    Ort
    Hamburg
    Beiträge
    85
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: In den wilden Texten: Kafkas "Brücke" in der Erzählanalyse

    interessantes zitat, lester.
    werde mir daraufhin beizeiten mal den kafka einverleiben.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    27.July 2000
    Ort
    Freiburg im Breisgau
    Beiträge
    467
    Renommee-Modifikator
    20

    Einverleibung Kafkas

    Das "Einverleiben" von Kafka ist schnell gemacht. Wenn man fünfe gerade sein läßt, dann hat er etwa 40 Prosatexte mit zusammen 340 Seiten bewerkstelligt. Dazu allerdings noch gut 3400 Druckseiten Tagebuch und Fragmente. Ach ja, und 1500 Briefe, na ja, Handy etc. gab es damals noch nicht. Gibt eine Biographie (erstaunlicherweise die einzige überhaupt) von Reiner Stach, Fischer 15 (€).

    Der Dr. jur. (allerdings ein österreichischer Dr., ohne Dissertation) maulte zwar ständig über seien Job bei der Versicherung, war aber dort sehr beliebt und auch erfolgreich. Las irgendwo, dass er 1915 dort fast 6000 Kronen im Jahr verdiente, das entsprach dem, was bei uns heute ein Oberregierungsrat bekommt.

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    19.April 2000
    Beiträge
    96
    Renommee-Modifikator
    0

    In den wilden Texten: Kafkas "Brücke" in der Erzählanalyse

    Salvete!
    Hier - in Abschnitten durchnummeriert – ein schwieriger Text und dann ein Versuch einer Erzählanalyse.

    Kafka.JPG

    Kafka: Die Brücke

    A TEXT

    (1)
    Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich. Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten.

    (2)
    In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. - So lag ich und wartete; ich mußte warten. Ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.

    (3)
    Einmal gegen Abend war es - war es der erste, war es der tausendste, ich weiß nicht, - meine Gedanken gingen immer in einem Wirrwarr und immer in der Runde. Gegen Abend im Sommer, dunkler rauschte der Bach, da hörte ich einen Mannesschritt! Zu mir, zu mir. - Strecke dich, Brücke, setze dich in Stand, geländerloser Balken, halte den dir Anvertrauten. Die Unsicherheit seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ins Land.

    (4)
    Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er mich, dann hob er mit ihr meine Rockschöße und ordnete sie auf mir. In mein buschiges Haar fuhr er mit der Spitze und ließ sie, wahrscheinlich wild umherblickend, lange drin liegen.

    (5)
    Dann aber - gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal - sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend.
    Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?

    Kritische Ausgabe:
    Wer war es? Ein Kind? Ein Turner? Ein Waghalsiger? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?

    (6)
    Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. - Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte, und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten.



    B Erzählanalyse

    Erzähltechnik.JPG

    1. Die Erzählinstanz und die Sprechsituation

    Im Erzähltext arbeitet, installiert vom realen Autor, „spürbar“ eine Orientierungsinstanz ( ein Erzähltechniker, eine Erzählinstanz, ein Erzähler), mit dem wir beim Betreten des „Kommunikationsraumes“ Text Kontakt aufnehmen. Unsere Alltagsrealität blendet sich aus. Unsere Wahrnehmung konzentriert sich auf das textinterne Szenario, die „Realität im Text“.
    So enthält denn der Text einen meist recht ausgeprägten Ereignisraum, das "Ereignisfeld". Auf dieses Ereignisfeld konzentriert sich unsere Wahrnehmung.
    "Darüber" öffnet sich der Präsentationsraum, der Raum, in dem der Erzähler uns die Ereignisse und auch sich selbst (ein wenig) präsentiert. Die "Lobby" sozusagen. In erzähltheoretischer Terminologie das "Was" (Ereignisse) und das "Wie" (Präsentation) der Erzählung (Martinez und Co).

    Im vorliegenden Fall findet sich ein Ich-Erzähler (Stanzel, Nünning, Schmid), Genettes „homo/autodiegetische Erzählinstanz“. Der Gebrauch des Imperfektes signalisiert die Vergangenheit der Ereigniskette und installiert einen Gegenwartspunkt, von dem aus rückschauend erzählt wird.

