Gregors VII. Plan einer Universalkirche (siehe voriges Kapitel) ist der alte Plan einer Weltherrschaft resp. Weltregierung durch eine Idee, die heute idealiter in der UNO und de facto im CFR realisiert wird. Gregor VII. verlor den Kampf, aber der universale Aspekt in der Politik des Vatikans war nun da und brach in den folgenden Jahrhunderten immer wieder durch, vornehmlich im Kampf mit der stärksten politischen Macht, dem Kaiser. Die Kirche jener Zeit wollte die Unterordnung des Staates und begriff diesen als ihren Handlanger. Sie verfolgte eine doppelte Strategie: einerseits sollte der Staat ihr dienen, sich unterordnen, also geschwächt werden, aber andererseits doch so stark bleiben, daß die äußeren Feinde der Kirche besiegt werden konnten. Gregors Nachfolger nutzten die militärische Stärke ihrer innenpolitischen Feinde, um sie in Kreuzzügen außenpolitisch einzusetzen und einen anderen Todfeind, den Islam, zu schwächen. Auf diese Weise erledigte die Kirchennomenklatur dreierlei: der vordringende Islam wurde zurückgeschlagen (I), die innenpolitischen Widerstände innerhalb und außerhalb der Kirche wurden beherrscht (II) und das Kaisertum mußte, da es hier als Sendbote der Kirche unterwegs war, an politischer Kraft einbüßen, selbst wenn es militärisch gewann, denn es gewann dann nur im Auftrag der Kirche, die den politischen Nutzen davontragen mußte (III). Die Rechnung ging auf. Stießen anfangs nur einige französische Ritter ins Morgenland vor, war es bald die Pflicht jedes christlichen Ritters, einmal in seinem Leben eine Pilgerreise zu absolvieren, die ihn absolvierte, denn das war das Versprechen der Päpste, daß jeder, der bereit war, ein paar Heiden zu erschlagen, in das Himmelreich kommen würde. Zugleich erfüllte der Ritter damit seine Verteidigungspflicht, denn der Heide trachtete nach seinem Land und seinem Glauben. Selbstverteidigung des Abendlandes.
Der Islam seinerseits hatte sich von Arabien bis Nordafrika ausgebreitet und war im Osten auch über Persien bis nach Indien gedrungen. Die Perser, Todfeinde der arabischen Semiten, hatten ihren alten Glauben abgeworfen und die frische Kraft des Islam angenommen, weil er eigenen Expansionsvorstellungen sehr entgegenkam.
Die Dynastie der Abbassiden hatte um 800 die politische Führungsrolle des Islam übernommen und den politischen Schwerpunkt von Damaskus nach Bagdad verlegt. Dort herrschte der große Kalif Harun Al Raschid, berühmt wegen der Märchen aus 1001 Nacht, und trachtete darauf, die eroberten Völker zu islamisieren. In Bagdad vollzog sich die Verschmelzung von arabischer und persischer Kultur, was verbunden war mit einer Blütezeit der Wissenschaften und Kultur - auf niedrigem Niveau. Allerdings gab es eine Bürde für die Wissenschaft, die bis heute islamische Länder von außergewöhnlichen wissenschaftlichen Leistungen fernhält: Mohammeds Abbildverbot verhinderte Darstellungen des menschlichen Körpers und damit eine vertiefende Auseinandersetzung. Das klingt harmlos, ein Bilderverbot, aber es bedeutet nichts anderes als den Verzicht auf eine Bedingung für außerordentliche wissenschaftliche oder künstlerische Leistungen: ausgelebte Individualität, individuellen Forscherdrang, exemplifizierte Phantasie. Im Mittelalter war das für die Länder des Islam kein Standortnachteil, wie man es heute nennen würde, da den Wissenschaften auch in Europa Gängelbänder angelegt waren, aber wie wir bereits im vorigen Kapitel erfuhren, war der Kampf zwischen dem universalistischen Anspruch der dogmatischen Mittelalter-Kirche und dem politisch handelnden Kaisertum nicht entschieden und das deutet auf eine Entfaltungspotenz für Kunst und Wissenschaft.
Interessant ist hier eine Vergleichung der politischen Tendenzen: Die Kalifen nahmen sich Wesire (Premierminister), denen sie die weltlichen Aufgaben übertrugen, also auch militärische Aufgaben. Ganz ähnlich vollzog sich das in Europa, als Pippins Enkel Hausmeier einsetzten, aus denen eigene Herrschergeschlechter entstanden, die Karolinger. Auch das Papsttum setzte auf Orden resp. den starken Arm der Normannen, um sich militärisch abzusichern, was dazu führte, daß diese Beschützer allmählich eigene Herrschaftsbereiche ausbildeten.

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Der Islam drang vor, eroberte nicht nur den Norden Afrikas, sondern setzte an zwei Stellen auch nach Europa über: Im äußersten Westen gelang die Eroberung Südspaniens; die zweite Basis für die Eroberung Europas konnte in Sizilien errichtet werden, von wo aus auch Rom bedroht wurde. Im Osten bedrohten die kriegerischen Seldschucken (ein Turkstamm aus Mittelasien) Konstantinopel, das in Rom um Hilfe bat. Gregor VII. half. Doch es sollte noch zwanzig Jahre dauern, bis der Franzose Urban II. als Papst zum heiligen Krieg gegen den Islam und zur Eroberung Palästinas aufrief. Das war zwangsläufig in bezug auf die Politik Gregors, daß aus Verteidigung Angriff wurde. Urban rief die einberufenen Ritter dazu auf, die von den Ungläubigen eingeschlossenen Christen zu befreien. Das war der Anfang von weiteren sechs Kreuzzügen, die in den folgenden Jahrzehnten zahllose Europäer nach Vorderasien führten, um dort ewiges Seelenheil und auch Reichtum zu finden. Allerdings wird von vielen Forschern der materielle Aspekt zu stark betont; der Hauptgrund für die Pilgerfahrten war religiöser, nicht materieller Natur. Daß nach der Eroberung auch administrative Aspekte, also die Kultivierung nach christlich-europäischen Maßstäben, Missionierung und politische Landnahme zwecks Ertragsgewinnung, folgen würden, liegt auf der Hand, war aber außerhalb des Blickwinkels der meisten Abenteurer ins Morgenland. Die meisten wollten Seelenheil resp. Ablaß für ihre Sünden. Das Papsttum wollte die Rückgewinnung der heiligen Stätten, die Ausmerzung resp. Bekehrung der Heiden und den Sieg im Bruderstreit mit der Ostkirche. Das byzantinische Christentum, ein anderes Wort für Ostkirche, plante das gleiche in seinem Sinne und nahm die Kreuzfahrer gern in seinen Dienst. Die Muslime ihrerseits hatten anfangs nichts gegen diese Kreuzfahrer einzuwenden. Einige Emire (eine Art von Graf) holten sie sogar ins Land, ließen sie ihre Kirchen bauen, denn sie brachten Geld und ihre Arbeitskraft mit, doch letztlich mußten Kreuzfahrer und Muslime einander bekriegen, da ihre Gottesbilder unvereinbar waren/sind und beider Kirchen hierarchisch strukturiert waren. Am Ende hatten die Muslime gesiegt, die Kreuzfahrer zogen sich nach und nach zurück, Konstantinopel fiel und Palästina war für das Christentum verloren.

Projekt „Orden im Mittelalter“:


  1. Fertige eine tabellarische Übersicht zu folgenden Orden an: Templer, Zisterzienser, Prämonstratenser, Karmeliter, Dominikaner, Franziskaner, Deutscher Orden!
  2. Gehe auf ihre Entstehungsgeschichte, Hochzeit, theologische Ziele, wichtigste Vertreter, Verfallszeit und –gründe, heutige Erscheinungsform, Verhältnis zur weltlichen Macht, besondere Aktivitäten und das Verhältnis zu Frauen ein!
  3. Beschreibe Ordenstätigkeit heute anhand eigener Erfahrungen mit einem Orden! Hast Du keine, mache welche!