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Thema: sonnenuntergangsgelb

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    sonnenuntergangsgelb

    sonnenuntergangsgelb

    saftig gelber nadelfächer
    stichelt meine linke schulter
    rastert meine linke wange
    tackert meine linke hand
    ans gestreifte lenkrad
    fahr ich durch die eichenallee
    baum licht baum licht baum

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    sonnenuntergangsgelb II-IV

    die haut ist noch feucht
    wir essen das schwarzbrot

    mit schlenkernden beinen
    sitzen wir in der mondschaukel
    erzählen uns unser leben
    und trinken tau


    mondgelbes friedhofskind
    spielte, wo geister sind
    und pflanzte vergissmeinnicht
    an orte des nicht

    an irgendeinem grab
    weiß nicht, wer da am leben starb
    stieg es hinab
    mit mondgelbem zauberstab

    tränkte die toten mit safranmond
    ihren lebendigen horizont
    legte in honigruh
    sich selbst dazu


    mehr ists mir nach einem süßen lied
    wie schwerer alter wein
    ein ruhiges rotes
    das ins blut sich zieht
    wie ein gift in alle tiefen dringt
    wie der schiffer auf nachtwache singt
    ist er allein
    es ist immer das alte gleiche lied
    von der liebsten ferne daheim
    die nicht weiß, ob sie ihn je wieder sieht
    aber weiß
    er ist jetzt allein

  3. #3
    rodbertus
    Laufkundschaft

    pflichtbesessener leser

    diese texte sind auf dem weg, aber sie sind noch nicht lyrisch in dem sinne, daß ich neugierig bin, wie's weitergeht. pflichtbesessen lese ich aber weiter, denn vielleicht wird's ja doch noch lyrisch.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    was ist lyrisch?

    ist das nicht eher ein kriterium fürs dramatische oder epische? wissen zu wollen, wie es weiter geht?

    was ist für dich lyrisch? ist es ein inhaltliches oder ein formales kriterium? bitte beschreibe es genauer.


    am glatten buchenholz flügelschwirrend
    krallen wir. schon wird es nacht. sag an,
    frage ich dich, wann kommt die nächste
    pfeilschnellblaue libelle an uns heran?
    willkommener rücken zum nächtlichen ritt
    wir sitzen schon auf und lassen uns tragen
    im tiefflug über wortgras und würmelnde sätze
    fliehen wir luftcatcherfallennetze
    so herrlich synthetisch auf geflügeltem ross
    ists ganz deutlich zu spüren: du bist der boss,
    libelle, der dunkelheit wasserfülle
    durchschießen wir heil
    mit lichtgeschwindigkeitsschnelle
    und schon ists wieder tag und wir springen ab
    auf tauglitzernder wiese ins tal hinab
    eine schlittenfahrt in die wärme, den morgigen tag
    kommen an, stehen auf, schütteln ein nachglitzern ab
    und wortreich trifft mich vom satzschatz ein kuss
    dass ich libellenschnell adverbial lachen muss

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    Sarraute

    schön, schön, üben wir uns im automatischen Schreiben, Sarraute, ick hör dir trapsen.

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
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    Sarraute

    was verstehst du unter automatischem schreiben? sarraute kenn ich nur als prosaistin. stellst du mal ein gedicht von ihr ein?

    sind verneinende aussagen und schubladenettiketten alles? oder dienen sie, etwas zu sagen ohne sich damit auseinanderzusetzen?
    kurzrotzbesprechungen ohne wert. oder doch: we were here. ja, danke .

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    Sarraute

    ...oh, ich wollte dich nicht ärgern. Wollte nur, ganz kurz, die Wirkung anklingen lassen, die das Lesen bei mir hat. Mag sein, dasz ich völlig falsch liege: Mir war, mir ist, als wenn die Texte in einem Rutsch geschrieben wurden, 'automatisch' halt (und dafür ist die S., auch wenn sie keine Gedichte geschrieben, hat ein guter Verweis - ich hätte auch auf die Meersburger Annette in hinweisen können, aber das wäre nicht so augenfällig gewesen). Das sagt noch nichts über die Qualität der Texte aus. Sowohl S. als auch A. haben gute Texte geschrieben, las ich.

    So. Ärger weg?