    Das Besondere:

    a) Die Erzählinstanz unseres Textes - ein "Ich" -bezeichnet sich als „Brücke“. Nun ist eine Brücke ein Gegenstand, ein Bauwerk, etwas Unbelebtes und kann nicht sprechen oder fühlen oder..

    b) Offensichtlich ist die sprechende Brücke im Ereignisfeld zerstört worden. Damit ist ihr Sprechen nach der Zerstörung eine zweite Abweichung von den Erzählstandards. Ein toter Ich-Erzähler ist sehr selten, aber es gibt ihn in der Literatur und im Film.

    Beim Primärlesen konstruiert der aufmerksame Leser wohl ein paar Lösungsmöglichkeiten für die Abweichungen und Paradoxien. Zum einen lässt sich die „Brücke“ als Metapher verstehen. Zum andren als Element eines Traumes, sei es Wachtraum, sei es „realer Traum“. Und wenn man bildhaftes Geschehen, Übertragungen einer Figur in Bildwelten als traumartig und traumlogisch klassifiziert, dann ist die Brückenmetapher eine Konstituente von Traumlogik und deren eigenen Gesetzen. Übrigens hochpoetische Gesetze der Verdichtung, Verbildlichung und Verschiebung/Metaphorik.

    Ein Aufwachender kann – ohne das explizit machen zu müssen – von einem vergangenen Traum erzählen. Eine Person, die sich metaphorisch als Brücke versteht, kann auch nach dem Brückeneinsturz als Person noch reden. Und eine Brückenperson kann unter bestimmten Umständen (das „Diesseits“ verlassen habend) aus dem „Jenseits“ reden. Speziell diese Brücke mit ihren Fußspitzen „diesseits“ und ihren Händen „jenseits“.

    Somit ist die Sprechsituation eher als „Metalepse“ zu verstehen, kaum als Analepse, als Nachholen eines Ereignisses, das vor den berichteten Ereignissen liegt, also hier als Analepse in die Vorgeschichte der Brücke eintauchen müsste, aber das nicht tut.

    Aber auch das Kriterium für Metalepse, also logische Inkonsistenz, insofern ein toter (?) Icherzähler hier tut, was nur ein lebendiger Erzähler kann, dieses Kriterium ist ja eben nur bedingt anwendbar. Und ähnlich verzwickt steht es um den

    Epistomologischen Spielraum der Erzählinstanz

    Erzähler.JPG

    Der typische Er-Erzähler verfügt - anders als der Ich-Erzähler - über einen weiten Erkenntnisraum.
    Er kann - wenn er will - jederzeit den Ort im Ereignisfeld wechseln,
    er kann Zeitreisen unternehmen,
    er hat den Zugriff zur Psyche aller Figuren, er kann sie öffnen oder verschlossen halten.

    Das Durchstreifen des Erkenntnisraumes ist kameratechnisch begründet:
    Die Erzählinstanz vermag auktorial - also in der Überschau - zu arbeiten (Genettes Null-Fokalisierung),
    sie kann an das Ereignisfeld heran"zoomen" und szenisch erzählen (Genettes externe Fokalisierung),
    sie kann noch näher „herangehen" und das Bewusstsein der Akteure psychographisch (röntgenartig) „durchleuchten“ (Genette interne Fokalisierung), so dass wir deren Wahrnehmungen (Perzeption) und die begleitenden Gedanken und Gefühle unmittelbar und zeitdeckend wahrzunehmen glauben.

    Eine solche Standortreise ist dem Ich-Erzähler in beschränktem Maße möglich.
    Der Ich-Erzähler hat ja als erzählendes Ich den Überblick zu dem, was er seinerzeit als Akteur im Ereignisfeld erlebt hat.
    Der Ich-Erzähler kennt zwar auch Psychisches, aber eben nur das eigene, nicht das der andren Akteure im Ereignisfeld. Somit hat prinzipiell weniger Wissen als der Er-Erzähler.

    So beansprucht der Er-Erzähler gegenüber dem Ich-Erzähler eine höhere Autorität. Er führt den Rezipienten oft ein wenig „gängelnd" durch das Ereignisfeld.

