Vater Heinrich I. zog Otto seinem älteren Bruder Thankmar vor und bestimmte ihn vor den Großen seines Imperiums auf dem Erfurter Reichstag 936 zum Mitkaiser. Keiner der Anwesenden hatte etwas dagegen. Und so zog man nach Aachen, die Krönung vorzunehmen. Dorthin kamen auch die übrigen Großen des Reiches, die Herzöge aus Bayern, Schwaben und Lothringen. Sie allesamt huldigten Otto in der Säulenhalle Karls des Großen, erkannten ihn als ihren König an. Danach begab man sich zur Kirche, wo der Kanzler des Reiches, der Erzbischof von Mainz, Hildebert, wartete, um Otto vor dem anwesenden Volke zu salben und zu krönen. Beim Festmahl danach nahmen die Herzöge Aufgaben wahr, woraus die Churwürde erwuchs: Giselbert aus Lothringen wurde Kämmerer (Finanzminister), Eberhard aus Franken Truchseß (führte den Hof), Hermann aus Schwaben füllte die Funktion des Mundschenks (Vertrauter; Küchenchef) und Arnulf aus Bayern die des Marschalls (Kriegsminister; Stallmeister) aus.

Zum Begriff der Gefolgschaft im germanisch-deutschen Lebensraum: „Treueide verbanden den Häuptling mit der Schar der Jünglinge und den Berufskriegern, die als Hausgenossen und Leibtruppe um ihn lebten.
Das freiwillig eingegangene Verhältnis zwischen dem Gefolge, der Drucht, und dem Gefolgsherrn, dem Druchtin, steht in der Mitte zwischen den privaten und den staatlichen Bindungen. Diese letzten übertrifft es an Heiligkeit, das ist an unverletzbarem Ansehen; auch an menschlichem Gehalte; die kameradschaftliche, nicht unterwürfige Hingabe an den Führer löste in dem alten Germanen mehr Seelenkräfte aus als der Gehorsam gegen die abstrakte Staatsgewalt.
Zu dem Alltag des Hauslebens stellt sich das Gefolgentum wie eine Festzeit. Da findet der Germane, was sein Herz wünscht: Kampf und Gefahr, wechselnd mit sorglosem Gelage und Spiel; in den Kämpfen winkt Ruhm und in der Halle die wonnigen Kleinode vom Gabenstuhl des Herrn. Als Hintergrund des Ganzen der Stolz, zur Auslese des Volkes zu gehören, und der Entschluß, diese Ehre wonötig mit dem Heldentod zu bezahlen.“ (Andreas Heusler: Germanentum. Heidelberg 1934. S. 27.)
Das ist ein wichtiger Vorgang, denn zwar tritt Otto die Nachfolge des karolingischen, mithin des Römischen Imperiums an, ist somit Rechtsnachfolger, aber das Reich der sächsischen Liudolfinger (nach ihrem Stammvater Liudolf von Sachsen) ist kein reines Erbreich. Das Reich wird nicht mehr unter den Brüdern geteilt, sondern dem Besten übergeben. Und dieser Beste wird durch Huldigung der mächtigsten Männer des Reiches und des Volkes bestätigt. Damit wird aus einer Oligarchie eine Aristokratie, denn der König bedurfte der Zustimmung der anderen Herzöge, die in Otto ihren Herrn erkennen mußten, sie aber auch verweigern durften, wenn ihnen Zweifel an seiner Macht, seiner Unversehrtheit [1] oder an der Berechtigung seines Anspruches kamen. Die Klammer des Reiches war Freiwilligkeit, Einsicht in gemeinsame Interessen und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sich bis ins Volk durchschlug. Der König garantierte den Herzögen Rechte für ihre Stammesgebiete und verlangte dafür Heeresfolge. Aus dem karolingischen Erbkönigtum, das sich auf Erwähltheit und gemeinsames Blut stützte, wurde so wieder das altgermanische Wahlkönigtum auf der breiten Basis der Stammesführer, die alle ein Interesse einte: Autonomie in ihrem Herrschaftsbezirk. Allerdings war es keine Restauration altgermanischer Vorstellungen, sondern eine Synthese aus dem Heerkönigtum der vorchristlichen Zeit und dem auf christlich-jüdischem Erwähltheitsdünkel [2] fußenden Erbkönigtum der Karolinger, das sich nach Karl nicht behaupten konnte.