    Mit Grüßen
    Lester

  8. #8
    Kurzvormabschussiger
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    schön

    liebe susanna....

    mir gefallen deine texte sehr...
    sie beinhalten eine gewisse melancholie oder auch leiden-/ schaft...
    ich kann die stimmung deiner texte sehr gut nachempfinden. ich glaube, du bist ein sehr sensibler mensch, der fest in die tiefe geht, das ist schön. vorallem habe ich ich das gefühl da ist nichts gespielt in deinen texten (obwohl die sprache schön verspielt ist), sondern das bist du...

    ich werde mir mal zeit nehmen, die texte genauer zu lesen und dir dann sicher nochmals schreiben...

    danke, hast eine wunderschöne stimmung in mir aufleben lassen...

    lou

  9. #9
    Tochter aus gutem Hause
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    gioconda

    ich bin gar nicht verärgert, will nur immer wissen, was jemand wirklich meint und was ich dann daraus machen kann
    bin einfach grundlegend neugierig. und wenn ich so wort hingeworfen bekomme, will ich damit arbeiten.
    ich weiß nicht, was man unter automatischem schreiben versteht. im germanistischen sinn. ich stelle mir darunter einen bewußtseinsfluß, inneren monolog, ohne gestaltung vor. wer ist denn die meersburger annette?

    meine sachen sind aber übergestaltet, auch wenn sie so tun, als nicht. ich arbeite mit bestimmten leichtigkeits-brücken, reimen oder parlando, vor allem aber mit rhythmus. den ewig gleichen oden-ton nehm ich nur für die wirklich gewichtigen sachen.

    für mich ist lyrik wie alle kunst gestaltung in erster linie. handwerkszeug, das eine intuition genauso umsetzt, wie ich es will. dazu gehört auch die abrundung für mein begriff, das "aus einem guß". die arbeit darf man aber wie bei einer tänzerin nicht sehen, ich stelle ja endprodukte aus, nicht halbfertigware. die tänzerin kann im tanz nicht innehalten, die arbeit ist langes training vorher und blindes vertrauen in dieses beim nächsten schritt.
    dem steht automatisches, nicht gestaltendes schreiben halt völlig entgegen.

    aber ich freu mich nun zusätzlich, Lester, daß du dich erklärt hast. danke

    gioconda

    leonardo
    lächelgesicht
    löchriger
    sohn voller hass
    quellender mütter
    selbdritt

    und doch
    als du gingst
    tröpfelte mir das herz
    renaissant
    ins aufgerissene fleisch

    deine mathematik
    selbdritt
    war richtig
    der blick des geiers
    des betrachters
    von oben
    auf dich
    lächelnde beute

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause
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    Leporello und Fumatures

    Leporello


    Monsieur gießt sein Gelächter in die Mediterranee**
    Madame promeniert folgsam in der Realite`
    Auf Wiedersehen, Liebster, auf Wiedersehen Du
    Il n`y a pas Gegenüber, mais enfin c'st la Ruhe`
    Helas - il y a Vous

    Madame überdenkt den Adresse`
    Vraiement, il a un peu changè`
    Ich hätte bald lui pas reconnu
    A la recherche du temps perdu
    Na, salut

    Monsieur senza te leone
    Versenkt sich in five proximalere relazione
    Madame schenkt zum Abschied für den spröden renvoi
    Ihm einen veritablen terminus Delacroix
    Pas de quoi

    Somente sie seufzt dank ihrer education
    Dies war ein sous-niveau accident
    Fortiter in modo, meme medicale in re
    Aber wie ich das übersteh
    Sotto livello leporello

    Monsieur seufzt nicht. Schon in posizione
    Für den follow-me-next relazione
    Madame aber schießt sich ihr Eigentor
    Crede mihi a nouveau im Geiste vor
    Very english poi sempre : what for? What for?

    Doch die giorni sequenti vergehen schneller
    Beide devinrent traditioneller
    Madame schickt gelegentlich ihre Honneurs
    Monsieur schickt spiritually fleurs
    Oui - 'ca occurs

    Und wenn sie cruciate their voies
    Sprechen sie solo concerning Delacroix
    Führen sich par la main*
    Par cet enfer moderne* und haben sich gern



    ** Brel - Zitat
    *,* Aragon-Zitat


    fumatures



    al-louez de la lumiere!
    la bastille intellectuelle
    vous attendrait!

    vite, vite, les penseurs!
    open your brains!

    down the quotation-marks!
    drown them into the historicity
    where they belong!
    think new:
    originarily bottom above!




    streichholz-rauchzeichen o.ä.

    lobt/entzündet die aufklärung/das licht!
    die intellektuelle Bastille
    wartete (konjunktiv) auf Euch!
    schnellschnell/auf ihr Denker!
    öffnet Eure hirne!
    nieder mit den zitatmarken/anführungszeichen!
    ertränkt sie in der geschichtlichkeit
    in die sie gehören!
    denkt neu:
    originär das Unterste nach Oben/alles auf den kopf gestellt!

  11. #11
    Tochter aus gutem Hause
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    ... betrunken vom ton der dinge

    als ich noch gar nicht dachte
    an ein bleiben
    an winter nicht
    nur lust und freies spiel
    und flug und nacht und sommerziel
    und sternentanz und s??es regenflüstern

    da hast du uns ein haus gebaut
    am ende der kreisenden stufen
    winterfest und warm und heim
    mir schon vertraut als könne nichts anders sein
    hängtest dein herz in die innerste kammer
    brachtest sein leuchten bis in den oktober
    und mit den blättern golden getrieben
    ziehe ich ein
    dich dort zu lieben


    nichts ist vergebens - es zielt, was blind von eines bogens saite
    abgeschnellt, nach vorn! hin zu! ganz ungebremst sich selbst verbraucht
    ins ihm bestimmte. und endlich sterbend wie das samenkorn - trifft.



    Drei Hybriden!



    der eremit


    in zeit zurückgezogen und in stille
    ganz ohne worte ist ihm gut
    ein leiser selbstbestimmter wille
    zu blassem schweigen in die lichte stille
    und bilderwelten kommen zu besuch

    der menschen worte klopfen an die hülle
    feindstofflich. kein erzürnen wärmt sie auf.
    er lächelt, lacht vielleicht aus seiner reichen fülle
    und nickt ein wenig, wechselt seine brille
    und hält sich nicht mit jedem davon auf

    er scheint, selbst nichts bewegend, stets in sanfter kleinstbewegung
    er atmet welt in stillen zügen ein und aus
    ist eins mit ihr, ist selbst sie, eine fortbewegung
    ein bloßes phänomen aus bildern jegliche begegnung
    zieht in ihn ein, verweilt ein wenig und zieht aus

    erinnern ist besehen von gemälden
    ein lächeln, manches mal ein wundern, schon: nicht mehr ...
    ist keine gegenwart, nicht von den dingen, die mal zählten
    von ihm gewählt oder die ihn, den still bewegten wählten
    er atmet langsam aus. es dauert ihm nichts ... sehr


    --------------------------------



    vergleichendes vorurteil


    gallegiftgelb gutmenschhasser
    hassen wirklich
    stupitate!

    selbstgerechte hassen niemals
    ruhen in sich
    lobversunken

    denn sie sind mit sich zufrieden
    ruhen in sich
    fast narzißtisch

    doch nie schädlich, denn sie sind
    sozialverträglich nur von sich
    betrunken

    --------------------------



    erbe der brilliantin


    ihrer nebensätze fäden
    reichen lebenslang den dichtern
    lyrikbändchen

    ihrer prosa folgenloser
    blätter durchschnitts steller
    schrift

    ihrer parodie verschossen
    - huits clos schlecht eingegossen
    siffen siphonartig visi-
    onslos creativi

    huit romane
    huit ich ahne einsamloser
    leerideen

    schön!

    ---------------------

  12. #12
    Iwaeima
    Laufkundschaft

    zu den drei hybriden

    Zitat Zitat von Susanna
    nichts ist vergebens - es zielt, was blind von eines bogens saite
    abgeschnellt, nach vorn! hin zu! ganz ungebremst sich selbst verbraucht
    ins ihm bestimmte. und endlich sterbend wie das samenkorn - trifft.

    hallo. eigendlich wollt ich nicht mehr, aber...

    den Text würde ich aufbewahren für eine signatür, ein sprüchlein als Widmung oder sonst irgenwie.
    Und wenn ich darf, werd ich ihn bewahren. Im Herzen auf jedenfall




    da ich zu dem Intermezzo was gesagt habe, glaube ich, muss ich auch was zu den drei Hybrieden sagen.

    In ihrer bewertung von mir, sind sie genau in der richtigen Reihenfolge geschrieben.

    Ich weis nicht genau worin das Hybride bestehet, aber das kannst du mir sagen oder auch nicht. Was ich sagen will, das Erbe ist mir egal, wie ich deine texte kenne intelektuell sicher interessant, wenn man den Intelekt hat, aber mir fehlt er im bereich der gewichtung ich ahne lediglich und ließ sich für mich von den dreien am unleichtesten lesen. Im Sinn habe ich ihn aber, denke ich, begriffen, rudimentär.


    Vergleichendes Voruteil ist fast so gut wie nummer 3 das Erbe, aber ich finde es vom Inhalt doch ein wenig besser und klar in seiner Ausage, der ich wert zumessen kann, wenn auch nicht mehr wichtig, nichtsdestotroz wahr und wichtig. Man sollte mehr dort denken und wahrhaftig schließen.

    Der Eremit der Erste den Text Liebe ich.


    Frohn

    In aufr. poch, poch

    HuG

  13. #13
    Tochter aus gutem Hause
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    würmer, meer und das ungewöhnliche

    das herz schlägt leiser nun

    noch bäumt der sommer
    doch es ist schon herbst
    in morgentau
    und abendzwielicht
    greift ein fremdes frösteln
    wie in ein ungestörtes heim
    der marschbefehl zum krieg


    was überbordend in den sommer
    nackt getragen
    zieht sich zurück in dicke hüllen, dicke kissen
    und noch von innen führt man wärme zu
    und gut ists, einen freund zu wissen
    ein Du

    in manchem sturm ward man bereits ganz wüst herumgewirbelt
    so mancher, stärker noch, steht irgendwo
    ganz hinten über fremdem meer bereit
    doch hinter ihm, aus dickem eis ein kleid
    kommt einer, der noch stärker schneit

    wir halten uns, einander nah, bereit
    und schenken uns ein lächeln wie der mond so breit

    Jesolo
    Allen in Europa
    Ziehe ich Dich vor
    Wo die Schlafende
    Die langen Wimpern
    In den Grünen
    Nur dem Kleinen geneigten
    Schlick
    Legt und das nahe Meer
    Zu jeder Zeit
    Salz ausdünstet
    In den Nachthimmel
    Der großen Schwestern
    Die Einsamkeit
    Nach dem Sommer
    Eine gute Gefährtin ist
    Nahe dem noch warmen
    Meer
    Ushuaia
    Dir gebe ich vielleicht
    Noch vor Avila
    Die Totenehre
    Meiner Gebeine

    Deinen Würmern
    Zukünftige Vegetation
    Einer stillen Stelle
    An der ich dem schwarzen Kleid
    Entschlüpfe

    Direkt hinan
    Und lasse mein Haus
    Mit der Bank vor der Tür
    In der Sonne meine Hunde
    Staunend zurück



    es geht mir nicht darum, etwas ungewöhnlich zu sagen - mehr darum, etwas ungewöhnliches zu sagen, so gewöhnlich wie möglich, auf daß es jeder verstehe.

  14. #14
    Kurzvormabschussiger
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    AW: sonnenuntergangsgelb

    Deine Absicht an sich ist doch ehrenwert.

  15. #15
    W. Nebel
    Laufkundschaft

    Tote Dichtung

    Die Ironie, der gekonnte Schnitt mit dem Degen, fehlt. Kündet er von Abwesenheit nur an diesem Ort?
    Allüberall entwindet man sich Seiner.

    Wie sollte man mit Dichtung umgehen, wie mit diesem geformten, genormten Unding aus den Weiten des Kopfes, walten?

    Worte sollten spazieren, sollten schwadronieren, sich beschnuppern, sich entkleiden, sollten die Erotik wieder einmal mehr entdecken. Aber wie aller Sex, würde auch dieser in Langeweile versinken, zerrte er nicht das Lachen bei.

    Unsterbliche Lyrik ist für die Toten. Gebrauchsdichtung für die Lebendigen. Es entscheide ein jeder selbst, für wen er schreibe...

  16. #16
    Tochter aus gutem Hause
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    es geschehen noch zeichen und wunder! welche freude! Wieland, Dich zu sehen - und seist du ein gespenst, wiedergänger, von den toten auferstanden: schrieb ich nicht allzeit den toten und den lebendigen zu? selbst unkaputtbar und doch halb gestorben? ruhten wir nicht im ginster eines haiku und schrieb ich dir nicht die totenklage?
    schnell - einen spiegel, mädchen, wie seh ich aus?
    ach, schon ist halb zerfressen das lebendgesicht von deinen spuren, den tiefen falten und dennoch: strömt da nicht der busen den alten geruch? klappert da nicht das herz den alten gesang? rostet da nicht ein ring am gichtenen finger?

    und bist dus denn wirklich - oder erlaubt sich das quälerische schicksal einen spielscherz ... wirft einem von hinten den längst verloren und vergangen geglaubten schatten als hologramm über die schulter von heute vor die augen von morgen, die vor tränen überquellen?

    und seis drum, allerseelen darf es ruhig pochen im erinnerungsklaren sinn, dem tiefen eindruck versprochen, den du dort hinterließest! ach! seele du!

    freude ists, unbändige!

  17. #17
    W. Nebel
    Laufkundschaft

    Liebste Susanna!

    Liebste Susanna,

    manchmal kehren die Toten zurück. Und doch werden sie nie wieder Teil der lebendigen Welt. Tot ist tot, wie der britische Autor Gertrud Perkins unlängst in seinem Essay "Wider der Welt - Die Ahnungen meiner Großmutter im Altenheim "Zum wilden Senior" " schrieb.

    Drum verschwindet Nebel wieder in den Nebel, raunt aber noch: "Leb wohl, meine dichtende Freundin."

    W. Nebel (Nun wieder schweigend und tot!)

  18. #18
    Tochter aus gutem Hause
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    [..]

    bist du einmal erstanden, so wirst dus wieder! längst haben wir uns bei den toten eingerichtet und hangen nicht an irdschen früchten. wir schliefen alle unter einem mond: der ginster, die dirnen und wir.
    im nebel weiß ich dich zu finden, liebster des vergangenen wortes, du neige d'antan, du wackerer musketier! und grüße mir des Severus scharfe zunge - und der lieblichen Anouk feines wort: verlebt.

    bei sunsgury: behüte dich Mann!
    bis also die ewigkeit sich einen zyklus weiter wieder rundet und du mir greisin dann einen guten abend wünschest
    tote wohl!

  19. #19
    W. Nebel
    Laufkundschaft

    Abschiedsgeschenk für Susanna

    Der Vergessene (Arbeitsfassung)

    von Gertrud Perkins


    Aufsteigen, immer den gelegten Spuren folgen, aufsteigen, dies müsste er können, und so saß er am Fenster und lauschte den hohlen Geräuschen der Straße, die ihm vom Leben erzählten. Vom Leben? Dort draußen war etwas in Bewegung. Es stampfte voran. Es zog seine Bahnen. Der Kreis begann sich zu schließen. Waren sie nicht dort draußen. Sie!
    Aufsteigen, so dachte er, und sog an seiner Zigarette und dachte an Martha, die ihr schwarzes Haar auf seiner Brust tanzen ließ, und an ihre abwesenden Augen, all die Beteuerungen der Liebe, die in ihm widerhallten, die ihn wegtrieben, weg von Martha, weg von diesem Leben.
    Er lauschte, lauschte zärtlich, seit Jahren hatte er nicht mehr derart intensiv gelauscht, zugehört, nein, es war kein zuhören, mehr ein Baden in Geräusche, die ihm Angst machten, und dann wieder Freude, aber hauptsächlich Angst, denn er wusste, sie waren dort draußen: Menschen.
    Ein Luftzug fuhr ihn an, von irgendwo her drang Luft ein, und er fuhr zusammen als hätte sich eine kalte Hand auf seine Schulter gelegt.
    Er saß hier!
    Ich sitze!
    Martha lächelte ihn an, seine Martha, die nun einen Verleger am Rande der Stadt belächelte, die so tat, als gäbe es ihn nicht mehr, die ihn ohne Blick ließ, trafen sie durch Zufall einmal zusammen, sei es in einem Kaffeehaus oder im Schuhladen.
    Martha hat mit ihm zusammen gesessen, sie hatte sein Ruhen, seine Unbeweglichkeit verstanden, so zumindest hatte er es gedacht, hatte er es vermutet. Aber dann eines Tages war sie aufgestanden und fort gegangen. Sie war in ihren Mantel wie eine neue Haut geschlüpft, und dann gegangen.
    Er würde sterben, würde im Sitzen sterben, unbeobachtet, fern aller Menschen, vor sich ein aufgeschlagenes Buch, einen Füller und ein Gedicht über Martha. Er schrieb einzig noch Gedichte über Martha, denn sie war der einzige Teil seines Lebens, den er sich noch immer verinnerlichen konnte.
    Er sitzt und schweigt.
    Sitzt da und schweigt, die Haare sind streng nach hinten gekämmt, und er raucht, raucht unaufhörlich, ganz so als gäbe es außer dem Sitzen und dem Rauchen nichts mehr zu tun. Die Zigaretten sind ihm Atem, sind ihm Zugehendes, da dringt etwas ein, so denkt er, da will noch etwas in mich. Martha hätte ihn ob solcher Gedanken ausgelacht. Sie hätte ihm gesagt, Aber wir rauchen doch einfach, weil es uns Spaß macht, und er hätte zustimmend genickt, und gedacht, Oh, nein, deshalb rauche ich schon lange nicht mehr. Ich rauche, weil es mich erinnert, weil es mir den Tod vor Augen führt, den Tod meiner Eltern, meiner Geschwister, den Tod, dem ich entgangen bin, Ich bin übrig, Ich bin Strandgut, Ich bin verloren gegangen. Der Tod, er hat mich vergessen.
    Aber Martha hätte ihn gescholten wegen solcher Gedanken, denn sie, die auch alles verloren hatte, sie wollte leben, und wahrscheinlich war sie deshalb auch gegangen. Er strömte Tod aus, und dieser ausströmende Tod hatte sie allmählich vertrieben. Wahrscheinlich hatte sie gespürt, dass wenn sie bei ihm blieb, er sie allmählich mit in den Tod ziehen würde, in jenen Tod, dem er entgangen war, aber wie er wohl dachte, zu Unrecht. Denn warum hätte er überleben sollen, während seine Freunde und seine Familie?
    Er sitzt und hört!
    Draußen setzt eine Frau ihre Stöckelschuhe, und er horcht auf, spitzt die Augen, und denkt für Sekundenbruchteile, Martha. Dann sackt er wieder in sich zusammen, denn er weiß, es ist nicht Martha und sie wird auch nicht wieder zu ihm zurückkehren.
    Er schließt die Augen, er schließt sie langsam, lässt die Lider zuklappen, sie fallen wie Tore, dämmrig und schläfrig ist ihm zumute. Wasser fließt, er hört Rinnsale, die anschwellen zu Stromschnellen, und nun kommt ihm wieder der Fluss in den Kopf, der Fluss, der Fluss, so röchelt er inwendig, der Fluss.
    Spaziergänge im Sonnenuntergang, Bilder wie aus einem Heile-Welt-Roman, Martha, die seine Hand nimmt und ihm zunickt, und ihn mit dem Fluss bekannt macht, Fluss, so sagt sie, dies ist Arthur, Arthur, dies ist der Fluss, und sie hatten sich angesehen, er und der Fluss, und schon damals hat er gewusst, ja, dies ist er, mein Fluss.
    Später dann, als er beschlossen hatte zu sitzen, sich dem Ruhen hinzugeben, da waren sie kaum noch zum Fluss gegangen, obwohl er manchmal von ihm träumte, von ihm, dem Dahinfliessenden.
    Und nun entstand der Fluss wie aus einem einzigen Tropfen vor seinem inneren Auge, und er sehnte sich nach?, ach, Martha, so flüsterte er, ach?
    Vielleicht würde er sp?ter noch zum Fluss gehen, sich noch einmal aufraffen, ein letztes Mal, hinunter zum Fluss, um dem Fluss zu lauschen, vielleicht würde er auch baden, so dachte er, und spürte plötzlich so etwas wie Erlösung.

  20. #20
    Tochter aus gutem Hause
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    im ritz



    sechzig paar schuhe habe ich

    mit hohem absatz, meter zehn,

    den rostroten cut, darling,

    den gestreiften burlington, baby,

    wir treten auf.

    wir sitzen nur drei tische getrennt

    um dich giggelt und blubbert es blasen rot

    um mich pafft und h?stelt und unterhält es gut

    wir lassen uns nicht aus den

    fressen uns mit

    wir ziehen uns aus, immer noch, damit

    ach wäre der abend nur schon selbmit!

    wir lassen ein sehnendes meer zurück

    vierzig augenpaare bleiben versucht

    draußen, endlich, regnet es taxiein

    zu zweit sind wir monströs und monstranz

    durch cartiers artifizell gestanzten mond

    darling, küss mich! und hebe das

    schwarze netz zurück über den hut

    die mondänstirn ganz

    deinen wurzelglanz

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