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Thema: Grünes Zimmer mit Kreuz

  1. #1
    TC Messerschmidt
    Laufkundschaft

    Grünes Zimmer mit Kreuz

    Grünes Zimmer mit Kreuz

    Mir ist, als höre ich ein Wispern,
    und jede Diele knarzt unter meinem Schritt.
    Leben, du seltsamer Briefträger.
    Einen Racheanker könnt ich werfen, doch,
    es ist nun gut, denn der Tod küsst die Liebenden nicht.
    Mir ist, als höre ich ein Wispern.
    Jeder Schritt ein Messerstich, hämisch lacht der Deibel auf.
    Ich weiß, er lauscht beflissen. Er weiß, ihm gilt mein Zorn.

    ?


    Einst, wir loteten die Gewässer Gottes, im Kuss wir küssten, da
    zögerte der Deibel zu klopfen! Er stahl auch keine Frucht.
    An den Mooswänden hinunter in tiefe Stille, so, unverblümt,
    sprachen unsere Hände wahr und gut, sie waren warm und Ja!

    Einst, wir trieben im Blau des Morphiums,
    Seegras fühlend, da flatterte ein kalkig Tuch
    nebst der Grotte Liebe, im Begriff zu richten,
    zu greifen, nach dem Leben und nach dem Tod.

    In ihr war der Schlaf erwacht, zischelte:
    "Ihr Kinder! Hinfort! Hinfort mit euch!"

    -

    Es ist wie es ist. Wenn der Nachtvogel scharrt,
    wandere ich zu deinem Nacken, ich wandere zum Ufer der Gewässer.
    Es ist wie es ist. Solange ein Nachtvogel scharrt,
    so füttere ich ihn und ich wispere ihm zu von dir.

  2. #2
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Grünes Zimmer mit Kreuz

    Ich weiß nicht, ob ich Dich für diesen Text loben oder tadeln sollte. Einerseits spüre ich Formwillen, andererseits jedoch bedienst du noch jedes Klischee, das hier einfallen könnte. Darüber hast Du die Manier des Oscar Wilde, aber der ist zurecht schon lange tot.

  3. #3
    Wolkensteiner
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    AW: Grünes Zimmer mit Kreuz

    das zurecht stört mich persönlich sehr, lebe ich doch auch für oskar und begrüßte ihn freudig, registrierte er sich hier. die leichtigkeit des snobs, dessen einziger krückstock die schönheit ist, die ist mit mir noch nicht ausgestorben.
    und das ist ihr gutes recht. Recht. als einstecktüchlein mit punkten.

    messerschmitt: es bleibt:

    deine dir spezifische wortmacht gefällt mir und gefiel mir immer.

    ich finde, der text funktioniert als tryptichon in der gleichzeitigkeit. es kommt eine erinnerung und es kommt einem vor, als wäre sie fern. der letzte und dritte teil sagt aber, daß nicht. es ist eine nur manchmal unbewußte ständige gegenwart. und der ausstrahlpunkt dafür war so lebendiges seegras aus unverblümtem Ja. es ist nicht wichtig, wie und warum er verging oder vergehen mußte. an wem und wie rache. er hatte diese kraft zur gleichzeitigkeit aller zeitdimensionen. er hatte die kraft, aus der und von der her leben bestanden wird.

    schönheit schenkst du, deine seele auch. und du liebst die sprache, kämpfst nicht mit ihr. deshalb ist sie dir zutraulich wie ein kätzchen.

    das kreuz ist mir nicht ganz klar. aber ich denke mal, es bezeichnet diesen markanten punkt leben in einem zimmer aus niemals resignierendem lebensraum.

    feurio!

  4. #4
    TC Messerschmidt
    Laufkundschaft

    AW: Grünes Zimmer mit Kreuz

    lieber lektor,
    womit sollte es nichts werden? wer ist oscar wilde?


