Das Imperium Karls ist der Anfang der hochmittelalterlichen Staatengebilde Europas. Die Vielfalt der mittelalterlichen Bevölkerungsstruktur (Geburts- und Dienstadel, Freie, Halbfreie, Unfreie) bestand vor seinem Kaisertum schon. Karls militärische Macht beruhte auf dem freien Bauern. Doch diese Freien wollten nach den erfolgreichen Feldzügen belohnt werden. So benutzte Karl seit dem späten 8. Jahrhundert Vasallität, Treueeid (Anrufung Gottes bei Berührung einer Reliquie) und Vergabe von Landbesitz (Lehen, lat. feudum) und entwickelte so das bereits aus spätrömischer Zeit bekannte System gegenseitiger Abhängigkeiten. Ob nun Grundbesitzforderungen zu Abhängigkeitsverhältnissen führten oder Abhängigkeitsverhältnisse zur Verteilung von Grundbesitz, kann heute kaum entschieden werden. Daß in dieser Zeit Naturalwirtschaft, deren Basis die Grundherrschaft mit der Fronhofverfassung bildete [1], vorherrschte, ist allerdings sicher. Die Herrscher wurden wegen dieser Wirtschaftsordnung dazu gezwungen, ihre Beamten durch Belehnung mit Grundstücken zu bezahlen; zugleich entzog das der Krone den Zugriff auf Land, da die gewohnheitsrechtliche Erblichkeit der Lehen im Reich kleine Dynasten erzeugte, die ihrerseits nicht stark genug waren, Feinde wie Ungarn oder Normannen abzuwehren. Also suchte und fand man eine mittlere Ebene: den Stamm. Daraus bildeten sich die Herzogtümer, in der einfachsten Erklärung ist das ein Zusammenschluß verschiedener Grafschaften unter einem Obergrafen, der vor dem Heer herzog (sic!). Dieser Vorgang vollzog sich zuerst an den Rändern des fränkischen Reiches: in Burgund, Sachsen und Bayern. In Bayern setzte sich Luitpold aus dem bayrischen Stammesgeschlecht der Huosier durch.
Was ist deutsch?

1. Etymologisch
- von theudô (Stammes- und Blutsverband) → daraus wurde das Adjektiv theudiskaz – zum Stamm gehörend – abgeleitet
- Wandlung innerhalb politischer Auseinandersetzungen im fränkischen Reich – Beamtenstaat westfränkischer Prägung gegen den austrischen Grundadel –, so daß aus einem Begriffswort ein Eigenname wurde

2. Geschichtlich
- man versucht, das Schicksal zu bestimmen → gegen die Vorherrschaft des romanisch-fränkischen Beamtenstaates setzt man ein Wort der Zugehörigkeit (Eigenbewußtheit)
- das Wort theudisk wurde zum Träger des Neuwerdens im 8. Jahrhundert, des Abwehrkampfes gegen die romanischen Staaten

3. Metaphysisch
- damit der Kampf und Reiz lebendiger Triebe und Kräfte entstehe, wodurch die Geister in Lebendigkeit erhalten werden
- für die Übung der Geister ist das Menschengeschlecht hier erschaffen
- der Gedanke der Einheit der Mannigfaltigkeit (die Einzelstämme können sich sinnvoll entfalten)
- die Betonung der Eigenwerte unter Anerkennung des Fremden
- die Überordnung des Prinzips des Geistes über die Prinzipien von Natur und Macht (Sprache ist bedeutsamer als politische Konstituiertheit)

906 fiel Luitpold in einer Schlacht gegen die Ungarn. Sein Sohn Arnulf wurde als Herzog anerkannt. Damit beherrschte er ein Gebiet, das seinen Schwerpunkt südlich der Donau besaß, das heutige Kärnten und Niederösterreich umfaßte und bis ins Burgenland hineinreichte. Die Ostmark. Kärnten war weitgehend von Slawen bevölkert und erhielt eine germanische Oberschicht. Tirol war ebenfalls ein Teilgebiet dieses großen bayrischen Herzogtums, das über die Ungarn-Gefahr definiert wurde. Aber der Bayernherzog löste das Problem mit den einfallenden Ungarn nicht, so daß sein Land Jahr für Jahr verwüstet wurde.
Ähnlich verhielt sich die Bildung des Stammesherzogtums in Schwaben, in Burgund und auch die Franken bildeten ein Kernland gleichen Namens aus. Die Lothringer spalteten sich aus dem mittleren fränkischen Stamm aus, imgleichen Friesen und Elsässer. Die Sachsen scharten sich um einen Getreuen Ludwigs des Deutschen, Ludolf, dem so eine Überordnung gegenüber den sächsischen Grafen zukam. Ihr Gegner waren die Dänen. Aber dieser Ludolf beschränkte sich nicht auf Sicherung seiner Stammesgebiete, sondern griff auch darüber hinaus: So mußten die Thüringer seine Oberhoheit anerkennen, imgleichen Gebiete im heutigen Hessen.
Die Ausübung der Herrschaft dieser Herzöge vollzog sich über eingesetzte Vertrauensleute. Die missi der Karolinger wurden spätestens seit den Zeiten Ludwigs des Deutschen von den Herzögen nicht mehr respektiert, zu schwach war das hinter diesen stehende Königtum. So übernahmen diese Stammesherzöge, denen der Druck der starken Zentralgewalt fehlte, Aufgaben der Herrschaft und bildeten eigene aus. Der Kaiser versuchte, die Macht in seinen Händen zu halten und führte gegen die Herzöge Krieg. Aber er war schon längst nicht mehr der Stärkste im Reich.
Kaiser Konrad I. erkannte das und tat etwas Ungewohntes: Er bot seinem Gegner die Krone an, dem Sachsenherzog Heinrich. 916 traf man sich. Konrad erklärte Heinrich, daß er sich unterzuordnen habe, was dieser verneinte. Man beschloß, in einem Krieg den Stärkeren zu ermitteln, der dann die Krone tragen solle. 919 erkannte Konrad auf dem Totenbett Heinrich als den Stärkeren an und übergab ihm die Pflicht der Krone. Aber der sächsische Heinrich wollte kein Königtum in der Art der fränkischen Karolinger, das letztlich erst wegen bischöflicher Salbung höhere Weihen erhielt. Seine Herrschaft sollte sich nicht auf die Macht der Kirche gründen, sondern auf die weltliche seiner Grafen und der anderen Herzöge. Die sollten ihm huldigen. Die Kirche war ihm als Machtfaktor nicht wichtig. Die Krone Konrads dagegen nahm er an.
Das ist ein Paradigmenwechsel in der deutschen Geschichte. Die Partikulargewalten im Reich hatten zu dieser Zeit die Macht, aus dem Verband des karolingischen Reiches auszuscheren und eigene Königreiche zu bilden. Sie taten es nicht, vielleicht kamen sie auch nicht dazu. Es ist jedenfalls nicht anzunehmen, daß die einzelnen, später so genannten deutschen Stämme ein ihren Stamm übergreifendes Nationalbewußtsein besessen hätten. Die Herzöge des Reiches suchten aus ihrer Mitte den Stärksten, wobei sie sich zusichern ließen, in ihren Territorien weiterhin herrschen zu dürfen. Die Wahl war also ein rein politischer Akt, kein sozialer oder gar nationaler.
Nachdem Heinrich mit Konrads Sohn Eberhard übereingekommen war, zog Heinrich mit Heeresmacht nach Süddeutschland, Schwaben und Bayern zu beugen. Doch die wichen dem Kampf aus und suchten auf dem Verhandlungsweg eine Einigung mit dem Sachsen. Der garantierte ihnen die Investitur der terrirorialen Bischöfe und die Herrschaft über ihr Land. Aber er verlangte Heeresfolge, auch Huld. Lothringen wurde nicht aufgenommen, imgleichen fehlten Italien und das Westfrankenreich. Zwar gab der Vertrag von Ribemont 880 Lothringen an die Ostfranken, aber Heinrich I. hatte kein Interesse an Lothringen. Das änderte sich erst 925, als die burgundischen Verhältnisse den lothringischen Herzog Giselbert veranlaßten, sich Heinrichs Königreich anzuschließen.
Es ist umstritten, welche Rechte sich Heinrich I. gegenüber den Herzögen sicherte. Fest steht, daß diese Herzöge eine eigene Außenpolitik betrieben, die Schwaben zogen nach Italien, die Bayern nach Pannonien, ohne vorher bei Heinrich I. um Erlaubnis gefragt zu haben. Heinrich derweil sicherte seine Herrschaft mit kluger Heiratspolitik. Nacheinander ehelichte er eine reiche Witwe, die den Schleier nahm oder bereits zur Hochzeitszeit genommen hatte und kurz darauf nahm er sich eine nicht weniger reiche Erbin namens Mathilde. Er änderte an den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen nichts, setzte ganz auf die Stärke seines Heeres aus Freien und Halbfreien, die sich bei ihm einfinden mußten, wenn er sie rief. Doch im Unterschied zu seinen Vorgängern flößte Heinrich seinen Grafen Respekt ein. Also kamen sie.
Allerdings konnte Heinrich I. bisher sein größtes Problem nicht lösen: die Brandschatzungen der Ungarn. Er sicherte sich einen Waffenstillstand für Sachsen zu, indem er einen zehn Jahre geltenden Vertrag schloß und Tribut zahlte. Diese Ruhe benötigte er zur Sicherung seiner Macht. Er überließ es den Ungarn, ob sie fortan Süddeutschland weiter überfielen, denn der Bayer mußte aus Heinrichs Sicht geschwächt werden. Die Ungarn ließen sich nicht lange bitten und überfielen Bayern jedes Jahr einmal. Derweil griff Heinrich nach Norden aus und verjagte die Dänen vom europäischen Festland. 932 fühlte er sich stark genug, den Ungarn den Tribut zu verweigern, die daraufhin prompt in Sachsen einfielen. Doch Heinrich besiegte sie. Damit gewann er weiter an Ansehen. Im Westen sah das anders aus, dort gab es keine stärkste Macht und jeder bekämpfte jeden. Im heutigen Paris siedelten zu dieser Zeit Seeräuber, denen dieses Gebiet vom westfränkischen König abgetreten werden mußte. Diese Seeräuber bildeten bald einen eigenen Ritterstand aus, denn sie huldigten dem westfränkischen König, der sie fortan als eine Art Leibwaffe annahm. Normannen. Aber die politische Musik Europas spielte andernorts. In Sachsen.



Aufgaben:


  1. Nenne und erkläre die Maßnahmen, die Heinrich I. zur Erringung und Sicherung seiner Macht durchführte! (II)
  2. Entwickle ein Schema zur Darstellung der Lehnsverhältnisse im spätkarolingischen Reich! (II)
  3. Erörtere folgende These: „Heinrichs I. zielte nicht auf die Schaffung eines Nationalstaats. Seine Politik ist nicht aus einem sozialen oder nationalen Kontext heraus zu verstehen, sondern war vielmehr der Ritterehre geschuldet. Religiöse Aspekte spielten bei Heinrich I. keine Rolle.“




[1] Mittelpunkt einer Grundherrschaft. Besteht aus der Wohnung (Bannschloß, Herrenhaus beziehungsweise Salhaus) des Grundherrn und Wirtschaftsgebäuden. Zum Fronhof gehörte Land (Achte, Beunde, Fronacker, Fronde, Gutsland, Hofland, Ritteracker, Salland u. a.) welches das ursprüngliche, nach Volksrecht vererbliche Familiengut des Grundherrn war. Es war Streubesitz in Gemengelage und wurde im Eigenbetrieb des Grundherrn von unfreien Lohnarbeitern, sowie durch Fronden der Bauern bestellt. Berechnet wurde es nicht nach Hufen, sondern nach Jochen, Morgen usw. (Jochland).
Die Verwaltung und Aufsicht über Fronhof und Salland hatte der Meier, weshalb der Fronhof selbst Meierhof (Kelnhof, Meierei, curia villicaria, villicatus), das Salland Meierland hieß und die Bauern Meierbauern. Größere Grundherrschaften zählten viele Fronhöfe, von denen eine Anzahl als Unterhöfe (Nebenhöfe, curiae minores) zu größere Einheiten (Fronhofsverbände, Propsteien, Urbarämter) zusammengefaßt waren, die von einem Oberhof aus durch einen Propst (praepositus, procurator) verwaltet wurden.