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Thema: Wofür Auschwitz steht

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Question Wofür Auschwitz steht

    Heute jährt sich zum sechzigsten Male der Tag, an dem die Rote Armee das Konzentrationslager, Typus Vernichtungslager, mit ca. 7000 halbverhungerten Insassen befreite. Wovon befreite? Wofür steht Auschwitz? Steht es für die bis zum Ende durchgeführte Vernunfthandlung, die mit Hilfe des abstrakt argumentierenden Verstandes die Vernichtung des mit den begrenzten Mitteln des begrenzten Verstandes nachgewiesenen Minderwertigen beschließt, um so die mit eben diesem begrenzten Verstand definierten Besseren zu stärken? Steht es für das abgrundtief Böse des Menschen, der sich selbst (als Gattungswesen) so verletzen muß, damit er um so höher steigen kann? Wie wurde den Betreibern des Lagers erklärt, was sie da tun? Wofür steht Auschwitz wirklich?
    Und dann will ich weiterfragen: Welche Auswirkungen hat es, daß es dieses Lager gab, für uns Heutige? Welche Aufgaben erwachsen uns daraus? Kann es nach Auschwitz noch Literatur geben? Gibt es gute und böse Menschen? Wenn ja, wie soll man das messen? Wenn ja, wie sollen die guten mit den bösen Menschen umgehen? Wenn nein, was war Auschwitz dann?

    Diese Fragen schmerzen und die Erinnerung an Auschwitz schmerzt. Ich weiß. Aber genau darum geht es mir hier: Nicht die Augen schließen vor dem Unangenehmen, sondern ihm begegnen. Ich hoffe.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Wofür Auschwitz steht

    auschwitz steht für zynismus schlechthin.

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    "Arbeit macht frei!"

    Die KZs hatten diesen Spruch oft am Eingangsportal stehen, auch Buchenwald oder Oranienburg haben diesen Spruch, der noch aus Roms Zeiten stammt.

    Der Hintergedanke bei den Nazis ist, daß die in den KZs Arbeitenden durch Arbeit ihre Schuld sühnen. Ihre Schuld, frage ich? Bei Verbrechern ist es klar, auch politisch Verfolgte können hier gewissermaßen als akzeptable Schuldarbeiter betrachtet werden, aber die Juden?
    Nun, es arbeiteten Verbrecher neben politisch Verfolgten und Menschen mit der in der Naziaugen falschen Rasse, deren Schuld dadurch gegeben war, daß sie eben Angehörige dieser Rasse waren. Verfolge ich diese Auffassung weiter und gehe tiefer, schaue mit Naziaugen auf die Grundierung dieser Einstellung, so stellt sich die Frage, ob man den Juden mit ihrer im Blute liegenden Schuld überhaupt zugestehen konnten, diese Schuld zu sühnen, ob also nicht schon von Anfang an die Vernichtung (das ist hier Tötung) geplant gewesen sein muß. Es wäre ja sonst unlogisch. Ein Jude kann nach dieser Nazi-Auffassung seine Schuld durch Arbeit nicht sühnen, er bleibt immer schuldig und droht durch seine bloße Existenz den germanischen Volkskörper zu vergiften, geistig und körperlich durch Blutvermischung. Dieser Körper muß also vernichtet werden, kann erst dann seine Schuld büßen, gesühnt haben durch den Tod.

    Ich glaube, so ungefähr muß die Denke der Nationalsozialisten gewesen sein.

