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Thema: notiz

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post notiz

    handel mit noten aller art. so las das schild. in der auslage eine auswahl. musiknoten, banknoten, schulnoten, haltungsnoten, diplomatische noten, grussnoten. auch eine duftnote fand sich in form einer stilblüte. mein interesse war geweckt. ich betrat den laden.

    'guten tag der herr', grüsste ein altes männlein. 'womit kann ich dienen?' seine augen blickten mich über den brillenrand fragend an.

    'ich fand ihren laden so interessant, dass ich mir dachte, ich schau mal rein', sagte ich fast entschuldigend.

    'ja, das sagen sie alle.' er lächelte unergründlich. 'aber wer weiss schon, dass unsere welt von noten geradezu durchdrungen ist? da stehen sie dann und staunen. sehen sie sich ruhig um, mein herr. sie müssen nichts kaufen. lassen sie sich zeit.' dann fuhr er in seiner tätigkeit fort. ich bemerkte, dass er noten zählte. was für ein seltsamer kauz.

    auf einem drehständer fand ich eine riesige auswahl von nötigen und unnötigen gegenständen: atemnoten, geldnoten, beweisnoten, erklärungsnoten, bahnknoten, verschiedenste fischerknoten und als besonderes prunkstück eine seltene geschmacksnote.

    auf einem podest daneben eine gusseiserne notenpresse. 'bis 1878 in betrieb bei der vaterländischen notenbank' klärte mich eine tafel auf. wirklich ein schönes exemplar.

    hinter einer vitrine aus panzerglas fanden sich 'verloren geglaubte und wieder gefundene noten der grössten komponisten von bach bis zemlinsky'. fein säuberlich notiert und gut aufgehoben zwischen notenlinien. daneben lagen wohlgeordnet 'die schlechtesten noten der grössten genies', darunter ein zeugnis alfred einsteins und eine partitur richard wagners.

    'liste der notenwendigkeiten' verkündete ein schild in roter schrift:
    notenarzt
    notenhelfer
    notenaufnahme
    notenausgang
    notenruf
    notenbremse

    das war doch verrückt, völlig überdreht. 'sie sollten nicht vorschnell urteilen, mein herr.' ich erschrak. das männlein stand neben mir. er hatte meine gedanken erraten.

    'aber ungewöhnlich ist es schon', sagte ich kleinlaut.

    'das gewöhnliche finden sie überall. doch es bietet ihnen keine herausforderung, keinen genuss, keinen ausweg.'

    was meinte er mit ausweg?

    'spüren sie die not auf. überall, wo sie sich versteckt. die welt besteht aus notierungen. alles, buchstäblich alles ist notiert. notig, notwendig, notiert.' ich blickte ihn gross an.

    'und sie?', fragte ich.

    'ich bin der notar. ich notiere alles. jede kleinste kleinigkeit. und bewahre sie so vor dem vergehen. ein ton vergeht. eine note besteht. ich wandle toene in noten, noete in noten und notiere alles.' kein zweifel, er war verrückt. ich musste raus hier.

    'ja, gehen sie ruhig. alle gehen sie. und vergehen sie.' ich hatte die tür erreicht und stürzte hinaus.

    'hier die noten, draussen die toten.' er lachte laut auf. dann fiel die tür zu.

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: notiz

    amüsant, sehr. bloss, für einen notizzettel und überhaupt, ein klein wenig zu lang noch, unnötig. darum trenn die spreu vom weizen noch, mein lieber. und du hast ein wunderbares, urkomisches textlein notiert hier.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: notiz

    also ich finde, es braucht jedes einzelne wort bis auf "las" in der ersten zeile.
    sehr sehr abgründig in aller komik. beeindruckt.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: notiz

    danke euch beiden für die reaktionen!

    viel wüsst ich nicht mehr zu streichen, lieber jones!

    das las ist in der tat so ein versuch, eine phrase aus dem englischen ins deutsche zu retten. dort 'lesen' nämlich schilder und tafeln

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: notiz

    das war doch verrückt, völlig überdreht. 'sie sollten nicht vorschnell urteilen, mein herr.' ich erschrak. das männlein stand neben mir. er hatte meine gedanken erraten.

