+ Antworten
Seite 2 von 2 ErsteErste 12
Ergebnis 26 bis 35 von 35

Thema: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

  1. #26
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    14.May 2000
    Beiträge
    47

    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    Zuerst wurde über ihn getuschelt, dann seine Kunst madig gemacht, man stellte ihm dezente Fallen, in die er in seiner Ahnungslosigkeit prompt hineintappte, man tat alles, was es gibt, um einen guten Ruf zu untergraben und schließlich - ich will hier nicht weiter auf die ganze Geschichte eingehen - schließlich sah er sich von der ganzen feinen Gesellschaft isoliert und niemand mochte ihn mehr.

    Da begann er zu saufen und ließ sich in jeder Beziehung gehen, schlief am Tag und lungerte nachts herum, seine Haut wurde aschgrau, die Haare fielen ihm aus und seine Zähne putzte er auch nicht mehr und keine Dame, die auf sich hielt, wäre fürderhin auf die Idee gekommen, ihm Modell zu stehen, sitzen oder liegen.

    Oh, diese Götter!

    Aber Pintepios wollte wieder malen, und so nahm er halt, was er bekam.

    Xauxhilt hatte keinen guten Ruf mehr zu verlieren, im übrigen war sie hager, mit ledriger Haut, hartem Mund, Hakennase und Fischaugen und überall standen ihr die Knochen vor. Als er an ihrer flachen und huzeligen rechten Gesäßbacke herumpinselte und sie gerade eine Rauchpause einlegen wollte, und weil er in seinem Suff nicht wußte, was er tat, ließ er sich dazu hinreißen, den Kubon zu zeugen, dessen Nachkommen alles in eckige geometrische Formen zerlegten und den Konstruktivismus und den Minimalismus erfanden.

    Aber es ging immer noch weiter bergab mit Pintepios. Und da lag ihm eines Tages die fette Schnorzgurte Modell; alles an ihr schwabbelte und quabbelte, sie roch penetrant ungewaschen, ihre unappetitliche Haut schimmerte in unmöglichen Farben von schwefelgelb bis blaßlila, und als der verkommene Gott ihren monströsen Hintern malte, kam er auf die unglückliche Idee, sich und der Mitwelt beweisen zu wollen, daß er immer noch kann und zeugte unter großer Anstrengung den Tachos. Der machte sich schon als Säugling weithin durch lautes Geschrei und penetrantes Geplärre bemerkbar, und er wurde der Anherr aller Tachisten, Informellen, Verfremdungskünstler, Umweltmißgestalter und Sprühdösler.

    Die Götterkollegen klopften sich zufrieden auf die Schultern.

    Es war klar, daß sie, bei aller olympischen Liberalität, so einen wie den Pintepios nicht länger unter sich dulden konnten. Adel verpflichtet schließlich. Sie verstießen ihn aus dem Olymp, und ich kann nicht sagen, was weiter aus ihm geworden ist, denn an dieser Stelle seiner Übersetzung vermerkt Hieronymus: "Stimme wegen Flugzeuglärms nicht mehr zu verstehen." Alles was an Pintepios erinnerte, Tempel, Statuen und alle seine Bilder wurden vernichtet, sein Andenken aus allen Gedächtnissen gelöscht.



    Pintepios, 1984
    Nur die Werke seiner Nachkommen zeugen weiterhin von Pintepios, dem Gott der Maler. Classos und Phantos und deren Sühne und die S?hne ihrer Sühne überschwemmten die Welt geradezu mit herrlichsten Kunstwerken in leuchtenden Farben, von Ravennas Mosaiken über das Wunder der Fenster von Chartres, die Meisterwerke der Renaissance und des Barock bis hin zu Impressionismus und Moderne. Doch dann setzten sich mit marktschreierischer Wichtigtuerei immer mehr die unsympathischen Nachkommen der dürren Xauxhilt und der fetten Schnorzgurte durch als Avantgarde eines verkommenen Kunstbetriebs, womit wir bei der Gegenwart angelangt sind.

    Meine Ausführungen sind, wie gesagt, nur eine vorläufige kurze Zusammenfassung und in Einzelheiten, weil die Übersetzungsarbeiten noch nicht abgeschlossen sind, vielleicht sogar nicht ganz korrekt, zumal am Schluß, wo mir meine eigenen Gedankengänge ein wenig mit hineingerutscht sind.