    Wir empfinden das heute als zynisch. Richtig, nach menschenmöglichem Rechtsempfinden kann es auch nur zynisch sein, jemanden wegen seiner Hautfarbe, rassischen Zugehörigkeit oder Blutgruppe oder wegen eines genetischen Defekts oder einer Stirnhöhlenentzündung oder eines fehlenden Zehs oder einer Rot-Grün-Schw?che als minderwertig einzuschätzen, ihm zu erklären, daß er somit die Volksgesundheit schwäche und somit schuldig sei.
    Betrachten wir diesen Aspekt jedoch weitergehend, sagen wir historisch, so stellen wir fest, daß es immer schon diese Ansicht gab, minderwertiges Leben zu vernichten. Euthanasie. Das machten die Spartaner mit ihren schwächlichen Kindern wie die Eskimos oder Germanen mit ihren Alten, die Kannibalen mit ihren Helden oder Gefangenen, die Fürsten noch im "aufgeklärten Zeitalter" mit ungewollten Mädchengeburten oder arme Menschen mit ungewollten Kindern.
    Die perfide Steigerung der Nazis war das fabrikmäßige Töten des in ihren Augen minderwertigen Lebens. Aber was ist das letztlich, dem Kern nach? Es ist die geometrische Steigerung ein und desselben Grundes, der im Menschen liegt. Und jetzt wird es spannend:
    Ist im Menschen diese Bewertung seiner selbst angelegt, ist es also zwangsläufig, daß er Menschen hinsichtlich ihrer Vollkommenheit katalogisiert und schlimmstenfalls sogar aussortiert. Denken wir an die Gen-Forschung, die auch ein Horror-Szenario begleitet, daß nämlich die Reichen sich quasi aus dem Besten zusammenstückeln und früher oder später diese Besten die Bestimmer sind und den anderen erklären, was sie zu tun oder zu lassen haben, sie vielleicht sogar kasernieren, damit es nicht zu Vermischungen kommt...
    Ich denke, auch das bedeutet Auschwitz für uns Heutige, das eben zu verhindern, daß über den modernen Rassismus und Nationalsozialismus Menschen katalogisiert und sozialisiert (gleichgeschaltet) werden, um sie um so besser zu beherrschen.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    "Arbeit macht frei!"

    vorweg: die brutalere, zynischere lesart von "arbeit macht frei" hat nichts mit schuld und sühne zu tun. die botschaft ist eine andere:

    ein toter ist kein gefangener mehr, er ist "frei" im sinne von nicht mehr gefangen, auschwitz somit ein garant von freiheit der besonderen art.

    ich denke, die herrenmenschen des tausendjährigen reiches sahen in den leuten für die gasdusche auch nicht sonderlich schuldbeladene. sie hatten lediglich das pech, minderwertig zu sein, die vorsehung nicht auf ihrer seite zu haben.

    wo du jedenfalls recht hast, chef ist die gefährlichkeit einer eugenik in moderner zeit.

    die herrenmenschen waren ja mit ihren lebensbornen und konzentrationslagern (besser wohl: hinrichtungslagern) ja noch in der eugenischen steinzeit.

    heute schaut das ein wenig anders aus. eine herschende klasse könnte in der tat ihre macht zementieren, in dem sie ihre besten (und hier sind wir wohl beim katalogisieren von dem der chef sprach) reproduziert. und das würde wohl ganz massiv in unsere bislang unter evolutionären kriterien verlaufenen "schöpfungsgeschichte" eingreifen.

    in der tat, man wollte bislang schon immer den "besseren" menschen, bloß heute ist es möglich, und die besseren bestimmen dann auch was "besser" ist. erschreckend ist nur, dass bislang doch dem humanistischen lager zuzuordnenden menschen in "regeln für den menschenpark" den humanistisch gewünschten, "besseren" menschen in der retorte herstellen wollen, bzw. zum nachdenken darüber anregen.

    ich habe jedenfalls immer noch das durcheinander der rassen und qualitäten lieber.

    die herrenmenschen wollten den "parasiten" mit einer souveränen eugenik begegnen, einer einengenden, auf die "besten" hin orientierten eugenik, verkennend, dass gerade durch eine gründliche vermischung - zumindest biologisch, wahrscheinlich aber auch in anderen belangen, den parasiten besser eins vor den latz geknallt wird (fischern wird sicherlich noch der gnadenlose befall der norwegischen lachsgewässer durch den gyrodactylus salaris, eine parasitärem saugwurm in erinnerung sein. als immun gegen den kecken wurm hat sich nunmehr eine genetische kreuzung von seeforelle und lachs herausgestellt, auf menschenebene wäre das in etwa so, als würden sich onkel toms und tante trudes wege sich nicht folgenlos kreuzen - mit anderen worten eine kreuzung zwischen schwarz und bleich.

    die botschaft von auschwitzist daher für mich schon der vielfalt raum zu geben. das bedeutet auch toleranz gegenüber den intoleranten, denn toleranz als haltung ist für mich unteilbar.

    toleranz gegenüber den intoleranten hat nichts mit aufgabe des selbstschutzes zu tun. aber toleranz die im namen des kampfes gegen die intoleranz intolerant wird, hat für mich nichts mehr mit toleranz zu tun.

    denn toleranz ist unteilbar.

    schnobs

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    toleranz ist unteilbar!

    Willkommen im Klub, Schnoberle. Ich ernenne Dich hiermit zu "Herr Quittenlauch", kurz gesagt HQ. Ein Mensch muß alles aushalten können, den Widerspuch und die andere Meinung, die andere Rasse, anderen Glauben, andere Haarfarben oder Haarlänge... Toleranz ist unteilbar. Schreiben wir uns das in ein Manifest!

  6. #6
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    toleranz ist unteilbar?

    zitat schnobs/aerolith:

    denn toleranz ist unteilbar.

    ???????????????????????????????????????


    toleranz bedeutet dem wortsinn nach 'dulden', 'gewähren lassen', 'ertragen'. da bin ich mit so pauschalen aussagen wie 'toleranz ist unteilbar' mit meinem latein rasch am ende.

    was muss ich alles ertragen? wen muss ich wie weit gewähren lassen?

    dass ich meinungen aller art ertrage, ist selbstverständlich. das ist keine grossartige toleranz. dass ich aber hassprediger aller windrichtungen gewähren lasse und mich ihnen verbal und im rahmen des rechtsstaates (auf basis der menschenrechte versteht sich) nicht entgegenstellen soll, wenn das unter 'unteilbarer' toleranz gemeint ist, dann nicht mit mir.

    wehret den anfängen hiess es mal. und ich verstehe damit zunächst verbale, intellektuelle und politische gegenwehr. alles, auch die politische agitation von hasstriefenden fanatikern verstehen müssen und alles ertragen = tolerieren müssen, ist nicht tolerierbar.

    wer schweigt, stimmt zu. das gilt in der auseinandersetzung mit intoleranten besonders. die haben nämlich kein problem damit, intolerant zu sein. und scheissen sich auch einen dreck um redlichkeit, fairness oder den gerade in radikalen kreisen so beliebten begriff ehre.

    der satz 'toleranz ist unteilbar' ist unsinnig.

    ich bin doch sehr erstaunt und befremdet, ihn von zwei führenden intellektuellen dieses forum so unreflektiert vor die augen geknallt zu bekommen.

    gruss
    eule.

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
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    toleranz ist unteilbar!

    Wenn ich etwas toleriere, heißt das nicht, daß ich es akzeptiere. Wenn ich etwas toleriere, bedeutet das noch lange nicht, daß ich einverstanden bin. Wenn ich etwas toleriere, dann bedeutet das auch nicht, daß ich GEWÄHREN LASSE, jedenfalls nicht, wenn es einen Lebensbereich berührt oder zu berühren droht, der mir wichtig ist oder jemandem wichtig ist, den ich mag oder mögen könnte oder gemocht haben könnte (abgeschloßne Zukunft). Das weitere rechne Dir aus.
    Einem Ausspruch wie WEHRET DEN ANFÄNGEN kann ich nicht folgen. Ich glaube nicht an die Schematisierung von Geschichte, aber ich glaube an Muster. Haßtriefende Fanatiker findest Du in allen politischen Lagern, linken, rechten oder auch nur mittleren. Ich bin in meinem Leben schon rigorosen Nichtrauchern begegnet, die mein Rauchen als körperlichen Angriff werteten, meinen Fleischgenuß als Mord bezeichneten und mich entsprechend behandelten. Ich kenne Leute aus der Mittelklasse, die körperlich nach innen und außen reagieren, wenn jemand auf ihrem Parkplatz steht. Da läuft Speichel, die Augen weiten sich... Gib ihnen ein Messer und sie töten.

    Intoleranten gegenüber heißt es gerade, tolerant zu sein, das bedeutet, sie dort abzuholen, wo sie eben stehen. Ich vergelte ungern gleiches mit gleichem. Das hat doch schon Jesus erklärt, Till. Willst Du wieder in Zeiten Abrahams zurück, als es galt: Auge um Auge... Heißest Du vielleicht George W.?

    Der Weg der Toleranz ist ein schwieriger, ein dornenreicher. Er ist beileibe kein Weg des laissez aller, des Gewährenlassens, des Gleichgültigen. Beileibe nicht. Man verwechsle das nie.

    Und wie Du vielleicht auch hier merkst, ich gehe selten einem Streit aus dem Weg, manchmal einem mit meinen Freunden, manchmal einem mit meinen Feinden, aber meist stelle ich mich der Auseinandersetzung.

    P.S. Man könnte doch in soziologisch-psychologischem Sinne einmal versuchen, den Satz vom ausgeschloßnen Dritten zu überwinden.

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause
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    toleranz ist unteilbar!

    'Wenn ich etwas toleriere, heißt das nicht, daß ich es akzeptiere. Wenn ich etwas toleriere, bedeutet das noch lange nicht, daß ich einverstanden bin. Wenn ich etwas toleriere, dann bedeutet das auch nicht, da? ich GEWÄHREN LASSE
    ...'


    nun, das hört sich schon etwas anders an als der allgemeine satz 'toleranz ist unteilbar'. (was heisst übrigens unteilbar in diesem zusammenhang? ich kenne den begriff nur aus der mathematik. dort ist er eindeutig besetzt.)


    und mit 'wehret den anfängen', das musst du dir so vorstellen: wenn jemand einen mord oder gar massenmord ankündigt, dann ist es zeit, sich zu wehren! und wenn jemand vergangenen massenmord leugnet, dann auch.

    wehren heisst nicht, augen ausstechen oder schädel einschlagen. wehren heisst, sich mit intellektuellen und, wenn nötig und gar nicht anders möglich, allen mitteln legaler gewalt einem verbrecher entgegen zu stellen.

    beispiel aus jüngster vergangenheit: die herren milosevic, mladic und karadzic haben kaum verhüllt agiert und agitiert. das militärische eingreifen der nato - obwohl ich im herzen pazifist bin, finde ich den einsatz körperlicher gewalt manchmal unumgänglich, wenn es gilt, grösseres unheil zu verhindern - kam spät, sehr spät und fast zu spät, war aber letzlich unvermeidlich, wollte der westen seine so viel beschworenen werte nicht völlig verraten und verleugnen.

    deshalb bin ich auch ein gegner der österreichischen neutralität. gegenüber verbrechern gibt es keine neutralität. das wäre komplizenschaft.

    wer schweigt/gewähren lässt, stimmt zu.

  9. #9
    kls
    Laufkundschaft

    reizüberflutung

    Ich könnte allein aus Gründen der Reizüberflutung zum Nazi werden, nur damit ich nicht auch noch in die Ausschwitz-Litanei mit einstimmen muss. Zwangsläufig bekomme ich am Rande mit, was meine Tochter so in Geschichte lernt. Drittes Reich, Hitler, Juden, SS, KZs, und seitenlang so weiter. Seit 3 Jahren!!! Merowinger, Hunnen, August der Starke, Wilhelm I, all das hat es nie gegeben. Deutsche Geschichte fängt mit der Machtergreifung an und endet 1945.

    Ich kann keine wohlgemeinten Appelle an DIE Ursünde der Deutschen mehr ertragen. Ja, ich weiß, das ist keine vorbildlich innere Haltung, aber mein Gott, ich bin doch nicht NUR Deutscher, Kind eines Volkes mit überdurchschnittlicher Kollektivschuld der Vorgeborenen.

    Können wir nicht allmählich anfangen uns der Gnade des Vergessens zu bedienen? Hitler ist tot und es gibt genügend akute Gründe über die schier grenzenlose Grausamkeit der Menschen betroffen zu sein. Ich will die Verbrechen des dritten Reichs nicht mindern, aber verzeiht, wenn ich es nicht mehr hören oder lesen kann.