    ...
    ernsthaft:

    textarbeit? gerne, nur, wo ist die kritik? nicht doch..
    T.C





  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Grünes Zimmer mit Kreuz

    "Leben, du seltsamer Briefträger."

    wo sind die briefe? an wen sind die adressiert? und was steht drin?

  6. #6
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Grünes Zimmer mit Kreuz

    TC ist zwar raus, aber ältere Mitglieder kennen das nun schon, ich halte meine Versprechen; manches dauert nur ein bißchen, und manchmal muß man meinereiner erinnern. Also hier auch Textarbeit, auch wenn's vergebliche Liebesmüh scheint.

    Axiom: Nichts auf der Welt ist unbedeutend. Alles hat seinen offensichtlichen und uneinsichtigen Sinn. Es ist nur eine Frage von Ort und Stunde.

    So dann:
    erstellt von TC: Mir ist, als höre ich ein Wispern,
    und jede Diele knarzt unter meinem Schritt.
    Leben, du seltsamer Briefträger.
    Das ALS schadet hier mehr, als es nützt. Das Vexierspiel eines metaphorischen Textes besteht gerade in der Vermeidung von Vergleichspartikeln; dennoch weiß der Leser, daß das Niedergelegte nur ein Vergleich ist. Meister in unserem Forum ist hier Paula, deren Sprache durch und durch metaphorisch ist, sogar symbolistisch. (Das ist jetzt aber kein Lob, sondern nur eine Feststellung.) Wenn Du ALS oder WIE benutzen willst, dann sollte hier eine konjunktivische Wendung erfolgen, ALS OB ist da beredt. Bleibst Du, wie hier, indikativisch verhaftet, so bleibt der Text im Kausalnexus und verliert an dichterischer Freiheit. Du willst dann quasi strikt observant bleiben, wie es die Freimaurer nennten.

    Eine weitere semantische und modale Ungenauigkeit entsteht durch den Einsatz des unbeschriebenen Briefträgers, der also eine Stereotype sein soll. Jonathan fragt zurecht, inwiefern sich das mitteilt. Also, was tut der Briefträger hier? Bringt er Nachricht von der Liebsten, vom Finanzamt oder einen blauen Brief? Seltsam - ein bizarres Wort für einen Briefträger. Geht es um die Nachricht, die Art der Übermittlung, die Flüchtigkeit des Auf´genblicks, wie sie nur hastende Briefüberbringer üben? Unklare Lyrik ist schlechte Lyrik.

    Ich glaube, das reicht hier. Ich muß jetzt mit Mama, Ex-Frau und meinen Kindern Torte essen, Schneemann bauen und sonstige Dummheiten machen. Der Sohn des Hauses wird 14.

  7. #7
    TC Messerschmidt
    Laufkundschaft

    AW: Grünes Zimmer mit Kreuz

    ...
    beim freimaurertuch-bügeln zur kenntnis genommen. mir ist, als höre ich ein singsang über -drei- zeilen. *klack* *fump* "einatme" *klack* "ausatme" vielen dank für deine, ähm, mühe..

    (ich muß jetzt auch los, partikel erbeuten -oder wie nennte man dies?)


    T.C.

  8. #8
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Grünes Zimmer mit Kreuz

    Laß den einen oder anderen Partikel auch hier umherflattern, T.C.! Staubfänger sind wir allentmalen.

    Sternenstaub insbesondere willkommen.

  9. #9
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Grünes Zimmer mit Kreuz

    Das ist einer von vielen Ordnern, die von kurzlebigen Texteinstellern genutzt wurden, die sich hier der Forumatiker bedienten, um ein feedback zu bekommen, sich selber aber nicht veranlaßt fühlten, das gegebene Gewort durch Reaktion auf die Texte anderer zu entgelten. Schmarotzer.

  10. #10

    AW: Grünes Zimmer mit Kreuz

    "es ist nun gut, denn der Tod küsst die Liebenden nicht"

    Allein dieser Satz sollte in Gold aufgewogen werden.

