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Thema: Wo Brecht fast irrte

  1. #1
    kls
    Status: ungeklärt

    Wo Brecht fast irrte

    Ein Weiser bekommt einen Streit zwischen zwei Kontrahenten mit. Er lässt sich die Angelegenheit von der einen Seite schildern und sagt dann: Da hast du Recht. Als die andere Seite ihre Sichtweise darlegt, sagt er wiederum: Da hast du Recht. Nun aber sprechen die zwei Gegner: Wir können doch nicht beide Recht haben. Antwort: Da habt ihr Recht.

    Nun, ich hätte die Pointe völlig anders gesetzt. Ein Weiser bekommt einen Streit zwischen zwei Kontrahenten mit. Er lässt sich die Angelegenheit von der einen Seite schildern und sagt dann: Da hast du Unrecht. Als die andere Seite ihre Sichtweise darlegt sagt er wiederum: Da hast du unrecht. Nun aber sprechen die zwei Gegner: Wir können doch nicht beide unrecht haben. Antwort: Da habt ihr zwei beide unrecht.

    Merke: Moral (und wer will leugnen, dass Brecht ein moralischer Schriftsteller war) ist invertierbar und bleibt dennoch moralisch. Der Kern des Pudels obiger Parabel sind die relativierenden Überlegungen des Weisen, die im Einklang mit den Erkenntnissen innerhalb des Modells vom Konstruktivismus stehen. Es gibt somit mehr als eine Wahrheit. Oder keine?

    Dieser Beitrag sollte allerdings bei den Gebildeteren unter uns folgende Frage aufwerfen:

    Die Sätze 'Da hast Du Recht.' und 'Da hast du unrecht.' sind grammatikalisch und besonders unter dem Aspekt der Groß- Kleinschreibung richtig?

    Verwirrt...kls...

    ...wenn ich mich schon lächerlich mache...

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Wo Brecht fast irrte

    Die neue Orthographie macht da keinen semantischen Unterschied (d.i. der Begriff Verschiedenheit) und fordert konsequent die Großschreibung. So gibt es fortan keine Verschiedenheit mehr zwischen


    Du hast recht.

    UND

    Du hast Recht.

    Beim Unrecht dito.

    Der Verschiedenheit allerdings besteht darin, daß ein Du hast Recht. im richtigen (alten) Sinne etwas anderes ist als ein Du hast recht. Das Recht als nomen muß ja auch etwas anderes sein als rechthaben. Dieses ist sehr viel bedeutungsleerer, nicht aber bedeutungsleer. Das kleingeschriebene RECHT zeigt das Ungefähre an, ein nicht auf einen Rechtsgrundsatz oder einen Paragraphen zurückgehendes Rechthaben in einem Streit, bei dem Meinungen statt Fakten, Gefühle statt die strikte Observanz unabdingbarer Faktizität ausschlaggebend sind. Ein Streit über den Geschmack von Himbeereis beispielsweise oder ein Streit über etwas in der Vergangenheit, das bestenfalls durch eine dritte, nicht weniger plausible Auffassung dessen veritabler wird.
    Recht aber beim Streit vor Gericht zu bekommen, das ist da etwas ganz anderes. Das ist wahrlich verifizierbar.

    Brecht habe ich noch nie wirklich verstanden. Glücklicherweise lebt der nicht heute, sonst hätten wir bestimmt die eine oder andere scharfe Glosse zur Rechtschreibreform bekommen. Habe ich nicht recht?

