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Thema: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Lightbulb Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    7 Vorschläge, wie man dichten soll:


    1.

    Gott schuf die Welt ohne zu denken
    Soso lala
    Er machte sie aus dem Nichts, mit einer Geschwindigkeit
    ohne Gleichen
    Soso lala
    Darum (die Sonne steht immer noch hoch) dichte ich in
    sechzig Sekunden
    Soso lala
    eine ganze Welt voll. Zwischen zwei Uhr dreizehn und
    zwei Uhr vierzehn
    Soso lala.


    2.

    Man muß es endlich einmal wagen hinüberzuspringen

    bei einer Zigarre zu dichten, die dabei nur ein Weniges
    verrauchen darf

    zu arbeiten, ohne sich zu korrigieren

    die Worte einfach hinzusetzen, wie eine Mutter Kinder
    auf die Welt setzt

    ohne sie wieder zurückzunehmen.


    3.

    Das Zögern einer Sekunde verdirbt ein Gedicht.


    4.

    O Leichtigkeit des Gedankens, der zum Verbrecher
    wird, wenn man Arbeit an ihn wendet!


    5.

    Ergreife die Feder müde
    schreibe deine Gedanken nieder
    wenn keine Frage nach Stil dich bedrängt.


    6.

    Alles läßt sich besser schreiben
    Darum laß die schlechtere Fassung stehn.


    7.

    Gott kann dich verlassen.
    Gody soll dich verlassen.

  2. #2
    Wolkensteiner
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    das ist nicht schlecht. es ist nicht unbedingt mr. jones, der da spricht, sondern ein mr. jones eingeklinkt in einen flow, der schon vor ihm und nach ihm vorhanden.
    das mit dem flow ist nicht auf meinem mist gewachsen, sondern entnommen einem flyer der schlagzeugschule, deren schüler meine kids werden sollen.

    focus: und beim schlagzeugen "Kicher" gehts angeblich auch nur darum, intouch zu bleiben mit diesem raumzeit-flow, in welchem alle rhythmen bereit liegen, sie abzurufen. der schüler also nur lernen muß, sich mental einzu fokussieren, "drin" zu sein, damit sich das universum ausdrücke durch ihn. und alles selbstgemachte verdirbt. so wie du es beschreibst. und ich glaub jeder kreative kennt diesen moment, da es gelingt, ob schlagzeug, tanz, malen, schreiben. wenn mans nicht mehr selbst ist und doch ganz bei sich, teilnimmt an diesem ewigkeitsstrom. focus ist der moment des einklickens.

  3. #3
    Moderator
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    eine sache lese ich hier heraus: der größte fehler ist wahrscheinlich, ständig zu streichen, weil einem das eben aufgeschriebene nicht perfekt genug scheint...
    früher habe ich geschrieben, wenn es mir eingefallen ist, oft konnte ich nicht so schnell schreiben, wie mir die bilder in den kopf schossen und dann ist es doch furchtbar, wenn man dann anfängt, an jedem wort, jedem satz, jedem bild zu pfeilen, damit es in irgendeiner weise befriedigend perfekt ist...
    nun ja, manche glauben, daß zum beispiel ein germanistikstudium eben diese fähigkeit des einfach-hinschreiben-und-stehen-lassen zerstört...
    andererseits regt ja auch lesen verschiedener stile (autoren) zu schreibexperimenten an, aber das ist wohl wieder alles individuell, oder?

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    am rande: "es ist nicht unbedingt mr. jones, der da spricht"

    nee, ich bins nicht, der da spricht, sondern ich bin der, der drüber gesprochen haben will: über den prozess des dichtens.

    ich meine, stimmt denn das, was der da oben sprechende sagt?

    und überhaupt, wer dichtet(e) wie?

    was sagen andere dichter und dichterinnen dazu, die ihr kennt? was sagt ihr, dichter und dichterinnen? und ihr?

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    bei mir sind am schönsten die Gedanken, die einfach flowen (auch wenn ich dann noch wegstreiche oder ändere)

    am schlimmsten Übergänge, die ich meine schaffen zu müssen zwischen geflowten Gedanken - mein größtes Problem im Moment (größer sogar als das an anderer Stelle gepostete)

    go-with-the-flow-Lene

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    obige sätze sind vom friedrich dürrenmatt, entnommen aus zwei gedichten (!) von ihm. das eine sei hier vollständig zitiert:

    F r i e d r i c h D ü r r e n m a t t
    Ergreife die Feder müde
    Ergreife die Feder müde
    schreibe deine Gedanken nieder
    wenn keine Frage nach Stil dich bedrängt.

    Es ist heute wieder vieles zu durchdenken.
    Felder liegen brach, die einst Früchte trugen.

    Das Mögliche ist ungeheuer. Die Sucht
    nach Perfektion
    zerstört das meiste. Was bleibt
    sind Splitter
    an denen sinnlos gefeilt wurde.

    Beginne, das Sonnensystem zu sehen.
    Liebe
    auch Pluto. Doch wer
    macht sich schon Gedanken über ihn!
    Ich aber
    spüre sein Kreisen, ahne
    die kleine Kugel, die glattgeschliffene.

    Alles läßt sich besser schreiben
    Darum laß die schlechtere Fassung stehn.

    Nur beim Weitergehen kommst du irgendwohin
    wohin?

    Fern von dir.
    Gehe weiter. Lots Weib
    erstarrte beim Zurückschauen.
    Erstarrt nicht. Korrigiert nicht.
    Wagt!

    Höre nie auf andere.
    Trachte nicht danach ein gutes Buch zu schreiben.
    Mache keinen Plan und wenn du ihn machst
    führe ihn nicht aus
    Der Plan genügt.

    Nichts
    ist notwendig. Das Spiel
    kann jederzeit abgebrochen werden.

    Es gibt Sätze, die stark machen
    doch brauchen sie nicht nieder-
    geschrieben zu werden

    Löse deine Hand.