  10. #10
    Moderator
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    kls, ich kann das sehr nachvollziehen. irgendwann muß auch mal schluß sein mit den ewigen vorwürfen, den ständigen beschwerden durch den zentralrat der juden wegen jeder kleinen sache, den "bösen blicken", wenn man bei der nationalhymne die hand aufs herz legt...
    wir sind ein volk, das deutsche, ein land, das in die zukunft blicken muß, und die politiker haben sicher genug mit der gegenwart zu tun...
    deswegen werden wir uns unserer geschichte immer bewußt sein...

  11. #11
    kls
    Laufkundschaft
    Liebe Sandra,

    jau!

    Lass uns lieber über Afrika betroffen sein, da könnte man noch etwas verbessern. An der Vergangenheit kann ich nix ändern und die Deutschen hatten ihre Unmenschlichkeit bloss etwas besser organisiert.

    Ich brauche auch keinen Cem Özdemir, der davor warnt über Türkenwitze zu lachen, denn dann würde man auch bald wieder über Judenwitze lachen. Ich bete darum, bald genau so unbefangen-hämisch über Juden lachen zu dürfen wie über Schwule, Neger, Behinderte, mich und Dich.

    Das Lachen trennt uns vom Bösen...

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder
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    liebe eule,

    du hast recht, der begriff der unteilbarkeit war ursprünglich in der mathematik beheimatet. inmitten der zahlen und formeln wurde ihm aber doch schnell langweilig und so ging er auf die wanderschaft.

    er herbergte in philosophischen knollen, bestieg juristische höhen, überquerte soziologische ströme, platzte in theologischen blasen. dort überall chillt er noch heute, der begriff der unteilbarkeit. er findet sich in jedem besseren grundrechtskatalog. und ein derartiger kataolog hat nichts mit grundrechnungsarten oder anderen arten der mathematik zu tun.

    man spricht von unteilbarkeit der freiheit, der wahrheit, der toleranz, der nächstenliebe (ok und auch der protonen). genmeint ist damit, das etwas für alle menschen ohne ausnahme in gleicher weise gelten soll. ok, man kann sagen, das ist ein programmatischer schmus.

    in deutschland wurde einmal diskutiert, ob grundrechte auch für huren gelten sollten. die befürworter sahen die grundrechte als unteilbar an, die gegner als teilbar. so einfach ist das.

    die toleranz ist letzendlich nichts anderes als ein ordnungsgedanke. genauso wie bei der gerechtigkeit und wahrheit wird eine ordnungsqualität angestrebt, die möglicherweise nicht erreicht wird. dennoch ist das ungeteilte anstreben ein postulat wo ich den von dir verkündeten unsinn nicht sehen kann.#

    wie ich bereits in einem früheren, aber noch heutigen posting gesagt habe, bedeutet toleranz nicht selbstaufgabe oder verzicht auf notwehr. das wäre unsinning ("ich erschieße sie!" "bitte tun sie nur, ich bin da absolut tolerant.").

    es geht um verstehen des DU, des IHR und so wie robert gesagt hat ist das ein dornenvoller weg, weil man möglicherweise in gefahr läuft, sein früheres ich nicht zu verstehen.

    wenn bei dir, eulenspiegel die bereitschaft da ist, dich mit einem neonazi zu unterhalten, versuchen, sein werden zu verstehen, dann bist du für mich schon tolerant.

    ich halte es für vernünftig, nicht von toleranten und intoleranten, von toleranz und intoleranz zu sprechen, sondern von tolerantem und intolerantem tun.

    tolerantes tun ist anzustreben, intolerantes zu vermeiden.

    tolerantes tun ist aber nicht per se gut, genausowenig wie intolerantes handeln per se schlecht ist.

    was jetzt im einzelfall zu tun ist kann nur durch wertung der widerstreitenden interessen und abwägung der davon betroffenen (Rechts-)güter (wie körperliche integrität, ehre, gesundheit) in einer individuellen Gesamtschau beurteilt werden.

    der satz: "toleranz ist unteilbar" hat schon seinen sinn. ich möchte die nutten nicht von den grundrechten ausnehmen.

    außerdem bin ich kein intellektueller, sondern kürbiszüchter! sag ich einmal ganz unreflektiert.


    schnobs, unteilbar


    p.s.: mit der sinnhaftigkeit der pauschalausssage: "wer schweigt, stimmt zu" habe ich wieder so meine probleme. dem schweigen kann nun mal ein eindeutiger erklärungswert zugemessen werden. kann sein, dass ich gerade einen bismarckhering oder eine senfgurke zwischen den zähnen habe, dass ich nicht antworten will, dass ich naturstumm bin, geknebelt bin...was weiß ich!

    Layla und kls, ihr dürft im übrigen aus der ecke raus! zum schämen hat euch ohnedies keiner dort hingeschickt!

  13. #13
    kls
    Laufkundschaft

    AW: Wofür Auschwitz steht

    Der letzte Satz sollte eine Antwort auf Aeroliths Fragen sein. Wir alle sind Auschwitz, wenn ich das mal so salop schreiben darf. Andere Rahmenbedingungen und wir hätten auch den Arm gehoben. Wahrscheinlich wäre ich eher Täter als Opfer gewesen.

    Aber wir können lachen. Ob aus Verzweiflung, Dummheit oder Glück ist unerheblich. Lachen ist unsere Waffe gegen Vereinnahmung durch den Ernst der Lage. Die Scheißlage ist nämlich immer scheißernst. Wenn wir uns nicht mehr trauen zu lachen, dann hat das "Böse" gewonnen.

    Ich glaube, dass es Menschen gibt, die in den anderen tatsächlich nicht sich selber sehen können. Das sind die "Bösen".

  14. #14
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Wofür Auschwitz steht

    Deine Sicht hat was, Karlchen. Leider bin ich nicht so gestrickt. Ich nehme das nicht so leicht, wobei ich Dich jetzt nicht als Hasenfuß bezeichne. Ich suche bei fast allem nach dem Grund -


    deswegen bin ich auf längere Sicht auch für niemanden zu ertragen -

    und muß deshalb auch in dem Begriff Auschwitz etwas suchen und finden, was es bedeutet, für mein künftiges Tun bedeutet. Und da bin ich nur zu Zwischenergebnissen gekommen, schwanke da zwischen Tills eher apodiktischem "Wehret..." und einem sardonischen Lachen, daß es mich nichts zu kümmern hat, was einst geschah. Ich habe beide Lesarten durchdacht, beide gefallen mir nicht. Sie nehmen mich nicht gefangen. Nun könnte ich mit einem Federstrich das Schwerste und das Leichteste zugleich wegwischen, aber dann käme mein Charakter irgendwann und würde mich schimpfen. Und so muß ich also den schwierigen Weg gehen und mich durch das Gestern zum heute durcharbeiten, um ein Morgen zu bekommen.
    HQs Ansatz ist da schon recht auf meiner Wellenlänge. Glaube ich. Da schnöfle ich den ganzen Menschen. Und jetzt kömmt der Paidagogos in mir, der will auch im übelsten Menschenhasser noch den kleinen Jungen sehen, dem einst ein größerer das Stückchen wegnahm und der nun alle haßt, die auf der Lebensleiter über ihm stehen.
    Na gut. Ich trolle mich jetzt und arbeite noch ein bißchen am Ur-Wallenstein. Das ist vielleicht ergiebiger.

  15. #15
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Wofür Auschwitz steht

    hi schnobs,

    selten so aneinander vorbei gepostet wie hier.

    no na bezog sich die frage nach der unteilbarkeit der toleranz nicht auf rassen, gattungen oder gruppen, weder auf die frage ob säugtiere oder insekten. ich bin sogar tolerant gegenüber gelsen und ameisen, so lang sie mich nicht befallen. dann allerdings, ich gestehe es errötend, kann es sein, dass mir mal die hand auskommt und ein insekt umkommt.

    natürlich lautet die frage: wie weit kann/darf toleranz gehen, besonders gegenüber intoleranz und hass, ohne dass sie sich selbst zur komplizin macht????


    in diesem sinne, ich will mich nicht wiederholen,

    gruss
    eule.

  16. #16
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    AW: Wofür Auschwitz steht

    Auschwitz steht nicht dafür, dass die Menschen alle böse sind - auch wenn sie vielleicht wirklich alle böse sind.

    Auschwitz steht dafür, was Faschismus mit den Menschen machen kann. Ich war mal auf einem Popkonzert (Nürnberg, Zeppelinfeld!) in der zweiten Reihe, zusammen mit einem Haufen Freunde und Bekannter. Irgendwann, als die Vorgruppe ("Was Not Was") spielte, fing einer von uns an, seinen Daumen hochzustrecken und im Takt damit in der Luft rumzuwedeln. Was Not Was haben das dann nachgemacht, und keine 10 Sekunden später das ganze Zeppelinfeld. Und wenn meine Freunde da vorne die Daumenrichtung gewechselt haben, haben sie auch auf der Bühne gewechselt, und dann natürlich wieder das ganze Zeppelinfeld.

    Meinen Daumen unten zu lassen, war eine der schwersten Übungen, die ich jemals gemacht habe. Nicht, weil ich akzeptiert sein wollte, nicht einmal, weil meine Freunde mich verständlislos anschauten und aufmunternd anschubsten, als wäre ich ein blöder Spielverderber. Sondern weil da oben anscheinend ein Magnet war, der meinen Arm in die Höhe ziehen wollte. Es war so schwer, dass ich es hier überhaupt nicht beschreiben kann, ich war den ganzen Abend fix und fertig.

    Ich konnte es nur wegen der Gedanken, die ich mir dabei dauernd vorgesagt habe: "und wenn der jetzt schreit, bringt alle Juden (/Christen/Schwulen/Rothaarigen) um, dann schreien es alle nach..." Damals war ich 18. Und es war verdammt schwer, ABER ES GING, DER ARM KANN UNTEN BLEIBEN.

    Wer allerdings keine Meinung hat und keine intellektuelle Erkenntnis, die er sich vorsagen kann, der schafft es meines Erachtens nicht. Habt ihr Sebastian Haffners "Geschichte eines Deutschen" gelesen? Da wird klar (zumindest mir wurde das klar), dass die Intellektuellen den Anfängen hätten wehren müssen, nur sie hätten es gekonnt, und auch nur GANZ am Anfang.

    Da liegt eine Verantwortung, die nichts mit Toleranz oder Intoleranz zu tun hat. Wenn jemand ein ganzes Volk mit einer Idee infizieren will und alle, die nicht mitlaufen, ausschaltet, dann ist das Gewalt in ihrer brutalsten Form. Die Toleranz fängt für mich da an, dass ich, im Gegensatz zu dir, Aerolith, dann auch die Menschen gegen diese Gewalt verteidigen will, deren Meinung ich NICHT teile, und die ich vielleicht selbst NICHT mögen würde. Die verteidige ich dann aus reiner Toleranz, weil sie dieselben Grundrechte haben sollen wie jeder andere.

    Faschismus, oder allgemein Gleichmacherei (weil sie ihn vorbereitet), ist für mich immer "böse" (die marxistische Theorie sieht das z. B. anders - für mich das Schlimmste am Kommunismus). Er bringt die Menschen dazu, die bösen Ideen einer (oft an der Spitze durchaus intellektuellen) Führung auszuführen.

    Aber das "Böse" in jedem einzelnen, das ist noch mal was anderes...

    Lene, die Gute

  17. #17
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    Schicklgruber

    manchmal frage ich mich, ob alles soweit gekommen wäre, wenn es bei schickelgruber geblieben wäre und nicht dieser dubiose onkel aufgetaucht wäre!

    mit "heil schickelgruber" hätte man sicher nicht das deutsche volk in die knechtschaft führen können, da kann "heil hitler" einfach mehr.

    schickelgruber klingt nach brotzeit und frühschoppen, hingegen hitler härter, männlicher, chartsverdächtig.

    namen sind eben nicht schall und rauch!

    schnobs

  18. #18
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Der Unsinn des Rassismus

    Wenn jemand glaubt, daß eine bestimmte Volksgruppe deshalb getötet werden muß, damit sich ihr Samen (Blut) nicht weiter ausbreite, dann verläßt er den Diskurs, dann ist mit dem nicht zu reden, dann will er unmoralisch handeln.

    Man mag zu jemandem sagen, daß er der Todfeind ist. Daran kann ich nichts Unmenschliches erkennen. Wenn jemand festlegt, daß die Basken die Todfeinde Spaniens sind, dann mag er für diese Idee Anhänger werben; dagegen läßt sich nichts sagen. Wenn er allerdings verlangt, daß die Basken erschlagen werden sollen, weil sie Basken sind, dann handelt er unmoralisch und muß in seinem Tun behindert werden.

    Für mich gibt es so etwas wie eine blutmäßige Verunreinigung nicht. Meiner Meinung nach gibt es keinen Menschen, der blutsmäßig rein ist. Jeder ist ein Mischling. eine Differenzierung in rein und unrein ist meiner Meinung nach unsinnig.
    Aber wenn jemand daran glaubt, daß es so etwas gibt, dann kann ich es nachvollziehen, daß er alles tun will, um seinen Stamm rein zu halten. Ich billige es nicht und ich bezeichne es als undeutsch, aber ich kann es nachvollziehen, daß jemand das dann will.

    Recht hatten die Nazis weder in der Sache des Rassismus noch in der Art und Weise, wie sie ihre politischen Ziele durchsetzen wollten.

  19. #19
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    26

    AW: Wofür Auschwitz steht

    Hier sind wir noch nicht fertig.

    kls: Das sind ja beinahe die Worte von Herrn Höcke in seiner gefemten Dresden-Rede. Er meinte allerdings schlußfolgernd noch, daß der Schuld-Kult dazu geführt habe, daß sich die Deutschen ein Denkmal der [er meinte wohl dieser] Schande ins Zentrum ihrer Hauptstadt gestellt hätten. - Diese Schlußfolgerung ziehst Du nicht. In einem wichtigen Kerngedanken stiumme ich Dir völlig zu: Wenn wir nicht mehr über die Schwächen jedes Menschen oder bestimmter Menschengruppen lachen (dürfen), hat das Böse gewonnen. - Witze basieren oft auf den Schwächen von typisierten Menschengruppen und funktionieren deshalb, weil die damit verbundenen Klischees schlichtweg der Lebenswahrnehmung lachender Menschen entsprechen.

    Till: Aus diesem Dilemma kömmst Du nicht heraus: Deinem Weltbild nach dürftest Du tatsächlich keine Hand gegen jedwedes Lebewesen richten. Andererseits gibt es für Dich so ne und so ne, also schon welche, gegen die Du Dich richten würdest, um Schlimmeres zu verhüten. Doch wer bestimmt, wann etwas nicht tolerabel sein soll? Ein enges Netz an Weltanschaulichkeit? Das Dogma? Du mußt so und so sein, dann bist Du ein Guter, andernfalls bist Du ein Böser und wirst nicht nur aus dem Diskurs ausgeschlossen, sondern sogar gefemt.

    Schnobs: Selten so mit Deiner Meinung übereingestimmt. Allerdings bin ich kein Kürbiszüchter, sondern Lulatsch.

    Lene: Suggestion vergeht. Die linksliberalen Intellektuellen haben den NS von Anfang an bekämpft. Da sie aber keine Antwort auf drängende Lebensprobleme geben konnten und, im Gegenteil sogar, die aus ihrer Weltsicht folgende Politik das Reich quasi in den Untergang führte (Westeinbindung, Arbeitslosigkeit, Schulden, Not, Proporz, Korruption...), die bolschewistische Alternative den Deutschen mehrheitlich abging, bekam Hitler allen demokratischen Spielregeln zufolge seine Chance. Wehret den Anfängen? Faschistische Massensuggestion? ich bin mir da nicht sicher. Das war weit mehr als Suggestion resp. Verführung.
    Das Böse allerdings erklärt sich darüber schon - in Teilen. Es ist andererseits sehr viel mehr als die Hinneigung des Menschen zum Reich der Sinne.

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