  3. #3
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    AW: Wo Brecht fast irrte

    ich würds auf jeden fall klein schreiben. abgesehen davon, daß ich eh alles klein schreib. aber das kömmt von meiner raf-vergangenheit... :wasgeht?:
    wie schon der scheff kundete: das rechthaben hat doch nix mit juristerei am hut, oder? wenn im entweitesttesttesten. so auch das unrecht.
    brecht wiederum würde ich groß schreiben. wenn ich groß schriebe. is ja ein name. mit fug und brecht.
    einen richtigen bezug zu brecht selbst konnt ich auch nie aufbauen. aber er ist mir ein lieber. seine gedichte wanken. da fehlts an ästhetik. zu viel politik verschmutzt die poesie. da fallen mir namen wie heiner müller, ton-steine-scherben, gar herr biermann persönlich ein. selbst grass. aber letzterer hat sich ja dann im aquarellieren dem schönen hingegen geoutet, insofern... .
    und brecht mochte boxen. das versteh ich.
    was er nun selbst alles geschrieben oder gar seine tippsen steht ja auf einem anderen blatt... .
    theater machen konnte er aber schon. das fetzt, politik hin oder her. wer das be (berliner ensemble) mal erleben durfte, weiß, wovon ich sprech. und eben in der volksbühne um die ecke durft ich heiner müller erleben. wenn die beiden wüßten, daß ich sie in einem atemzug nenne, würde ich itzt unter ihnen weilen... - aber ich steh dazu. bis zur zwölften runde.
    und um es zum x-ten mal zu wiederholen: majakowski war es auch daran gelegen, das schöne unters volk zu bringen. also!
    einwände?
    poeten aller länder, vereinigt euch!

    (p.s.: ich komme nit umhin zu erwähnen, daß mein lieblingsfußballclub, der fc.st.pauli, derzeit in kuba gastiert, um dorten eine art trainingscamp abzuhalten - hoffe mancheiner versteht die tiefe dieses ereignisses - schon seh ich fidel castro auf der reeperbahn...)

  4. #4
    kls
    Status: ungeklärt

    AW: Wo Brecht fast irrte

    erstellt von Aerolith:

    Die neue Orthographie macht da keinen Unterschied und fordert konsequent die Großschreibung.
    Danke für die umfassende Erläuterung. Mein Deutschempfinden sagte: "Du hast Recht" und "Du hast recht" sind zwei, im Feinverständnis unterschiedliche Aussagen, aber begründen konnte ich es nicht.

    Dir auch ein artiges "Dankeschön", Paul.

    ...kls...

  5. #5
    kls
    Status: ungeklärt

    AW: Wo Brecht fast irrte

    Ich freu mich über das "Salve" eingangs. Es bieten sich diverse historische Situationen an, wo irgendwer "Salve" gesagt haben soll. Könnte man also bitte diesem Salve einen Kontext zuordnen, würde ich mich noch viel mehr freuen.

    Dann habe ich noch einmal über die Groß/Kleinschreibung nachgedacht....

    Da ist dir ein Unrecht geschehen. (Ganz klar, MUSS groß geschrieben werden. Beansprucht eine gewisse juristische/moralische Bedeutung für sich)
    Das ist dir zu Recht passiert. (Hat aber keine juristische Relevanz, ist eher ironisch/gehässig)
    Das ist dir zu unrecht passiert. (Föllig valsch)
    Da hat du recht. (Kein juristisch/moralischer Anspruch)
    Da hast du Recht. (Klatsch, nimm dies, da hat du dein blödes, juristisch/moralisches Recht.)
    Da hast du unrecht. (Kein juristisch/moralischer Anspruch)
    Da hast du Unrecht (In Afrika? Am Stück? Oder überall?)

    Quintessenz: Es ist ein Unterschied, ob ich: "Da hast du Recht." sage, oder: "Da hast du recht." Es sind keine identische Aussagen.

  6. #6
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    AW: Wo Brecht fast irrte

    mir will scheinen, der irrtum läge im allseits rechtgeben.
    das muß falsch sein, da innerhalb desselben geschlossenen systems nicht beide rechthaben können. die integration der widerstreitenden systeme aber erfolgt nur vom punkt außerhalb. eine abstraktion ist vonnöten, geht am elegantesten durch rollentausch. der eine als fürsprech des anderen und vice. das hilft, die eigenen begrenzungen zu überwinden ohne sie dem anderen einreden zu müssen.

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Wo Brecht fast irrte

    Daß Du Dich da mal nicht irrst, Susanna! Vielleicht gibt es hier noch ganz andere Aspekte, zum Beispiel den, daß es geschlossene Systeme gar nicht gibt, wir sie uns nur denken können, das Recht aber kein circulum vitiosis ist, sondern stets wandelbar. Feste Gründe? Fehlanzeige.

  8. #8
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    AW: Wo Brecht fast irrte

    ich irre mich aber gern! das bringt frischen wind ins gehirn
    nur hast du mir noch nicht klar gemacht: wo.

    fragt man einen, der sich im Recht glaubt, so findet man doch schnell heraus, daß er in einem geschlossenen system denkt, in dem sein widerpart eben nicht im Recht sein kann. gerade das ist ja für ihn völlig ausgeschlossen.
    wenn jetzt so zwei streithanseln mit ihrem jeweiligen Recht vor gericht stehen, so sagt der richter erstmal zu jedem: ja. dann fühlen sich beide beim richter gut aufgehoben. halten ihn für objektiv.
    es ist aber nur das vorbereitende Ja, um dann ebenfalls jedem der beiden zu sagen: aber... dudu! und ihm sein system etwas aufzusprengen, ihm die absicht des gesetzgebers zu erläutern, die ja ncht nur diesen fall im auge hatte, sondern unzählig ähnliche. und so unwandelbar - da muß ich doch widersprechen - das recht selbst ist, so wandelbar ist die sichtung des tatbestands und ihre subsumtion unter die normen. hier wird nunmal subjektiv gewichtet, daß die waage letztlich nur zugunsten eines der beiden ausschlagen kann. das mag im einzelfall völlig ungerecht sein, erfüllt aber die aufgabe des Rechts, den rechtsfrieden wieder herzustellen. die befriedungsfunktion kalkuliert eine gewisse erschöpfung beim rechthabenwollen ein.

    kls vorschlag der negation ließe aber alle fragen offen, obwohl sie sehr geschickt arbeitet. ihre folge wäre aber, daß keiner mehr fragen geht, wenn er die hoffnung auf ein im Recht sein völlig aufgegeben hat. wo nicht mehr gefragt wird - und ich bitte zu beachten, daß das! die eigentliche kulturleistung ist! - dort gilt das recht der faust, des stärkeren.
    das Recht aber dient allein den Schwachen! eine andere funktion hat es nicht. neben dem recht des stärkeren diesen unterstützend zu wirken ist überflüssig.

    für meinen begriff irrt hier brecht also in dem punkt, daß - wie von beiden zu Recht bemängelt - der befragte beiden recht gibt. er läßt sich auf jedes einzelne ihrer geschlossenen systeme ein. das ist aber für beide unbefriedigend und unbefriedend. er ist also kein guter befragter. schlägt er ihnen den rollentausch vor, erspart er sich die mühe, sie von einem übergeordneten und unwandelbaren Recht überzeugen zu müssen.
    menschen möchten in aller regel die ihnen übertragene aufgabe gut machen. sollen sie also die seite ihres gegners anständig vertreten, werden ihnen die widersprüche im eigenen geschlossenen denksystem auffallen.
    würde ich über eine rechtsreform nachdenken - was nicht - würde ich da ansetzen, daß jeder die schriftsätze seines gegners schreiben muß. jaja - das paradoxe. welch einzigen lehrer gibt es dafür?

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Richard
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    AW: Wo Brecht fast irrte

    wäre doch nur dieser satz mit den "gebildeten unter uns.." nicht. (selbst dann würde es mein blut nicht davon abhalten können zu kochen, werter kls.) das ist einfach unerträglich. frage dich mal, was brecht dazu trieb so zu schreiben, bei sid! wen um himmels willen wundert es denn, dass brecht nun mal so agierte, so schrieb?


    man verzeihe mir bitte den barschen ton, aber warum zur hölle wird hier die halbgare these aufgestellt, brecht hätte sich "fast" geirrt? das hätte ich doch ganz gerne mal erklärt. hier wird nicht über brecht gesprochen, sondern über rechtschreibreformen.

    ein anderer brüstet sich hier mit einer "raf-vergangenheit"? oh je...

    mfg, nihel

  10. #10
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    Lightbulb AW: Wo Brecht fast irrte

    in seinem essay zum verhältnis von kunst und welt hat brecht recht, wenn er schreibt: "Das Thema der Kunst ist, daß die Welt aus den Fugen ist."

    in seinem essay zum verhältnis von kunst und welt hat brecht unrecht, denn wenn das immer schon so gewesen sein soll, daß die welt aus den fugen ist, dann gab es nie einen zeitpunkt, in dem die welt in den fugen war, ergo kein goldenes zeitalter, von dem brecht ja ausgehen muß, um behaupten zu dürfen, daß die welt aus den fugen sei. anders gesagt: ist brecht vielleicht ein metaphysiker, ein romantischer nachintenorientierter, der bloß so tut, als ob ihn die zukunft interessiere?

    vermittlung: die aus den fugen geratene welt ist also nicht das thema der kunst, sondern: die kunst ist bestandteil der welt, die keine fugen kennt, nur vorstellungen davon.

  11. #11
    kls
    Status: ungeklärt

    Lightbulb AW: Wo Brecht fast irrte

    Erstaunlich, was man ganz unten im Archiv an interessanten Auseinandersetzungen zwischen interessierten Leuten finden kann. Im Grunde ein Schwachsinnsthema, da die Kritik an Brecht im Eingangstext schwer konstruiert wirkt. Aber was waren wir doch alle vor ... 9? Jahren für Disputanten. Schön! so eine alte Erinnerung aufzufrischen.

    Nostalgie, Nostalgie...

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    Lightbulb AW: Wo Brecht fast irrte

    Zitat Zitat von kls
    Im Grunde ein Schwachsinnsthema, da die Kritik an Brecht im Eingangstext schwer konstruiert wirkt.
    Dann kommen wir mal zur unkonstruierten Kritik an Brecht. Seinem Herrn Keuner legte er des öfteren Kritikwürdiges in den Mund.
    Z.B. läßt er Hernn Keuner angesichts seines zweckdienenden Nachbarn fragen:
    http://www.susannealbers.de/03philos...Brecht1.html#5
    "Warum ißt er?"
    Nein, das geht so nicht. Hier ist keine Infragestellung angesagt. Der Nachbar hat seinen bescheidenen Lebens-Kreislauf gefunden. Herr Keuner mißgönnt ihm sein Lebensglück. Weil er neidisch ist. Die Rolle als Menschheitsbeglücker stellt Hernn Keuner nicht zufrieden.

  13. #13
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Wo Brecht fast irrte

    Merke also: Was zweckdienlich ist, ißt nicht! Ist Keuner ein Neidhammel? Habe ihn nie als Beglücker oder -hammel verstanden, eher als einen spitzen Pfahl im Fleische der "Rechtschaffenen".

  14. #14
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Wo Brecht fast irrte

    Ich, als Rechtschreibmuffel, mache mich selbst zum Duden...und nehme mir das Recht heraus es nicht allen recht machen zu müssen...und schon gar nicht dem Duden, den man ohnehin nicht (mehr) für voll nehmen sollte, da er sich den "Gewohnheiten" beugt...statt sie auszutreiben. Da gibt es viele Beispiele - um mal eines zu nennen; " krottenschlecht" hat der Duden inzwischen als "grottenschlecht" übernommen...weil 95% der Menschen es...aus Unwissenheit heraus...so schreiben. Das kann man als Kapitulation bezeichen...da die Wortherkunft nicht verhandelbar ist. Recht/recht....recht (eigentlich), wenn nur subjektiv "richtig"...Recht, wenn es juristisch oder moralisch abgesichert ist. "Du hattest recht ihm eine reinzuhauen" (Du hast richtig gehandelt) "Es ist dein gutes Recht ihm eine reinzuhauen" (nach Gesetz und/oder wenn die Moral zum Gesetz erhoben wird) "Es war nicht rechtens (nicht richtig) von Dir ihm eine reinzuhauen"...(subjektiv) " Du warst im Unrecht...als Du....(gegen das Gesetz und/oder gegen die zum Gesetz erhobene Moral)

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