    Der alte Mann übrigens, der den Text sprach, ist der letzte Nachkomme des einzigen Freundes, der auch dem verachteten Pintepios noch die Treue gehalten hat, des Schweinehirten Bartoklos.

  2. #27
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    14.May 2000
    Beiträge
    47

    und doch wieder Götter

    noch ein textlein zum abschluss vom lettl...

    <TABLE cellSpacing=5 cellPadding=5 width=620 border=0><TBODY><TR><TD>Der Bote


    Schon Sokrates merkte, daß auch die Künstler nicht sehr gescheit sind.

    Er tat so, als ob ihn diese Erkenntnis überrasche, weil doch die Künstler so herrliche Bildwerke herzustellen verstünden. Wo er doch wissen mußte, daß das Herrliche an einem Kunstwerk nicht aus dem Verstand des Künstlers kam, sondern Botschaft der Götter war, nach heutigem Sprachgebrauch Botschaft aus dem Unbewußten.

    Der Künstler ist lediglich der Überbringer der Botschaft und braucht über den Sinn seiner Werke nicht mehr zu wissen als der Briefträger von seiner Post.



    </TD><TD>






    </TD></TR></TBODY></TABLE>

  3. #28
    rodbertus
    Laufkundschaft

    und doch wieder Götter

    Ein paar genauere Worte hierzu:
    Gott schuf die Welt ohne zu denken
    Soso lala
    Er machte sie aus dem Nichts, mit einer Geschwindigkeit
    ohne Gleichen
    Soso lala
    Darum (die Sonne steht immer noch hoch) dichte ich in
    sechzig Sekunden
    Soso lala
    eine ganze Welt voll. Zwischen zwei Uhr dreizehn und
    zwei Uhr vierzehn
    Soso lala.
    1. Gott denkt nicht. Wozu? Wohlgemerkt, insofern Gott als höchstes Prinzip begriffen sein soll. Gott hat es nicht nötig, denkend in der Welt zu sein. Das SO SO LA LA ist eine Richtigstellung und hat hier antithetischen Charakter.
    2. Gott schuf nicht die Welt, das übernahm der Demiurg, den Gott einsetzte. Die Welt entstand nicht aus dem Nichts, sie war immer schon da. Eine Geschwindigkeit benötigt einen Vergleichspunkt. Wenn Gott die Welt aus dem Nichts schuf, dann frage ich, welchen Vergleichspunkt es hier geben kann. OHNEGLEICHEN sollte sie so und nicht anders schreiben. Das SO SO LA LA ist hier gut; es klingt weise.
    3. Der Sprung ist gewagt. Nach Gott gleich das selbstherrliche Ich. Zwar auch wieder in einer parenthetischen Verschränkung, möchte man meinen; parenthetisch, weil das Ich wie eine Anmerkung hinter einer wichtigeren Bemerkung wirkt, uneingekleitet und überflüssig wie ein Kropf. Das SO SO LA LA wirkt hier beinahe lächerlich, greift hier aber doch dem Ich gehörig unter den Rock, um es einmal so zu sagen.
    4. 213 ist meine Lieblingszahl. Na so ein Zufall.

    Soll ich weitermachen?

  4. #29
    Chef Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    1.797
    Blog-Einträge
    31
    erstellt von Dürrenmatt:

    2.