    Anderseits hat ja unser Ich-Erzähler, der Kafkas, offensichtlich eine metaphorisch-spirituelle Existenz im Moment des Erzählens. Somit ist der Orientierungsinstanz wegen der Erzähldistanz durchaus ein gewisser Überblick möglich. Die Bemerkung zu den „Karten“ und dem „Nichteingezeichnet-Sein“ ist so als auktoriale/Null-Fokalisierung ohne weiteres einem homodiegetischen Erzählprofil zuzuschreiben.

    2. Fokalisierungen

    Mir scheint nun wichtig, dass ein und dieselbe Instanz im Text mit allen drei Fokalisierungen arbeitet. Sie präsentiert auktorial (Überschau, wenn auch begrenzt), szenisch (Mitsicht) und personal-psychographisch (Innensicht). Dabei ist es sicher nicht so, dass eine der drei Fokaliserungen die anderen zwei ausblendet. Vielmehr geht es um Anteile. Oder akustisch ausgedrückt: Wir verfügen über mehrere Tonspuren im Text. Manchmal dominiert die eine, dann die andere, dann wieder eine andere. Eine gewisse Simultanität aber hört nie auf.

    Jeder der ersten zwei Absätze beginnt mit einer eher auktorialen Kameraeinstellung der Erzählinstanz:

    „Ich war steif“ hat einen dominanten narrativen Fokus; telling, insofern eine durative Bildeinstellung gebraucht wird, eine raffende Sehweise. Übersicht.

    Im zweiten Absatz findet sich noch der auktoriale Gestus „Einmal gegen Abend war es“, aber nun wird ja aus dem durativen Modus ausgeblendet. Es kommt zu dem Ereignis „Mannesschritt“. Mitsicht, bis interne Fokalisierung, Innensicht samt personengebundener Außenweltwahrnehmung: „Zu mir, zu mir“.

    Der dritte Absatz, gleichzeitig die zweite Episode des plots, enthält Absturz und Endzustand der Brücke, die nun „zerrissen war“ und „aufgespießt“. Szenisch, weniger Übersicht. Darin dann sehr stark ausgeprägt, trotz Rückschau und „spirtueller“ Sprechsituation der Hinweis auf psychographischen Fokus: „wahrscheinlich wild umherblickend" – wir nehmen die aktuell begrenzte Wahrnehmung wahr: die menschliche Brücke hat offensichtlich dem „Tourist“ den Rücken zugekehrt. Und kann aufgrund ihres Sehfeldes nur Vermutungen anstellen.

    Der dominante figurale Modus , Genettes interne Fokalisation, scheint mir bei aller Ambiguität etwa so beschreibbar:

    Zu mir, zu mir. - Strecke dich, Brücke, setze dich in Stand, geländerloser Balken, halte den dir Anvertrauten. Die Unsicherheit seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ins Land.
    Das muss kein neuer Sprecher sein: Vermutlich/Vielleicht geht es um die innere Stimme des „Brückenakteurs“. Vielleicht die internalisierte Norm, die dem Brückenich von Autoritäten aufgetragen wurde und die nun laut wird, vielleicht aber auch ein hoher Eigenanteil. Sicher keine erlebte Rede. Eher „innerer Monolog“, aber eben im Rahmen einer eventuellen Fremdprogrammierung durch andere Instanzen, die wir im Text nicht explizit vorfinden.

    Damit zu

    Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?
    Kritische Ausgabe:
    Wer war es? Ein Kind? Ein Turner? Ein Waghalsiger? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?
    Einstieg mit dem Präteritum, wohl erlebte Gedankenrede/erlebte Rede, wenn auch nicht in Standardform. Wir können diese Frage im Ereignisfeld einordnen und – sie ist immer noch nicht beantwortet – in der Sprechsituation. Die nachfolgenden Kurzfragen verzichten auf das finite Verb. Das fehlende Tempussignal verortet die Ausdrücke wieder, primär in dem Ereignisfeld, aber eben auch in der Sprechergegenwart.

