Das Mittelalter brachte zwei Baustile hervor: Romanik und Gotik. Beide fußen auf dem Bedürfnis der Gläubigen nach einem Versammlungsraum. Die meist zuerst als Kloster konzipierten Gebäude erweiterte man durch Seitenschiffe, um auch die Laien zum Gottesdienst zulassen zu können. Weitere Ausbauten dienten zur Ausstellung von Heiligen oder als Versammlungsräume kleinerer Gemeinschaften innerhalb der Gemeinde. In der Romanik (10.-12. Jahrhundert) wurden diese Funktionen architektonisch verbunden. Allmählich strebten die Gebäude nicht nur in die Breite, sondern v.a. in die Höhe. Zulaufende Spitzbögen lenken die Drücke besser ab, was größere Gebäude mit verbesserter Gleichgewichtsverlagerung (Statik) möglich machte; außerdem wurden Fenster benutzt, die nicht nur Licht in die Innenräume ließen, sondern v.a. leichter als Mauerwerk waren. Das Kreuzgewölbe, steinernes Symbol einer menschlichen Verantwortung, erhebt sich von Grunde auf, ähnlich dem herrschaftlichen Willen, der auf die Untertanen einwirkt, Schutz und Kraft zugleich vermittelnd.
Das Gotische (seit dem späten 12. Jahrhundert) folgt dem Grundsatz, den Baukörper nach den Funktionen des aktiven Tragens und passiven Füllens, sozusagen in ein Skelett harter Knochen und zwischengespannter Membrane zu zerlegen. Das ging vom Gewölbe aus, das entstehen konnte, nachdem die Rippe für diese Bauform benutzt worden war und dann einfach in einer Bauweise adaptiert wurde, die die Kräfte hinunter projizierte. Andere meinen, es sei zuerst die Wandgliederung dagewesen und danach aus rein ästhetischem Bedürfnis in die Gewölbe übertragen worden, die Rippe sei keine Erfindung, brachte zuerst überhaupt keine Vorteile – was tatsächlich stimmt –, sondern sei nur die künstlerische Konsequenz der Wandgliederung. Tatsächlich ist dieser Baustil Streben in Raum und Zeit und die erste deutsche Bauart, die in die Welt kam und von Baumeistern mit einem klassischen Raumempfinden mit der Bezeichnung maniera tedesca resp. maniera de Goti bedacht wurde.
Architektur ist versteinerte Musik. Das Mittelalter vollbrachte eine Leistung, aus dem Monodischen der Antike die Mehrstimmigkeit zu entwickeln, wie sie der liturgische Gesang benötigte. Polyphonie (Mehrstimmigkeit). Von der Musik ist es nur ein kleiner Schritt zum Lyrischen. Bänkelsänger zogen durchs Land und erzählten den Mythos neu, priesen die Schönheit ihrer Herrinnen, die Gnade Gottes und die Bosheit des Teufels, sie erzählten von fernen Ländern und vom Leidensweg Jesu, sie verspotteten die Feinde ihrer Herren und priesen die Sanftmut ihrer Herrinnen, lobten ihre Lehnsherren, die Jungfrau Maria und schrieben, sofern sie jemand anderen fanden, der sie förderte, ein neues Buch. Es geht in der Literatur des Mittelalters um Treue, Dienst, Krieg und Liebe, aber es ist nicht unbedingt die Liebe gemeint, die wir darunter verstehen. Im Mittelalter unterschied man hier freilich zwischen Frau und Weib. Die Frau war etwas Ätherisches, etwas Anbetungswürdiges, etwas beinahe Heiliges. Das Weib war da, um die Zukunft der Familie sicherzustellen. Das Weib konnte aber auch Liebe und Achtung erfahren. Weib ist also nichts Schlechtes gewesen, war aber nichts Ätherisches.
Der Mann als von Gott geschaffenes und in die Welt entlassenes Wesen war kein Gegenstand oder Subjekt in der Dichtung. Allerdings wurden Helden, Schicksal, Not, Tugend und Abenteuerlust behandelt, womit sich der freie Mann auseinanderzusetzen hatte, wollte er seine Gesellschaftsstellung behalten und erhöhen. Er hatte immerhin die Möglichkeit, durch eigene Kraft und Leistung seine Position zu erhöhen; Mädchen blieb nur die Hoffnung einer vorteilhaften Heirat. Andererseits finden sich kraftvolle Frauengestalten wie Brünhild, ganz anders, aber nicht weniger charakteristisch Isolde oder die Mittel suchende Kriemhild, die sich in der Männerwelt behaupteten und Männer so einzusetzen wußten, daß sie das taten, was die Frau wollte - bis zu deren und den eigenen Untergang! Das bedeutet: der Kampf der Geschlechter tobte auch im Mittelalter. Die Frau war dem Manne nicht untertan, sondern Bestandteil eines eigenen Lebenszirkels, in den sie Männer nur einließ, wenn sie das auch wollte, scheinbar, weil sie es mußte.
Die Form der deutschen Dichtungen prägten französische Vorbilder. Die Franzosen ihrerseits gingen bei den Lateinern in die Schule, die wiederum bei den Griechen. Dichtung war und ist international.

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Im 13. Jahrhundert entstand auch das „Nibelungenlied“, dessen Handlung beinahe ein Jahrtausend von dem Zeitpunkt an zurückreicht, zu dem es schriftlich fixiert wurde. Das Nibelungenlied ist ein Volksepos und mündlich tradiert. Das stelle man sich wie die stille Post vor, ungefähr so prüffest ist in diesem Text die historische Wahrheit, denn jeder, der es über die Jahrhunderte weitererzählte, wird den Stoff seinen Intentionen und dem Zuhörergeschmack gemäß verändert haben. Es hatte die größte Wirkung auf das Gemüt des deutschen Rittertums, dem dieser Text vorgetragen werden mußte, weil die wenigsten Ritter lesen oder schreiben konnten.
Ein Ritter allerdings ist für das erste deutschsprachige Rechtsbuch verantwortlich. Eike von Repgow aus der Nähe Magdeburgs trug um 1230 Gewohnheitsrecht im „Sachsenspiegel“ zusammen. Nun gab es etwas, worauf sich ein Richter berufen konnte, so er denn wollte.


Aufgaben:


  1. Liste die vier wichtigsten kulturellen Leistungen des Mittelalters auf und begründe deine Entscheidung für sie! (II)
  2. Vergleiche die Intentionen und Beweggründe der Kunst im Mittelalter mit denen heutiger Künstler und formuliere Gemeinsamkeiten und Unterschiede! (III)