    Im Umkehrschluss wird ein Schuh für die Welt draus...

    Ein "Siebenmeilenstiefel" wird´s, wenn wir es als das oben angedeutete Ausloten der Gewässer Gotter betrachten, in denen sich Gott betrachtet.

    Aber wir erkennen uns nicht als "hier und dort"; wir glauben an ein "hier oder dort"...

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Grünes Zimmer mit Kreuz

    Zitat

    Mir ist, als höre ich ein Wispern,
    und jede Diele knarzt unter meinem Schritt.
    ------------------------------------------

    Hier bitte; "unter meinen Schritten"...da jede und nicht die Diele

    ebenso hier:

    Zitat

    wandere ich zu deinem Nacken, ich wandere zum Ufer der Gewässer.
    .................................................. ........................................
    zu den Ufern der Gewässer....

    oder einfach nur "zu den Ufern" (die per se Gewässer beflanken)

    ansonsten ein gelungenes Gedicht mit richtig guten Metaphern...

  12. #12
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Grünes Zimmer mit Kreuz

    Der Tod küßt Liebende schon. Die Liebe wäre nichts ohne die Vorahnung des Todes. Der Tod ist in der Liebe allgegenwärtig, ich möchte behaupten, daß Liebe, also dieses Ineinsfühlen mit einem einst Fremden, ohne Todesbewußtsein rein körperlich bliebe. Vielleicht ist sogar der körperliche Akt auch nur Todestrieb. Vielelicht sogar mehr als der seelische der Hinwendung zum Du. Jedenfalls ein Zwingverhältnis.

    Melde also gegen Michaels Behauptung Widerspruch an.

  13. #13
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Grünes Zimmer mit Kreuz

    Ein eher nichtssagender Kommentar über Metaphern und ein wackliger Hinweis auf den Singular/Plural von "Schritt",
    ach je. (Nur noch übertroffen von den Hinweisen zu Intertextualität und Metaphorik und Konjunktiv: Oscar Wilde, als ob/als ....)

    „Schritt“ kann als Kollektivsingular, als „Sammelbegriff“ fungieren: Das Lexem meint dann eine schreitende Bewegung und damit eine Handlung und deren summierte Elemente, sie kann spezifiziert werden nach der Art des Schreitens. Und überhaupt: Der Wechsel zwischen Singular und Plural ist durchaus immer mal wieder möglich…

    (1)
    Der Major hatte schweigend den Bericht des Jägers angehört; er befahl ihm, den nächsten Morgen wieder zu kommen und fuhr ins Theater. Die Ouverture hatte schon begonnen, als er in die Loge trat, er warf sich auf einen Stuhl nieder, von wo er die fürstliche Loge beobachten konnte. In allem Schmuck ihrer natürlichen Schönheit und Anmut saß Prinzessin Sophie neben ihrer Mutter. Ihr Auge schien vor Freude zu strahlen, eine heitere Ruhe lag auf ihrer Stirne, um den feingeschnittenen Mund wehte ein holdes Lächeln, vielleicht der Nachklang eines heiteren Scherzes – sie hatte ja jetzt ihren Willen durchgesetzt, „Othello“ war es, der den Saal und die Logen des Hauses gefüllt hatte. Jetzt nahm sie die Lorgnette vor das Auge, wie letzthin schien sie eifrig im Hause noch etwas zu suchen – argloses Herz! du schlägst vergebens dem Geliebten entgegen; deine liebevollen Blicke werden ihn nicht mehr finden, dein Ohr lauscht vergebens, ob nicht sein Schritt im Korridor erschallt, du beugst umsonst den schönen Nacken zurück, die Türe will sich nicht öffnen, seine hohe, gebietende Gestalt wird sich dir nicht mehr nahen. (Othello, Wilhelm Hauff)

    (2)
    Fünfter Akt, Dreizehnter Auftritt
    Elisabeth. Graf Shrewsbury.

    Elisabeth.
    Willkommen, edler Lord. Was bringt Ihr?
    Nichts Kleines kann es sein, was Euren Schritt
    So spät hieherführt.


    Shrewsbury.
    Große Königin,
    Mein sorgenvolles Herz, um deinen Ruhm
    Bekümmert, trieb mich heute nach dem Tower,
    Wo Kurl und Nau, die Schreiber der Maria,
    Gefangen sitzten; denn noch einmal wollt' ich
    Die Wahrheit ihres Zeugnisses erproben.
    Bestürzt, verlegen weigert sich der Leutnant
    Des Turms, mir die Gefangenen zu zeigen;
    Durch Drohung nur verschafft' ich mir den Eintritt,
    – Gott, welcher Anblick zeigte mir sich da!
    Das Haar verwildert, mit des Wahnsinns Blicken,
    Wie ein von Furien Gequälter, lag
    Der Schotte Kurl auf seinem Lager – Kaum
    Erkennt mich der Unglückliche, so stürzt er
    Zu meinen Füßen – schreiend, meine Knie …
    (Schiller: Maria Stuart)

    (3)
    Ich hatt einen Kameraden,
    einen bessern findst du nit.
    Die Trommel schlug zum Streite,
    er ging an meiner Seite
    im gleichen Schritt und Tritt,
    im gleichen Schritt und Tritt.


    (Ludwig Uhland)


    (4)
    Die beiden Menschen, die darin eine breite, belebte Straße hinaufgingen, hatten natürlich gar nicht diesen Eindruck. Sie gehörten ersichtlich einer bevorzugten Gesellschaftsschicht an, waren vornehm in Kleidung, Haltung und in der Art, wie sie miteinander sprachen, trugen die Anfangsbuchstaben ihrer Namen bedeutsam auf ihre Wäsche gestickt, und ebenso, das heißt nicht nach außen gekehrt, wohl aber in der feinen Unterwäsche ihres Bewußtseins, wußten sie, wer sie seien und daß sie sich in einer Haupt- und Residenzstadt auf ihrem Platze befanden. Angenommen, sie würden Arnheim und Ermelinda Tuzzi heißen, was aber nicht stimmt, denn Frau Tuzzi befand sich im August in Begleitung ihres Gatten in Bad Aussee und Dr. Arnheim noch in Konstantinopel, so steht man vor dem Rätsel, wer sie seien. Lebhafte Menschen empfinden solche Rätsel sehr oft in den Straßen. Sie lösen sich in bemerkenswerter Weise dadurch auf, daß man sie vergißt, falls man sich nicht während der nächsten fünfzig Schritte erinnern kann, wo man die beiden schon gesehen hat. Diese beiden hielten nun plötzlich ihren Schritt an, weil sie vor sich einen Auflauf bemerkten.

    (Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften)

  14. #14
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Grünes Zimmer mit Kreuz

    Willi Wamser...manchmal ist es besser zu schweigen...als nach schwachen Argumenten zu greifen. "Kollektivsingular"...damit kannst Du bei Lieschen Müller punkten...aber doch nicht bei mir. Und dein Beispiel: " Diese beiden hielten nun plötzlich ihren Schritt an, weil sie vor sich einen Auflauf bemerkten."....bestätigt doch nur meine Worte. Man kann nicht zehn, sondern nur einen Schritt anhalten - die anderen neun Schritte liegen in der Vergangenheit...die ich bekanntlich nicht beeinflussen kann. Anhalten lässt sich immer nur ein...also der letzte Schritt.

    aber auch hier...Zitat

    "ob nicht sein Schritt im Korridor erschallt,"

    ...sehe ich keinen Widerspruch. Der Schritt/der Korridor ist etwas anderes als Der Schritt/die Dielen

    Wo ich Dir zustimme: Ja, man kann und darf zwischen Singular und Plural wechseln...nur sollte es Sinn machen

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