    Hoch rätselhaft diese Kombination

    Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. - Brücke dreht sich um!
    Eindeutig Ich-Perspektive im ersten Teil, dann kein Signal für Ich-Perspektive im zweiten Teil.
    Kann auf eine außenstehende Instanz hinweisen, auf einen heterodiegetischen Erzähler. Plausibler scheint mir aber: Das erzählende und erlebende Ich, kann sich bis zu einem bestimmten Grad selber zusehen. Insofern ist die scheinbar deskriptive Fremdperspektive nicht unbedingt Fremdperspektive. Vielmehr zum einen eine „schizophrene“ Beobachtung des Außersichseins, eine Art höheres Bewusstsein, eine Art „Out-of-Brückebody-erfahrung“.

    Andererseits der kompetente Kommentar eines reflektierenden Ichs über „sein“ Brückenverhalten und dessen Unerhörtheit.

    3. "Rock" und andere Details

    Ganz knapp noch ein paar Details, die den aufmerksamen Leser vielleicht auch beschäftigen: Der „Rock“ kann Hinweis sein auf männliches und weibliches Signalement: „Uniformrock“ und „Waffenrock“ der Männer, „an den Rockschößen der Mutter hängen“. Im österreichisch-böhmischen Sprachraum wird „Rock“ und nicht „Jacke“ gebraucht. Ein Grenzbegriff in Geschlechterzuordnungen.

    Spannend ist das Rollenbild, welches das Brücke-Ich aufbaut: Es gibt da den aktiv zerstörenden „Berggott“ und den eher ohnmächtigen, aber auch sich vielleicht nach passiver Verwundung und Zerstörung „sehnenden“ Sturztyp.


    (C) Fade out


    Schließlich sei noch kurz anskizziert oder angefragt, wer da als Widersacher oder Erlöser den Spielraum betritt:

    Kritische Ausgabe:
    Wer war es? Ein Kind? Ein Turner? Ein Waghalsiger? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?
    Was bedeutet hier "Versucher"?
    Und hat jemand Lust hier noch Zeit zu investieren für Fachsimpeln oder Schimpfen (Eierkopfgefasel, Kafka ist deppert, So macht man Texte kaputt....)?

    Buchtipp:

    Lahn, Silke; Meister, Jan Christoph: Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart: Metzler 2016 (3. Auflage).
    Kafka Brücke (2).JPG
    Geändert von Willi Wamser (27.05.17 um 15:05 Uhr)

  6. #6
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    Arrow Kafkas "Vor dem Gesetz" und die Bundeslade

    Seit einigen Jahren verdichtet sich etwas in bezug auf die Bundeslade. Sie soll im nordäthiopischen Axum aufbewahrt werden. Vielleicht, vielleicht nicht.
    äthiopische Lade

    Als ich kürzlich eine britische Reportage über Axum sah, wurde dies auch thematisiert. Man führte den Zuschauer zu einem Ort, einer Kapelle, die umzäunt war - die Gitterstäbe nach außen gebogen und angespitzt. HInter den Stäben ein einsamer Türhüter, der die Eingangstür bewacht - zeitlebens. Der Mann darf da nicht raus. Er darf aber mit dem Volk sprechen, das davon auch Gebrauch macht. Was die Gläubigen wohlwollen? Klar, sie wollen die Bundeslade sehen. Dürfen sie aber nicht. Daß es nicht schwerfallen dürfte, diesen einen Mann zur Seite zu schubsen und hinter das nicht weiter gesicherte Zäunli (übrigens grün angestrichen) zu gelangen, sollte auch dem Wächter klarsein. Fragt sich meinereiner, warum noch niemand den Versuch unternahm, dieses bedeutendste Artefakt der Menschheit schlichtweg zu stehlen?

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.540
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: In den wilden Texten: Kafkas "Brücke" in der Erzählanalyse

    Gestern hatte ich ein Aha-Erlebnis in bezug auf Kafka.

    Eine lesenswerte Kafka-Seite gibt so nebenher Kafkas Aufenthalt in Jungborn/Stapelburg an. Was die Seite allerdings nicht angibt: Justs Jungborn-Idee basierte auf Homöopathie. Er gab die Menschen der Natur zurück. Das bedeutete, die Kur, die Kafka im Jungbrunnen absolvierte, hieß ihn nackt, und zwar ständig nackt, bleiben. Wasser, Licht, Lehm und frische Luft, dazu vegetarische Ernährung sollten das Gleichgewicht in den Körpern der nach Geschlechtern separierten, aber nackten Kurgäste (u.a. auch Marika Röll) wiederherstellen. Das war nur in den warmen Monaten möglich. FKK-Kultur, die nur von Menschen mit einem natürlichen Verhältnis zu ihrem Körper auch innerlich angenommen werden kann.