Erzbischof Wilhelm an Papst Agapet, 955: In die Verkürzung unseres Bistums und die Verlegung der Halberstädter Kirche werde ich, so lange ich lebe, nimmer willigen; selbst wenn einer von jenen falschen Propheten, die außen in Schafskleidern kommen, aber innen reißende Wölfe sind, mit Gold und Edelsteinen bepackt nach Rom geht und von dort zurückkehrend sich brüstet, er bringe so viele Pallien heim, als er wolle, mit barem Gelde gekauft – ich weiß nicht von wem, daß dies nur auch möglich sei, kann ich nicht glauben – und wenn derselbe auch apostolische Briefe aufweist, nach welchen es dem König in apostolischer Machtvollkommenheit erlaubt sein soll, Bistümer zu ändern, wie ihm beliebt. Ich kann es nicht für angemessen erachten, daß solches ohne mein Wissen geschieht; ohne mein Willen, der ich ganz Germanien und Gallien als der Erste nach euch in der Christenheit bessern soll, was zu bessern ist, und niemandem Rechenschaft schuldigen soll als euch...

Im zehnten Jahrhundert hing man noch am germanischen Grundsatz der vollen Übereinstimmung: ein König mit Gegenstimmen war nicht denkbar. Alle mußten an einen Kandidaten glauben. Schwer vorstellbar ist hier die politische Umsetzung, aber dennoch war sie real. Die Deutschen bestimmten einstimmig und freiwillig den Stärksten unter sich zu ihrem Anführer. Durch Huldigung. Der Vorschlag kam vom regierenden König, der seinen geeignetsten Sohn designiert, als Herrschertypus den versammelten Fürsten anzeigt. Erkennen diese die Wahl des Königs an, so huldigen sie diesem neuen König. Dadurch wird ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis deutlich. Der König erkennt die Herzöge als eigene Herrscher an und nimmt den Dank, daß er ihrer bedarf. Zugleich bestätigt er deren Aufgabe als Hüter des Reiches in den einzelnen Bestandteilen und verspricht ihnen Hilfe für den Fall einer äußeren oder inneren Bedrohung. Ob der König dieses Recht einer Familie gab oder nur der Person, ist nicht klar. Die Stärke des Königtums zu dieser Zeit bewirkte die Bestimmung der Herzöge durch die Liudolfinger. Sie ließen Erbansprüche derselben nicht zu. Das ist der weltliche Aspekt.
Otto I. ließ sich salben. Damit nahm er einen sakralen Aspekt wahr, den sein Vater noch verweigert hatte. Heinrich I. wollte auf eigenen Beinen stehen, Otto verstärkte seine Macht durch seine Hinwendung zu christkirchlichen Handlungen, indem er Demut bewies, wie sie dem Christen ziemt, indem er sich salben ließ und damit anerkannte, ein Geschöpf Gottes, ein durch die Kirche zu schützendes Lamm Gottes zu sein. Zugleich be(ur)kundete die Königs-Salbung die Schirmung aller Christen während seiner Herrschaftszeit.
Was für Veränderungen müssen bei den Sachsen in den hundertundfünfzig Jahren seit der Unterwerfung durch den Franken Karl vorgegangen sein! Karl mußte sie noch zum Christentum zwingen. Jetzt war das Machtzentrum des Reiches nach Osten gewandert, statt des fränkisch-burgundischen Aachen war Ottos Lieblingsstadt, das ostfälische Magdeburg, zum Zentrum des Reiches geworden. Magdeburg – die Hauptstadt der Welt! Beinahe. Zu dieser Zeit gab es so etwas eigentlich nicht, eine Hauptstadt. Das Zentrum war dort, wo der König weilte. Und der war ständig mit einem riesigen Troß unterwegs. Dennoch wird mit Otto eine stärkere Strukturierung der Herrschaft im Reich deutlich. Otto war der Stärkste, aber entfernt von Despotie. Seine Macht wurde beschränkt und in Schranken gehalten von den Herzögen, die wiederum durch ihre Grafen gezügelt wurden. Ottos Bestreben lag darin, seine Macht auszubauen, wie die seiner Herzöge usw.; der Feudalismus war expansiv; er benötigte Land, treue Gefolgschaft und Ansehen. Das Geld spielte eine untergeordnete Rolle, wichtiger waren Ansehen und Können, die Macht über etwas. So waren die gesellschaftlichen Schranken niedrig, jeder besaß die Freiheit, sich seinen Platz zu bestimmen.
