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Thema: Ketzer und Bettelorden: Dogma

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Besitzstandswahrung

    Das Laterankonzil von 1215 verbot unter Hinweis auf das Bibelwort non tentabis Dominum die heidnischen Gottesurteile, die im Volk große Beliebtheit besaßen.

    Wenig bekannt ist das historische Faktum, daß Proben mit glühendem Eisen oder ähnliche grausame Akte der Verstümmlung von Beschuldigten nur dann ein Ergebnis gegen den Beschuldigten erbrachten, wenn dessen Wunden nach DREI (!) Tagen keinen Heilprozeß anzeigten.

    Noch weniger bekannt ist, daß der Beschuldiger sein Hab und Gut aufs Spiel setzte, wenn er den Beschuldigten nicht überführen konnte. Das ist ein ganz ähnlicher Rechtsgrundsatz wie der Handschuhwurf. Gar mancher dürfte sich überlegt haben, ob er das Risiko einzugehen bereit war, wenn sein gesamter Besitz in diesem Falle im Raum stand. Der Beschuldigte besaß zudem das Recht auf einen Stellvertreter, wenngleich das natürlich immer mit Renommeverlust verbunden blieb.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Ketzer und Bettelorden: Dogma

    Ketzertum ist durch eine psychologische Tatsache begründet: Unzufriedenheit. Viele Gläubige empfanden die Verbindung der Kirche mit der Politik als unheilvoll und entfernten sich innerlich von der offiziellen Kirche. Sie wollten die Lehre Jesu rein, dem Buchstaben gemäß leben. So leitet sich auch ihre Selbstbezeichnung Katharer, d.s. die Reinen, von diesem Anspruch ab. Die Katharer (woraus das deutsche Wort Ketzer entstand) fanden im Süden Frankreichs bei Albi einen weltlichen Schutzherrn, den Grafen von Toulouse. Papst Innozenz III. konnte das nicht hinnehmen und befahl dem französischen König, die Albigenser, wie die Katharer auch genannt wurden, auszurotten. Der Logozid dauerte von 1208 bis ins Jahr 1229. Allerdings mochten die Katharer zwar besiegt worden sein, das Bedürfnis nach dem gelebten reinen Christentum war geblieben.
    Das Mittelalter ist ein Zeitalter, in dem das geistige Leben wichtiger war als das materielle. Es ging bei allem, was getan oder geplant wurde, um Selbstgewißheit (Macht) und Selbstbefreiung (Seelenheil). Die Welt war ein Jammertal und sollte überwunden werden, um ohne Sünde ewig leben zu können. Jeder neue Orden zielte auf eine Organisationsform, die genau diese sündige Welt hinnahm, aber ein Refugium (Zufluchtsort) anbot, das seine Wirkung auf die zahllosen Sinnsucher nicht verfehlte. Ob diese Organisationsformen nun Karthäuser, Karmeliter, Augustiner, Ziesterzienser, Prämonstratenser, Dominikaner oder Franziskaner hießen, allen gemeinsam war es, die reine Lehre Jesu unter die Menschen zu bringen und ein Leben in Demut und Nächstenliebe zu leben, demnach praktisch auf alle Gläubigen zu wirken.
    Das 13. Jahrhundert ist die Blütezeit der Scholastik. Mit Hilfe objektiv-greifbarer Gesetze wurde versucht, den Glauben zu definieren. Objektive Gesetze vermutete man in den Kategorien und Denkmethoden des Aristoteles [1], die in einem Umschwung auf die dogmatischen Lehrsätze der Konzile adaptiert wurden. Dogmatik aus dem Denken, letztlich aus der Vernunft! Wer widersprach, der argumentierte unlogisch. Das ist die Hochzeit der einfachen Gemüter, die das nachplapperten, was ihnen gesagt wurde. Die Form war die Logik, der Kern war es nicht. Logik bedarf eines Bezugs. Das ist für die Wissenschaft notwendig, daß jede aufgestellte These einen Bezug besitzt, bereits erkannte Gesetze wirken, aber geglaubt wird allemal, daß Logik allgemeingültig ist. Wir können hier erkennen, daß die Kirche lediglich diesen Bezugsrahmen definieren mußte, um allmächtig zu sein. Dieser Bezugsrahmen war das Dogma, ein auf Konzilen von den führenden Vertretern der Organisation festgelegter Gültigkeitssatz – an dieser Methode die Welt zu beherrschen hat sich bis heute nichts geändert: Heute heißen die Dogmen „Menschenrechte“, „Demokratie“, „Freiheit“ oder „Relativitätstheorie“. Keiner weiß im Grunde, was diese Worte bedeuten, aber eine Gruppe von Meinungsmachern bestimmt den Bezugsrahmen und die Bedeutungsinhalte, eben die Dogmen, die für die postmoderne Gesellschaft gelten. Wer sich nicht daran hält, wird aus dem Diskurs gestoßen.
    Der Kern für jeden Gläubigen im Mittelalter war also das Dogma, das ist ein Pfad, den jeder Gläubige gehen mußte, wollte er dazugehören, das Dogma, wie es auf den Konzilen definiert wurde.
    Ironischerweise ist das das Gegenteil vom Denken, eben das Befolgen der Autorität, die sich aber die Form des logisch-stringenten und darum unzweifelhaften Denkkonstrukts gab, das Gott, die Kirche und die Ordnung in der Welt abgeben mußten, an deren Spitze die unfehlbare Mutter Kirche stand. Die Bauhütte dieses Denkens wurde durch Albert von Bollstädt und seinen Schüler Thomas von Aquin manifestiert, zwei Dominikaner.
    Das ist die eine Seite mittelalterlichen Denkens, die scholastische, die Schule, die Form des Denkens, die zu Gott führen soll.
    Die andere Seite ist die Mystik, die Entkörperung, die Weltflucht, die Passion (Leidensweg Christi). Sie besitzt ihren Kern in der Ehrfurcht, dem Numinosen, vor den göttlichen Kräften. Der Gläubige begreift sich als Teil dieser Kräfte und seinen Körper als eine Belastung, von der er sich befreien muß, damit sein bester Teil, die Seele, sich wieder mit Gott verbinden kann. Der Weg dorthin ist Leiden, Leiden schafft ihm den Durchgang zu seinem Erlöser.


    Aufgaben:


    1. Erfasse in vier Sätzen das Wesen des mittelalterlichen Denkens! Benutze eine weitere Quelle! (II)
    2. Diskutiere die Auffassung, nach der die Scholastik im Gegensatz zum Glauben steht! Gehe insbesondere auf den Gedanken ein, daß ohne Dogma Kirche nicht existieren kann und die meisten Menschen auch heute nach Dogmen leben! (III)





    [1] Das Verhältnis der mittelalterlichen Theologen zu Aristoteles war komplex: Die Franziskaner lehnten ihn als heidnischen Philosophen ab; die Dominikaner nahmen ihn an, traten aber zugleich gegen die Vertreter der arabischen Übermittlung auf, die Averroisten, die einen glaubensfeindlichen Naturalismus mit Hilfe des aristotelischen Lehrgebäudes geschaffen hatten. Kerndiskurs: Kernstücke der christlichen Offenbarung (Weltschöpfungslehre, Gottes absolute Majestät, Mysterium der Dreieinigkeit des christlichen Gottes und das der Inkarnation, d.i. die Fleischwerdung des Geistes in Jesus Christus) aus der Vernünftelei heraushalten und zugleich die Techniken und Erkenntnisse Aristoteles in ein System bringen, das vermittelt werden kann. Das ist der Kern der Scholastik. Es gab zwei Grundrichtungen, die Nominalisten und die Realisten. Die Realisten nahmen Gott als wirklich an, der den Menschen die Vernunft und den Glauben schenkte, mit deren Hilfe sie Erkenntnis gewönnen. Die Nominalisten um Duns Scotus und Wilhelm von Ockham dagegen zersetzten diese rationale Ordnung, indem sie behaupteten, es gebe eine Flut von Möglichkeiten, aus der Gottes Willkür schöpfe, so daß den Menschen nur der Glaube als Hoffnung bleibe. Sie trennten somit Glauben und Vernunft, ein Diktum, das für viele bis heute gilt.


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