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Thema: Die Macht der Poesie

  1. #1
    osdwalt
    Laufkundschaft

    Die Macht der Poesie

    hab mir vor zwei tagen einen finger abgehackt. den rechten daumen. jemand schrieb einmal: sein leben verpfuschen heißt poet werden ohne talent zu haben. leben? poesie? mein leben wurde schon vor 11 jahren beendet.

    osdwalt

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Shakespeares Kompositionsgeheimnis

    Shakespeares Kompositionsgeheimnis:

    1. Viele Figuren nicht viel sagen lassen, aber dennoch so tun, als ob es wichtig wäre, was gesagt wird. Dazu ein nebulöses Umfeld (wie bei Macbeth) oder ein sehr klares schaffen (wie bei Titus Andronicus).
    2. In der zweiten Szene klare Verhältnisse schaffen. Das Denken wird auf den Weg gebracht, der Leser begreift, worum es geht und kann zum Bisherigen eine Beziehung herstellen.

    - aus dieser klaren Exposition heraus läßt sich gut schreiben; man kann eigentlich gar nicht mehr so viel falsch machen

  3. #3
    Pindar
    Laufkundschaft

    Die Macht der Poesie

    Goldene Harfe, Apollons und der veilchengelockten Musen
    Gemeinsames! Dich hört der Tänzer Schritt zu beginnen
    Heiterem Anfanges Spiel.
    Sobald du beginnest mit reigenführendem Präludio,
    Schwingt in allen musikalischer Schritt.
    Da wird besänftigt die dräuende Kraft unheilvollen Strahls
    Unaufhörliches Feuer verlöscht. Selbst der Adler auf dem
    Stabe des großen Allvaters schlummert verzückt,
    Die schnellen Flügel zu beiden Seiten niedersenkend.

    Aller Vögel König gossest du in sanften Schlaf,
    Wolkengleich senken sich Lider;
    Dem Schläfer wogt sanft der Rücken, und sein sonst
    Hackender Schnabel verliert sich im Schutze des weichen Federkleids.
    ...

    (Nachdichtung von Pindars erster pythischer Ode; aerolith)

  4. #4
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    AW: Die Macht der Poesie

    ui, welch gewalt.
    mein wortiger natur.
    groß.
    sehr groß.
    und schwer.
    (bäuerchen sei erlaubt, oder gar, so ich hätt, nen kurzen).

    anmerkungen:
    schwingt in allen.
    ja was?
    schwingt in allen was?

    dräuende kraft ist toll.

    niedersenkend scheint mir ein bischen zu partizipisch, mein ich schnippisch, wir wollen doch nicht verkürzen, sondern verdichten, na?

    der hackende schnabel erinnert mich irgendwie an prometheus.
    nur daß es hier kein adler, denn mal wieder der rab... .

    ganz in dresden
    paule

  5. #5
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    AW: Die Macht der Poesie

    da kann ich meine apollinische herkunft nicht. verleugnen.
    ist zwar nur venus, fürs frauenleben, aber: endlich! schönheit!

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Macht der Poesie

    IN ALLEN - Dativ Plural, Bezugspunkt unnötig, weil es ja alle sind. plurale tantum quasi; wird auch kleingeschrieben, viele schreiben's aber fälschlich groß, vielleicht kömmt daher Dein Mißverstehen

    Ich habe an Nachdichtungen zunehmend Spaß, gewinne sehr viel, vor allem eigene Wortgewalt. Entdeckerfreuden. Ich glaube, daß im Nachdichten meine Zukunft liegt; letztlich ist Lektoratsarbeit auch nichts anderes, bloß eine Stufe niedriger.

    Zur Macht der Poesie fühlte keiner etwas, wie die Götter schweigen, die Menschen sowieso, wenn sie uns ereilt, sie trifft ins Schwarze und läßt uns Sterbliche alles stehen und liegen. Tagwerk ruht.

    Ja, richtig, der Schnabel hackt sonst. Eben das ist ja die Macht der Poesie, daß er damit aufhört, sich selbst unterbricht, selbstvergessen. Seiner Natur nach müßte er weiterhacken, töten. Hat es eine andere Seite, dieses Naturwesen? Monistisch gefragt, jedes Wesen?

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Macht der Poesie

    aufgenommener Gesprächsfaden

    Was ist Poesie?

    Für den Literaten ist alles Literatur, für den Musiker alles Musik, für den Schauspieler das Leben eine Bühne, für den Architekten vielleicht das Leben eine Baustelle und für den Soldaten der Krieg...
    Auch das "Ding an sich" POESIE ist nur paradigmatisch. Und erst recht das, was sich an ihm manifestieren läßt: andere Modelle, konkurrierende Konstruktionen, welche Geltung für sich beanspruchen und durch Selbstreferenzen mit Tatsachen aufwarten können. Damit ist ein Bogen gespannt, an dessen Enden Totalität und Beliebigkeit zusammenfallen.