    Es kommt nie auf die Sätze an. Nur das
    Wer allein zählt.
    Die Narren kritisieren einen Satz
    Wenige sehen das Ganze.

    Gott kann dich verlassen
    Gody soll dich verlassen.



  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    "Die Sucht
    nach Perfektion
    zerstört das meiste. Was bleibt
    sind Splitter
    an denen sinnlos gefeilt wurde."

    das resultat von korrigieren, von verbessern - verschlechterung, zerstörung?

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    ganz verschieden, mein ich.
    manchmal kömmts aus der hüfte geschossen, wobei mindestens eine nacht drüber schlafen nicht schaden kann. manchmal dauerts aber auch ein halbes jahr. und natürlich die meinung anderer, deswegen sind wir ja hier.
    ergo: in der einen hand die feder, in der anderen die feile. (muß ja nicht gleich die motorsäge sein)

  9. #9
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    schönes thema


    ich bin eher der arbeiter, künstlerisch arbeite ich in schüben. den großteil meiner zeit frißt die vorbereitung, das sammeln und pointieren, das ordnen und die verzweigung: die gelegenheit ist eine unsichere sache; ich will mich ihr eigentlich nicht aussetzen, denn ich neige zur ausschweifung. kleine und übersichtliche portionen backen, darum geht es. darum zigarette, zigarre nicht.

  10. #10
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    hm.
    man kann zuweilen wahrscheinlich 72 zigaretten oder eben 11 zigarren rauchen und nichts passiert. und dann, 3 uhr nachts, man wiegt sich gerade im süßen schlummer, wohlwissend, daß um 4:25uhr der wecker klingelt - zack, da fällt sie einen an, die poesie - unbarmherzig (!), gnadenlos. da kann mann nix machen. (und am nächsten morgen fragen sie einen, möönsch wie siehst du denn aus, war man wieder unterwegs? - die richtige antwort lautet so oder so : ja!).
    man lebt also immer wie ein angespannter revolver. oder eben wie der pfeil in der sehne.
    will sagen: man ist stets auf der pirsch (aber ob8, wohin du trittst, es könnte ein ästlein knacken...). jäger und sammler.
    von der gratwanderung ein ander mal...

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    "darum zigarette, zigarre nicht."

    na ja, wer so langsam schreibt wie ich, versteht den dürrenmatt da sehr wohl: wünscht mir manchmal auch ne zigarre, dann rauchte ich nicht zigarette um zigarette um zigarette. bei einem einzigen satz. oder eben, noch schlimmer und wie paulchen schon sagt: nichts passiert. hui! (die zigarre, um aufs gedicht da oben zurückzukommen, also nicht ob ihrer schwere verstanden von mir, auch nicht als kapitalistisches symbol oder so, sondern ob ihrer dauer beim runterbrennen. und ausserdem, dürrenmatt und rotwein und zigarre, schon klar.)

  12. #12
    Wolkensteiner
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    es ist vielleicht kein zufall, daß dürrenmatt nicht für seine gedichte berühmt ist?
    nein - das war ein witz ...

    ich denke bei den spontangeburten von gedichten ist eben auch entscheidend, wie lange die innere tragezeit war. ist das kind schon reif, so purzelt es bei einer zigarette, kommts ganz unausgereift, soll vielleicht gar erst überhaupt auf dem papier gezeugt werden, so brauchts vielleicht eine zigarre oder gar eine pfeife.
    man kann vielleicht gar nicht sagen, daß nur unbearbeitete gedichte gut sind. vielleicht ist ihnen eine lebenslange innere bearbeitung vorausgegangen. nicht konkret dieses gedicht möglicherweise, aber die sprache als solche, dieses thema, der kern, der bereits x-vorläufergedichte hatte, um nun in das neueste zu münden. dieses wieder vorläufer für das nächste.
    ich glaube auch an eine spaltung:
    eingeklinkt in den flow ist der dichter empfangendes gefäß, gehorsam ist hier seine tugend, etwas handwerk sein dienst. oft genug will dann etwas geschrieben sein, auch wenn der dichter nicht will, aber penetrant verfolgt es ihn.
    schreibt der mensch im off, also nur selbst, so ist handwerkszeug alles, der schreiber fordert von ihm gehorsam und dienst. der schreiber will. das gedicht ist "gemacht".
    beides kommt nicht in reiner form vor, aber dem gedicht merkt man an, wenn es nicht von selbst sein will. dort fehlt ihm etwas. ich nenne das seele.

    was dürrenmatt nun klug sagt, so verstehe ich ihn in deinen zitaten, ist eigentlich, sich von sich selbst frei zu machen, um sich dem absichtslosen (!) flow zu öffnen. gott sagt er dazu, zum flow: gott kann dich verlassen.

    gody, der ersatzgott Ich, der schreiber allein, der will, der perfekt sein will, der über sich selbst das werk nicht mehr sieht, sondern schon den begeistert zustimmenden leser: der soll dich verlassen. gody ist für mich ein goodie, ein zusatzgimmick an den leser (come on to my house ... I'll give you candy) aber auch eine ironisierung godots: das warten auf die eigene perfektion. aber am warten ist das falsch. ein absichtsloses sich öffnen: soso lala - das wartet nicht auf gody. das wartet nicht auf zusatznutzen. das öffnet sich gott, nicht gody.

    laß die schlechtere fassung stehen? - ja, was ist das? meint er das ernst?
    ist ja ein ironiker, dm, aber ich denke, er meint es ernst. die schlechtere fassung hat oft charme, den der kurzsichtigkeit, die kleine brechung, die so echt ist. das rein vollkommene ist nie schön, es braucht den kleinen stachel wie der echte teppich den webfehler. wie das schöne gesicht die kleine unebenmäßigkeit, den schwarzen schönheitsfleck.

    ich find sehr sympathisch, was der dürrenmatt da schreibt. werde mir bei gelegenheit noch einige sätzlein vornehmen

  13. #13
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    dürrie war ein begnadeter ironiker und oft zyniker; einer seiner besten sprüche ist folgender (sinngemäsz):

    eine geschichte ist erst dann zu ende, wenn sie ihre schlimmstmögliche wendung genommen hat.

    murphy's law in literature sozusagen. sein 'justiz' ist ein höchst amüsanter roman. ebenso 'der verdacht' und 'd. richter und sein henker'. ein bissl galgenhumor gehört allerdings dazu, um sich zu amüsieren,

    eule.

  14. #14
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    gesetzt, dürrie ist ein ironiker und er pointiert die schlechteste wendung, so ist vielleicht die zigarre kein symbol für dauer, sondern dafür, daß man sich nicht eigentlich dem gedicht widme. eine zigarre benötigt unaufhörliche aufmerksamkeit, da sie sonst erlischt. will man also mit zigarre dichten, so muß man wagen, in aller kürze und unbedacht. aber alle sätze sind nichts, sagt er, nur das wer? ist entscheidend. dies ist ein schönes lockwort vom ironiker.

    bei mir selbst ists so, da? ich die meisten gedichte nicht aufschreibe, sondern nur darin spazierengehe zu meiner unterhaltung. es gibt aber welche, die kommen ungefragt immer wieder und das aufschreiben ist die einzige möglichkeit, sie loszuwerden. ich schätze also, sie kommen aus dem flow. mich selbst hinzusetzen um ein neues neu zu schreiben, ist mir noch nicht passiert. was ich daran selber "mache", gefällt mir auch meistens nicht.

    dann schreibe ich mit der hand, also nie am pc, und rauche erst danach. während des schreibens läuft im kopf alle verfügbare sprache mit und korrigiert die folgenden wörter anhand derer, die bereits dastehen, im sinn ihrer korrespondenz untereinander. da zwingen die einen die anderen, oft solche, die mir nicht gefallen, aber vom diktat der anderen her sein müssen.

    dann les ichs als erster leser. finde es schrott. dann versuche ich, sie ganz mit fremden augen zu lesen. da gefällt mir dann eine stelle oder zwei. die verstärk' ich dann durch kürzen und wegstreichen. da kommen sie aber mit neuen forderungen nach neuen wörtern. die schreib ich dann ins geschmier dazwischen. jetzt widersprechen andere. also wieder streichungen und angleichungen. bis es mir zu blöd ist. höre auf, lasse es ruhen.
    wenn ichs später noch lesen kann, schreib ich das ungestrichene nochmal sauber auf. lese abwechselnd als autor und leser. erst wenn ich mich als leser hineinverliebe gebe ich es frei. das heißt: ich tipps. dabei schleife ich noch ein bißchen, natürlich immer gegen das geschrei der wörter selbst.

    stehts mal im monitor, wirds mir ganz fremd. ich bin aber davon frei. es steht so wies steht. zieht es mich neu an, verliebe ich mich neu hinein, darf es in die welt. stößt es mich ab, wirds gelöscht. oft noch gehe ich aber auch in meinen alten gedichten spazieren. sie sind ausdruck von damals. sie noch einmal zur verbesserung hervorzuholen, käme mir nicht in den sinn.

  15. #15
    schreibt hier hin und wieder
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    FD: Gedichtband bei einer Mittagszigarre

    vor der fortsetzung des gesprächs, genauer zur fortsetzung, gibts aber erstmal ein zweites gedicht vom friedrich in voller länge...


    Gedichtband bei einer Mittagszigarre


    Gott schuf die Welt ohne zu denken

    Soso lala

    Er machte sie aus dem Nichts, mit einer Geschwindigkeit
    ohne Gleichen

    Soso lala

    Darum (die Sonne steht immer noch hoch) dichte ich in
    sechzig Sekunden

    Soso lala

    eine ganze Welt voll. Zwischen zwei Uhr dreizehn und
    zwei Uhr vierzehn

    Soso lala.



    Man muß es endlich einmal wagen hinüberzuspringen

    bei einer Zigarre zu dichten, die dabei nur ein Weniges
    verrauchen darf

    zu arbeiten, ohne sich zu korrigieren

    die Worte einfach hinzusetzen, wie die Mutter Kinder
    auf die Welt setzt

    ohne sie wieder zurückzunehmen.

    Das Zögern einer Sekunde verdirbt ein Gedicht.

    Auch ist es nicht erlaubt, Worte zu wählen.

    So schreibe ich denn, so springe ich denn
    an ein anderes Ufer.



    Eines Tages (die Sonne stand hoch)

    betrachtend die weiße Wäsche, die man hingehängt hatte

    und darüber hin die Zweige der Bäume

    weiß, grün vor dem blauen Himmel,

    Alles vom Winde bewegt, von dem frischen, nördlichen
    Winde

    überfiel mich die Ahnung einer höheren Leichtigkeit.

    O Leichtigkeit des Gedankens, der zum Verbrechen
    wird, wenn man Arbeit an ihn wendet.



    Wie der Wind die Zweige bewegt, die grünen
    die Wäsche die weiße

    bewegt der Geist das mühsame Durcheinander von
    Blut und Fleisch meines Leibes,

    mich treibend in seinem Spiel.

    Du einziges Spiel, das immer noch erlaubt ist:

    Gedichte, die in ein, zwei Minuten getan sind

    im Traume eines Tages (die Sonne stand hoch)

    Blitze, die irdische Finsternis erleuchten.

  16. #16
    schreibt hier hin und wieder
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    FD: Gedichtband bei einer Mittagszigarre

    Was für Fragen lassen sich stellen von den zwei vorgestellten Gedichten aus? Hmmm. Ich probiere mal aufs Geratewohl eine:

    "Das Zögern einer Sekunde verdirbt ein Gedicht."

    Warum eigentlich? Dazu probiere ich auch gleich, als Schnellschuss aus der Hüfte, eine Antwort. Die übrigens ausgeht von einem Satz, den das Paulchen an Susanna richtet in seinem "hartes los"-Ordner:

    "laß sprudeln, ich bau dir keinen wall..."

    Gedankenfluss, sprudelnder. Ja, davon geh ich aus, gehe Dürrenmatt aus. Ihm ist ein Gedanke, ohne dass wir über ihn nachdenken, ihm hinterher denken, immer wahr und gültig, und zwar im Augenblick, da er entsteht im Hier und Jetzt. Später nicht mehr. Aber im Hier und Jetzt, da er aufzuckt ("im Traume eines Tages (die Sonne stand hoch) / Blitze, die irdische Finsternis erleuchten") gehört er ganz dazu, zu diesem Hier und Jetzt, auch und gerade, weil es wesentlich dieses Hier und Jetzt ist oder ausmacht, und also stimmt er da und passt er da hin. Er entspricht den Bedingungen seiner Entstehung - ohne diese Bedingungen und also bedingungslos und also aus dem Nichts quasi, entsteht kein Gedanke.

    Später, schon in der nächsten Sekunde, verwandelt sich dieser Gedanke allerdings, wird zu etwas Vergangenem, zur Erinnerung. Es ist ein anderes, ein neues Hier und Jetzt, wo wir uns befinden, ein neuer Standpunkt, von wo aus wir zurückblickend imstande sind, über ihn, unseren Gedanken, nachzudenken, oder auch von ihm aus fort und weiter zu denken. Und ja, die Erinnerung sagt uns vielleicht durchaus, dass und wie sehr der Gedanke gestimmt hat - damals, vor einer Sekunde. Aber wir haben gezögert, ihn gleichzeitig während seiner Entstehung niederzuschreiben. Und jetzt stimmt er plötzlich nicht mehr, nicht mehr ganz. Die Bedingungen, die jetzt herrschen, sind andere, sind neue. Sie haben nichts mehr mit unserem Gedanken zu tun. Unser Gedanke hängt im Leeren: Er ist ohne seine vollkommene Wahrheit höchstens noch halbwahr, jedenfalls immer relativ wahr, und nicht mehr.
    Wir sagen uns, indem wir weiter nachdenken - und wir denken weiter über den Gedanken nach, weil wir überzeugt sind, dass er stimmt, denn wir haben doch gefühlt, dass er stimmt, dass er wahr und gültig ist - dass etwas anderes nicht stimmt. Wir beginnen, Arbeit anzuwenden. Worin besteht diese Arbeit? Es gibt nur zwei Möglichkeiten für uns:

    1. Entweder wir feilen am Gedanken rum so lange, bis er ein anderer Gedanke ist, der recht eigentlich überhaupt keiner mehr ist, dafür aber allen Bedingungen zu allen Zeiten entspricht und also zur absoluten Wahrheit, also unbedingt, also bedingungslos geworden ist, genauer: zur Tautologie oder bestenfalls zur Wahrheit, die soviel verkündet als: Regen fällt zu Boden. Dürrenmatts sinnlose Gedankensplitter.

    2. Wir schreiben den Gedanken hin und konstruieren nun, indem wir deduktiv auf Biegen und Brechen von unserem Gedanken ausgehen (wie Descates vom Cogito ergo sum) Bedingungen um unseren Gedanken hin, obschon wir längst von einem anderen Standpunkt aus die Dinge sehen, obschon also die Perspektive eine neue ist. Von hier aus bauen wir notgedrungen um unseren Gedanken eine Welt auf, in die er passt, und wen wunderts, gibts diese Welt nicht in Wirklichkeit...

    Ja?

  17. #17
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    Rilke

    "ach, aber mit versen ist wenig getan, wenn man sie früh schreibt. man sollte warten damit und sinn und süßigkeit sammeln ein ganzens leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz am schluß, vielleicht könnte man dann zehn zeilen schreiben, die gut sind. denn verse sind nicht, wie die leute meinen, gefühle (die hat man früh genug), - es sind erfahrungen.. um eines verses willen muß man viele städte sehen, menschen und dinge, man muß tiere kennen, man muß fühlen, wie die vögel fliegen, und die gebärde wissen, mit welcher sich die kleinen blumen auftun am morgen. man muß zurückdenken können an wege in unbekannten gegenden, an unerwartete begegnungen und an abschiede, die man lange kommen sah - an kindheitstage, die noch unaufgeklärt sind, an die eltern, die man kränken mußte, wenn sie einem eine freude brachten und man begriff sie nicht (es war eine freude für einen anderen), an kinderkrankheiten, die so seltsam anheben mit so vielen tiefen und schweren verwandlungen, an tage in stillen, verhaltenen stuben und an morgen am meer, an das meer überhaupt, an meere, an reisenächte, die hoch dahinrauschten und mit allen steren flogen, - und es ist noch nicht genug, wenn man an alles denken darf.

    man muß erinnerungen haben an viele liebesnächte, von denen keine der andren glich, an schreie von kreißenden und an leichte, weiße, schlafenden wöchnerinnen, die sich schließen.

    aber auch bei sterbenden muß man gewesen sein, muß bei toten gesessen haben in der stube mit dem offenen fenster und den stoßweisen geräuschen. und es genügt auch noch nicht, daß man erinnerungen hat. man muß sie vergessen können, wenn es viele sind, und man muß die große geduld haben, zu warten, daß sie wiederkommen. denn die erinnerungen selbst sind es noch nicht. erst wenn sie blau werden in uns, blick und gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, daß in einer seltenen stunde das erste wort aufsteht in ihrer mitte und aus ihnen ausgeht."
    [r.m.rilke, aus "die aufzeichnungen des malte laurids brigge]

  18. #18
    Kurzvormabschussiger
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    werde ich also eine Mittagszigarre am Abend rauchen,
    husten, sie auseinanderrollen um zu sehen...
    werde ich also kein Dichter...
    werde ich...


    werde ich ein großer Dichter...
    später...

    werde ich erst nach Kuba fahren...
    rauchen lernen...

  19. #19
    Wolkensteiner
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    WOW! nach Kuba! da komm ich nach ...

    ich glaub nicht, Jones, daß der subjektiv momentan richtige gedanke ins gedicht gehört mit all seinen augenblicksbedingungen. glaub auch nicht, daß friedrich das so meinte. er spricht doch von dem bild, wie der wind in der aufgehängten wäsche weht, keine sekunde zögert dabei, nichts überlegt, sondern nur ist. er registriert die bedingungen gar nicht, von denen er umgeben ist. es sind ja immer die gleichen. das allgemeingültige intuitiv gelebt.
    die aufgewendete arbeit ist dennoch da, das find ich schon richtig. es ist aber nur die übersetzung in das medium sprache auf das medium papier. dieses handwerkszeug berührt den inhalt aber nur insoweit, denkich, als es ihn nicht verfälschen darf. kein gody hinzugefügt sein soll. aber jetzt versteh ich glaubich, daß du das meinst, daß das handwerkszeug den gedanken verfälscht im zweiten schritt? da muß man aufpassen, das stimmt, es geht aber schon, wenn man eben nicht den augenblicksgedanken einfängt in seiner bedingtheit, sondern den in ihm steckenden allgemeinen seinszustand: den wind in der wehenden wäsche ...

    dazu hat heut der aerolith einen interessanten punkt gebracht: den denkfehler und den schreibfehler. hierher übertragen würd ich sagen, daß an den schreibfehlern als handwerkszeug unbesorgt weiter gearbeitet werden darf. gody wäre dann im gegensatz dazu der denkfehler, der einen anderen gedanken übersetzt als den, der gestaltet sein wollte, der diesen eben verfälscht.

  20. #20
    schreibt hier hin und wieder
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    Also gut, wer hilft mir mal? Also ordnen wir mal. Ich glaube, wir haben es mit verschiedenen Formen, verschiedenen "Bewusstseinzuständen" oder "Schaffenszuständen" des Künstlers zu tun, und vielleicht lassen sich unterschiedliche Götter diesen Zuständen zuordnen?

    1. Arbeit am Gedanken. Denken. D?rrenmatts (dramatisches) Schreiben. Ein immer wieder von vorne beginnen, das schon Geschriebene durchkorrigieren, umschreiben, immer wieder und immer wieder "zum letzten Mal": Nichts Schwierigeres, als Geschriebenes zu akzeptieren. Frage: Welcher Gott steht ihm zur Seite?
    2. Dürrenmatt als Maler. Plötzlich erfasst ihn die Leidenschaft. Es ist, als erschaffe er aus dem Nichts, aus der Leere des Papiers, selbst eine Welt. Er zeichnet drauflos, eine Nacht hindurch, zwei, ohne zu ermüden - erlöst vom Schreiben, von dieser ständigen unsäglichen Konzentration. Er zeichnet drauflos. Nie könnte er das beim Schreiben. Frage: Welcher Gott treibt ihn an, Dürrenmatt, den Maler?
    3. Dürrenmatt, der Dichter bei einer Mittagszigarre, der müde zur Feder greift, wenn keine Frage nach Stil ihn bedrängt. Flüchtig gleitet sein Schreibzeug über das Papier, in ein zwei Minuten ist das Werk vollendet, ein Gedicht, das von der Ahnung einer "höheren Leichtigkeit" erzählt. Welcher Gott...?

  21. #21
    Kurzvormabschussiger
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    die Götter sitzen im Himmel
    spielen Skat
    bei Wein und Schnaps
    sie lachen

    für die Dichter gibt es keine Götter
    sie wähnen sich selbst als Gott
    schneiden sich ein Stück Leber heraus
    oder schlimmeres
    sterben daran
    kranken
    oder
    locken die Fliegen an

    ob nun herausgewürgt
    überreich auf dem Tablett arrangiert
    oder als Zipfelchen dazu gelegt

    manches lässt sich schon noch glätten
    zurecht stutzen
    als Bissen präparieren
    wenn man das Blut noch an den Händen hat
    das richtige Messerchen
    zur Zeit auffindet

  22. #22
    Wolkensteiner
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    tolle fragen!
    meine vorläufigen denkrichtungen:
    1. saturn
    2. mars
    3. venus

    ein gedicht sagts besser als alles andere

  23. #23
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    mars macht mobil?
    hoffe er hat keine atombombe nit, sonst ruckzuck, achse des bösen.
    ui ja, die venus, weiawagga.

    hm.
    schreiben, als würde man malen.
    sag ich mal ausschweifend: empathisch.
    trance ist ja eher was für schamanen.
    musik hingegen ist schon wieder mathematik.
    aber auch hier gilt (in diesem jahr sowieso): relativ.
    hingabe und annahme.
    wie sex... .
    oder sieben.

  24. #24
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    Götter also? unbedingt...
    Wie w?re es dann mit dem Gott der Maler???

    Pintepios
    oder
    Das letzte Geheimnis Griechenlands

    Erzählung von Wolfgang Lettl


    Irgendwie war ich dazugekommen, mir einen Vortrag anzuhören...

    Die Person des Vortragenden, eines sehr bekannten Arztes, läßt mich mit Sicherheit vermuten, daß der Vortrag sehr interessant war, aber leider nur vermuten, denn ich muß gestehen, daß mir meine Gedanken schon gleich am Anfang abschweiften und nicht mehr zurückzuholen waren. Denn das Vortragsthema hieß, oder so ungefähr: "Asklepios, der Gott der Ärzte".

    Die Ärzte haben einen Gott, dachte ich mir, das ist sicher richtig und gut so, sollen sie ihn haben, mitsamt der herumgewickelten Schlange, aber was ist mit den Kunstmalern? Haben die denn keinen Gott und warum nicht? Oder hat man ihn nur noch nicht entdeckt, vielleicht gar absichtlich vergessen und totgeschwiegen, aus Mißgunst etwa? Während ich das alles so vor mich hindachte, glitten die Worte sanft an meinen Ohren vorbei, bis mich plötzlich einsetzendes Gelächter und Beifallsgeklatsche aufschreckte; offensichtlich war eine Pointe besonders gut angekommen.

    Mich aber ging der Vortrag nichts mehr an, und ich benutzte die Gelegenheit, um ohne aufzufallen den Saal zu verlassen, nach Hause zu eilen, mir meinen alten Diercke-Schulatlas zu greifen und Griechenland aufzuschlagen.

    Es sah schon überall sehr erforscht aus, besonders um Athen und den Olymp herum, nur die Gegend halboben-links, westlich des Thymphrestos zum Acheloos hin, machte einen halbwegs unberührten Eindruck; am ehesten wäre hier noch etwas zu entdecken.

    Der Pilger, 1984

    Kurz entschlossen, wie ich zu sein pflege, und aus der Erfahrung heraus, mich lieber auf mein Glück als auf meinen Verstand zu verlassen, brach ich also dorthin auf. Entsprechend der Abgeschiedenheit der Gegend war die Anreise auf mancherlei Weise beschwerlich; da solcherlei Beschwernisse aber ohnehin unser ganzes Leben begleiten, darf ich sie als bekannt voraussetzen und will mich hier nicht länger dabei aufhalten.

    Der Platz, den ich mir im Atlas ausgesucht hatte, war eine unwegsame, nach Osten leicht ansteigende, steinige und baumlose zerklüftete H?gellandschaft; nur ein paar Ginsterbüsche, die vertrockneten Stengel von Affodill und des giftigen Steckenkrauts und eine mir nicht bekannte, aber besonders unangenehme Distelart hindern mich daran, sie als Wüste zu bezeichnen. Es wäre in dieser unwirtlichen Gegend eigentlich kaum eine Menschenseele zu vermuten gewesen, höhstens ein paar Schafe und Ziegen, aber ganz im Gegenteil:

    Überall standen und hockten junge Menschen herum, und zunächst schien mir, es seien Alternative beim biologischen Sammeln kommunikativen Salats, oder Umweltschützer, die den Bau eines Atomkraftwerks oder die Stationierung von Raketen verhindern wollen, aber beim näheren Hinsehen merkte ich, daß sie etwas taten:


    Triumpfbogenträger, 1983

    Sie hoben Steine auf, betrachteten sie, fast liebevoll, möchte ich sagen, wogen und vermaßen sie, gaben sie in verschiedene Gefäße mit verschiedenen Flüssigkeiten, fotografierten sie, numerierten sie schließlich und legten sie wieder sorgfältig an ihren vorigen Platz zurück. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen tippten sie in kleine Computerchen hinein.

    Ich fragte eine Gruppe, es waren französische Studenten, nach dem Sinn und Zweck ihres Tuns, sie verwiesen mich an den Professor und der war gerne bereit, mir alles zu erklären: "Unsere Tätigkeit soll mit Hilfe der modernsten Technik Licht in die bislang noch dunklen Stellen der Antike bringen. Wir nehmen alle Steine Griechenlands auf und speichern die gewonnenen Daten im Computersystem der Archäologischen Weltzentrale in Baltimore.

    Ich werde Ihnen gleich mal zeigen, wie das funktioniert. Nehmen wir als Demonstrationsbeispiel gleich mal dies hier." Er hob ein braunglänzendes Etwas auf und machte die oben beschriebenen Prozeduren mit dem Ding. Nach etwa einer Minute antwortete der Zentralcomputer via Satellit: "Teilchen einer Coca-Cola-Flasche, 20. Jahrhundert. Zur Ermittlung des Herstellungsjahres und der Fabrikationsstätte Untersuchung D 702 bzw. AC 939 erforderlich."

    Ich tat so, als fände ich das furchtbar interessant und bestaunenswert und erkundigte mich über alle möglichen Details, nur um schließlich mein Anliegen vorzubringen, ob der Herr Professor vielleicht schon einmal von einem Gott der Kunstmaler gehört habe, ich sei nämlich auf der Suche nach ihm.

    Monsieur le Professeur bekam zunächst einen fragend ratlosen, dann mitleidigen Gesichtsausdruck, der, dezent zwar, keinen Zweifel an der Überlegenheit der französischen Intelligenz in Sachen Kultur aufkommen ließ: "Nein, davon ist mir nichts bekannt, und so weit wir schon geforscht haben, deutet keine Spur auf einen Kunstmalergott" sagte er, ohne daß seiner Stimme eine Spur von Herablassung anzumerken gewesen wäre, "aber da oben", er zeigte in Richtung Thymphrestos, "ist noch alles unerforscht."

    Ich bedankte mich und ging weglos bergan. Mühsam, stundenlang. Als sich der Tag schon zu neigen begann, näherte sich mir ein Zypressenhain und daraus ertönte zu meinem Erstaunen Musik, klassische Musik, genauer gesagt, die Symphonie Nr. 73 D-Dur "la Chasse" von Joseph Haydn. Neugier beflügelte meine schon müden Schritte, das Wäldchen lichtete sich und gab den Blick auf eine Arena frei. Soeben ging die Symphonie mit verhaltenem Ausklang zu Ende, und unter emphatischem Beifall des Publikums nahmen die Musiker ihre Instrumente unter den Arm und zogen sich zurück. In der folgenden Pause wurde neben dem Podium ein Scheiterhaufen errichtet, und bald erschienen wieder Musiker, doch gaben sie diesmal rhythmischen Lärm der Art von sich, von dem sich die Blüte unserer Jugend so gern besoffen machen läßt und um dessen Verbreitung sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten so sehr verdient machen. Mir schmerzten die Ohren und mein Magen begehrte auf, aber die Neugier ließ mich ausharren.

    Als der Lärm die Grenze zum absolut Unerträglichen zu erreichen sich anschickte, entzündete jemand den Scheiterhaufen, und unter frenetischem Geschrei und Gepfeife der Zuschauer warfen die Musikanten ihre Instrumente ins Feuer.




    Das Ende der Streichquartette, 1977

    Zunächst konnte ich mir keinen Reim auf das alles machen, aber dann kam mir die Erleuchtung, da? es sich hier um einen religiösen Ritus, um eine Opferung handeln müsse, weil man doch etwas so Wertvolles nicht einfach kaputt macht, wenn nicht ein tieferer Sinn dahintersteckt. Ich fragte also in allen mir mehr oder weniger zur Verfügung stehenden Sprachen radebrechend einen der Umstehenden, was das Verbrennen der Instrumente bedeute. "Die G. d. M. will das", war die Antwort.

    Jetzt arbeitete mein Gehirn ganz ungewohnt schnell, und folglich ging mir auch gleich ein Licht auf: "Die G. d. M.", das kann in Zusammenhang mit dieser Opferhandlung doch nur "Göttin der Musik" heißen, und wo der Kult der Göttin der Musik noch so lebendig ist, weiß man vielleicht, ja sogar sicher auch noch etwas vom Gott der Malerei.

    Ich sah mich kurz vor meinem Ziel und nur, um meiner Sicherheit den Triumph der Bestätigung nicht vorzuenthalten, fragte ich unter freudig erregtem Herzklopfen: "Wer ist denn die G. d. M.?" "Die Gewerkschaft der Musikinstrumentenhersteller" war die Antwort. "Seit dem EG-Beitritt werden wir so sehr mit den Instrumenten aus der BRD und Italien überschwemmt, daß unsere griechischen Hersteller nur noch existieren können, wenn nach jedem Konzert die Instrumente vernichtet werden." "Aber es ist doch schade", wollte ich einwerfen. "Nein" entgegnete mein Gesprächspartner, "ihre guten Instrumente verbrennen sie natürlich nicht, sondern eigens für diesen Zweck billig hergestellte, und man hat dann so eine Art Volksbelustigung daraus gemacht."

    Meine Enttäuschung über diese Auskunft war so tief und mein ganzer Mut war dahin, dazu kam die Müdigkeit von den Strapazen des Tages, und so schlich ich ziellos von dannen; inzwischen war die Nacht hereingebrochen und mit ihr die Stille. Nach alter biblischer Tradition suchte ich mir einen Stein als Kopfkissen, legte mein Haupt darauf und mich zur Ruhe. Als ich gerade hinüberdämmern wollte ins Land der glücklichen Träume, das sich gerne dem erschließt, der den Tag mit viel Mühe und wenig Erfolg hinter sich gebracht hat, hörte ich, zunächst etwas zaghaft, dann immer freier und jubelnder den allersüßesten Gesang, den je eine Nachtigall von sich gab. Ich schaltete noch mein Tonbandgerät ein, das ich eigentlich nicht für Nachtigallengesang mitgenommen hatte, aber den Gott der Maler zu finden hatte ich keine Hoffnung mehr und schlief vollends ein.

    Spät am Vormittag weckte mich die Sonne und ich sah mich mitten unter den Archäologiestudenten, die inzwischen schon bis hierher vorgedrungen waren. Ich war deprimiert, weil meine Expedition offensichtlich keinen Sinn mehr hatte, packte meine Siebensachen zusammen und trat den Rückweg an; alle Steine, soweit ich sehen konnte, waren numeriert. Griechenland barg kein Geheimnis mehr.

    Immer, wenn ich deprimiert bin, gehe ich gesenkten Blicks. Unversehens fiel dieser, ich konnte es kaum fassen, auf einen runden, schwärzlichen Stein, der keine Nummer trug, den sie offensichtlich übersehen hatten. Nachdem ich mich versichert hatte, daß ich unbeobachtet war, nahm ich ihn schnell zu mir als letztes Überbleibsel und Erinnerung an ein Griechenland, das einmal, herrlich unerforscht, der Götter Wohnung sein durfte.


  25. #25
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Dichten - bei einer Mittagszigarre?

    Da er ohne Nummer war, hatte ich keine Schwierigkeit, den Stein über die Grenze zu bringen. Er hat bei mit zu Hause in einer Vitrine seinen Ehrenplatz erhalten; besonders, wenn mir aus irgendeinem Grunde schwer ums Herz werden will, nehme ich ihn heraus und wiege ihn in der Hand; dann geht etwas von ihm auf mich über, und während der Stein sein Gewicht zu verlieren scheint, weiß ich mich eins mit dem Kosmos und den Uranfängen unserer Kultur verbunden.

    Das Tonband mit der Nachtigall hatte ich ganz vergessen.

    Als ich es einmal zwecks anderer Verwendung löschen wollte, h?rte ich es doch vorher ab. Wie erstaunt war ich, als sich unter den Vogelgesang bald die Stimme eines offenbar sehr alten Mannes mischte. Sein in feierlichen Hexametern vorgetragener Singsang erweckte unbedingt den Eindruck einer wichtigen Mitteilung, seine Sprache jedoch klang mir völlig unbekannt.

    Wir wissen alle, wie sehr der Name den Charakter eines Menschen prägen und sein Schicksal beeinflussen kann, daß manchen schon sein unmöglicher Name zur Bedeutungslosigkeit verurteilt, während ein anderer allein durch den Klang seines Namens sich zu Großem berufen weiß. Der kleine Napoleon Bonaparte mußte kraft seines Namens ganz Europa umkrempeln, andererseits wäre uns wohl mit "Heil Schickelgruber" der Gröfaz erspart geblieben.

    (Hitlers Vater, der unehelich geborene Alois Schickelgruber, erhielt erst vierzigjährig durch eine fragwürdige Legitimierung den Namen Hitler. "Gröfaz" war das inoffizielle Kürzel für "Größter Feldherr aller Zeiten")

    Viele rechtzeitig von ihrer überragenden Bedeutung überzeugte Künstler und auch ein paar Politiker haben das begriffen und sich gleich zu Beginn ihrer erfolgreichen Laufbahn einen zu ihrer Größe passenden Künstlernamen gewählt. Ein Fall ist mir bekannt, wo sogar schon der Vater das richtige Gespür bei der Namensgebung seines Sprößlings hatte, und so konnte aus Wolfgang Amadeus nur Mozart werden.

    Auch bei meinem Freund Hieronymus stimmen Name, Beruf und Charakter sozusagen fugenlos überein. Er ist Professor für Kirchengeschichte und im Vatikan wegen seiner Kenntnisse und Fähigkeiten oft gefragt. Am liebsten sitzt er aber in seinem Gehäuse und versenkt sich in Gott und alte Schriften, während sein inzwischen schon betagter Löwe warme Behaglichkeit vor sich hinschnurrt.


    Kirche und Welt, 1989

    Hieronymus ist keiner von den Freunden, mit denen man Pferde stehlen oder durch dick und dünn gehen kann; Pferde stiehlt er grundsätzlich nicht, das widerspricht seiner Auffassung vom Priesterberuf, und was jeweils als "dick" oder "dünn" zu gelten hätte, das w?re auf Grund unserer verschiedenen Veranlagungen und Denkweisen nie auf einen Nenner zu bringen. Aber auf Hieronymus ist Verlaß. Wenn er mir helfen kann, hilft er, selbst in den schwierigsten Situationen. So hilft er mir auch jetzt, den beinahe verlorengegangenen Faden meiner Erzählung wieder aufzunehmen, denn mein Tonband vom Archeloos mit der unmöglichen Sprache, das war ein Fall für Hieronymus.

    Er zeigte sich gerne bereit, die Aufgabe reizte ihn, aber leicht war sie nicht. Mein Tonband sprach in einer Art frühdorischen Dialekts, der bisher völlig unbekannt war. Nur der Tatsache, daß Hieronymus eine einmal übernommene Aufgabe allen Schwierigkeiten zum Trotz grundsätzlich immer zu Ende führt, ist es zu verdanken, daß er diesen sonderbaren Dialekt schließlich in den Griff bekam.

    Er übergab mir das Manuskript seiner Übersetzung mit der Erläuterung, daß im Wesentlichen alles so stimme, allerdings ergebe sich noch kein rechter Sinn, weil sich etliche Wörter verschieden übersetzen ließen, außerdem noch nicht ganz klar sei, was Eigennamen seien, weil sich diese beim gesprochenen Text nicht durch Großschreibung hervorheben, zudem sei die Sprache sehr blumig, "du kennst das ja von der rosenfingrigen Morgenröte her", womit er auf unsere gemeinsame Schulbank anspielte.

    Er sprach dann weiter, und ich bemühte mich, so dreinzuschauen, als ob ich seinen Ausführungen folgen könnte, bekam dabei aber offensichtlich einen so angestrengten Gesichtsausdruck, daß er es merkte und sich wieder auf meine geistige Ebene herabbemühte, und er beschloß seine Ausführungen mit der Ankündigung, daß er demnächst in einer sehr wichtigen Angelegenheit nach Rom reisen müsse. "vielleicht kommst du inzwischen hinter den Sinn des Textes", im übrigen wolle er nach seiner Rückkehr gerne weiterhelfen und er zweifle nicht daran, daß mein Tonband äußerst interessant und wichtig für die Beseitigung der letzten Unklarheiten über die Antike sei.

    Ich knobelte sehr lange und vergeblich an dem Text herum, bis ich einigermaßen hinter seinen Sinn kam, und dann war mir auch klar, daß das meinem Freund Hieronymus nicht auf Anhieb gelingen konnte. Zu meinem Erstaunen waren nämlich meist Situationen beschrieben, die so nur im Künstlertmilieu vorkommen und im Erfahrungsbereich eines Theologen keinen Platz haben.

    Im folgenden versuche ich, im großen und ganzen doch wohl richtig, wiederzugeben, was der Alte zu sagen hatte.


    Die Geburt des Odysseus, 1984

    Er begann:

    "Aus uralten Tagen, durch meine Ahnen übermittelt, ist mir die Verpflichtung auferlegt, Pintepios, den Gott der Kunstmaler, dem Schicksal des ewigen Vergessenseins zu entreißen und der Nachwelt Kunde von ihm zu geben. Dies tue ich heute zum letztenmal, denn wenn die Wissengschaftler kommen, verschließt sich der Mund der Wahrheit."

    Und sein Bericht lautete, kurz zusammengefaßt, etwa so:

    Pintepios war einer der beliebtesten Götter des Olymp, geistreich, amüsant, jugendlich sprühend vor Temperament, hochgeachtet wegen seiner Kunst. Eines Tages malte er die schöne Lia. Sie war blond, blauäugig, hatte feingeschwungene Augenbrauen, edle Nase, volle Lippen, Zähne wie Perlen, einen Hals hatte sie auch usw., man kennt das ja aus der Literatur. Als er gerade an ihrem überaus wohlgeformten rechten Busen malte, überkam es ihn und er zeugte mit ihr den Classos, dessen Nachkommen die Maler der klassischen Form und des edlen Gleichmaßes wurden. Ein andermal malte Pintepios die schwarzlockige Petunia, die war schelmisch, spritzig und verführerisch, und als er ihren frechen linken Busen malen wollte, da schoß Amor gleich ein ganzes Bündel Pfeile auf ihn ab, und da zeugte er zunächst einmal den Phantos, den Ahnen aller Phantasten und Surrealisten, dann erst malte er weiter.

    Nun hätte es eigentlich gereicht, denn mit schönem Maß und lebhafter Phantasie läßt sich alles machen, was in der Malerei Sinn hat. Aber, wie wir alle wissen, geht es auch bei den Göttern nicht so glatt ab, und auch bei Pintepios nicht. Zunächst schwamm er förmlich in Glückseligkeit, alles, was weiblich um den Olymp herum war, schwärmte für ihn und wollte sich von ihm malen lassen. Und er malte und malte und merkte in seiner Einfalt nicht, wie das seine göttlichen Mitbrüder zu wurmen begann, und auch den älteren olympischen Damen paßte es nicht, da? er die jüngeren schöner malte und außerdem gehört sich das nicht. Man weiß ja, wie eifersüchtig es in solchen Kreisen zugeht.




    Das All lässt grüßen, 1984

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