Otto war König und strebte nach der Unteilbarkeit der Macht, der höchsten Gewalt. Aber er war auch Pragmatiker und wußte, daß absolute Macht nicht ausreicht, ein Land zu regieren. Macht muß also geteilt werden, das verlangt die Ausübung der Regierungsgewalt. Ein zufriedener Untertan ist besser als ein unzufriedener. Ein zu zufriedener Untertan ist auch nicht gut, denn dann bleibt der Staat ohne Entwicklung und verfault. Otto mußte hier eine Waage halten, die Kräfte der einen Seite stärken oder schwächen, Bewegung lautete das zentrale Wort dieser Zeit, militärisch bedeutet das Auseinandersetzung, Krieg. Ob Otto das reflektierte, darf bezweifelt werden, aber vielleicht handelte er instinktiv richtig, denn anders sind die Ereignisse der nächsten Jahre kaum zu erklären.
Die Liste der Rebellionen gegen Otto ist lang. Meist folgte der Aufstand gegen den Kaiser dem Tode eines Herzogs. Sein Erbe mußte sich erweisen und stellte sich gegen Otto. Otto hatte viel zu tun, die einzelnen Rebellionen niederzuschlagen, gleichzeitig jedoch die besiegten Herzöge wieder aufzunehmen, d.h. ihnen den ihnen gemäßen Platz in Ottos Staat zuzuweisen. Das Fehderecht bewirkte hier Unordnung, gleichzeitig jedoch förderte es das Freiheitsempfinden jedes freien Deutschen. Otto bekämpfte die Beschränkung des inneren Friedens, indem er auf einem Gerichtstag zu Magdeburg verfügte, daß die Fehdenden Hunde tragen sollten, d.i. eine Kränkung. Otto verfügte, daß ein fehdewütiger Adliger einen Hund tragen mußte und sühnte damit dessen Eigenmächtigkeit, Recht sprechen und durchführen glauben zu dürfen, am König vorbei zu herrschen. Aber diese Sühnung führte dann bei Otto dazu, daß er den Büßer wieder huldreich in den Kreis der Herrschenden aufnehmen mußte. Wir erkennen das Prinzip der Herrschaft. Aber der gekränkte Eberhard von Bayern, Nachfolger Arnulfs, blieb gekränkt. Er verband sich mit Giselbert von Lothringen gegen Otto, und außerdem gewannen sie noch Heinrich, einen jüngeren Bruder Ottos, der glaubte, vornehmer als sein Bruder zu sein, da er geboren ward, als sein Vater Heinrich bereits König und nicht mehr Herzog war, wie er es noch zur Geburtszeit Ottos (912) gewesen.
Das ist die Logik des Mittelalters.
Otto beauftragte ein paar fränkische Ritter, die beiden renitenten Herzöge zu überfallen. Bei Andernach am Rhein fanden Giselbert und Eberhard den Tod. In eben dieser Zeit verband Otto seinen neunjährigen Sohn Ludolf, indem er ihn mit dem schwäbischen Herzogskind Ida verheiratete. Außerdem band er seine Schwester Hadwig mit dem Westfranken Hugo. Das geschah 937. So hielt er sich Westfrankien, woraus bald Frankreich entstehen sollte, vom Leib.
Diese Taten überzeugten den hochgemuten Heinrich. Im Büßergewand näherte er sich zum Weihnachtsfest seinem älteren Bruder Otto, der ihn aufheben mußte, ihm verzeihen mußte.
Ottos Innenpolitik war eine andere als die seines großen Vorbilds Karl. Statt Grafen einzusetzen, die ihm persönlich verbunden waren, setzte er auf die Verbindung der verschiedenen Adelsfamilien, also eine Heiratspolitik. Außerdem war er hart gegen unnachgiebige Aufständler, deren Buße er gern annahm und sie wieder in ihr Amt einsetzte, ihnen verzieh. Er schuf das Amt des Pfalzgrafen, indem er einem Grafen Königsgut übergab, das er zuvor eingezogen hatte. Damit entstanden Puffergebiete, meist um Bayern herum, das sehr aufmüpfig der Herrschaft aus dem Norden begegnete. Franken verlor seinen Stammescharakter, es bestand fortan aus mehreren Pfalzgrafschaften. Auch Lothringen konnte Otto stärker an sich binden. Mehr und mehr griff Otto nach dem Recht, Herzöge zu benennen, wählte aber keinen aus seiner Familie, sondern verband die eigene Familie mit den Stammesherzögen. 947 waren die Stammesherzogtümer mit dem Bruder (Bayern), dem Sohn (Schwaben) und dem Schwiegersohn (Lothringen) besetzt. In Sachsen herrschte Otto formal selbst, gab aber seinem besten Freund Hermann Billung Sachsen quasi als Markgrafschaft.