    Was ist nun gültig - was noch wirklich genug? Kann das Poetische in eine Formel gepreßt werden? Bedarf Poesie des Subjekts?

    Das Subjekt als Grenze und Eigenmaß des Universums? (Protagoras: Der Mensch ist das Maß aller Dinge.) Gibt es einen literarischen oder poetischen Kosmos?
    Wenn nun etwas Literatur sein soll, dann braucht es zu allererst Literaten. Wenn etwas Poesie sein soll, dann braucht es zu allererst Poeten. Und diese müssen auf einem Grund stehen, unserer Vergangenheit. Kulturkreis. Wir tragen das Bewußtsein unserer Eltern in uns und transformieren es in die Neuzeit. Postmodern glauben wir zu sein. Denn wir sind der Beliebigkeit von geographischen und kulturellen Bezugspunkten verfallen.
    Gibt es etwas, das unwichtig genug wäre, es nicht zu tun?

    Was ist schon wirklich oder wichtig? Entropie heißt unser Maß von Ordnung, Zeit und Raum. Der zweite Haupsatz der Thermodynamik - und wir ein Teilchen nach dem wahrscheinlichen Gesetz brownscher Molekularbewegung. Relativität heißt unsere ontologische Kategorie. Unterschiedslos widmen wir uns der Philosophie, Literatur oder tabulosem Sex. Was kümmern uns Konzepte wie Altruismus oder Hedonismus, Geist oder Materie, all diese zerfressenen Medaillen, dialektisch abgegriffen, benutzt und unverstanden? Heimatlose sind wir. Vertriebene aus dem Paradies. Das ist die letzte Konsequenz des Jahrtausende alten Diskurses. Das ist das letzte Erbe unserer Väter. Nicht nur, daß wir die gestohlenen Früchte vom Baum der Erkenntnis heute faulend und zum Himmel stinkend vor uns aufgetürmt sehen. Wir sehen uns hineingeworfen in den wilden Reigen des Epochen- und Stilkarnevalismus. Heimatlos. Noch im Aufbegehren müssen wir dieser Bewegung folgen. Darum ist für uns heutige Poeten tatsächlich alles, alles Poesie! Wir bewegen uns virtuell im Cyberspace, betreiben Extremsportarten, um unser Bewußtsein zu erweitern ... Nichts ist uns zu erhaben, nichts zu trivial.

    Dabei liegt die Wahrheit unseres Ichs in dem Nächsten, in uns selbst; wir müssen die weite Reise ins Ich nur antreten wollen, dort finden wir Teile, selbstische Teile unseres Ichs in zahllosen Verästelungen der Altvorderen, deren lose Enden durch frühzeitigen Tod wir nur aufnehmen müssen.
    Ein neues, altes Universum wird Gestalt in uns. Zukunft und Vergangenheit haben sich eingeholt, kreuzen, ballen sich am wandernden Pol unserer Gegenwart, unserer momenthaschenden Ewigkeit. Wer will sagen, was Literatur, was Poesie ist? Poesie spricht zu uns als Schönberg, Prodigy, Mozart, Beethoven, Beatles, Rammstein, Element of Crime, Vivaldi, Orff oder Coldplay. Wir haben keine Wahl. Homer und Hesse sind uns so wichtig wie die Zeitung von gestern oder morgen.

  8. #8
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    AW: Die Macht der Poesie

    kopf zurechtgerückt. danke.

    ja, das ist sie, die antwort. nur die poesie. nur die stille. die sanftmut und sehnsucht. das weiche federkleid unter dem gewaltigen wort. der ton und der tanz. für alle, alle.

    dennoch ist das nur die außensicht der poesie.

    orpheus singt und die steine weinen.
    die harfe klingt und der adler hackt nicht mehr.
    lilly marleen im radiowellenempfänger und die soldaten träumen, der krieg setzt für einige sekunden auf beiden seiten der front aus.

    die innensicht einer künstlerwerkstatt ist anders.
    niemand wußte das besser als schiller.

    orpheus selbst darf nicht weinen.
    pindar durfte nicht schweigen.
    die radiowellen mussten funktionieren.

    Gott selbst musste loslassen

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Macht der Poesie

    Sagen wir mal so, ich hab nicht alles verstanden, was oben gesagt wurde. Aber eine Bemerkung zu dem einen Satz muß ich anbringen, vielleicht bedeutet er ja im Kontext etwas anderes und ich habe es nicht am Schnürchen, der Satz: "Darum ist für uns heutige Poeten tatsächlich alles, alles Poesie".

    Warum immer dieses Ergebnis zu folgern ist, es ist nicht so. Vielleicht kann der Poet alles in Poesie wandeln, die Themen liegen ja auf der Straße, aber per se ist Poesie die Ausnahme. Würden sonst die Steine weinen?, sie weinen nicht immer. Mag sein, uns fehlt die Definition, der Lackmus. Aber wir 'merken' es, viele haben ein ziemlich feiner Gespür für Poesie, und mag sein, sie rührt uns zu Tränen, die Poesie.

  10. #10
    pjesma
    Laufkundschaft

    AW: Die Macht der Poesie

    das schlimmste bei der poesie ist das sie manchmal nicht in worte zu fassen ist :wasgeht?:

  11. #11
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Die Macht der Poesie

    die ausnahme geschieht im poeten. nicht im leser, nicht im thema.
    dem menschen ist es gegeben, kunst zu schaffen: den faltenwurf, den dom, die symphonie, den tanz des sterbenden schwans. ein kühnes unterfangen in konkurrenz zu gottes kunst alles vorgegebenen: des faltenwurfs am knie des mädchens oder des berges, der tropfsteinhöhle, der frühlingsstürme, des tanzes der planeten.
    wo sich der mensch nur ausdrückt, ist er eine figur in gottes gedanken. er wird erst durch seine menschenkunst ein gegenüber.

  12. #12
    archivarius
    Laufkundschaft

    AW: Die Macht der Poesie

    Hochholer... Vielleicht möchten sich heutige Wolkensteiner zum Thema äußern?

  13. #13
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Die Macht der Poesie

    Macht---im Sinne von Einfluss und Wirken...da antworte ich mit "ja". --im Sinne von Diktat mit einem "nein".

    Viele unserer Weisheiten...mit denen wir die Dinge auf den Punkt bringen möchten...sind Zitate aus literarischen...meist poetischen Werken. Ob Goethe oder Shakespeare...aus ihren Werken wird täglich tausendfach zitiert - nicht selten mit einem "Aha-Effekt"...seitens des Zuhörers.

    So ist, das ist meine eigene Theorie, die Poesie auch entstanden. Durch die Homogenität von Aussage und Klang ließen sich Geschichten, Erlebnisse, Gefühle,...einfacher und unverfälschter transportieren. Durch die "Reduktion" war die Chance viel größer das Wesentliche zu erhalten. Die Poesie ist für mich eine Art kulturelles Konservierungsmittel. Die Poesie ist vermutlich älter als die Schrift...aber selbst vor 300 Jahren konnten nur wenige lesen und schreiben - wie sonst...ausser mit Hilfe der Poesie...wäre es möglich gewesen diese Leute zu untehaltend zu unterrichten? Wenn die Poesie heute an "Macht" verloren hat...dann eben aus genau diesen Gründen...wir brauchen sie nicht mehr - und alles was wir nicht benötigen ist Luxus. Dennoch hat die Poesie auch heute noch Macht...was wir alleine am Beispiel "Shakespeare" gut erkennen können: Shakespeare ist mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit nicht der Autor jener Werke...für die wir ihn heute noch feiern - aber er ist für die Briten eine so wichtige Identifikationsfigur, dass sie selbst keine Zweifel zulassen....

    ...weshalb ich diese Aussage von aerolith...Zitat

    Und diese müssen auf einem Grund stehen, unserer Vergangenheit. Kulturkreis. Wir tragen das Bewußtsein unserer Eltern in uns und transformieren es in die Neuzeit. Postmodern glauben wir zu sein. Denn wir sind der Beliebigkeit von geographischen und kulturellen Bezugspunkten verfallen

    .....unterschreibe

  14. #14
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Shakespeare und die Macht der Poesie

    Shakespeare ist ein dankbarer Name (Sammelbegriff?), wenn es um die Betrachtung des Verhältnisses von Politik, Geschichte und Poesie geht. Bei Shakespeare ist jedes Wort handlungauslösend. Das ist der Wert des Wortes, den er ihm für die Neuzeit bestimmte und damit eine urgriechische Idee wiederaufnahm.

    Das politisch brisanteste Thema, das Verhältnis des gesitreichen Individuums zur Demokratie, war in seinem Stück "Coriolanus" thematisiert. Die Macht der Poesie liegt in der Macht der Worte, die etwas auslösen, Handlung erzeugen. Dabei muß zwischen Affekthandlung, also der kruzfristigen, augenblicklichen, aber intensiven Handlung und der langfristigen, meist schleichend daherkommenden, dafür aber nachhaltigeren Planung unterschieden werden.

    - wird fortgesetzt, muß jetzt zum Fußball ---

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