    Man muß es endlich einmal wagen hinüberzuspringen

    bei einer Zigarre zu dichten, die dabei nur ein Weniges
    verrauchen darf

    zu arbeiten, ohne sich zu korrigieren

    die Worte einfach hinzusetzen, wie eine Mutter Kinder
    auf die Welt setzt

    ohne sie wieder zurückzunehmen.
    Der Inhaltsaspekrt erschlägt hier quasi den Formaspekt. Was sollen die Wiederholungen der Konstruktion, noch dazu einer so läppischen wie der ZU-Konstruktion? Sie sollen den kausalen Charakter des Niedergelegten anzeigen. In einem Sinngedicht mag das Verwendung finden. Mir allein gefällt's nicht, es zeugt doch immer von einer Mentalität, die da mit dem Holzhammer philosophiert.
    Allerdings möchte ich einen Gedanken herausheben, den der nicht abgebrannten Zigarre. Dichten ist wohl immer auch das Tröpfchenhöhlen, ein stetes Sichannähern an einen geheimen Punkt, der durch das Dichten selbst anvisiert, aber nie erreicht werden wird, nie erreicht werden soll. Die Möglichkeit als solche steht doch über der dichterischen Wirklichkeit, Verwirklichung ungereifter Blütenträume. Momos graue Männer rauchten Zigarre mit Tabak aus den verwelkten Blütenträumen der Menschheit. Da ward alles gesagt, so glaubte man.
    Es ist nie alles gesagt.

    erstellt von Dürrenmatt:

    3.

    Das Zögern einer Sekunde verdirbt ein Gedicht.
    Das ist sprachlicher Unfug. Die Sekunde kann kaum personifiziert werden. Der Prozeß ist gemeint, der Sinnakzent liegt allerdings auf dem eigentlichen Subjekt des Satzes, der Sekunde.

    erstellt von Dürrenmatt:
    Ergreife die Feder müde

    Ergreife die Feder müde
    schreibe deine Gedanken nieder
    wenn keine Frage nach Stil dich bedrängt.

    Es ist heute wieder vieles zu durchdenken.
    Felder liegen brach, die einst Früchte trugen.

    Das Mögliche ist ungeheuer. Die Sucht
    nach Perfektion
    zerstört das meiste. Was bleibt
    sind Splitter
    an denen sinnlos gefeilt wurde.
    Ein Sinngedicht! Eine Handlungsanweisung zum schreiben. Hier baut einer Spannung auf, um sie im nächsten Augenblick wieder zu zerstören, die Sucht nach Gegensätzlichkeit hat hier Methode. Nihilismus. Er setzt Wahrheiten, um sie zu zerstören, pr?ft aber nicht, ob es sich tatsächlich um Wahrheiten handelt. Diese Ratschl?ge sind für Menschen, die an nichts mehr glauben, die leben nur noch im Spannungsfeld des unausgewuchteten Nichts. Daraus ziehen sie einen Spaß, eine Ergötzung am Absurden.


    Beispiele:
    Was bleibt, sind Splitter? Was bleibt, ist der Anfang von etwas. Deshalb ja nur Splitter. Splitter sind Teil, sind vielleicht zerstört worden, aber das WURDEN gibt hier auch einen Auftrag. Das Splittrige ist Auftrag nur. Die Setzung des SIND mit den SPLITTERN auf eine Zeile soll hier wohl ein Zustandsist markieren, dem aber schon im folgenden Vers das SINNLOSE - was für ein sinnloses Wort! - gegenübergestellt wird.

    Hierzu auch ein paar Gedanken.

    erstellt von Dürrenmatt:

    4.

    O Leichtigkeit des Gedankens, der zum Verbrecher
    wird, wenn man Arbeit an ihn wendet!
    Solipsismus, Spontaneitätshascherei? Das Beständige ist hier nur in der Form gegeben, insofern ist da ein Widerspruch sui generis. Gedanken werden erst dann zu sich selbst kommen, wenn sie adäquat Ausdruck finden, Gedanklichkeit ist also etwas Prozeßhaftes.
    Vielleicht verwechselte der Autor hier auch GEDANKEN und IDEE!

  5. #30
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Augsburg
    Beiträge
    2

    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    Wie hat sich denn der Augsburger Magritte Lettl hierher verirrt?
    "Der Künstler ist lediglich der Überbringer der Botschaft und braucht über den Sinn seiner Werke nicht mehr zu wissen als der Briefträger von seiner Post."

    Als ich mir vor ein paar Jahren meine Brötchen als Briefträger verdiente, habe ich ihm eine Zeit lang die Post gebracht - ein netter, etwas gebrechlicher älterer Herr, der in einem netten Reihenhaus wohnt.

    Gruß, Klammer

    (Im übrigen kann ich als Nichtraucher außer den heutigen Spruch meines Klo-Kalenders "Eine Schreibblockade ist Gottes Weg dir zu zeigen, dass du kein Schriftsteller bist." hier nichts weiter beitragen.)

  6. #31
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    5.June 2002
    Ort
    München
    Beiträge
    433

    stil

    "am Gedanken arbeitet man durch die Sprache."
    -F. Dürrenmatt, 1964


    wie sich einer da durch die sprache arbeitet, am gedanken entlang, das wird zum persönlichen stil, denke ich. dieser erst sichert die wiedererkennbarkeit des schreibers in der masse. dann erst können sich plagiate "im stile von ..." entwickeln. auch keinen stil zu haben, kann persönlicher stil sein. wobei man hier an die allgemeine stilhöhe denkt, die als basis der literatur deren sprache von der umgangssprache abgrenzt.
    es ergeben sich also zwei arten von stil: die stilhöhe an sich und der persönliche stil. daraus wieder jede menge konflikte. für den schreiber bedeutet stilhöhe lernen und feilen (das soll nach dm ihn aber nicht bedrängen und sei es um der müdigkeit willen), gleichzeitig aber in den differenzen dazu, den kleinen abweichungen vom allgemeinen, seinen eigenen stil zu entwickeln. da der schreiber hier doppelt gefordert ist, muß er gute, werkimmanente, gründe haben, vom stilistischen schreiben abzuweichen.

  7. #32
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    105

    stil / das müde / gelegenheit macht diebe


    "Ergreife die Feder müde
    schreibe deine Gedanken nieder
    wenn keine Frage nach Stil dich bedrängt."

    dürrenmatts lyrik ist (zumal es die beiden gedichte betrifft, die hier besprochen werden) "poetologisch", d.h. der inhalt der gedichte ist dichtungstheorie, die form bestenfalls umsetzung und veranschaulichung dieser dichtungstheorie... was im detail zu prüfen wäre... aero?

    zum zitat, erklärend, ergänzend oder nur wiederholend, gleich ein weiteres, das etwas weiter ausholt jedenfalls:

    "Sprache an sich wäre inhaltsleer, allein die Spannung zwischen der Sprache und dem von der Sprache Gemeinten macht ihr Abenteuer aus. Schreiben ist deshalb mehr als ein blosses Beschäftigen mit der Sprache, weil sie ihren Wert nicht von sich, sondern von ihrem Objekt empfängt, von dem, was sie zus Sprache bringt. Doch hat die Neigung zum Stilistischen, zum 'Nur-Sprachlichen' nicht nur die Kritiker ergriffen, die mit dem Argument, nur die Sprache sei prüfbar, die Grammatik als Fallbeil sausen lassen, ahnungslos, dass wirkliche Sprache und wirklicher Stil verborgener, versteckter und ungrammatikalischer sein kann, als sie glauben: Auch viele Schriftsteller kommen vor lauter Stil nicht mehr zum Schreiben. Der Inhalt der Sprache sind Gedanken, man arbeitet nicht an der Sprache, sondern am Gedanken, am Gedanken arbeitet man durch die Sprache."
    -F. Dürrenmatt, 1964

    zum obigen zitat ferner:
    Zitat Zitat von Aerolith
    Das scheint mir dann doch ein ziemlich guter Vorschlag zu sein.
    aber ists denn ein vor- und ratschlag? unbewusst oder bewusst: der dichter, wenn er über dichtung spricht, rechtfertigt und verteidigt entweder seine art zu dichten, oder er erklärt, wie er gerne schreiben würde. dürrenmatts fall dürfte letzterer sein.

    Zitat Zitat von Aerolith
    Er setzt voraus, daß man sich schon lange Zeit mit einem Gedanken trug und nur die Gelegenheit benötigt. Goethe war so ein Gelegenheitsdichter.
    ja. nein. jein.
    Goethe am 26. September 1823 zu Eckermann:
    "Die Welt ist so groß und reich und das Leben so mannigfaltig, dass es an Anlässen zu Gedichten nie fehlen wird. Aber es müssen alles Gelegenheitsgedichte sein, d.h. die Wirklichkeit muß die Veranlassung und den Stoff dazu hergeben. Allgemein und poetisch wird ein spezieller Fall eben dadurch, dass ihn der Dichter behandelt."
    wie behandelt der dichter den speziellen fall, das scheint mir hier die zentrale frage, und dürrenmatt schreibt "Ergreife die Feder müde, schreibe... wenn keine Frage nach Stil dich bedrängt". meinst, goethe würd ebenso antworten?

    Zitat Zitat von Aerolith
    Das Müde ist so schlimm nicht, es verhindert das Lügen, aus purer Kraftanstrengung fällt es weg. Andererseits setzt es wohl diese Unwahrheit, diesen Verdacht beim Schreibenden, als gegeben voraus. Doch wer schreibt schon mit der Schere im Kopf?
    das MÜDE. was ist das? spannendes thema eigentlich. wer hat noch nicht, wer will nochmal dazu was sagen? zumal ich den aero hier kaum versteh.

  8. #33
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    105

    stil

    Um die Gedichte zu verstehen, gilt es vor allem, eines zu verstehen: STIL.

    Was ist das, Stil?

    Der Inhalt der Sprache sind Gedanken. Schreiben: auf Inhalte, auf Gedanken ausgehen.

    Dürrenmatt sagt einmal: "Wer Stil treibt, vertreibt sich bloss die Zeit." Stil: an der Sprache arbeiten, nicht am Gedanken? Stil als etwas - Überflüssiges, zumindest Unwichtiges?

  9. #34
    Chef Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    1.797
    Blog-Einträge
    31

    Lightbulb Dürrenmatt ist Lyrsaiker

    6.

    Alles läßt sich besser schreiben
    Darum laß die schlechtere Fassung stehn.

    Kein schlechter Rat. Ich vermisse hier selbstredend das Ausrufungszeichen. Oder soll es nur eine Feststellung ohne imperativen Duktus sein?

    Als leidgeprüfter Lektor weiß ich, daß Fehler unumgänglich sind, ein fehlerfreies Buch unmöglich. Das könnte einen schon dazu animieren, einer Kultur des Fehlers zu huldigen. das WILL ich hier nicht tun. Aber ich weiß, daß manchmal Fehler einen text erst verlebendigen, animieren, was sonst glatt und kahl die literarische Landschaft geraderückt. Goethe liebte ALS-WIE-Vergleiche, Schiller hatte eine Distinktion zum Dativ, Kleist gar eine Schwäche hinzu... Sind das Nulpen? Es lebe der Fehler, vor allem der aus der vorschnellen Feder.

    Poetologische Prüfung Dürrenmatts...

    Erkennt da jemand ein Muster? Ist da ein Formwille zu spüren? Kaum. Der Inhalt, der schnell gefaßte Gedanke diktiert hier alles, da ist kein Durchkommen für die Form; ist der Gedanke an einer entscheidenden Stelle, so nimmt sich die Form seiner an, beinahe, sie hält ihn auf und baut so Spannung.
    Das ist postmodernes Dichten. Das Individuum hat keine äußeren Regeln mehr, es gehorcht bloß den inneren. Manchmal wird etwas nachgereicht, zumeist aber bleiben es Aposiopesen: Man schaue sich Text 2 an! Vier Gedanken, keiner zu einem Ende gebracht. Bestenfalls lasse ich hier einen proleptischen Ansatz gelten.
    Eine Gradation der einzelnen Abschnitte kann ich nicht entdecken, einer Dezession auch nicht. Eine Handvoll Einfälle. Äquivalenz zwischen demn einzelnen Sinnabschnitten ist nicht gegeben. Mal stehen eher komplexe Gedanken (Text 1) neben unlustigen Einfällen (Text 3), die da stehen, weil sie irgendwie dazugehören. Wahrscheinlich hat hier einer in seinem Zettelkasten gewühlt. Das ist so amüsant, wie es keine Struktur erkennen läßt.

    Nur so ein paar Anmerkungen. Ich kann gefallsüchtiges Schreiben nicht so gut leiden. Ich mag es zur Zeit klassisch.

    Ergebnis: Der Mann schreibt Lyrsa. Das ist die ganze Wahrheit. - Nur zu!

  10. #35
    Chef Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    1.797
    Blog-Einträge
    31

    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    Möchte sich vielleicht noch jemand an der poetologsichen Prüfung Dürrenmatts versuchen?

    Möchte jemand etwas über das Dichten mit einer Zigarre sagen?

+ Antworten

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •