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Thema: Das große Ich (Erzählung)

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Das große Ich (Erzählung)


    Das grosse Ich / Erzählung

    Wenn ich in mich gehe, sind meine Schritte lautlos, als ginge ich durch ein endloses Schneefeld. Hier erreicht mich nichts mehr. Julie ist tot.

    Ich denke ohne grosse Gefühlsregungen daran. Ich denke daran und bin wohlauf dabei, bin in guter, genauer: in friedlicher, noch genauer: in ganz und gar gleichgültiger Stimmung. Nichts interessiert mich. Ich bin weder enttäuscht noch deprimiert. Hier erreicht mich nichts mehr. Mein Herz ist still, mein Kopf klar. Bloss meine Nase tut noch etwas weh. Ich habe sie mir angestossen beim Versuch, durch die Wand bei mir im Zimmer zu gehen. Ich konnte es nicht. Ich zweifelte eine Sekunde; eine Sekunde zögerte ich zu lang - und die Wand war ziemlich hart dann: Wahrhaftig an etwas zu glauben vermag nur, wer keine andere Wahl hat.

    Jetzt krabbelt eine Fliege über die Zimmerwand. Ich frage mich, wohin sie unterwegs ist. Ich frage mich, ob ich einen Augenblick lang wirklich daran glaubte, Julie retten zu können.

    Ich sehe ihr Gesicht noch vor mir, den Ausdruck ihres Leidens. Mit halb geöffneten, müden Augen blickt sie mich an oder durch mich hindurch, wer weiss. Dabei bewegt sie ihre Lippen, aber ohne Stimme. Tatsache ist: Ich habe unwillkürlich meine Hand ausgestreckt und ihr auf die Stirn, die kalt war und mir fremd vorkam, gelegt und habe, ohne nachzudenken, mit geschlossenen Augen und grosser Stimme gesprochen: Mein Wille geschehe! Aber... Ihre Krankheit war unheilbar. Als Arzt kann ich das beurteilen. Aber was heisst denn das, wenn Ärzte die Diagnose stellen, jemand müsse sterben? Klingt das nicht nach einem Richter, der das Todesurteil verhängt? Tatsache ist: Julie ist tot.

    Es gibt keine Worte, um die abgrundtiefe Ohnmacht zu beschreiben, in die ich stürzte, haltlos, in jener Nacht, da Julie starb. Wenn sie als Wörtlein daherkommen, Schmerz, Verzweiflung und Wut, viel zu klein sind sie da, um auch nur annähernd das unfassbar Unerträgliche zu fassen.

    Ich kann nur sagen: Etwas in meiner Brust riss mich fort - besinnungslos lief ich aus der Stadt und... Ich müsste jetzt vom Mond erzählen und vom Wind, der aufkam, und... Aber Naturbeschreibungen sind langweilig, sobald sie über ein Nebenhergesagtes hinaus wollen. Und doch, ganz komme ich nicht darum herum, wie könnte ich! Wenigstens zwei Dinge will ich nennen, die ich sah, als ich unversehens am Hang eines Hügels stehen blieb und atemlos ins Tal hinab schaute. In der Ferne war da ein See, ein gefrorenes Auge; und nur ein paar Meter unter mir sah ich den schwarzen Schatten eines toten Baums, der von leeren Ästen starrte. Das war der Augenblick - aber wie das Unbegreifliche begreiflich machen? - da ich die unsichtbaren Fäden, die sämtliche Dinge miteinander verbinden, fühlte. Mir war, als hielte ich all diese Fäden an deren Enden in meiner Hand.

    Ich streckte meinen Arm aus, wie ich es schon einmal getan hatte; ich erhob den Zeigefinger, ein Dirigent mit dem Taktstock, und - die Natur, ein einziges Orchester, gehorchte. Alles, alles gehorchte! Ich beobachtete die Wipfel der Tannen, wie sie hin und her wiegten, sie folgten ganz den Bewegungen meines Armes. Ich gab einem Käuzchen das Kommando zum Schreien, trieb den Wind an, Sturm zu werden, und das Käuzchen, es schrie und der Wind brauste auf; ich gab einer fernen Kirchenglocke das Zeichen zum Läuten, und sie tat es, und die Berge tanzten als dunkle Riesen zu meiner Musik.
    Ich war ein Zauberer ohne Tricks. Verwechslung von Ursache und Wirkung? Ich aber sage: Bis zu diesem Augenblick waren Ursache und Wirkung vertauscht, jetzt jedoch hatte ich ihr unter den Rock geschaut und das wahre Wesen der Natur erkannt:

    Sie will meine Ohnmacht. Sie will die Verzweiflung des Menschen, der erkennt, dass er auf verlorenem Posten steht. Das ist alles. Sie will, dass ich denke, das All sei allumfassend - damit mein Denken in diesen Abgrund falle. Sie will, dass ich nicht weiss, woher ich komme und wohin ich gehe, ebenso wie ich nicht wissen soll, woher sie kommt, wohin sie geht - damit ich nichts weiss und jemand anderen erfinden muss, Gott oder wen auch immer, der an meiner Stelle dann alles weiss. Aber - ich will, ich brauche keinen Gott! Ich habe meine Augen geöffnet: Nie kam sie und nie wird sie gehen, diese Natur. Warum also sollte ich es tun? Nichts entsteht von Grund auf, nichts vergeht endgültig, alles war und bleibt Sternenstaub im endlosen Wandel. Eine einzige grosse Bewegung, darin Materie immerwährend in einer Form auftaucht und untergeht und in verwandelter Gestalt wieder ersteht. Das ist der Lauf der Natur, ihr einziges Gesetz: ihre, unsere, meine Ewigkeit.

    Es gibt einen Tod? Warum sollte es? Warum sollte ich einen solchen hinnehmen? Weil es der Lauf der Natur ist? Man kann nichts dagegen tun? Es gibt Dinge, die stehen nicht in unserer Macht? Und am Ende soll ich gar umarmen noch diese Natur, die alles verschlingt, ja?

    Nein, nimmermehr! Ich sage: Alles ist Schein nur. Ich sage: In Wahrheit gibt es auch und gerade keinen Tod, keinen endgültigen: Dieser w?re das Ziel der Natur, aber dieses Ziel kann sie niemals erreichen.

    So vergesse ich alles, auch die Schwerkraft und alle Naturgesetze, und werfe meine Gedanken hoch und lasse sie fliegen, die Vögel. Ein Stein fällt zu Boden? Warum sollte er?

    Ich bin die Ursache, alles andere ist die Wirkung, die ich hervorbringe. Ich sage: Mein Wille geschehe.

    Ja. Ich habe den Verstand verloren, ich weiss. Den Verstand, dieses Mittel der Natur zum Zwecke ihrer Herrschaft. Ich habe den Verstand verloren, genauer: Ich habe mich endlich zu befreien vermocht von all den falschen Vorstellungen, die dieser mir mein Leben lang aufzwang...

    Ich will mich beeilen und dem neuen Tag zuvorkommen. Die Zimmerwand ist leer, die Fliege verschwunden. Wo ist sie geblieben? Es ist Zeit. Ich werde unten am Fluss auf die Brücke gehen, dort stehenbleiben und über die Brüstung klettern. Von der schmalen Kante aus, die an der Aussenseite des Gel?nders entlang läuft, werde ich dann einen Schritt nach vorn tun - ohne zu z?gern. Ich werde einen Fuss in die Luft setzen, dann den anderen, und immer weiter werde ich gehen und - nicht fallen! Ich kann das. Ich glaube fest daran. Über mir und unter mir im Wasser wird der Mond leuchten, ein schöner, grosser Mond. Und die Luft wird mich tragen, wohin auch immer.

    Und ich bringe Julie mit, Julie, erweckt vom Tode. Wenn ich dann zurückkehre.

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Das große Ich (Erzählung)

    mir gefällt sehr der spannungsbogen, auf dem sich dieser orpheus bewegt, vom anfang, der noch die alternative des stumpfen lautlosen kennt, über den demiurg, der in der selbstauflösung den punkt gefunden hat, von dem aus er die welt neu anstoßen kann, zu dem, der übers wasser geht, weil er sich die frage: bist du es? wenn du es wirklich bist, dann ... endgültig beantworten kann.
    und diese frage ist die frage aller fragen, ist die, aus deren antwort man "den fuß in die luft setzt und ...
    sie trägt."
    ich habe daran nichts auszusetzen und nichts hinzuzufügen. sehr schön.

  3. #3
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    AW: Das große Ich (Erzählung)

    ui.
    harter stoff.
    guter.
    fassbarer.

    wehe du ahnst tränen in meinen augen.
    (dir seien sie vergönnt.)

    "mein wille geschehe"
    mir hier sehr trefflichst -
    es klingt so arm,
    so ohnmächtig -
    ausgerechnet,
    wo es doch was ganz anderes kunden will ....

    "In der Ferne war da ein See, ein gefrorenes Auge; und nur ein paar Meter unter mir sah ich den schwarzen Schatten eines toten Baums, der von leeren Ästen starrte. "

    hm.
    was soll ich sagen,
    bruder?

    da.
    oui.
    c'est la vie -
    la morde.

    mein dünken:
    heldenhaft!

  4. #4
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    AW: Das große Ich (Erzählung)

    späte antwort, weil der text doch schwer verdaulich...
    viele wahrheiten finde ich hier, zumindest wahrheiten, erfahrungen, gedanken, die ich kenne, kennengelernt habe und deshalb auch sehr eindrucksvoll, diese hier in worte gefaßt zu lesen...
    ja, einmalschwerdurchatmen, sonst kann ich leider nicht viel sagen...

  5. #5
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    AW: Das große Ich (Erzählung)

    schön eindringlich, sehr impressiv dieser text; vielleicht ein paar fragen zu viel ...

    nur eine kleinigkeit: eine kante ist der schnitt zweier flächen und als solche nur eine linie; daher kann eine kante nicht schmal sein, höchstens scharf oder stumpf; nur eine flächen kann schmal oder breit sein, .... (weil ich weiss, dass du ein perfektionist bist)

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Das große Ich (Erzählung)

    Mir war der text damals zu überladen, zudem bedeutungstriefend, prätentiös. Es fehlt aber auch beinahe kein Klischee: der Arzt, das Todesurteil, der Tod der Geliebten, der Mond scheint durchs Geäst, eine Brücke... Uh la la. Der von Paul genannte Satz alerdings blieb mir bis heute im Hirn hängen. Insofern also, falls es beim Schreiben darauf ankömmt, Sätze in die Hirne der Lesenden zu hängen, ist dieses Epitaph durchaus gelungen. Aber, wie gesagt, prätentiös.

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