Das Band der Ehe ist die Fessel der Frau, sagt AYSE und tanzt. Es ist nicht ihre Hochzeit. Sie ist nicht die Braut. Sie hat nicht vor, jemals eine zu werden. AYSE tanzt. IBRAHIM drückt die Hand seiner Frau NURE. Wie schnell sind sie doch erwachsen geworden, die Kinder. AYSE tanzt. IBRAHIMS kleines wildes Mädchen. Hinter beschlagenen Fensterscheiben geht die Sonne am Steindamm auf. Hamburg wie im Morgenland. Noch ist es still in den Straßen zwischen Hauptbahnhof und Alster. Die letzten Gäste sind nach Hause gegangen. AYSE setzt ihr Kopftuch auf. Komm! AYSE und ARAS Arm in Arm torkelnd, albern. Bist du betrunken? AYSE schaut sich um. Meinst du mich? ARAS lacht. Ich liebe dich!

Erster Schultag nach den Frühjahrsferien. BAHAR und KATRIN warten am Berliner Tor. AYSE stürmt die Treppen vom U-Bahnhof hinauf. Sie reißt sich das Kopftuch herunter. Wie ein Schwall schwarzblauer Tinte fließen ihre Haare über die Schultern. Arme, die sich um die Hälse schlingen. Küsse, warm auf frischen Wangen. Hm, Vanilleduft. Oh, geil neue Schuhe. Und, was gibt?s Neues?

Morgentoilettenrituale. Kopftücher runter. Mascara satt. Wimpern in XXL. Grimassen grinsen im Spiegelbild. Den Stift sicher über die Lippen führen. Gar nicht so einfach im Gerangel um die besten Plätze. Gold, schmollen die Münder farbenfroh und heiter schweben die Stimmen auf Rauchwolken sitzend durch Türritzen ?ber den Flur. Schnell noch einen Knopf an der Bluse öffnen, Bauchpiercings glitzern im Sonnenlicht. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel, bevor Gong zur ersten Stunde ertönt. Rhythmisch trommeln Absätze das geheime Mantra auf Linoleum - erst das Leben, dann der Tod. Zurück bleibt, rotgeringelt in Kloschüsseln schwimmend, ein aufgedunsener Kippenfriedhof.

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