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Thema: Die Kündigung

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Die Kündigung

    1
    Ihr Blick f?llt auf das leere Weiß der Tischdecke. Sie sammelt sich kurz. Dann holt sie den Ordner aus dem Regal und blättert. Mit einem Griff hat sie gefunden, was sie suchte. Die Notiz, wieviele Schlüssel sie ihrer Mieterin gegeben hat. Sie ist sich sicher, einer wird bestimmt fehlen. Bei dem Chaos, das in der Wohnung der Mieterin herrscht. Sie blättert weiter. Sie wird die Abrechnungen für die Technischen Werke der Stadt Stuttgart fertig machen müssen. Ihre Mieterin hat heute gekündigt. Und das kurz vor Weihnachten! Ihre Hand wandert in den Stiernacken. Heute schmerzt er besonders. Wahrscheinlich hat sie einen Zug bekommen. Wie ärgerlich. Die gesamte Verwandtschaft wird zum Weihnachtsfest anrücken. Und sie mit steifem Hals!

    2
    Mit leicht gekrümmtem Rücken kriecht sie nach draußen, um die Mülltonnen zu kontrollieren. Schon wieder voll! Die Mieterin scheint das Hinausschmeißfieber befallen zu haben. Die ganzen sieben Jahren hat sie gehortet und jetzt will sie alles auf einmal wegwerfen. Sie geht nach oben in den ersten Stock und klingelt bei der Mieterin.
    "Was ich Ihnen noch sagen wollte, Frau Schuster. Der Müll ist voll. Es gibt da diese grauen Müllsäcke bei der Stadt. Die können sie kaufen. Einer kostet acht Euro. Sie müssen nur auf das Rathaus gehen."
    Die Mieterin scheint verdattert. Ihr schönes Gesicht ist ungeschminkt. Angestrengt lächelt sie:
    "Ich werde morgen einen besorgen, Frau Müller. Kein Problem."
    Frau Müller riskiert einen Blick in die Wohnung. Frau Schuster sitzt auf ihren Umzugskisten. Wie um zu beschwichtigen, setzt Frau Müller hinzu:
    "Wissen Sie, ich wäre auch gerne etwas schöner."
    Frau Schuster schaut Frau Müller entgeistert ein. Was sollte jetzt dieser Ausspruch? Sie weiß nicht, was sie darauf erwidern soll und winkt mit der Hand ab, so als ob sie sagen will:
    "Ist schon gut."
    Frau Müller sagt zum Abschluß:
    "Sie wissen also, was Sie zu tun haben?"

    3
    Frau Müller deckt hastig den Tisch mit Weihnachtsguzle und Tee. Sie hat die Mieterin und ihre Untermieterin eingeladen zu einem Abschlußgespräch.

    Zwei schöne junge Leute sitzen nun an ihrem Tisch. Frau Schuster nippt nur hin und wieder an ihrem Tee, während die 20jährige Studentin kräftig zugreift bei den Guzlen. Die Studentin spricht aufgebracht:
    "So schnell finde ich keine Wohnung. Außerdem läuft mein Mietvertrag bis zum Oktober nächsten Jahres. Ich habe einen Anwalt eingeschaltet und werde klagen."
    Der schönen Frau Schuster fällt die Kinnlade hinunter. Langsam fühlt sie, wie sich Wut in ihrem Bauch sammelt und dann bricht es aus hier heraus:
    "Ich habe keine andere Möglichkeit. Ich bin arbeitslos und muß in eine kleinere Wohnung ziehen."
    Die schöne Studentin plustert sich auf:
    "Ich werde eins einräumen: die gesetzliche Kündigungsfrist von drei Monaten. Wenn ich bis zum 31. März hierbleiben kann, dann werde ich keinen Anwalt einschalten."
    Frau Schuster kocht innerlich. Was für ein Biest hat sie sich da an den Hals gehängt. Dieses 15 Jahre jüngere Wesen will ihr jetzt alle Steine in den Weg legen. Dabei sorgt sie selbst sich ja nur darum, daß sie demnächst in Hartz 4 fällt. Sie muß die Wohnung jetzt kaufen. Sonst hat sie kein Anspruch auf Arbeitslosengeld 2. Sie hat sich schon überlegt, das Geld, in die Schweiz zu schaffen oder ein teueres Gemälde zu kaufen. Aber alle Optionen scheinen ihr zu gefährlich. Wenn sie das Geld in die Schweiz schaffen würde, könnte sie ein Grenzbeamter schnappen. Ein Gemälde könnte bei einem Brand zugrunde gehen.

    Frau Müller ergreift Partei für die Studentin:
    "Ich habe gehört, Sie können keinen weiteren Umzug finanzieren?"
    Frau Schuster fährt wütend dazwischen:
    "Du bist doch ein kleines reiches Ärztetöchterchen. Frag deine Eltern. Mein Gott geht's eigentlich noch?"
    Die Studentin schaut leicht verdattert auf den Guzlesteller und nimmt sich noch eines.
    Frau Schusters Hirn arbeitet wie fieberhaft. Dann fällt ihr ein, sie kennt jemand, der die Wohnung unbedingt haben will und dazu noch die Untermieterin übernehmen würde. Sie platzt mit der Neuigkeit heraus.
    Frau Müller wiegt ihren Kopf auf dem Stiernacken:
    "Ja, aber ich habe auch noch Bekannte, die auch die Wohnung mieten wollen. Wir werden das abwarten."

    Solange ist Frau Schuster in Wartehaltung.


    (wird fortgesetzt)

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Die Kündigung

    erwarte die fortsetzung...

    (hey patinchen, unter uns gesagt: soweit hast jedenfalls fein geschrieben, das.)

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Die Kündigung

    4
    Während Frau Schuster den Keller ausmistet, schaut sie immer wieder auf die Uhr. Der Bekannte von Frau Müller hat sich für heute abend angekündigt. Schließlich erscheint er eine Stunde später, als sie schon wieder oben in der Wohnung ist, mit der Entschuldigung, seine Frau habe den Schlüssel verlegt. Frau Müller und er fallen in ihre Wohnung ein, ohne Frau Schuster weiter zu beachten und gehen von Zimmer zu Zimmer. Frau Schuster ist dieser Mann schrecklich unsympathisch. Herrisch mit einem Schnauzer. Sie haßt Männer mit Schnauzer. Diese Art von Männer scheinen irgendetwas hinterhältiges hinter ihrem Bart zu verbergen. Frau Schuster ist mißtrauisch. Diesen Mann will sie nicht in ihrer Wohnung haben, auch wenn sie das nicht mehr zu jucken braucht, wenn sie ausgezogen ist. Da ist nur so ein dumpfes Gefühl in ihrem Bauch, daß dieser Mann ihre Wohnung nicht haben sollte.

    5
    Am nächsten Abend kommt die Mieterin, die Frau Schuster vorgeschlagen hat. Frau Banz kennt die Wohnung schon. Schließlich war sie lange Zeit, die Tagesmutter von Frau Schusters Sohn. Die beiden Frauen pflegen immer noch ein gutes Verhältnis miteinander. Frau Banz hat vier Kinder und lebt seit einem Jahr getrennt von ihren Kindern und ihrem Mann, da sie einen neuen Mann kennengelernt hat, einen Hobbyschauspieler. Sie selbst macht im Moment eine Clownausbildung, da sie mit ihren 45 Jahren keinen Beruf erlernt hat. Sie hat im Alter von 18 Jahren geheiratet und hat nie in ihrem Leben gearbeitet. Frau Banz hofft, daß, wenn sie in die Nähe zu ihrem Mann zieht, zwei der Kinder überreden zu können, bei ihr zu wohnen. Sie braucht und will die Wohnung. Oberflächlich schaut sie sich um, dreht sich dann zu Frau Müller und sagt mit einem strahlenden Lächeln unter ihrer widerspenstigen Lockenpracht:
    "Ich würde am liebsten gleich sofort den Mietvertrag unterschreiben."
    Diese Worte quellen so unverschämt ehrlich aus ihrem Mund, daß Frau Schuster den Atem anhält. Wird Frau Müller "Ja" sagen?

    Frau Müller schnauft unüberhörbar laut wie ein Pferd und platzt dann heraus:
    "Jetzt müssen wir zuerst abwarten, wie mein Bekannter sich entscheidet."

    6
    Frau Schuster packt vier Tüten leere Weinflaschen und ist gerade dabei, die Haustür hinter sich zuzuschlagen, als die Wohnungstür von Frau Müller aufgeht. Es ist immer so, als ob sie in ihrer Wohnung warten würde wie eine Schlange auf Beutefang. Wenn sie ein Geräusch im Flur hört, schnellt sie heraus, um ihr Opfer zu fangen. Das Haus hat Ohren und dies sind die von Frau Müller.
    "Mein Bekannter hat abgesagt. Die Wohnung ist der Familie zu teuer."
    Frau Schuster wäre am liebsten dem häßlichen Rumpelstilzchen um den Hals gefallen. Das war doch eine erfreuliche Neuigkeit vor Weihnachten.
    "Und... bekommt dann Frau Banz die Wohnung?"
    "Ihre Studentin muß zuerst noch ja sagen."
    "Aber sie ist über Weihnachten nicht da."
    "Rufen Sie sie an."
    Frau Schuster läßt die Haustür hinter sich ins Schloß fallen, als ob ein Berg von Schulden von ihr abgefallen wäre. Die Bäume, den Wald vor der Wohnung, ja das würde sie vermissen. Aber was ist eine gute Aussicht gegen eine eigene Wohnung ohne die Anwesenheit des kontrollierenden Auge von Frau Müller? Renovierter Altbau gegen ein schwäbisches Zweifamilienhaus.

    7
    Während Frau Schuster ihre Bilder abhängt, dringt lauter Weihnachtsgesang mit Klavierbegleitung von unten nach oben in ihre Wohnung. Welch Hohn am zweiten Weihnachtsfeiertag! Aber Frau Schuster lacht insgeheim hämisch in sich hinein. Sie weiß, der Haussegen von Frau Müller sitzt schief. Schließlich hat die einzige Tochter einen Schwarzen geheiratet. Welch ein Schlag für das echt schwäbische Herz von Frau Müller. Aber sie scheint sich damit arrangiert zu haben, daß ein schwarzer Bäcker bei ihr ein und ausgeht.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Kündigung

    Es entsteht schon eine gewisse Spannung, aber es geht auch durcheinander. Ich habe es anfangs immer gern klar und deutlich, dann läßt sich vieles machen. Hier ist es nicht klar und eindeutlich.


    Unklar ist beispielsweise, wer wann zu wem geht und mit wem was hat, wohnt oder auch nur vertraglich regelte oder regeln soll.

    Das Wort SCHÖN wird zu oft benutzt und wirkt wie ein angemaltes Klischee. Zu oft benutzte Wörter verlieren ihre Bedeutung.

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