+ Antworten
Ergebnis 1 bis 15 von 15

Thema: anfang einer geschichte

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    2.October 2004
    Beiträge
    25
    Renommee-Modifikator
    0

    anfang einer geschichte

    Das Band der Ehe ist die Fessel der Frau, sagt AYSE und tanzt. Es ist nicht ihre Hochzeit. Sie ist nicht die Braut. Sie hat nicht vor, jemals eine zu werden. AYSE tanzt. IBRAHIM drückt die Hand seiner Frau NURE. Wie schnell sind sie doch erwachsen geworden, die Kinder. AYSE tanzt. IBRAHIMS kleines wildes Mädchen. Hinter beschlagenen Fensterscheiben geht die Sonne am Steindamm auf. Hamburg wie im Morgenland. Noch ist es still in den Straßen zwischen Hauptbahnhof und Alster. Die letzten Gäste sind nach Hause gegangen. AYSE setzt ihr Kopftuch auf. Komm! AYSE und ARAS Arm in Arm torkelnd, albern. Bist du betrunken? AYSE schaut sich um. Meinst du mich? ARAS lacht. Ich liebe dich!

    Erster Schultag nach den Frühjahrsferien. BAHAR und KATRIN warten am Berliner Tor. AYSE stürmt die Treppen vom U-Bahnhof hinauf. Sie reißt sich das Kopftuch herunter. Wie ein Schwall schwarzblauer Tinte fließen ihre Haare über die Schultern. Arme, die sich um die Hälse schlingen. Küsse, warm auf frischen Wangen. Hm, Vanilleduft. Oh, geil neue Schuhe. Und, was gibt?s Neues?

    Morgentoilettenrituale. Kopftücher runter. Mascara satt. Wimpern in XXL. Grimassen grinsen im Spiegelbild. Den Stift sicher über die Lippen führen. Gar nicht so einfach im Gerangel um die besten Plätze. Gold, schmollen die Münder farbenfroh und heiter schweben die Stimmen auf Rauchwolken sitzend durch Türritzen ?ber den Flur. Schnell noch einen Knopf an der Bluse öffnen, Bauchpiercings glitzern im Sonnenlicht. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel, bevor Gong zur ersten Stunde ertönt. Rhythmisch trommeln Absätze das geheime Mantra auf Linoleum - erst das Leben, dann der Tod. Zurück bleibt, rotgeringelt in Kloschüsseln schwimmend, ein aufgedunsener Kippenfriedhof.

    (...)

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.546
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: anfang einer geschichte

    Ich will ja nicht unken, aber ich ahne, wie es weitergeht, nur weitergehen kann, was thematisiert wird, wie motiviert wird und was letzten Endes beim Leser für ein Eindruck bleibt.


    Und es gefällt mir nicht, was sich da abzeichnet.

    Aber mir gefällt die Leichtigkeit der Sprache, die Präzision der Entwicklung und so ein kullerndes Lachen, das ich mittenmang zu hören glaube. Und damit kann hier vieles gerettet werden, bloß eines nicht, die moralische Tendenz.

    Doch darf die schon in künstlerischen Fragen außer acht gelassen werden.

    Fazit: Schreib Deine Geschichte weiter und widerlege meine schlechten Ahnungen.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    2.October 2004
    Beiträge
    25
    Renommee-Modifikator
    0

    fortsetzung

    danke Aerolith für dein feedback. wird der tod zu früh thematisiert (-> mantra?)?

    (...)



    Du wirst MURAT heiraten, sagt NURE. An deinem 18. Geburtstag, sagt NURE. Der Familienrat hätte es beschlossen. Vor AYSEs Augen verschmilzt die Küche zu einem trüben Wackelpudding. Die Gläser im Schrank klirren schrill. AYSE hält ihn fest, damit sie nicht zerspringen.

    TOMMIs Pullover kratzt. Lambswool aus kontrolliert biologischer Schafzucht. AYSE zwirbelt einen Wollfaden zwischen den Fingern. TOMMIs Küsse, wie bittere Schokolade zergehen sie auf AYSEs Zunge. Deutschland ist ein Rechtsstaat, sagt TOMMI und rührt um in seiner Tasse. Du wirst alt, Sahnebart, sagt AYSE. Wattewolken treiben im Alsterwasser. Segelboote dümpeln auf und nieder. Flaute.

    Es ist zu deinem Besten. YUSUF dreht den Schlüssel im Schloss. Verräter, sagt AYSE. Hinfort Vollidiot! Vier Wände machten noch kein Verlies, solange Allah ihr verbunden bliebe.

    NURE bringt Kichererbsenmuss, goldgelb, in Knoblauch geschwenkt. Ein Hauch Leben dampft aus der Teetasse. Baba? NURE weicht AYSEs Blick aus. Tränen springen AYSE über den Lidrand. Es fehlt noch etwas Salz im Brei, sagt AYSE und wischt sich mit dem Handrücken quer ?ber das Gesicht. NURE vergräbt ihre Fäuste in den Taschen der Schürze. EVIN ließe sie grüßen. Und ARAS natürlich. AYSE fühlt den Schmerz wie den eines amputierten Körpers durch ihre Eingeweide kriechen. ARAS ist ein Teil von ihr. Er ist ihr Zwilling.

    Die Tür ist immer offen für euch, sagt NURE. Sie hat Wort gehalten.
    Allahu Akbar! AYSE, schutzlos wie ein Kaninchen vor den grauen Wölfen, schlägt Haken durch die Stadt. Wohin? Wohin? TOMMIs Pullover kratzt wie eh und je. Sei uns willkommen, AYSE, sagt TOMMIs Mutter SABINE. Sie würde ihr doch nicht glauben, beruhigt AYSE ihr schlechtes Gewissen. In Deutschland sei die Würde des Menschen unantastbar, würde sie sagen. Noch etwas Kaffee, AYSE?

    (...)

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.June 2002
    Ort
    München
    Beiträge
    788
    Renommee-Modifikator
    18
    mir gefällt deine sprache sehr gut. die verkürzenden, aber gut verständlichen chiffren. der kratzige pullover für die nahe freundschaft, die grauen wölfe...
    es ist alles schwafeln weggelassen auch an den weiterführenden gelenken der geschichte. kein wort zu viel und keines zu wenig. sehr einfühlsam.

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    2.October 2004
    Beiträge
    25
    Renommee-Modifikator
    0
    danke fürs lob, susanna ich bin jedoch mit dem 2. teil noch nicht zufrieden. dass aras als ayses zwilling zu outen, ist an diesem punkt der geschichte zu früh, finde ich. dieser satz: " AYSE fühlt den Schmerz wie den eines amputierten Körpers durch ihre Eingeweide kriechen" ist blödsinn oder? ich kriegs nicht formuliert, was ich meine. also hab ichs gestrichen und was neues erfunden. und aus den grauen wölfen sind jetzt einfach wölfe geworden. das war zu dick aufgetragen *g*

    teil II, geändert:

    Du wirst MURAT heiraten, sagt NURE. An deinem 18. Geburtstag, sagt NURE. Der Familienrat hätte es beschlossen. Vor AYSEs Augen verschmilzt die Küche zu einem trüben Wackelpudding. Die Gläser im Schrank klirren schrill. AYSE hält ihn fest, damit sie nicht zerspringen.

    TOMMIs Pullover kratzt. Lambswool aus kontrolliert biologischer Schafzucht. AYSE zwirbelt einen Wollfaden zwischen den Fingern. TOMMIs Küsse, bittere Schokolade auf AYSEs Zunge. Deutschland ist ein Rechtsstaat, sagt TOMMI und rührt um in seiner Tasse. Du wirst alt, Sahnebart, sagt AYSE. Wattewolken treiben im Alsterwasser. Segelboote dümpeln auf und nieder. Flaute.

    Es ist zu deinem Besten. YUSUF dreht den Schlüssel im Schloss. Verräter, sagt AYSE. Vollidiot! Vier W?nde machten noch kein Verlies, solange Allah ihr verbunden bliebe.

    NURE bringt Kichererbsenmuss, goldgelb, in Knoblauch geschwenkt. Ein Hauch Leben dampft aus der Teetasse. Baba? NURE weicht AYSEs Blick aus. Tränen springen AYSE über den Lidrand. Es fehlt noch etwas Salz am Essen, sagt AYSE und wischt den Handrücken quer über das Gesicht. NURE streichelt AYSEs Rücken. EVIN ließe sie grüßen. Und ARAS natürlich. Ein beißender Schmerz kriecht durch AYSEs Eingeweide wie Seitenstechen durch den Bauchnabel. Mach doch nicht aus jeder Mücke einen Elefanten, würde ARAS sagen, seinen Arm um AYSE legen und sie an sich schmiegen. Vielleicht ist es bloß Hunger?

    Die Tür ist immer offen für euch, sagt NURE. Sie hat Wort gehalten.
    Allahu Akbar! AYSE, schutzlos wie ein Kaninchen vor den Wölfen, schlägt Haken durch die Stadt. Wohin? Wohin? TOMMIs Pullover kratzt wie eh und je. Sei uns willkommen, AYSE, sagt TOMMIs Mutter SABINE. Sie würde ihr doch nicht glauben, beruhigt AYSE ihr schlechtes Gewissen. In Deutschland sei die Würde des Menschen unantastbar, würde sie sagen. Noch etwas Kaffee, AYSE?

    (...)

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.June 2002
    Ort
    München
    Beiträge
    788
    Renommee-Modifikator
    18
    kann mich deinen drei überlegungen eigentlich nicht anschließen

    aras muß wohl beizeiten erklärt werden, um das mit tommy nicht zu verkomplizieren.

    der schmerz des amputierten körperteils, der phantomschmerz trifft doch hier besser, weil irgendetwas fehlendes den schmerz auslöst, als die seitenstechen durch den nabel, was mir zu hintenrum durchs kreuz erscheint

    und gerade in diesem clash of cultures scheint mir das alte bild der von der hochebene heruntersteigenden grauen wölfe stärker als nur die angst des kaninchens vor einem normalen wolf.

  7. #7
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    2.October 2004
    Beiträge
    25
    Renommee-Modifikator
    0
    susanna, solltest du rechthaben???

    (...) Und ARAS natürlich. Als wären AYSE Körper und Seele amputiert. Leere füllt sich mit Schmerz.

    ???

    okay, die wölfe sind bis auf weiteres wieder grau.

    dass aras ihr zwilling ist, lass ich zu diesem zeitpunkt der geschichte doch besser offen. im verlauf muss es dann immer mehr hinweise geben, die die leser ins rechte bild setzen. so stelle ich mir das im moment vor. aber, wer weiß, wo mich ayse und co. noch hinführen

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    27.July 2000
    Ort
    Freiburg im Breisgau
    Beiträge
    467
    Renommee-Modifikator
    20

    Straßenverlegung in HH?

    ...die Sprache ist gut, gut lesbar, da gibt es wenig zu bemänteln. Allerdings glaube ich nicht, dass man eine Geschichte erzählen kann, in dem man einfach vorn anfängt und irgenwann ans Ende kommt. Aber das mag auch der Grund sein, warum ich so wenig Prosa fertig bringe.

    Ach ja, Kleinigkeit: Wenn man in HH den Steindamm nicht verlegt hat, dann verläuft er in etwa parallel zur Alster, weg vom HBF nach Nordosten, die Straßen zwischen Bahnhof und Alster sind von dort kaum zu sehen oder hören (mich irritierte im ersten Abschnitt "Noch ist es still in den Straßen zwischen Hauptbahnhof und Alster").

  9. #9
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    2.October 2004
    Beiträge
    25
    Renommee-Modifikator
    0

    die ganze geschichte

    hallo lester,

    am wichtigsten ist doch, dass die neugier der leser geweckt wird und anhält. aerolith ist ja gleich am anfang schon ausgestiegen, weils ihm zu offensichtlich erscheint. das kann ich nachvollziehen. ich arbeite an der erfindung des gegengifts - da kommt mir dein kommentar gerade recht. danke - mit dem schluss beginnen. hm. das ist gar keine schlechte idee ...

    deine ortskenntnis ist korrekt - ich hab ein paar straßennamen und lokale eingebaut, ums konkret und damit zumindest für kenner und st. georg fans interessanter zu machen.



    "Lob und Preis sei Allah, dem Herrn aller Weltenbewohner, dem gn?digen Allerbarmer, der am Tage des Gerichts herrscht. Dir allein wollen wir dienen und zu dir allein flehen wir um Beistand. F?hre uns auf den rechten Weg, den Weg derer, welche sich deiner Gnade freuen ? und nicht den Pfad jener, ?ber die du z?rnst oder die in die Irre gehen."

    SURE AL-FATIHA, DIE ERÖFFNUNG DES KORANS




    Ende der Unschuld

    Allahu Akbar! Das Band der Ehe ist die Fessel der Frau, sagt AYSE und tanzt. Es ist nicht ihre Hochzeit. Sie ist nicht die Braut. Sie hat nicht vor, jemals eine zu werden. AYSE tanzt mit ARAS und EVIN, ihrer kleinen Schwester. IBRAHIM drückt die Hand seiner Frau NURE. Wie schnell sind sie doch erwachsen geworden, die Kinder. YUSUF, endlich verheiratet. CANAN wird ihm eine fromme Frau sein, das wünschen sich IBRAHIM und NURE von Herzen. AYSE tanzt. IBRAHIMS kleine wilde Lieblingstochter. Hinter beschlagenen Fensterscheiben geht die Sonne am Steindamm auf. Hamburg wie im Morgenland. Noch ist es still in St. Georg. Die letzten Gäste sind nach Hause gegangen. AYSE setzt ihr Kopftuch auf. Komm! Bremer Reihe. Hansaplatz. Danziger Straße. AYSE und ARAS Arm in Arm torkelnd, albern. Bist du betrunken? AYSE schaut sich um. Meinst du mich? ARAS lacht. Ich liebe dich!

    Erster Schultag nach den Frühjahrsferien. BAHAR und KATRIN warten am Berliner Tor. AYSE stürmt die Treppen vom U-Bahnhof hinauf. Sie reißt sich das Kopftuch herunter. Wie ein Schwall schwarzblauer Tinte fließen ihre Haare über die Schultern. Arme, die sich um die Hälse schlingen. Küsse, warm auf frischen Wangen. Hm, Vanilleduft. Oh, geil deine Schuhe. Und, was gibt's Neues?

    Morgentoilettenrituale. Kopftücher runter. Mascara satt. Wimpern in XXL. Grimassen grinsen im Spiegelbild. Den Stift sicher über die Lippen führen. Gar nicht so einfach im Gerangel um die besten Plätze. Gold, schmollen die Münder farbenfroh und heiter schweben die Stimmen auf Rauchwolken sitzend durch T?rritzen über den Flur. Schnell noch einen Knopf an der Bluse öffnen, Bauchnabelpiercings glitzern im Sonnenlicht. Krass! Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel, bevor der Gong zur ersten Stunde ertönt. Rhythmisch trommeln Absätze das geheime Mantra auf Linoleum - erst das Leben, dann der Tod, erst das Leben ... Zurück bleibt, rotgeringelt in Kloschüsseln schwimmend, ein aufgedunsener Kippenfriedhof.

    Du wirst MURAT heiraten, sagt NURE. An deinem 18. Geburtstag, sagt NURE. ONKEL MEHMET und der Familienrat hätten es beschlossen. Vor AYSEs Augen verschmilzt die Küche zu einem trüben Wackelpudding. Die Gläser im Schrank klirren schrill. AYSE hält ihn fest, damit sie nicht zerspringen.

    TOMMIs Pullover kratzt. Lambswool aus kontrolliert biologischer Schafzucht. AYSE zwirbelt einen Wollfaden zwischen den Fingern. TOMMIs Küsse, bittere Schokolade auf AYSEs Zunge. Deutschland ist ein Rechtsstaat, sagt TOMMI und rührt um in seiner Tasse. Du wirst alt, Sahnebart, sagt AYSE. Wattewolken treiben im Alsterwasser. Segelboote dümpeln auf und nieder. Flaute.

    Es ist zu deinem Besten. YUSUF dreht den Schlüssel im Schloss. Verräter, sagt AYSE. Vollidiot! Vier Wände machten noch kein Verlies, solange Allah ihr verbunden bliebe.

    NURE bringt Kichererbsenmuss, goldgelb, in Knoblauch geschwenkt. Ein Hauch Leben dampft aus der Teetasse. Baba? NURE weicht AYSEs Blick aus. Tränen springen AYSE über den Lidrand. Es fehlt noch etwas Salz am Essen, sagt AYSE und wischt die Hand quer über das Gesicht. NURE streichelt AYSEs Rücken. EVIN ließe sie grüßen. Und ARAS natürlich. Als wären AYSE Körper und Seele amputiert. Leere füllt sich mit beißendem Schmerz.

    Die Tür ist immer offen für euch, sagt NURE. Sie hat Wort gehalten. Allahu Akbar! AYSE, schutzlos wie ein Kaninchen vor den Wölfen, schlägt Haken durch die Stadt. Wohin? Wohin? TOMMIs Pullover kratzt wie eh und je. Sei uns willkommen, AYSE, sagt TOMMIs Mutter SABINE. Sie würde ihr doch nicht glauben, beruhigt AYSE ihr schlechtes Gewissen. In Deutschland sei die Würde des Menschen unantastbar, würde sie sagen. Noch etwas Kaffee, AYSE?

    Gardinen, verquirlt im gleißenden Scheinwerferlicht, treiben es des Nachts wie durchgeknallte Derwische in bauschenden Röcken auf dem Fenstersims. Reiben ihre geistlosen Körper an Rosentapeten - Hure! - Schlampe! - Sau! Am Tag parkt die dunkle Limousine weiter unten an der Straßenecke im absoluten Halteverbot. Das ist kein Verbrechen, sagt ARAS Freund, der Polizist.

    Am helllichten Vormittag in der Fußgängerpassage. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Die Schergen von OHNKEL MEHMET machen keine halben Sachen. Dafür werden sie nicht bezahlt. Leute glotzen. Die zierliche Frau wird es schon alleine packen.

    SABINEs Leben hängt an einem Plastikschlauch. Salzige Lösung tropft in ihre Vene. AYSE schaut sich nicht um. Sie sind da, das fühlt AYSE wie Mundgeruch vorm Aufstehen. AYSE fährt mit dem Metrobus 6. Steigt in den 3er und in die U-Bahn und noch mal in den 20er um bis zum Universitätskrankenhaus Eppendorf. Verzeihen werde ichs mir nie!, flüstert AYSE. Du bist wie mein Fleisch und Blut, ARAS, wen sonst kann ich bitten? Geh zur Polizei!

    OHNKEL MEHMET macht sich nie die Finger schmutzig. YUSUF kuriert AYSE bis die Scheiße aus ihrem verfickten Arschloch rinnt. Zeit heilt alle Wunden und seien es nur ein paar Stunden. NUREs Bruder DR. ASLAN kümmert sich, so gut er kann. Es gibt Dinge, die lassen sich nicht wieder gutmachen, sagt DR. ASLAN zu AYSEs Eltern. IBRAHIM, hohläugig, wünschte sich nichts mehr als AYSE von dem Bösen zu erlösen. Doch das ist so unmöglich, wie den Propheten Mohammed ins Diesseits zu beamen. NURE weint. Eins der wenigen Privilegien, die ihr geblieben sind. Aufrecht an MURATs Arm setzt AYSE behutsam einen Fuß vor den anderen. Alles Gute, wünscht die Standesbeamtin.

    Lammkebab. Reis. Feigen. Datteln. Ingwer. Zuckermandeln. Zimtstangen. Der Iman rezitiert aus dem Koran. Der Schlüssel zum Paradies liegt kühl in AYSEs hennagefärbter Hand - eine Walther "P99 DAO" Dienstwaffe, Kaliber 9 mm, 10 Schuss. AYSE braucht nur einen. MURAT klappt zusammen wie eine Marionette, deren Fäden alle auf einmal reißen. Friede sei mit dir, MURAT, sagt AYSE. Und allzeit die Finger einer drallen Jungfrau an deinem Hosenschlitz! Allahu Akbar!

    herzliche grüße
    chris

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.June 2002
    Ort
    München
    Beiträge
    788
    Renommee-Modifikator
    18
    ja, nun ists eine exzellente parodie geworden und hat über dem sprachwitz die seele verloren. damit den - wenn auch verhersehbaren - kern, der es getragen hätte.

    die metaphern sind aber ausgezeichnet (alle fäden auf einmal durchschnitten), ebenso die transposition der liebesnacht in die vorhänge. laß deine sprache deiner seele dienen - dann wärs perfekt - äh - noch nicht ganz: die kurzsätze wären mühsam auf dauer, in einem längeren text also, zu lesen. epische breite erzielts nicht; solls auch nicht. ist ja wie daumenkino: schnitt - schnitt - schnitt.

    die großgeschriebenen namen find ich störend und mit dem holzhammer. das versteht der leser auch so.

    ob der abzeitige aber allzeitige finger am hosenschlitz (und sonst weiter nix) nicht eher eine strafe ist, damit eine verfluchung des zum handschuß gekommenen dritten?

  11. #11
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    2.October 2004
    Beiträge
    25
    Renommee-Modifikator
    0
    susanna, übers daumenkino freu ich mich - bei dem text handelt es sich um ein expose (deswegen die großschreibung der namen. ist übliche praxis. dafür kann ich nix) für einen spielfilm. auf maximal 5 seiten muss das wesentliche rüber gebracht werden. ich habs versucht in prosa zu verpacken, was eigentlich ungewöhnlicher stil ist für ein expose. kann die finger vom experimentieren nich lassen.

    ist es so vorhersehbar, dass ayse die mörderin ist? *grübel* solche geschichten enden in der realität mit dem tod der frau. und so war es auch ursprünglich geplant, bis aerolith zu mosern anfing :D

    warum meinst du denn, es sei jetzt eine parodie ohne seele geworden, susanna? kannst du das noch ein bisschen präzisieren, bitte?

    die jungfrau im letzten satz wäre mir schon wichtig. nur wie soll ichs formulieren? daran knabbere ich gerade.

    ein paar änderungen zum inhalt gibts inzwischen schon wieder.
    aras ist polizeianwärter. ayse bekommt die waffe also direkt von ihm.

    herzliche grüße
    chris

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.June 2002
    Ort
    München
    Beiträge
    788
    Renommee-Modifikator
    18
    soso - da wolltest uns ein filmexpose für kurzprosa verkaufen und ich habs daumenkino richtig getippt. mußts halt dann auch richtig verkleiden und die namen prosaüblich.

    ich war bei der ersten fassung auch noch davon ausgegangen "anfang einer geschichte", daß noch eine breite entwicklung folgt. nun versteh ich die handlung aber als abgeschlossen (das ende der unschuld). und da merkt man halt, daß dir nicht mehr die geschichte wichtig war, sondern eine art beweisführung gegen die vorhersehbarkeit der seelischen entwicklung. und jetzt, da du es als expose für einen film verortest, erklärt es sich von selbst:
    exposes sind seelenlos - sind ja keine durchführung, sondern die angabe des plots, wobei ich jetzt die wundervollen metaphern als regieanweisungen lese.

    das muß sich allerdings richtig gut machen in der bildumsetzung. stell dir film-ende vor:
    sie gibt den schuß ab und statt den zusammensackenden murat blendet man eine marionette ein, deren fäden alle auf einmal durchtrennt werden.

    wenn ayse die waffe direkt von aras bekommt, nimmst du ihr wieder etwas von ihrer autonomie weg, weißt du wie ichs meine? sie stellt sich ja grade als frau der frauenunterdrückenden archaik entgegen und ist nicht nur werkzeug oder ausführende von aras plänen, oder ordnet sie sich ihm unter? und filmisch wäre das wenigstens noch etwas zusatzaction und location, wie sie die waffe besorgt.

    das "allzeit" steht der jungfrau im weg: "immer wieder" eine jungfrau ... wäre die einfachste formulierung.

  13. #13
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    6.June 2000
    Ort
    Stuttgart
    Beiträge
    531
    Renommee-Modifikator
    0
    nun christine, jetzt hast dich geoutet als filmdrehbuchschreiberin, aber ich denke ein roman ist etwas völlig anderes als ein expose für einen film. da muß man ganz anders herangehen. entschlacken kann man bei einer kurzfassung, aber bei etwas längerem geht es einfach nicht. du hast das immer noch nicht kapiert.

  14. #14
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    2.October 2004
    Beiträge
    25
    Renommee-Modifikator
    0
    kein widerspruch von mir, patina - romane und drehbücher sind technisch völlig verschiedene machwerke

    ich bin doch nicht blöd
    mir würde es nie einfallen, kurze sätze zum dogma zu machen. oder gar schnitt-sequenzen. das wäre ja schrecklichst! aber, je länger ein prosatext, desto wichtiger ist entschlackung der sprache oder anders formuliert - je ungewöhnlicher das gewöhnliche beschrieben wird, desto interessanter ist es für den leser. ich fürchte, du bist es, die das noch nicht kapiert hat.

    versuch doch mal den anfang deines romans zu entschlacken, nur mal so zum spass. oder soll ich

    herzliche grüße
    chris

  15. #15
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    6.June 2000
    Ort
    Stuttgart
    Beiträge
    531
    Renommee-Modifikator
    0

    entschlacke Du!

    Hallo christine,
    ja versuche das doch mal nur so zum Spaß. Wäre gespannt, was du daraus machst, wenn du entschlackst (was für ein gräßliches Wort!)
    lg Patina

+ Antworten

Ähnliche Themen

  1. zuhause. von anfang bis ende.
    Von gretchen im Forum Forum für das geschriebene Wort
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 05.09.19, 15:24
  2. Anfang einer Erzählung
    Von Mark im Forum Forum für das geschriebene Wort
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 27.05.18, 08:12
  3. im Anfang
    Von Paul im Forum Lyrsa
    Antworten: 8
    Letzter Beitrag: 23.03.18, 09:10
  4. Anfang einer Erzählung
    Von ste im Forum Forum für das geschriebene Wort
    Antworten: 22
    Letzter Beitrag: 17.08.17, 08:51
  5. anfang: der brennwart
    Von bernouilly im Forum Lyrik
    Antworten: 13
    Letzter Beitrag: 04.10.00, 17:41

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •