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Thema: Jammeremphase

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Jammeremphase

    Da türmen sich die Wände aus Steinen, die nicht halten, die über einem Gehirn zusammenschlagen und schmerzen wie das Aufharken der Erde. So mancher Spatenhieb jagt hernieder auf die Fontanelle, zwischen den Augen hindurch, spaltet Luft- und Speiseröhre und die Brust. Ein weindunkles Tränenmeer angestaut auf der einen Seite und halb herabhängend schon auf der anderen gestauter Mageninhalt aus Überdruss, bulimisch hinein- und herausgewürgter Langeweile, oder besser noch ein Ekel an Welt, ein ennui, Überdruss ist vielleicht ein deutsches Wort dafür ohne dessen bösartigelegante Klebrigkeit. Ein Auge ist schon gebrochen und hängt aus seiner Höhle, in sich hineingezogen den Blitz der strafend treffen sollte diese Unwürdigkeit aus Welt und Sein. Aus dem, besser gesagt, was Welt sein kann, wenn sie nicht ist, was wir wünschen, wie wir wünschen, wenn sie sich entzieht in ein ganz anderes Sein aus fleißiger Widerspenstigkeit, dem wir nicht gewachsen sind, oder nie für diese Gespinst bestimmt waren, oder jedenfalls keine Hand an das Gespenst legen können, sondern immer nur ins Leere greifen wie in die engpulsierenden Sehnen des Gestaltwandlers. Die Fratze heruntergerissen, der wir sonst zulächeln, weil wir sie für verläßlich halten, uns selbst für sie verlassen in einem merkwürdigen Vertrauen aus eigener Leistung, Schöpfungsleistung.

    Doch als reichte dies nicht, fahren hinter der Maske Dämonen auf, unseren besudelten Rest zu vernichten, ach was, zernichten bis in die Auflösung eines Wehgeheuls, das keiner hört, dem das noch intakte Auge folgt, als könne es ihm Energie nachspritzen in den Schallraum nicht existierenden Weinens, dem wir zu gespalten sind, uns ihm hinzugeben. Und im intakten Auge wohnt nun die Welt als tausendfach zermörsertes bitteres Gewürz, das die halbe Nase noch in die halbe Hirnmasse leitet, auf der gespaltenen Zunge zergehend, ihrer noch intakten Hälfte.
    Da legen wir die Hände in den klaffenden Hals und ziehen die Haut nach hinten, daß es ein Ende haben möge mit dem Schmerz und spucken Lunge und Magen aus, während das intakte Auge sucht nach dem Schwert eines Endes, die Beine herumtapsen auf wattigem Schwarzboden, bis zum Knie einsinken wie ein störrischer Caliban und bis zum Oberschenkel wie der Fischer des Unglücks der sich gegen den Strom stellt. Ihm ist ein großer Fang und ungespalten blüht sich sein Glied und spritzt Sperma und Blut ins Moor.

    Da holen die H?nde die Stimmbänder und halten sie gegen den Sturmwind, ululieren, krächzen, kreischen, bis ein rauhes Ächzen das baldige Versiegen des Jammers ankündigt wie ein Schnarren des letzten Geschützes, das in Rauch untergeht vor dem großen Sieger im Henkerskleid. Und es fehlt nicht an gaffender Menge, johlend, bis in die Nüstern erregt von einem so nahen Schauspiel. Um das Moor stehen die erfundenen Masken aus hochrotem Eifer, speichelndem Geifer und fast bohren sich die Finger, den Schmerz zu vergrößern, ins Restfleisch. Und holt einer den starken Ast, eine Hand bäumt sich noch, fasst, krallt, das intakte Aug sucht noch die Stelle, sucht einen Zwang auf die Finger zu gewinnen, treten zwei Füße auf Watte, doch ists kein Ziehen, sondern noch ein gewaltiger Stoß in die Tiefe. Dort ist noch ein Blubbern kurzzeitig, ein fristendes Glucksen und Röcheln, bis der letzte Tropfen Besinnung an der Oberfläche verdunstet. Dann Stille und Schlaf. Stille. Kein Laut. Keine Bewegung. Keine Erinnerung. Auslöschung.

    Und doch ist dem Mensch, daß er sich am silbernen Faden in die Morgenröte zieht, gespalten, untergegangen, ihm sein Jammer Stille wurde und Auslöschung. Bis ins Tiefste gegangen zu sein, gibt den rettenden Auftrieb.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Jammeremphase

    Textsorte "Naturalakquise". Was muß beachtet werden? Kein Zuviel und kein Zuwenig. Also zwischen den längeren Abschnitten immer mal Zeit zum luftholen lassen, sonst fällt der Leser hintüber. Das hast du hier nicht beachtet. Deshalb halte ich den Text für mißlungen.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Jammeremphase

    soll ich dir vielleicht meine pokalsammlung für die unlesbarsten texte zeigen?

