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Thema: Der Engel vom Bahnhof

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Der Engel vom Bahnhof


    engel vom zürcher hauptbahnhof


    die alte faltet ihre sorgen
    unter dem kopftuch
    zusammen, dort im versteckten:
    wo sind ihre zimmer?
    wo die kinder?

    sie hält sich fest
    an ihrem ganzen hab & gut
    im rollstuhl, während züge
    ankommen & abfahren
    durch die jahrzehnte
    steht sie beim ticketautomaten,
    den rücken gebeugt.

    man erzählt,
    sie warte noch immer
    auf die rückkehr
    des verlobten aus dem krieg.
    man erzählt, sie segne
    die menschen,
    die kommen, die gehen.
    man nennt sie
    den engel vom bahnhof.

    einmal frage ich höflich.
    sie sieht an mir vorbei
    antwortet leise nur: sie wissen doch,
    was ich hier mache. sie sagt:
    es tut mir leid, aber
    ich habe keine zeit
    zum reden.

    sie hat auch nur dieses eine leben.

    hier neben dem gleis, wo ich dann warte,
    pickt eine taube brotkrümel vom boden auf.
    dort ein japanischer tourist, hundertmal
    knipst er den bunten schutzengel
    von nikki de saint-phalle,
    der in der bahnhofshalle schwebt,
    mit goldenen flügeln,
    hoch über den köpfen der reisenden.

    später, als ich einsteige in meinen zug,
    hebt der engel vielleicht,
    wie zum zögernden winken, die hand
    hinter mir - doch keine geste
    wird die bewegung aufnehmen,
    die hand versinkt
    im ungewissen.

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    verdichtete version


    engel vom zürcher hauptbahnhof


    die alte faltet ihre sorge
    unter dem kopftuch
    zusammen, dort im versteckten:
    wo sind ihre zimmer?
    wo die kinder?
    sie hält sich fest
    am rollstuhl,
    während züge ankommen
    & abfahren
    durch die jahrzehnte
    steht sie beim ticketautomaten,
    den rücken gebeugt.
    sie hat auch nur dieses eine leben.

    eine taube pickt brotkrümel
    vom boden auf.
    ein japanischer tourist
    knipst hundertmal
    den bunten schutzengel
    von nikki de saint-phalle,
    der in der bahnhofshalle schwebt,
    mit goldenen flügeln,
    hoch
    über den köpfen der reisenden.

    dann, als ich einsteige in meinen zug,
    hebt der engel,
    wie zum zögernden winken,
    vielleicht die hand
    hinter mir - doch keine geste
    wird die bewegung aufnehmen,
    die hand versinkt
    im bedeutungslosen.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    solo prima! nur die erste!
    der zweiten fassung fehlt die seele, das innere gerüst für das wort "engel", der grund für ein ganzes leben aus warten.

  4. #4
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    jau, finds ich auch.
    mag zwar geschwätziger sein, aber mir ist auch auch lieber.
    jetzt weiß auch auch warum -
    beseelter!
    sehr schön das!

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    Wollt nochmal sagen, daß mich das sehr inspiriert hat, diese geschichte vom engel am bahnhof. klingt so authentisch, als ob dus selber erlebt hättest. war gefangen in einem hängenden gefühl.

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
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    dank dir schön, patinchen. auch und gerade, weils stimmt: das lyrische ich bin ich.

  7. #7
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    mir gefällt auch erstere version besser. bin erst ein wenig gestolpert über
    durch die jahrzehnte
    steht sie beim ticketautomaten,
    den rücken gebeugt.
    wo sie doch im rollstuhl sitzt, aber gut, man kann sich's vorstellen, der rollstuhl, der steht. hab komischerweise beim ersten mal "ticke-tau-tomaten" gelesen und mich gefragt,... o.k. passen hier nicht, meine spinngedanken :rolleyes: .

    schönes gedicht, mr jones. und mir nicht im bedeutungslosen versinkend, die hand.

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause
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    schlussversion:


    engel vom zürcher hauptbahnhof


    die alte faltet ihre sorge
    unter dem kopftuch
    zusammen, dort im versteckten:
    wo sind ihre zimmer?
    wo die kinder?

    sie hält sich fest
    an ihrem ganzen hab und gut
    im rollstuhl,
    während züge ankommen
    & abfahren
    durch die jahreszeiten
    steht sie beim ticketautomaten,
    den rücken gebeugt.

    sie hat nur dieses leben.
    man sagt sie segne die menschen
    mit ihrem blick.

    ein japanischer tourist
    knipst hundertmal den bunten
    schutzengel von nikki de saint-phalle,
    der in der bahnhofshalle schwebt,
    mit goldenen flügeln,
    hoch
    über den köpfen der reisenden.
    eine taube pickt neben dem gleis
    brotkrümel
    vom boden auf.

    dann, als ich einsteige in meinen zug,
    hebt der engel, wie zum zögernden winken,
    vielleicht die hand hinter mir - doch
    keine geste wird die bewegung aufnehmen,

    die hand sinkt in ungewisses.

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Engel vom Bahnhof

    ein schönes Beispiel für Lyrsa

    Im Ordner zeichnete sich ein Konflikt ab, der zwischen Jonathans Sinn fürs lyrisieren und seiner (anderen) Hinneigung zum prosieren. Den Kampf wird er wohl zeitlebens führen. So verlangte er fast immer von anderen, sie mögen doch ihre Texte weiters fokussieren, kürzen, meist im Ausklang, und er legte diese Elle auch auf die eigenen Texte an. Die meisten seiner Leser dagegen erfreuten sich an Jonathans Fähigkeit, Beobachtungen in ihrem Kern zu erfassen und in ein sprachliches Bild zu bringen, weswegen sie ihm anheimstellten, seine längeren Fassungen doch als die besseren zu begreifen. Das süddeutsch-breite Prosaieren trifft den Sinn zur rationalen Verknappung. Ein spannender Kampf, dem die Textsorte "Lyrsa" am ehesten entspricht.

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