    >>>ich tät das streichen: "das war doch verrückt, völlig überdreht." dann sinds nicht nur die gedanken des protagonisten, sondern auch und gerade die gedanken des lesers, ists auch und gerade das (vorschnelle) urteil des lesers, der sich, schlimmstenfalls und bestenfalls, ertappt fühlt. verstehst? zumal du dann eh sagst noch, in welche richtung die gedanken des protagonisten gingen: 'aber ungewöhnlich ist es schon'. und später wirst du schreiben: "kein zweifel, er war verrückt." also.

    was meinte er mit ausweg?

    >>>tät ich streichen.

    'spüren sie die not auf. überall, wo sie sich versteckt. die welt besteht aus notierungen. alles, buchstäblich alles ist notiert. notig, notwendig, notiert.' ich blickte ihn gross an.

    >>>notiert, ja. und alles rotiert. falls noch wer nen reim drauf braucht.

    kein zweifel, er war verrückt. ich musste raus hier.

    >>>hier gehts mir vielleicht ein wenig zu schnell. "ich musste raus hier." atemnot, oder was? ich meine, die welt ist voll von verrückten, und man lebt mit denen zusammen. und gefährlich scheints ja nicht, das männlein. "ich musste raus hier": ja okay, aber warum? die wirkung des ladens auf das ich, die wirkung des männleins auf das ich kommt zu kurz letztlich in deinem text, muss ich sagen.

    'hier die noten, draussen die toten.'

    >>>das ist stark. ist ein starker text jedenfalls. hab ich das schon gesagt, ja? ist ein weirklich starker text.

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
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    kein zweifel, er war verrückt. ich musste raus hier.

    ein wort postscriptum noch dazu, weil ichs aus sicht deines textes schon ziemlich wichtig find, muss ich sagen: festhalten.

    wenns nach mir ginge, eulengespiegelter, und dabei weiss ich natürlich, dass es das nicht unbedingt tut, trotzdem: wenns nach mir ginge, hielte vielleicht das männlein unsern protagonisten am ärmel fest. jedenfalls aber fühlte der protagonist zumindest, dass er festgehalten wird, werden soll, in diesem laden. und deshalb: ich musste raus hier!

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
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    lieber jones,

    ich dank dir wirklich für deine wesentlichen kommentare; ich werde sie überschlafen und dann eine zweite version basteln, wo ich sie irgendwie verarbeite; jedenfalls hast du mir ein paar erkenntnisse verschafft,

    danke,
    eule.

  8. #8
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: notiz

    Eigentlich hätte diese Geschichte mir gefallen müssen. Tat sie aber seinerzeit nicht. Das lag an dreierlei:

    1. Es fehlte an dem Willen, tatsächlich etwas zu erzählen. Das von Jonathan attestierte "...gründlich" sah (und sehe) ich nicht. Im Gegenteil: die Situation ist trivial, die Typen bleiben blaß und sind durch Stereotype markiert. Bevor eine Geschichte auch nur anfängt, wird sie abgebrochen. Motivation: das nicht näher erklärte Verrückte, das offenbar dadurch entstanden sein soll, nachdem das Männlein hinter dem Helden aus dem Nichts aufgetaucht war.
    2. Der Hang Tills zu kalauern. Schön und gut: das Wortfeld um NOT ist groß. Doch auch hier darf doch ein wenig gespielt werden. Warum spielte er denn die Partitur nicht? Ich denke mir als Leser schon meinen Teil, aber ist es nicht Sache des Schriftstellers, mich ein wenig zu lenken, SEINEN Witz in die Sache zu legen? Wenn er das nicht will, der Schriftsteller, soller doch dichten, also Dichter werden, sich also eine verdichtete Textform suchen. Nun gut, möge man einwenden, der text will sich ja als NOTIZ verstehen, ergo nicht länger sein als das, was man eben auf einen Notizzettel wird schreiben können. Dann soller doch den Text wirklich abbrechen, aber nicht rund machen, indem die Handlung abgeschlossen wird...
    3. Ich mußte die ganze Zeit an ein Geschäft in der Winkelgasse denken, also an Situationsklau. Mag ja statthaft sein, also der Situationsklau, aber dann möchte ich etwas Unverwechselbares spüren, das Besondere. DAs fehlte mir hier.

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