    deine begründung zu misslungen ist aber schwach auf der brust. eine atem pause für leser wünschest du? nein, nein: da liest er doch den nächsten text. außerdem hat diese vorstellung etwas narzisstisch befriedigendes: der blauangelaufene leser, vom stuhl gefallen, mit einem text von mir in der hand, sein letzter blick auf meinem wort - ach!

    dennoch will ich sollseincool wie Richard (nihel) und dem nächsten text eine kurzathmigere spo pause spo pause
    struktur verleihen. dann wirds vielleicht auch mit der lesbarkeit

    von meinem wunschleser bist du dennoch weit entfernt, leider! das sind die wortfetischisten, die fesselspieler, die derwische, die klangtaumler, die nicht genug kriegen können - achja.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Jammeremphase

    Ich glaube, hier haben wir beide ein echtes Problem miteinander. Du willst Dich dem Diktat des Lesers nicht beugen, setzt ihn quasi mündig und bedeutest mir, daß es doch für die Katz sei, sich so tiiiief hinabzubeugen, bis hin zur werten Leserschaft. Es nehme sich doch sowieso jeder, was er wolle. Wozu da noch Rücksicht nehmen?


    Nun, ich zähle Dir jetzt nicht auf, was es dagegen zu sagen gäbe. Statt dessen fordere ich Dich auf, meinem Lückentext eigene Entgegenungen zu widmen. Du hast doch verstanden, was ich sagen wollte, hast erfaßt, was ich argumentierte?

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Jammeremphase

    ein weiteres problem, das wir lösen werden.

    dem diktat des lesers kann! ich nicht nachkommen, will ich nicht seine sekretärin werden. ich möchte ihn doch erfreuen, unterhalten, zum lachen und weinen bringen, ihn fesseln, verführen und neuland entdecken. mich auch tiiief zu beugen habe ich kein problem, da ich am boden und unten bin und der leser mit seiner kaufkraft auf einem wesentlich höheren podest thront.

    mein problem ist eher horizontal, wenn ich in den tierkreis schaue: für welchen leser schreibe ich: für den löwen überbordend und reich, für den steinbock puristisch und karg, für die fische hermetisch und gefühlvoll, für die jungfrau intellektuell mit common sense, für den zwilling funkelnd und flunkernd oder eben brachial trampelig für den stier, der ich selbst bin?
    was wühltest du?
    ich wählte, was ich selbst am besten verstehe mangels besserer kenntnis.

    aber ich habe heute eines von dir gelernt und lange genug hats gedauert:
    ich werde, auch auf die gefahr hin, daß die texte noch schlechter, weil möglicherweise unverständlicher und arroganter, doch nur noch die texte einstellen, die mir am meisten am herzen liegen und ich deshalb daran ernsthaft zu arbeiten bereit bin. das forum ist ein lektorat und als solches werde ich es nutzen. das textlein oben hatte für mich fingerübungswert zur allgemeinen unterhaltung und so hatte ich das forumschreiben auch verstanden bisher. für ernsthafte textarbeit will ich aber auch ernsthaft texte einstellen.

    also, ob ich das damit genau erfasst habe, was du argumentiertest, weiß ich ehrlich nicht genau. auch von welchem lückentext du sprichst, weiß ich nicht.
    doch daß du siehst, am guten willen fehlts nicht, werde ich dem obigen text etwas leserruhe impfen. wär doch gelacht, wenn das nicht ginge. dafür sind wir ja hier, zu diskutieren.
    und wenn du mir noch etwas dabei hilfst, mir den leser samt leserbrille vorzustellen, dann könnte ich das noch besser umsetzen. ich dank dir jedenfalls, daß du nicht aufgibst
    also demnächst: umarbeitung folgt!

  6. #6
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    AW: Jammeremphase

    Jammerphase


    Im Leid zerfallen Lebenswände wieder zu ihren einzelnen Steinen, die nicht mehr zusammenhalten und so über einem Menschen zusammenbrechen. Jeder einzelne Stein wird eine Spatenplatte und harkt das Gehirn wie Erde auf. Er jagt aus großer Fallhöhe auf die Fontanelle, zwischen den Augen hindurch, spaltet Luft- und Speiseröhren und die verkrampfte Brust. Und er fällt, klappert noch höhnisch nach, wenn er auf dem Ziel seiner selbstzerstorerischen Reise angekommen ist: dem stinkigen Asphalt.

    Ein weindunkles Tränenmeer angestaut auf der einen Seite von Auge und Brust setzte er mit seinen herabprasselnden Brüdern frei. Kein Damm ist mehr.
    Halb nach außen hängend schon auf der anderen Seite überläuft Magen, Galle und Milz lange gestauter Inhalt aus Überdruss, dieser bulimisch hinein- und herausgewürgten Langeweile - viel besser beschrieben noch als Ekel an Welt, als ennui.
    Überdruss ist vielleicht ein bedenkenswertes deutsches Wort auf den ersten Blick in diesem Zusammenhang, doch es teilt nicht des Französischen bösartigelegante Klebrigkeit, Schleimigkeit, die sich dem Nichts zuschreiben muß und einzig hier angemessen erscheint.

    Ein Auge ist schon gebrochen und hängt aus seiner Höhle. In dieser Augenhälfte glimmt noch das Echobild von dem wirklosen Blitz, der diese Unwürdigkeit aus Welt und Sein treffen sollte. Und doch nicht getroffen hat. Welcher das hätte treffen sollen, was Welt sein kann, wenn sie nicht ist, was wir wünschen. Nicht so ist, wie wir sie wünschen. Wenn sie sich entzieht in ein ganz anderes Sein aus fleißiger Widerspenstigkeit, der wir nicht gewachsen sind, oder für welches Gespinst wir nie bestimmt waren. Zumindest hätten wir keine Hand an das Gespenst legen können, hätten immer nur ins Leere gegriffen wie in die engpulsierenden Sehnen des Gestaltwandlers. Die Fratze dieser Welt ist in einem Moment des Jammers heruntergerissen. Sonst lächeln wir ihr zu, weil wir sie für verläßlich halten, uns selbst für sie verlassen würden in einem merkwürdigen Vertrauen aus eigener Leistung, Schöpfungsleistung. Nun ist kein Lächeln mehr.

    Doch als reichte dies nicht, fahren hinter der Maske Dämonen auf, unseren besudelten Rest zu vernichten, ach was, zernichten bis in die Auflösung eines Wehgeheuls, das keiner hört, dem das noch intakte Auge folgt, als könne es ihm nasse und ermattete, hilflose Energie nachspritzen in einen überdimensionierten Schallraum nicht existierenden Weinens, in dem wir zu gespalten sind, uns ihm ganz hinzugeben.
    Im intakten Auge selbst aber wohnt nun die Welt als tausendfach zerm?rsertes bitteres Gewürz, das die verbliebene halbe Nase noch in die ebenso jäh geteilte Hirnmasse leitet. Auf dieser Passage etwas auf der gespaltenen Zunge zergehend, ihrer noch unversehrten Hälfte.

    Da legt der Jammernde die Hände in den klaffenden Hals und ziehen die Haut nach hinten, daß es ein Ende haben möge mit dem Schmerz und spuckt Lunge und Magen aus, während das intakte Auge sucht nach dem erlösenden Schwert eines Endes. Die Beine, als stumme Zeugen, tapsen auf wattigem Schwarzboden, sinken darein bis zum Knie wie ein störrischer Caliban. Ja sogar sinken sie dort hinein bis zum Oberschenkel, stehen dann wie die vom Fischer des Unglücks, der sich gegen den Strom stellte. Ihm war ein großer Fang und ungespalten blühte sich sein Glied und spritzte Sperma und Blut ins Moor.

    Da fassen die Hände nach: an die Stimmbänder und halten sie gegen den Sturmwind, ululieren, krächzen, kreischen, bis ein rauhes Ächzen das baldige Versiegen des Jammers ankündigt wie ein Schnarren des letzten Geschützes, das, erst einmal getroffen, in Rauch untergeht vor dem großen Sieger im Geschützenkleid.

    Dazu endlich findet sich auch noch die gaffende Menge ein, johlt, bis in die Nüstern erregt von einem so nahen Schauspiel. Um das Moor stehen die vom Jammernden sich zur höheren Qual geeignet erfundenen Masken aus hochrotem Eifer, speichelndem Geifer und fast bohren sich deren Finger, deren Zeigefinger, den Schmerz zu vergrößern ins Restfleisch. Und doch holt einer von ihnen den starken Ast und nach diesem bäumt sich die Hand des Jammernden, fasst, krallt in die Leere noch, das intakte Aug sucht verzweifelt die Stelle, sucht einen Zwang auf die Finger zu gewinnen: "Greift doch!", treten zwei Füße neu hoffnungsbelebt auf Watte.

    Nichts zieht den Jammernden hoch am starken Ast, am Willen der anderen, an ihrer guten Tat, sondern den noch gewaltigeren Sto? in die Tiefe erfährt er.

    Dort noch ein Blubbern, kurzzeitig, ein fristendes Glucksen und Röcheln.
    Der letzte Tropfen Besinnung, ein kleiner emporgeperlter Jammertropfen, der an der Oberfläche verdunstet.

    Dann Stille und Schlaf.
    Stille.
    Kein Laut.
    Keine Bewegung.
    Keine Erinnerung.

    Auslöschung.
    ...

    Und doch ist dem Mensch, daß er sich am silbernen Faden in die Morgenmauve hinanzieht, wäre er auch gespalten und untergegangen, sein Jammer mit ihm nun Stille und Auslöschung.
    Trotzig bis ins Tiefste gegangen zu sein, gibt ihm den rettenden Auftrieb.

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Jammeremphase

    Die überarbeitete Version ist griffiger, weil ich in ihr einen Helden annehmen kann, dessen Schicksal mir nicht gleichgültig ist. ich brauchte aber Geduld, bis ich mich diesem Helden anlehnen konnte.

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