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Deutschland war zu einer Aristokratie der Ottonen geworden. [3] Und Otto griff weiter aus. Auch Westfranken wollte er dem Reich zurückbringen. Er versuchte es mit zwei Taktiken: Heirat und balance of power [4]. Seine Schwester Gerberga mußte nach dem Tode ihres Gatten Giselbert Hugo von Franzien heiraten. Damit hatte Otto den Fuß in der Tür. Zugleich war er mit dem westfränkischen König Ludwig verwandt. Die Streitigkeiten zwischen Ludwig und Hugo nutzten Otto, der bald mit der einen, bald mit der anderen Seite paktierte. Er griff etliche Male an und zeigte seine Stärke, doch nie erobernd. Eine Synode zu Ingelsheim (948) sollte die Streitigkeiten klären, schob aber kriegerische Auseinandersetzungen nur auf.
Der Tod von Ottos erster Frau Edith 946 gab dem die Möglichkeit, sein Imperium neu aufzustellen. Er überschritt die Alpen und ehelichte eine italienische Prinzessin, Adelheid. Die Kinder aus erster Ehe waren damit nicht einverstanden und begehrten auf, denn das gefährdete ihr Erbe. Otto aber nahm Italien als König in Besitz, strebte die Kaiserkrönung an, doch er fand zu starken Widerstand und mußte aus Italien zurückkehren, ohne dieses Ziel erreicht zu haben. Er gab den Königstitel von Italien an seinen Schwiegervater Berengar zurück und verpflichtete diesen als Lehnsmann.
Ein weiteres Kampffeld Ottos bildete die Kirche. Erzbischof Friedrich von Mainz stand bis zu seinem Tod 954 gegen Otto, denn er wollte die Ostmissionierung auf seine Weise durchführen; Otto dagegen hatte den Plan, die Ostmissionierung über ein neu zu schaffendes Erz-Bistum Magdeburg zu forcieren, was von den älteren Bistümern Havelberg, Bremen, Halberstadt und Merseburg Widerstand erfuhr, aber auch von seinem Sohn Wilhelm, Nachfolger Friedrichs von Mainz, abgelehnt wurde.

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Otto besaß die Möglichkeit, seine Brüder, Schwager oder Kinder jederzeit von den Gaugrafen aus dem Amt jagen zu lassen, denn keiner der Gegner des Königs hatte die Idee, sich mit den Grafen des Reiches gegen den König zu erheben, keiner hatte ein vom König unabhängiges Machtgebilde gesponnen. Jedesmal gab es nach dem Kampf die Reunion mit den Verwandten. Otto bewies hier Charakterstärke und nahm die Rebellion als innerfamiliären Streit. Und manchmal hatte Otto auch Glück. So starb sein großer Widersacher Friedrich von Mainz 954. Den Bischofsstuhl gab er seinem illegitimen Sohn Wilhelm. Der zeigte sich zwar nicht unbedingt als Ottos Gefolgsmann, aber die Schärfe seines einstigen Widersachers Friedrich besaß Wilhelm nicht. Da sein liebster Bruder Brun in Köln herrschte, war das linksrheinische Gebiet nun ziemlich fest in Ottos Gewalt.
955 zogen die Ungarn wieder nach Deutschland, Beute zu machen. Es fiel Otto nicht sehr schwer, die deutschen Stämme zu mobilisieren. Als Otto in Magdeburg die Nachricht erhielt, daß die Ungarn an der Donau vorrückten und Bayern plünderten, alarmierte er seine Gefolgsleute; er mußte sie fassen, bevor sie mit ihrer Beute wieder im östlichen Nirgendwo verschwunden waren. Otto hatte die Schwaben und Bayern an das Nordufer der Donau befohlen, dazu kam der Herzog von Böhmen. Otto brach von Magdeburg aus auf und sammelte auf dem Wege nach Süden sächsische und fränkische Getreue. Ein Eilbote war zu Ottos Bruder nach Lothringen unterwegs, damit der den westlichen Fluchtweg an den Rheinfurten versperrte. Die Ungarn lagerten vor Augsburg und planten die Plünderung der Stadt. Otto stellte seine Kontingente östlich des Lech auf und wartete. Die Ungarn kannten keine andere Taktik als den Angriff. Otto mußte die schnellen Ungarn nah an seine Panzerritter heranbringen und im Nahkampf dann überwältigen. Er hatte an die östlichen Rückzugswege der Ungarn Burgställe bauen lassen und an den Furten Bogenschützen postiert. Der Weg nach Westen war den Ungarn von lothringischen Kontingenten versperrt. Ottos Bruder hatte sein Wort gegeben und gehalten. Es sollte ein Massaker werden, das den Ungarn ein für allemal die Lust am Plündern im Reich verleiden sollte. Die Ungarn waren zahlenmäßig den ca. 8000 deutschen Rittern knapp überlegen, aber sie hatten mit ihren pfeilschießenden schnellen Reitern nur eine Offensivwaffe; wenn man sie in den Kessel zwischen Lech und Paar bringen würde, hätten sie keine Chance. Otto ließ die Ungarn also von Norden angreifen und opferte bayrische Kontingente, die die Ungarn in die Falle locken sollten und das mit ihrem Leben bezahlten. Waren die Ungarn im Kessel sollten die stärksten Ritter, die Sachsen und Franken, den Ansturm bremsen. Die Königskontingente. Und schließlich sollte die Falle zuschnappen und die Schwaben und Böhmer den Kessel der Schlacht auf dem Lechfeld deckeln.
Der Sieg war vollständig bei geringen eigenen Verlusten. Die wenigen überlebenden Ungarn verließen flüchtend das Reich und kehrten bis heute nicht wieder. Der 10. August 955 kann als die Geburtsstunde Deutschlands gesehen werden, denn zum erstenmal vereinigte ALLE deutschen Stämme der damaligen Zeit ein gemeinsames, ein patriotisches Ziel, die Abwehr eines gemeinsamen Feindes.


Aufgaben:


  1. Ermittle die Bedeutung der Salbung! (I)
  2. Erforsche die Begriffe „Chur“, „Churwürde“ und die damit zusammenhängenden Ämter der Herzöge für die Zeit der Ottonen! (II)
  3. Stelle das Huldigen bildlich und beschreibend dar! Differenziere für die einzelnen Stände [5] und begründe erklärend die Unterschiede bei diesem Akt! (II)
  4. Erkläre das Verhältnis zwischen dem König und seinen Herzögen als eine Symbiose! (II)
  5. Warum war das frühe Reich eine Aristokratie und keine Monarchie? (III)
  6. Fasse Ottos politische Strategie zusammen! (II)
  7. Analysiere die Quelle des Erzbischofs Wilhelm in Hinblick auf die Reichskirchenpolitik Ottos! (II)
  8. Analysiere den Schlachtplan Ottos und vergleiche diese Schlacht mit Cannae! (III)






[1] Zur Unversehrtheit gehört die Körpervollkommenheit. Der deutsche König durfte keinen körperlichen Makel besitzen. Er durfte nicht geschoren sein, mußte Bart und Langhaar tragen. Kurze Haare und ein rasierter König waren ebenso undenkbar wie ein steifes Bein oder andere sichtbare Makel. Diese Vorstellung hielt sich das gesamte Mittelalter.

[2] Der Erwähltheitsdünkel der Juden drückte sich in dem Begriff des Kahal, d.i. die Versammlung der Gläubigen im Angesicht Jahwes, aus. Die Christen übernahmen diesen Kirchenbegriff (Kirche als Versammlung der Gläubigen), brachen aber mit den Zulassungsbeschränkungen: während die Juden nur Beschnittene und Unbescholtene zuließen, nahmen die ersten Christen auch Unbeschnittene und Sünder in den Kirchenkreis auf, denn der Christ unterscheidet zwischen Sünder (darf in den Kreis) und Sünde (bleibt außerhalb des Kreises). Damit vollzog sich der weltgeschichtliche Paradigmenwechsel: es galten fortan nicht mehr die formelle Einhaltung der „Glaubens“-Kriterien (wie heute noch im Judentum und Islam), sondern lediglich der dem freien Menschen sich entäußernde Willensakt, zu einem Kreis der Gläubigen gehören zu wollen. Germanentum als Prinzip der Gleichen und Urchristentum als jenes der Auslöschung des Erwähltheitsdünkels gingen hier eine Verbindung ein, die erst mit der Erstarkung des Kalvinismus wieder zerbrochen wurde, als der Erwähltheitsdünkel Urständ feierte; allerdings ist der Glaube, erwählt zu sein, substanzmenschlich, bricht also immer wieder durch, besonders in Herrschergeschlechtern.

[3] Eine straff geführte Regierung ist für die Ottonenzeit nicht zu erwarten. Streit gab es in Hülle und Fülle. Klare Richtlinien für Königsvertraute (Grafen, Boten, Bischöfe) wurden in Kapitularien festgelegt, die auslegbar blieben. Die Appellationsinstanz konnte Kompromisse erwirken, falls in Verwaltungsangelegenheiten Streit entstand. Es fehlte an Gesetzen, aber die Zeiten waren rauh; die frühen Deutschen regelten das untereinander meist im Sinne des Stärksten und der Fehde, die sich nicht nur unter Adligen ereignete. Der König reiste umher und griff ein, wenn ihm Streitfälle vorgetragen wurden, aber der König konnte kaum das Land kontrollieren. Es war groß und dünn besiedelt. Außerdem gab es nicht wenige Adlige, die immun waren, also königsunabhängig. Da durfte dann der König nicht, sein Bote schon gar nicht, eingreifen, aber dem selbstherrlichen Adligen, der sich gegen den König stellte, konnte der Krieg erklärt werden. Man versteht leicht, warum Begriffe wie Treue und Loyalität in diesen Zeiten ein besonderes Gewicht besaßen. Der Personenverbandsstaat, als der das Reich der Ottonen gelten muß, hätte ohne eingehaltene Treueversprechen nicht existieren können.

[4] Der Gedanke eines Machtausgleichs im Reich wurde später als "blutiges Puppentheater" (Arndt) oder etwas, das "niemals in dem Gemüte eines Deutschen hätte Wurzel fassen" (Fichte) kann, bezeichnet. Wie wir hier erkennen können, haben bereits die Ottonen diese Politik als durchaus angemessen betrachtet, ja, man möchte meinen, es ist ein Wesensmerkmal politisch-herrschaftlichen Denkens, für Interessenausgleich zu sorgen, denn nur so kann man als Zünglein an der Waage eigene politische Ziele durchsetzen.

[5] Ein nach Ständen geordnetes Staatswesen basiert auf Kompromissen. Jeder Stand muß eine Pflicht erfüllen, die mehr oder weniger öffentlich gemessen wird, wonach sich die jeweiligen Rechte bestimmen lassen. Der Ständestaat des Reichs war das Ergebnis eines Kompromisses zwischen dem in den Städten wirkenden Bürgertum und dem auf Burgen und Höfen sich sammelnden Adel. Die einen benötigten Schutz, die anderen Geld. Zwar war im 10. Jahrhundert weder das Hofwesen noch das Bürgertum gut entwickelt, es war aber strukturell angelegt. Die meisten Städte wurden in dieser Zeit gegründet, die meisten Burgen in dieser Zeit angelegt.