Wenn die Sprache unrein wird, dann liegt es auch am Soloezismus. Menschen machen Fehler, auch sprachlich. Diese gelten in der Öffentlichkeit, auch im privaten Gespräch nicht sonderlich viel. Viele meinen, sprachliche Fehler mit einer Handbewegung wegwischen zu können: Es ist nicht so schlimm, sagen sie.
Dieser Meinung haben sich jetzt auch viele politisch verantwortbare Gremien angenommen, die ihre Sprach- bzw. Rechtschreibreform so verstehen, daß Gewohnheitsfehler nicht mehr als solche gelten. Sie werden zu Gebrauchsrecht, sind mithin rechter Gebrauch.
Ich sage, stoppt diesen Sprachschludereiwahnsinn! Mit der Verunreinigung der Sprache ist kultureller Abstieg in den Barbarismus verbunden. Bekämpft alle, die sich gegen den rechten Gebrauch des Genetivs, gegen den rechten Gebrauch des Apostrophs aus Dummheit und Gleichmut aussprechen, die Groß- und Kleinschreibung für nebensächliche Dinge ansehen - wobei konsequente Kleinschreibung eine künstlerische Note besitzt, also ästhetisch brauchbar ist -, die den richtigen Gebrauch der Kasi (korrekt ist casuum, paßt hier aber schlecht) mit der Bemerkung wegwischen, man verstünde doch, was sie sagen wollten und eben aus dieser pragmatischen Notdurft eine Tugend machen wollen. Bekämpft sie, denn das Geheimnis der Sprache ist groß; die Verantwortlichkeit für sie und ihre Reinheit ist symbolischer und geistiger Art. Sprache ist geboren aus den Tiefen, rein und gewachsen in den Jahrhunderten, paraphiert durch die Bewußtwerdung logischen Aufbaus, bestimmt und besprochen von den höchsten Würdenträgern, von den Adligen des Geistes, die sich keineswegs nur künstlerisch, sondern in einem allgemein moralischen Sinn der Verantwortung stellten, auch der Verantwortung für das eigene Volk. Eine reine Sprache dient der Verbildlichung vorm Angesicht der Menschheit, und in ihr wird die Einheit des Menschlichen erlebt, die Ganzheit des humanen Problems.

Der Genetiv muß stimmen, kann aber auch umgangen werden. Ist nicht so wichtig. Zwar bin ich nun kein Freund des Präpositionalstils, aber ich laß mir auch gern ein umschriebenes Haben als Nonplusultra dreiwertigen Werttums vorgaukeln. Meinethalben. Wenn's denn durchgehalten würde! Wird's aber nicht. Und damit bin ich beim Grundproblem.
Sprache ist nur historisch konnotierbar, mithin relativ zu sehen. Sprache hat etwas mit Schwungsucht zu tun, mit Auswuchtung, mit Höhe und tiefem Fall. Eine Sprache ist insofern historisch rein, wenn sie in Beugung und Kontemplation, in Verdichtung und Abstraktheit gleichermaßen das ausdrücken kann, was von den Sprechenden gedacht wird. Dann ist eine Sprache rein, wenn sie das zu leisten imstande ist.
Unsere Sprache ist seit den Klassikern dazu imstande, seitdem auch wächst der Abstand zwischen dem Gedachten und Ausgedrückten. Nun will ich nicht zu Zustaenden zurück, wie sie um 1790 herrschten, nicht den medizinischen und nicht den wirtschaftlichen, aber die ästhetische Aufnahme, der Wille, sich in der Sprache heimisch zu fühlen, aus ihr den Gedanken zu formen, der in die Welt will, aus sich selbst für andere, nicht aus sich selbst für sich selber, dieser Grundgedanke unserer Klassik ist modalisierbar. Er ist nur zu bereiten, wenn gegen Schluderei vorgegangen wird, ein Bett bereiten; wobei dies nur ein Punkt ist, ein Punkt von vielen.