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Thema: nacht auf deck

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    nacht auf deck

    (paulchen tät sagen: "aus der hüfte...")


    nacht auf deck

    aller abschied fällt schwer, unsrer fiel ins wasser
    allein ein fernes schicksal winkt mir hier noch hinterher
    weil alles andere zu traurig wär
    wankt der horizont auch mal bedrohlich
    ist die see krank, ist der see schlecht, nicht mir
    weil alles andere zu traurig wär
    geht das schiff unter, taucht es wieder auf
    in meinen träumen hebt ein hund das bein, an einen purzelbaum pisst er
    weil alles andere zu traurig wär
    führt die leuchtspur, die der mond nacht für nacht legt
    zu den vertrauten sternen und ohne umkehr
    weil alles andere zu traurig wär
    ja diesmal bin ich weit weg
    weit und breit ist nichts in sicht, schon lang nicht mehr
    weil alles andere zu traurig wär
    warf ich eine flaschenpost so hoch
    dass sie vom himmel fiel ins leer
    weil alles andere zu traurig wär
    an eine frau, die bloss in dieser flasche existiert
    ganz nackt, ohne körper, schrieb ich drei wörter
    weil alles andere zu traurig wär
    schrieb ich nicht, dass ich sie vermiss, und nicht
    dass am ende der reise ein mann auf mich wartet, ein hundstrauriger
    der sich an alles erinnern kann und noch an viel viel meer.

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    nach der feile, eile mit weile.


    keine gute reise

    aller abschied fällt schwer, unsrer fiel ins wasser
    allein ein fernes schicksal winkt mir hier noch durch die nacht hinterher
    weil alles andere zu traurig wär
    wankt der horizont auch mal bedrohlich, schwankt dein kapit'n auf hoher see
    ist die see krank, ist der see schlecht, niemals mir
    weil alles andere zu traurig wär
    geht das schiff manchmal unter, taucht es wieder auf in meinen träumen
    hebt ein hund das bein, an den mastbaum pinkelt er
    weil alles andere zu traurig wär
    kreisen blinkend leuchtturmlichter unbekannter küsten
    wie hilferufe interessiert mich das alles hier draussen nicht sehr
    weil alles andere zu traurig wär
    nenn ich's sehnsucht nach der ferne und meine doch nur das heimweh
    es ist kalt wo du unterwegs bist, ohne schlaf und ohne umkehr
    weil alles andere zu traurig wär
    weiss ich nicht, wo ich bin, aber ja, diesmal bin ich weit weg
    und weit und breit ist nichts in sicht, schon lang, lang nicht mehr
    weil alles andere zu traurig wär
    schneidet ein messer dich aus meiner brust, mein herz, ists trostlos
    zu den haien hin zu verbluten ganz alleine ist besser als hin zu dir
    weil alles andere zu traurig wär
    warf ich eine flaschenpost über die reling, so hoch wie gestern
    dass sie vom himmel fiel wie ein meteor ins tiefschwarze leer
    weil alles andere zu traurig wär
    schrieb ich an eine frau, die bloss in dieser flasche existiert
    ganz nackt, ohne körper, schrieb ich tausend nichtssagende wörter
    weil alles andere zu traurig wär
    schrieb ich nicht, was ich alles vergessen will, sie zuerst
    und schrieb nicht, dass ich sie vermiss, und auch nicht wie sehr
    weil alles andere zu traurig wär
    wartet am ende der reise immer ein mann ohne vergangenheit
    der sich an alles erinnern kann und noch an viel viel meer
    weil alles andere zu traurig wär.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    mir gehts zuerst einmal nur um die letzten zwei zeilen deiner ersten version. die fand ich am eindrücklichsten. diese spielerei mit meer und mehr grenzt fast schon an etwas werbetexthaftes, aber es gefällt mir.
    dieses erwarten des mannes, der immer noch der selbe ist und sich doch so geändert hat, finde ich ganz stark. das würd ich nicht abändern, wie du's in der zweiten version geändert hast. die erste version regt mich hier bei diesen beiden zeilen mehr zum nachdenken an.

    "dass am ende der reise ein mann auf mich wartet, ein hundstrauriger
    der sich an alles erinnern kann und noch an viel viel meer."

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    alles klar. und recht hast, patinchen. danke.
    (und ja, ich freu mich ja schon auf deinen vergleich der nächsten zwei - welche wohl? - zeilen, hehe.)

  5. #5
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    auch mir gefällt spontan die erste version viel besser, trotz mancher unebenheit; und der fehlende purzelbaum in der zweiten fassung macht sie mir gleich gar weniger amüsant ... was ist schon ein steifer mastbaum gegen einen quirligen purzelbaum ...


    gruss
    eule .

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
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    klar schiff auch hier. ahoi! purzeln soll er, der baum. dank dir für die meinung, eule.
    (und ja, ich freu mich schon auf weitere statements - ob zugunsten der leuchtturmlichter, oder gegen das schneidende messer, hehe.)

  7. #7
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    bitternis eines verhunzten bildes

    ich denke, die erste fassung ist der kern, das samenkorn, die zweite die knospe mit stengel und blatt. zwischen beiden ist handwerk, das aber keine verfälschungen enthält, sondern durch die wortimmanente arbeit schon künstlerisch gewonnen hat. der kern vom kern wurde für mein gef?hl erst in der zweiten fassung formuliert, steckt in dieser wortknospe:

    über die reling, so hoch wie gestern

    ich versteh das nicht so, als wolltest du sagen: "die reling ist immer noch genauso hoch wie gestern, als ginge sie das alles nichts an"

    sondern so:
    "die reling ist so unüberwindlich hoch geworden, wie durch die zu traurigen ereignisse unwiderruflich das gestern nicht mehr zu erreichen ist, so eine barriere zwischen der welt von gestern und der von heute"

    das ist für mich das geschenk der zweiten fassung. fänd ich drum auch als titel besser, obwohl die reise auch ihren endpunkt findet im gedicht.

    der purzelbaum oder der mastbaum. hm. die wörter haben dir zum mastbaum geraten, nehm ich an, weil sie enge betten lieben. das pissen in diesem normalfeld schriller tönt. dennoch tönt der purzelbaum ins groteske als schmerzschrei. da ists nun deine wahl, wie du den erstimpuls empfunden hast, denk ich. nur schmerz ohne wut: tuts der mastbaum. expressiver wutschmerz, der aber zur verleugnenden trauer mir etwas schief scheint: purzelbaum.
    das wissen wir als leser und auch schreiber nicht. das liegt am kern deiner empfindung, ja kann sogar jeden tag, mal so oder mal so, gesehen werden.

    ein kippmoment ist mir noch aufgefallen, den ich sehr interessant finde, weil er die zauberkraft der verneinung verdeutlicht:

    der refrain (und ich glaub, zum ersten mal find ich musik in deinem gedicht, aber korrigier mich): "weil alles andre zu traurig wär" spiegelt ja jedesmal die sehr viel kräftigere nichtausgesagte unendlichkeit von liebe und schmerz ins maßlose. das jedesmal im nachschritt, als versuch, irgend rationalität sich zum schein zu erhalten.

    ab der "schrieb ich nicht.." zeile, kommts mir so vor, als drehte es sich hier um: weil alles andre zu traurig wär, schrieb ich nicht ..." das ist so vorbereitende klimax zum endhöhepunkt, wo doch noch das ganze nochmal gedreht und damit ausgesprochen wird: "erinnert sich an alles ... weil alles andere zu traurig wär", ringt sich also nach allen vorigen aussagen in den kern des schmerzes hinein. damit aber auch in das winzige licht am ende des tunnels.
    diese struktur, das konstrukt, dient hier in der zweiten fassung doch noch besser dem kern. die bl?te der knospe wäre vermutlich, die aufgefüllten redundanzen der zweitfassung, also z.b.: aber ja, diesmal bin ich weit weg/
    immer ein mann ohne vergangenheit (hundstrauriger ist stärker) noch etwas zu dichten. trotzdem aufpassen, daß nicht zu schnell verwelkt, daß es nicht starrer wird als in der pulsierenden erstfassung. charme und herz liegen in allem anfänglichen, auch wenn es nicht alle kriterien von kunst erfüllt. da muß man sich wohl irgendwann entscheiden ganz grundsätzlich.

    die frage ist wirklich wie beim malen: wann höre ich auf? die bitternis eines verhunzten bildes, das noch eben leuchtete und durch einen falschen zusatzstrich das leuchten verlor.

  8. #8
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    zappenduster

    jau, nachts ist's zappenduster, wobei die nächte itzt ja wieder kürzer und kürzer werden.
    und doch sind nächte was heiliges. und v.a. in ihren stillen tiefen, wie suz schon so trefflich bemerkte. zwischen 2 und 3.

    irgendwann wollte ich hier mal eine sammlung über nachtgedanken und nachtgedichte starten (natürlich novalis!, z.b.) - aber fand keinen anklang. naja.
    jetzt schau ich fußball. nachdem mir schon den ganzen tag die callas ins ohr tirilliert. was will man schon nach drei stunden schlaf erwarten?

  9. #9
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    AW: nacht auf deck

    Der letzte Beitrag Susannas war dann denn doch der berechtigte Verriß dieses müühsam-leichtfertigen Textleins, dessen Affinität zum Limerick kaum zu übersehen ist. Nicht jedem ist es gegeben, Lyrik aus der Hüfte zu schießen. Jonathan ist kein Hüftschütze, sondern eher der betulich arbeitende, allerdings immer mit einer Zigarre im Mund wirkende Schriftsteller, der Be- und Überarbeitung einer Idee als das Natürliche seines Daseins begreift.

  10. #10
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    AW: nacht auf deck

    anders als patina...sehe ich die wortspielerei mehr/meer nicht so positiv...da zuvor schon 194877 menschen das gleiche wortspiel spielten. und das ist schade...bei einem ansonsten sehr originellen text... mit einem flow...der mich mehr an einen liedtext...und weniger an einen limerick erinnert

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