    Nun wird Kafka häufig ein verspanntes Verhältnis zur Sexualität zugeschrieben. Seine Eskapaden mit dem weiblichen Geschlecht sollen hilf- und erfolglos geblieben sein, Sublimierung in seinen Texten. Blabla. Jungborn erzählt uns eine andere Geschichte von Kafka.

    Vielleicht war er doch ein größerer Künstler, als ich das bislang glaubte.

    Jungborn_Symbol.jpg

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    27.July 2000
    Ort
    Freiburg im Breisgau
    Beiträge
    467
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: In den wilden Texten: Kafkas "Brücke" in der Erzählanalyse

    „Nun wird Kafka häufig ein verspanntes Verhältnis zur Sexualität zugeschrieben“. Die Stachsche Bioraphie über Kafka schildert das etwas anders... in Prag hielt er es so wie auf Reisen: Sexualität war nicht das Problem... Hier ein Auszug aus seinem Reisetagebuch (Paris 1911):

    „Rationell eingerichtete Bordelle. Die reinen Jalousien der großen Fenster des ganzen Hauses herabgelassen. In der Portiersloge statt eines Mannes ehrbar angezogene Frau, die überall zu Hause sein könnte. Schon in Prag habe ich immer den amazonenmäßigen Charakter der Bordelle flüchtig bemerkt. Hier ist es noch deutlicher. Der weibliche Portier, der sein elektrisches Läutewerk in Bewegung setzt, der uns in seiner Loge zurückhält, weil ihm gemeldet wird, daß gerade Gäste die Treppe herabkommen, die zwei ehrbaren Frauen oben (warum zwei?), die uns empfangen, das Aufdrehen des elektrischen Lichtes im Nebenzimmer, in dem die unbeschäftigten Mädchen im Dunkel oder Halbdunkel saßen, der Dreiviertel-Kreis (wir ergänzen ihn zum Kreis), in dem sie um uns in aufrechten, auf ihren Vorteil bedachten Stellungen stehen, der große Schritt, mit dem die Erwählte vortritt, der Griff der Madame, mit dem sie mich auffordert, während ich mich zum Ausgang hingezogen fühle. Unmöglich mir vorzustellen, wie ich auf die Gasse kam, so rasch war es. Schwer ist es, die Mädchen dort genauer anzusehen, weil sie zu viele sind, mit den Augen blinzeln, vor allem zu nahe stehen. Man müßte die Augen aufreißen, und dazu gehört Übung. In der Erinnerung habe ich eigentlich nur die, welche gerade vor mir stand. Sie hatte lückenhafte Zähne, streckte sich in die Höhe, hielt mit der über der Scham geballten Faust ihr Kleid zusammen und öffnete und schloß gleich und schnell die großen Augen und den großen Mund. Ihr blondes Haar war zerrauft. Sie war mager. Angst davor, nicht zu vergessen, den Hut nicht abzunehmen. Man muß sich die Hand von der Krempe reißen. Einsamer, langer, sinnloser Nachhauseweg.“

+ Antworten

Ähnliche Themen

  1. Christoph Hein: "Meine Figuren haben Rechte!"
    Von aerolith im Forum Buch- und Autorenforum
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 21.08.18, 23:40
  2. Carlos Castaneda "Tensegrity" Die magischen Bewegungen der Zauberer
    Von Michael im Forum Buch- und Autorenforum
    Antworten: 9
    Letzter Beitrag: 26.07.18, 19:52
  3. Antworten: 42
    Letzter Beitrag: 26.03.18, 18:15
  4. Zwischen den Welten - Szene "Berliner Spätlese 1988"
    Von aerolith im Forum Forum für das geschriebene Wort
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 05.05.07, 09:27
  5. Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 10.09.01, 19:20

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •