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Thema: Zivilcourage

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Zivilcourage

    Zivilcourage

    Gibt es sie noch? Das rechte Wort zur rechten Zeit, das dem Opfer zur Seite springt und nicht dem Täter? Das Tat und Täter benennt? Das sagt: so nicht!, also Barzelt?
    Nein - es gibt nur die ewig Ausgleichenden, Beschwichtigenden: die Tat war doch keine, also gesehen wird jedenfalls beim besten Willen keine und wenn schon, so solle doch bitte das Opfer sich nicht so anstellen und allen den Spaß verderben. Ich sehe niemanden mit Zivilcourage. Dabei ist das das einzige, das mir wirklich imponiert. Und ich lasse mich nicht für dumm verkaufen. Meine Prioritäten sind zwar insofern anders, als ich große Rückschläge gerne hinnehme, soweit sie von Respekt getragen sind, daß ich aber bei kleinen Schlägen, die im verletzenden Ton daherkommen, bereits den ersten Anfängen wehre. Es ist Teil meiner Freiheit, Orte zu verlassen wie eine Katze, die dort spürt, daß man sie schlagen oder fangen will. Meine Alarmglocken sind mir stets gegenwärtig. Schrillen sie auf, muß ich nicht bis zum bitteren Ende abwarten. Ich warte ein Weilchen, ob sich an dem Ort Zivilcourage einfindet. Wenn ja: bleibe ich. Wenn nein: gehe ich. Ich weiß, daß ich frei bin. Ich habe nicht den Irrglauben, alles einstecken und hinnehmen zu müssen. Was sollte mich dazu zwingen? Ich werde und will mich nicht anpassen. Wenn mir jemand grundlos ans Bein pisst, ziehe ich es erstmal lachend zurück. Beim zweitenmal weiß ich, es ist Absicht. Rosen für die Claque oder der hohen Frau. Ich lasse mich aber nicht instrumentalisieren. Ich frage nie nach dem Nutzen, was es mir bringt oder so. Ich möchte, daß das Werk gelingt. Dem widme ich störrisch meine Kraft. Manchmal scheint es, als sei das zu viel. Ich weiß aber leider, daß mir nicht viel Zeit bleibt. Was ich nicht heute tue, wird vielleicht nicht mehr. Fällt man mir dabei böswillig und ohne Grund in den Rücken, und findet sich keiner, der Manns oder Weibs genug wäre, sehend - nicht blind! - zu mir zu stehen, dann werde ich weiß Gott nicht so einfältig sein, alles zu schlucken. Auch meine Blödheit hat da eine Grenze. Ich habe nicht genug Zeit, um mich mit Blödem aufzuhalten. Den Rechthabern und Besserwissern gebe ich die Mogelpackung zurück. Ich habe nur meine Ehre und aus diesem Adel lebe ich. Wer die nicht achtet, kann mit mir keinen Umgang haben. Wer nicht für sie eintritt, nicht mein Freund sein. So habe ich es immer gehalten und bin damit gut gefahren. Was man hinter meinem Rücken redet kann ich nicht beeinflussen. Eine kleine Hoffnung habe ich, daß jemand mit Zivilcourage dagegen aufsteht. Eine, zugegebenermaßen, sehr kleine. Es ist ja immer so leicht, in den allgemeinen Mainstream einzustimmen, auf den zum Abschuß Freigegebenen noch einzuhauen. Ich habe das nie mitgemacht und erwarte das auch von anderen Selbstdenkern. Ich habe mich zur Zivilcourage erzogen. Unbequeme Wahrheiten sage ich und handle danach.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Zivilcourage

    Ist das dann Zivilcourage, wenn man nicht über seinen Schatten springen muß, wenn man nicht etwas gegen die eigene Natur tut, weil es eines anderen Willen ist? Ist es nur dann mutig, sich nach Grundsatzentscheidungen diesen gemäß zu verhalten, selbst wenn die Allgemeinheit das anders sieht? Hat Zivilcourage etwas mit dem allgemeinen Sittengesetz zu tun? Na klar, dümmliche Frage. Aber hat sie NUR etwas mit diesem zu tun?


    Dein text, Susanna, scheint mir dieses zur Grundlage zu nehmen, den Menschen aber diesem letztlich zu subsumieren. Der Mensch ist aber mehr, auch mehr als daß er einer Grundierung durch ein Sittengesetz bedürfte.
    Ein Wort wie Ehre ist immer kontextabhängig. Diesen läßt Du hier vermissen - und so plätschert's nur.

    Für einen poetischen text fehlt es an einer poetischen Fabel. Für einen Gedankentext, Essay? - fehlt es an der Vermengung von Poetischem und Wissenschaftlichem. Kurzum: hier fehlt vieles.

  3. #3
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    AW: Zivilcourage

    der kontext meiner ehre bin ich. und d a r u m plätscherts nicht.

    zivilcourage hat nie mit dem allgemeinen sittengesetz zu tun, sondern immer nur mit dem eigenen. darum gehts doch gerade, gegen das allgemeine dort aufzustehen, wo es nicht mehr sittlich ist.

    den vorwurf des subjektiven, der nun unweigerlich kommt, kann man jedem sittengesetz deshalb entgegenhalten, weil das eintreten dafür subjektive verantwortung bleibt und nicht ins allgemeine abgeschoben werden kann. "weil es alle tun!" ist kein rechtfertigender satz für eigenes tun.

    weil der mensch mehr ist, steht er über dem allgemeinen sittengesetz. und über dem in ihm ausgebildeten eigenen. sich freiwillig trotzdem dem willen eines anderen zu unterwerfen macht genau die spannbreite der freiheit zwischen eigenem sittengesetz und menschsein aus, da hast du schon recht.

    sich dem willen eines allgemeinen sittengesetzes zu unterwerfen, auch dort wo es unsittlich ist, zeigt aber, daß entweder kein eigenes sittengesetz existiert oder mangelnde zivilcourage vorliegt oder schlicht nützlichkeitsdenken des egos. dies als freiheit zu nennen, was unsittliches billigt und sich ihm unterwirft, nur weil es allgemein geworden ist, ist als faktische normung keine freiheit mehr und wäre deshalb eine fehlbezeichnung.

  4. #4
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    AW: Zivilcourage

    Susanna, vielleicht deute ich mehr und vor allem anderes in deinem text:
    für mich ist es ein aufruf, zu zivilvcourage, aber wie allgemein oder speziell dieser hier ist, das bleibt deutbar...
    ich setze mich häufig für andere menschen ein, v.a. bei ungerechtigkeiten, aber: in deinem fall klingt es so, als suchtest du unterstützung für etwas, was du mit deinem temperament und geist und witz locker allein schaffen könntest...sicher hat man manchmal schwache momente und erwartet dann hilfe von freunden, aber du kannst nicht 100%ige unterstützung erwarten, v.a. dann nicht, wenn es anderen nicht bewußt ist, daß eine ungerechtigkeit vorherrscht...
    im klartext mein ich: wenn dich jemand arg ans bein pißt, unter die gürtellinie sozusagen, und du nicht die kraft hast, zurückzupissen, dann scheiß auf diesen jemand und schaffe distanz, nicht durch ausdemweggehen, sondern auf einer sachlichen, unpersönlichen ebene...so mach ich das dann

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Zivilcourage

    Du kannst Dein eigenes Sittengesetz nicht neben oder unter oder über das allgemeine stellen, Du kannst es nur MIT diesem formulieren. Das ist ja die Crux, wenn Zivilcourage - was nichts anderes als eine Anwendung des Sittengesetzes ist - thematisiert wird. Was ALLE tun, ist noch lange kein Profund für Sittlichkeit, da stimme ich Dir zu..

    Ob es nun ein Sittengesetz gibt, ist eine interessante Fragestellung. Mancheiner hat darüber Jahrzehnte gebrütet und am Ende Tränen vergossen, als er erkennen mußte, daß dieses Fiktion bleiben muß, virtuelles Laufwerk.

  6. #6
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    AW: Zivilcourage

    liebe Sandra du hast mich verstanden und du hast recht. wirklich. ich hab auch die kraft zum zurückpissen, aber ich tus dann im übermaß. ich kenn mich und meine sprache. ist mir aber zu viel kraft, die sinnlos vergeudet ist, weil sie nichts aufbaut, nichts schafft. für mich selbst kämpf ich deshalb nicht, sondern fahre die geschütze höchstens für andere aus.

    hilfe erwarte ich deshalb nicht. eher sowas wie flagge zeigen, aus eigenem antrieb und eigener überzeugung, nicht meinetwegen und nicht aus blinder solidarität. für mich zählt sowas und wo das fehlt, beginnen die zweifel, weil dann viel fehlt. und da lockert sich dann auch das band, das mich an dem ort halten könnte.
    aber du hast vielleicht recht, da? ich da deshalb falsch liege, weil man denkt ich schaukle das kind schon und das brauchts nicht. aber wo ist denn dann die eigene überzeugung der anderen geblieben - in der klugheit, sich nicht einzumischen? die ist aber grad der grund für mangelnde zivilcourage und eigentlich versteh ich so eine selbstverleugnung auch nicht wirklich. die werte, für die ich angegriffen werde, haben dann doch die anderen nicht.

    und ich kann leider nicht wie du sagst distanz halten. da hab ich keine rationale oder emotionale mauer. bei mir ist das durchlässig wie bei einem kind. ich kann dann nur raum dazwischen bringen, jaja, im fortlaufen bin ich große klasse. aber das hab ich mit den tieren gemein. dafür ists leicht, mich loszuwerden

    ich glaube, ich verwende die begriffe anders als du, Aerolith. das innere eigene sittengesetz ist natürlich mitformuliert vom allgemeinen, insofern es gelerntes aufweist und beinhaltet. mit dem erlernten hat man aber auch werte aufgenommen, die für einen selbst höchste priorität bekommen haben. dort wertet dann die seele und das eigene gewissen manche werte stärker und manche schwächer.

    mit allgemeinem sittengesetz meine ich das außen vorhandene, wobei das schon variiert nach dem idealisch hochgehaltenen und dem wirklich in der gesellschaft gelebten oder noch spezieller in den von einzelnen gesellschaftsgruppen gelebten, die ihrerseits aber den mainstream bestimmen oder aber auch nur die dörfliche gemeinschaft.

    für das eigene sittengesetz eintreten verstehe ich unter zivilcourage. korrespondierend zur eigenen verantwortung. iphigenie.

  7. #7
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    AW: Zivilcourage

    Der Text wabert zwischen persönlicher Bewältigungsfuinktion und dem Versuch einer allgemeinen Erfassung des Begriffs. Kann ja funktionieren, weil das ein essayistsicher Ansatz ist. Hier funktioniert das Geschriebene nicht, weil der Text einer poetischen Fabel mangelt. So bleibt die Wut, die in jedem Satz spürbar ist, auf sich gestellt. Und das bleibt im Leser nicht ohne Folgen: er kann sich nämlich nur dieser Wut aussetzen, was die wenigsten wollen, oder er verwirft ihn (den Text) als Ohnmacht, was der Aufnahme beim Leser nicht guttut.

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