Der jähzornige Otto von Wittelsbach bestieg sein Pferd und ritt nach Bamberg, erhielt Einlaß und trat vor Philipp von Schwaben, der gerade seinen Mittagsschlaf gehalten hatte. Otto tat so, als ob er ein Fechtkunststück aufführen wollte und stieß seinem Freund und König den Degen durch den Hals. Der König war sofort tot. [1]

Mit dem Mord an Philipp von Schwaben ist eine Verschwörungstheorie verbunden. Man fragte sich, wer Otto von Wittelsbach Rückendeckung gab und kam zu dem Schluß, daß der Herbergsvater des Königs, Andechs, seine Finger im Spiel gehabt haben müsse. Über die Andechs gibt es auch eine Verbindung zum Papst, der an keinem starken deutschen König wie Philipp von Staufen interessiert war und den Andechs hier Versprechungen gemacht haben könnte. Die Andechs verfolgten eigene Ziele, denen der Kaiser im Wege stand, aber auch Otto von Wittelsbach, der für seine Zurücksetzung durch den Kaiser mit einer schlesischen Prinzessin belohnt werden wollte, die ihrerseits mit den Andechs in Verbindung stand. So ganz aber wollte Philipp den Bayern dann doch nicht belohnen und gab in einem Brief der Schlesierin zu verstehen, daß Otto jähzornig sei. – Otto von Wittelsbach wurde schließlich irgendwo in Bayern von einem Häscher gefunden und gerichtet.

Der Sohn des Löwen, Otto, konnte diesen Glücksfall für seine politischen Ziele nicht lange ausnutzen, denn er verlor die entscheidende Schlacht 1214 (die u.a. dazu führte, daß der englische König die magna charta ausstellen mußte) gegen den französischen König, der sich in den Kampf auf Seiten Friedrichs eingemischt hatte. Der letzte Sohn Heinrichs VI., Friedrich von Staufen, der Enkel Barbarossas, wurde als Friedrich II. König. 1215.
Friedrichs Machtzentrum lag nicht im Norden des Reiches, sondern in Süditalien. Das war die große Gefahr für das Papsttum, demnach mußten Papst Innozenz III. und Friedrich II. Todfeinde werden, woran sich auch nichts änderte, daß Friedrich II., um König werden zu können, dem Papst die Hoheit über die deutschen Bistümer kapitulierte und den deutschen Fürsten den Status eigener Majestät, sprich Landesherrentum konzedierte. So trat Friedrich II. seine Herrschaft an, weit entfernt davon, ein Herr über Deutschland zu sein.
Für Papst Innozenz III. war klar, daß er die Sonne, jeder andere Kaiser oder König dagegen bestenfalls ein Mond sein könne. Im Augenblick der Wahlkapitulation des Staufers fühlte er sich als mächtigster Mann der Welt. Aber Herrschaft kann vergänglich sein, wenn sie keine stabilen Fundamente besitzt. Klarheit im politischen Handeln benötigt weltanschauliche Grundierung, ergo schaffte Innozenz in dogmatischer Hinsicht Klarheit. So wurde in der seit zweihundert Jahren umstrittenen Abendmahlslehre fortan als Lehrsatz (Dogma) festgelegt, daß Brot und Wein bei der Erteilung des Abendmahls, einem zentralen Glaubensakt des Christentums, durch das Wort des geweihten Priesters zu Leib und Blut Christi würden. Fleischwerdung durch das Wort! Der geweihte Priester ist durch eine Weihung über die Welt der Wirklichkeit hinausgehoben und Bestandteil des Übersinnlichen, über das auf der Welt der Papst herrscht, weil er unmittelbar zu Gott steht. Diese festgelegte Majestät von Priester und Papst definierte die Position der Kirche neu: Sie besaß die Macht, bereits auf Erden zu strafen und trat aus der bloßen Vergebungs- und Vermittlungsfunktion, die sie bis dahin inne hatte, heraus in die soziale und politische Wirklichkeit. Das mußte jetzt organisiert werden. Und Innozenz organisierte. Die Beichte erhielt eine neue Aufgabe, nämlich eine politische. Jedem Gläubigen, also allen im christlichen Abendland, war es aufgetan, wenigstens einmal im Jahr eine Beichte abzulegen, was bedeutet, sich dem Diktat seines Priesters auszusetzen, denn der bestimmte, welche Strafe für begangene Sünden der Gläubige bekommen sollte.
Wer Maßregeln aufstellt, wird früher oder später selber daran gemessen. Indem die Kirche also über ihre bis dahin ausgeübte Funktion eines äußeren Rahmens hinaus- und in das Leben der einzelnen Gläubigen eingriff, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie durch diese Gläubigen an ihren eigenen Maßstäben gemessen werden würde. Die Kirche ihrerseits reagierte und erklärte jede Abweichung von der Norm als Ketzerei.


Aufgabe: Formuliere aus der Sicht des Papsttums Einwände gegen jede Herrschaft des Kaisers! Gehe auf Umstände ein, die eine wohlwollende Politik des Papstes gegenüber dem Kaiser hätten erzeugen können! (II)



[1] Da die Gattin des Kaisers kurze Zeit später an einer Frühgeburt starb, oblag es der ältesten Tochter, Prinzessin Beatrix, Rache zu fordern. Die zehnjährige Waise stellte sich am 11. November 1208 vor den Reichstag und forderte Genugtuung für ihren toten Vater. Sie wurde gegeben. Otto von Wittelsbach wurde in die Acht getan, was bedeutete, daß jeder Reichsangehörioge die Pflicht besaß, Otto zu töten, sofern er die Möglichkeit dazu besaß. Ottos Besitz wurde eingezogen und an die anderen Wittelsbacher verteilt, die ihre Ansprüche schnell geltend machten.

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