selbstreflexiv

mit dem tagebuchschreiben ist das so eine sache.
es hat ähnlichkeiten mit dem fotografieren oder filmen. es hält wie diese anderen medien gelebtes leben fest.
die frage ist aber, soll man das?

zwei kleine einwände:

  1. man verpasst inzwischen das stattfindende leben. wer je bei einer gesellschaft die aufgabe übernommen hatte, zu filmen, weiß das: durch den ausschnitt des objektivs ist man von allem abgeschnitten. die party ist zu ende, man kann sie hunderte male später betrachten, aber man ist nicht dabeigewesen.
  2. die erinnerungen decken sich nicht.


die lebhaften inneren bilder, die gefühlsschattierungen, die ganz und ganz unklaren perspektiven und perspektivenwechsel, die eine erinnerung im gehirn ausmachen, sind durch das sie festhaltende medium stark verzerrt, verfremdet, irgendwie objektiviert und eigentlich sehr fremd. so als würden sie uns zwingen wollen, das innere bild zu revidieren wie eine röntgenaufnahme das innere bild unseres corpus (glennhill metapher nr.5).
davon kann man sich überzeugen lassen: "ach - sooo bin ich damals gewesen, sooo habe ich damals gedacht" oder eben auch nicht.
das sind aber nur bedeutungslose persönliche anmerkungen ?ber das festhaltenwollen von erinnerungen.
es lebe also das tagebuch! nulla dies sine linea!

der tagebuchschreiber

er sieht sein leben kritisch darauf an
was er ins tagebuch wohl übernehmen kann
das höchste doch an rafinesse:
er inszeniert sein leben spannend, dass ers aufzuschreiben nicht vergesse
spannt auch die andern menschen als figuren in sein tagebuch
und inseriert womöglich noch im abendboten: "ungewöhnlich freundschaft sucht: ...."
mit diesen tagebuchgewollten neubekannten fällt er leere seiten.
auch diesen zweck, sich noch im nichts ganz analytisch selber zu begleiten
glücklicher mensch! versagt ihm dieses dumme leben mal ne freude
so ist auch das ihm anlass für ein sprudelnd: "heute, ..."


nun also :) heute:
tausend andere, nicht aber den liebsten geküsst, ach ja