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Thema: Rolf Peter Sieferle: Finis Germania

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    Rolf Peter Sieferle: Finis Germania

    In die Rubrik Rezensionen passt dieses Thema nur bedingt, weil ich das Buch weder gelesen habe noch vorhabe irgend etwas zum Inhalt zu schreiben.
    Der Spiegel hat das Buch "Finis Germania" aus seinen Bestsellerlisten gestrichen. Klammheimlich.

    http://uebermedien.de/18120/der-rech...stsellerliste/
    Finis Germania war eine Woche auf der SPIEGEL-Bestsellerliste platziert. Die Chefredaktion des SPIEGEL hat daraufhin beschlossen, das Buch beim nächsten Mal von der Liste zu nehmen. Die Chefredaktion tut dies nur in absoluten Ausnahmefällen, aber sie hält das Buch für klar antisemitisch, hat dies auch bereits öffentlich geäußert und möchte die Verbreitung nicht unterstützen.
    Die Frage ist, warum die Spiegel Chefredaktion so brunzdumm agierte. Man will die Verbreitung eines Buches nicht unterstützen, und leitet dann Maßnahmen ein, die das Buch maximal pushen. Damit treibt man dem Buch Käufer zu, die sich dieses Werk nicht gekauft hätten.

  2. #2
    Neil Molchberg
    Laufkundschaft

    AW: Finis Germania

    Zitat Zitat von Streusalzwiese Beitrag anzeigen
    ... Man will die Verbreitung eines Buches nicht unterstützen, und leitet dann Maßnahmen ein, die das Buch maximal pushen. Damit treibt man dem Buch Käufer zu, die sich dieses Werk nicht gekauft hätten.

    Es braucht ja keiner darüber zu berichten und zur Verbreitung beitragen, wie Sie eben.

    Gute Werbung.

  3. #3
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Finis Germania

    Da werde ich doch neugierig... Allerdings ist mein Bedarf an politischen Diskussionen derzeit gedeckt. Ich empfehle Lektüre des Buches, sofern Diskussionsbedarf besteht. Keine vagen Vermutungen, wer was warum wo einstellte oder ob das Buch antisemitisch oder antikommunistisch oder gar antiliberal sei. Vermutungen sind gut, aber wenig tragbar für eine dezidierte Auseinandersetzung. Wenn der Titel des Buches auf seinen Inhalt schließen lassen soll, dann bin ich schon interessiert. Untergangsszenarien hatten wir hier schon öfter, ich erinnre nur an Spenglers "Untergang des Abendlandes" oder Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit".

    P.S. Muß es nicht finis germaniae heißen?

  4. #4
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    AW: Finis Germania

    Nu ja:

    finis Germania:

    Das Deutschland des Endes/im Endzustand (Finis als Genitiv)

    Deutschland ist das Ziel (Ellipse von "est")

    Du endest/bist am Ende, Deutschland (finire, Verb)

    (Dein) Ende, Deutschland (Aposiopese)


    https://www.nytimes.com/2017/07/08/o...-antihero.html

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Finis Germania

    Zitat Zitat von Neil Molchberg Beitrag anzeigen
    Es braucht ja keiner darüber zu berichten und zur Verbreitung beitragen, wie Sie eben.

    Gute Werbung.
    Ob Verschweigen so gut ist? Ich bin nicht dieser Ansicht. Und es ist wenig erfolgsversprechend im Internetzeitalter.
    Im Spiegel ist in der Zwischenzeit folgendes zu Lesen:
    http://www.spiegel.de/kultur/literat...a-1159667.html

    Zuerst empfiehlt ein Spiegelredakteur dieses Buch, und dann, als der Hype um das Buch fast vorbei war, macht die Spiegel-Chefredaktion die bestmögliche Werbung dafür. Dieses Buch ist ein echter Spiegelbestseller, völlig unabhängig davon ob es in den Bestsellerlisten auftaucht oder nicht.

  6. #6
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Finis Germania

    Ah, ja, so ließe sich das auch lesen. Ich Dummerle bin offenbar eine S-P-O-Grundierung in Latein gewohnt, wenn schon kein Verb. Wenn Verb, dann aber das ans Ende. Nun gut, also übersetzen wir das mal lose als (Deines) Ende, Deutschland! Oder noch grummliger: Dein ist das Ende, o Deutschland!

    Danke, Willi Wumm.

    Dann werde ich mir den Text mal besorgen und lesen, kostet ja nur 8,50 € samt Zusendung. Kann nicht lange dauern, das wegzuschmökern. Paßt mir derzeit zwar nicht sehr in die Planung, aber offenbar wirbelt das Buch des inzwischen gestorbenen Sieferle



    Staub auf und sollte zur Kenntnis genommen werden.

    Melde mich, wenn ich es gelesen habe. Falls jemand ein paar Anmerkungen über das Buch, nicht über die SPIEGEL-Affäre, niederlegen möchte, nur zu! Antwort von mir bleibt dann aber erst mal aus.

    Den englischsprachigen Text habe ich gelesen, finde ihn aber sehr von oben herab formuliert. Kann ein Eindruck nur sein, aber dezidierte Befasse sieht dann doch anners aus. Ich hatte den Eindruck, daß da einer erst mal seinen Lesern erklären will, daß in Deutschland gedacht wird.

    Eines aber gefiel mir:

    erstellt von der NY Times:

    Some are not. Rüdiger Safranski, a prominent historian of philosophy, defended Mr. Sieferle’s work as being in the poetic tradition of Heinrich Heine and Edward Young.
    Das ist dann doch mal was und wird zu prüfen sein.

    Ob die SPIEGEL-These über Sieferles Buch stimmt,
    Der Spiegel summed it up as “the Germans are the new Jews.”
    wird auch zu prüfen sein. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sieferle das mitteilen wollte, aber wir werden sehen.

  7. #7
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Rolf Peter Sieferle: Finis Germania

    Die ersten vierzig von gut einhundert Seiten sind gelesen. Es gefällt mir. Stil und Aufbau sind knorke, der Essayist in mir jubiliert, denn Sieferle benutzt nicht nur Döblins resp Tollers Montagetechnik, sondern findet in den einzelnen Abschnitten eine gerade Linie seiner Darstellung, die Argumente eher beiläufig einfließen läßt, vielmehr einem komparatistischen Gesamtblick frönt, der mir sehr behagt. Spezialistentum und allzu dezidierte Argumentenhascherei sind doch nur ein Zeichen verdrängter Komplexe und wirken immer ein wenig bemüht. Nein, Sieferle ist auch nicht auf Kommunikation mit seinem Leser aus, wie es bei Essayisten oft der Fall ist, das Buch wirkt eher wie eine Dystopie, wie ein Nachlaß, eine Beschreibung der Zukunft aufgrund der zusammenhängenden Erkenntnisse der Vergangenheit. Sieferle bleibt das Spezielle aber nicht schuldig, wenn ich nur an seine Herleitung des Establishment-Begriffes für die BRD denke, die er wohltuend historisch klar deduziert, wobei es an einzelnen Bonmots zu Politikern der jüngeren Geschichte nicht fehlt. Das hebt die grundsätzlich mollartige Stimmung. Ein Hoffnungsgesang ist sein Werk nicht.

    Das sind die ersten Eindrücke.

    - wird fortgesetzt -

  8. #8
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Rolf Peter Sieferle: Finis Germania

    Durch. Gefiel mir bis zur letzten Seite. Großartiges Nachwort.

    Sieferles erste These lautet: Der deutsche Sonderweg ist eine Konstruktion des Westens, eine Entente-Propaganda-Lüge, mit Hilfe derer sie den Deutschen einen "traditionalistisch-vormodernen Sonderweg zuschrieben", was die Deutschen "fundamental vom Westen unterscheiden sollte". (S. 8.)

    Auf diese Weise sei es dem Westen leichter gefallen, den Holocaust als eine Folge dieses Sonderweges zu artifizieren, sich aber gleichsam davon aufgrund der Modernität seiner selbst abzuheben, sich sozusagen gegen Barbarei und Mittelalter zu immunisieren. Im Westen könne der Holocaust nie geschehen, nur in Deutschland war er möglich, eben wegen des deutschen Sonderweges. Die Hunnen, die Barbaren, die Teutonen besäßen eben von vornherein die Neigung, aufgrund ihrer barbarischen Traditionen, antisemitische Ressentiments mit grausamer Entschlossenheit auszuleben. Der Westen dagegen habe aufgrund seines geraden Weges in die Moderne keine Affinität zu diesen grausamen Bestandteilen, die seit seinen bürgerlichen Revolutionen kein Wesensbestandteil des modernen westlichen Menschen mehr seien.
    Das Verhältnis Deutschlands zum Westen wird im folgenden weiter thematisiert. WENN es eine deutsche Sonderentwicklung gegeben haben soll, so stellt sich zwangsläufig die Frage, was eine NORMALE Entwicklung gewesen wäre. Man muß einen Drehpunkt fixieren, der sozusagen den Mittelpunkt, die geistige und politische Kernentwicklung, definieren hilft. Für den Westen ist es ganz klar die Entwicklung, die er selber nahm (so ein bißchen kalvinistischer Erwähltheitsdünkel schwingt mit), also die grobe Entwicklung, wie sie sich in Frankreich, Britannien und Amerika abspielte, kurz gesagt, die auf Pragmatismus und Utilitarismus aufbauende Entwicklung zu einer parlamentarischen/präsidialen Demokratie. Eine NORMALE Entwicklung ist ein teleologisches Konstrukt: unfrei, gespenstisch und zwanghaft.
    Aber die Geschichte zeigte und zeigt, daß es der Westen ernst mit seiner säkularisierten Heilserwartung einer NORMALEN Entwicklung meint: Wehe dem, der sich nicht den Werten des Westens anlehnen will. Die Folge sind Krieg, Ächtung, Sanktionspolitik und dergleichen mehr. Sieferle nennt diese Heilserwartung "geschichtsteleologischen Hokuspokus" (S. 10.).


    Die zweite These betrifft die Kontinuität der historischen Entwicklung, die Sieferle mit der der jeweiligen Elite koinzidiert. Er beschreibt die Elitenentwicklung in Britannien/USA (Elitenrekrutierung auf Dinnerpartys, Country-Clubs, Privatschulen...), Frankreich (grande ecoles und republikanische Staatsräson) und Italien (aristokratische Familien und patriarchalische Personenverbände; Mafia), also in scheinbar ähnlichen Ländern wie Deutschland, als homogen, zumindest nicht in ihrer Tradiertheit gebrochen, währenddessen die deutschen Eliten gleich mehrfach zerstört worden sind, was sie dato veranlaßt, sich aus dem Rampenlicht ins Private zurückzuziehen, sich also dem gesellschaftlichen Diskurs zu entziehen. Anders gesagt: in Deutschland mag es eine Elite geben, aber da sie keine ordnungstiftende Funktion für die Deutschen abgibt, sofern man die Deutschen als Staatsvolk begreifen möchte, besitzt die BRD keine Elite.
    Die empirische Einzelbelegung soll hier nicht interessieren. Sie überzeugte mich.
    Ein anderer Punkt scheint mir erwähnenswert, weil er die beiden ersten Thesen miteinander verzahnt und somit konzeptionell zu verstehen ist:
    Die Entwicklung zur westlichen Demokratie, als die die obwaltende politische Ordnung dieser Tage bezeichnet wird, erfolgte nach Sieferle aus der Oligarchie: "von der unerschütterten Selbstgewißheit Großbritanniens [wird] seine oligarchische Vergangenheit in aller Öffentlichkeit zur Wiege der Demokratie [verklärt]".

    Diese Aussage deckt sich mit eigenen Erkenntnissen, die ich vor Jahresfrist im Schulbuch "Geschichte" formuliert habe. Es freut mich, daß ich offenbar nicht der Einzige in diesem Land bin, der das erkannt hat.
    Eltenkonstanz im Westen und Elitenbrechung in Deutschland bilden zwei Seiten einer Medaille. Die Weltkriege wurden geführt, um den Störenfried der deutschen Intelligenz und Elite aus dem Weltrennen zu werfen. Das scheint dann wohl gelungen zu sein und stellt der deutschen Elite heute nicht nur ein schlechtes Zeugnis aus, sondern auch der von 1914 und 1939. Aber DIESE These ist nicht neu, daß es nämlich ein Elitenversagen 1914 gegeben habe. Diese These vertritt auch Fischer und mit ihm die heutige linksgrüne Establishmentschickeria. Aber sie meinen es anders. Sie sind der Meinung, daß die Eliten von 1914/39 die Schuld an den Weltkriegen tragen und ihre Vernichtung zurecht erfolgte.

    Die Elitenbildung resp. deren Rückzug ins Private in der BRD haben u.a. einen Politikstil zur Folge, der von Sieferle als "kleinbürgerlich-amorph" (S. 23.) bezeichnet wird. Die fehlende Verbindung geistiger, wirtschaftlicher und politische Eliten verhindert in der BRD einen progressiven Politikstil, also eine Politik, die ein Ziel verfolgt, das gesellschaftlichen und individuellen Fortschritt gleichermaßen beinhalten könnte. Das Turteln der Prominenz (vors Loch geschobene Anzugaffende aus der Schickeria ohne substantielle Funktion) mit politischen Segensträgern besitzt nur eine unterhaltende und damit von den wesentlichen Vorgängen ablenkende Funktion, ist demnach Manipulation. Diejenigen, die progressiv in die Geschicke unseres Landes eingreifen könnten, "pflegen dagegen ihr Selbstbewußtsein eher im Verborgenen" (S. 24.)


    Der dritte Themenkomplex des, wie bereits gesagt, mosaikartig aufgebauten Essays betrifft die innere Entwicklung der BRD. Sieferle bestimmt den Kernbegriff der Sozialdemokratisierung. Damit meint er keineswegs die Bestandheit einer sozialdemokratischen Partei, also nicht das politische Phänomen SPD/USPD/SDP u.ä. Artikulationen, die es in unserer Geschichte gab, sondern "ein tiefverwurzeltes kulturelles Phänomen" (S. 29.) Ein Phänomen ist eine Erscheinung, nicht aber nur, sondern eine Erscheinungsform, die auf das Wesen dessen rückschließen läßt, aus dessen Grund es wurde, also erschienen ist.
    Sieferle verbindet den dionysischen Welteroberungstrieb mit der Gleichheitsvorstellung, die jeder Mensch für sich in Anspruch nimmt, solange er sich unterdrückt fühlt. Beides verschmilzt in dem "Glaube[n] an eine einzige große, sichernde und fütternde Volksfamilie" (S. 30.), wobei die Nationalität nachgeordnet wird, was den Hang der Sozialdemokratie erklären würde, sich stets um alle anderen Völker dieser Welt bekümmern zu müssen, auch und gerade auf Kosten des eigenen.
    Das klingt doch nicht schlecht, möchte man meinen. Wer hat, soll denen geben, die nicht haben! Zutiefst christlich. Wer dagegen ist, der ist auch gegen Bambi oder Rudi Carrell mit seinem laufenden Band. Die Crux für Sieferle besteht darin, daß Sozialdemokratismus nivelliert. Unterschiede, Verschiedenheiten, soziale, psychologische, finanzielle, ethnische und dergleichen andere werden in einen Bottich gekippt, vermischt, vermengt, verbunden, granuliert und grauisiert. Die große Völkerfamilie ist am Ende keine mehr, sondern eine atomisierte und individualisierte Mischpoke, die nach der befriedigung von Grundbedürfnissen und Grundfreiheiten schreit, die der übermächtig gewordene (und von der Sozialdemokratie geführte) Staat zu erfüllen hat, ohne daß die Grauen etwas dafür leisten müßten.


    Nach einigen kursorischen Anmerkungen, wie sie Essayisten gelegentlich pflegen, wird ab Seite 39 dem Verhältnis von "Wissenschaft und Avantgarde" nachgespürt. Ausgehend von der eher depremierenden Festlegung, daß die großen Weltdeutungen "an Plausibilität verloren haben" (sollen), wird als vierte These formuliert: "Schlagen sie [die Geisteswissenschaften] eine Brücke von den Trümmern der Alten Welt zum diffusen Rauschen der Neuen Kultur?" Das diffuse Rauschen soll wohl das Durcheinander der Meinungen metaphisieren. Dieser als Frage verpackten These von der Funktion der Geisteswissenschaften als einer Bewahrerin und Entwicklerin der Tradition stellte Sieferle als ein Argumentationsprinzip eine konträre Auffassung/Beobachtung gegenüber. Sieferle befürchtet, daß die Geisteswissenschaften Adlati geworden seien, Hilfskräfte bei der Lenkung der Imagination, daß also die Geisteswissenschaften keinen Geist entwickeln, sondern ihn lenken sollen, an "die Kette der Tradition [..] legen" (S. 40.), will hier heißen, an die Kette der oligarchischen Herrschkaste, deren Interessen vertreten sollen.
    Die These läßt sich nicht widerlegen, nicht schlüssig belegen, also kann sie nur eine Prämisse sein, eine auf Beobachtung und Meinung gestützte Prämisse. Das muß aber so wacklig bleiben, denn, wenig wohlmeinend gefragt: Hingen Kunst und Wissenschaft nicht immer am Tropf der Mächtigen? Gab es jemals eine Zeit unbedingter wissenschaftlicher Freiheit? - Ich erinnre mich nicht, und ich bin weit (durch die Zeiten) gewandert.

    Und damit nähern wir uns dem Zentrum des Büchleins, dem Verhältnis von Politik, Geist und Geld. Sieferle nennt es System. Nichts Neues. Das nannte man schon in der Weimarer Republik so. Der Begriff ist nicht neu, aber er besitzt eine Virulenz und ist nicht abgenutzt, also läßt er sich verwenden. Die fünfte These: "System ist die Eigenschaft neu heraufziehender Ordnungen von höherer Komplexität, welche die Politik sukzessive verdrängen." (S. 41.)
    Ich konzediere, daß mich die Entgegensetzung System vs. Politik irritiert, mehr noch die Behauptung, daß Systeme das Individuerlle auf Kosten von Atavismen wie "Tugend und Opfer" aushebeln sollen, dies sogar beabsichtigen. Als ob ein System einen Eigenwille hätte? Die Angelegenheit gewinnt etwas Klarheit, da Sieferle erklärend hinzufügt, daß Ordnung (eine Elementarbestandteil von Systematik) entsteht, wenn es eine "normierende Ausrichtung" gäbe, in der BRD allerdings wird sie durch "selbsterzeugte Zwänge der Objektivität geschaffen", ist also subjektiv, somit, um den Bogen zur obigen These zu führen, individuell.
    Vergessen wir nicht, daß "individuell" und "Emanzipation" für Sieferle keineswegs Begriffe sind, die eine politische Funktion haben sollten. Sie liegen im Einzelwesen, sind also ästhetische Begriffe, aber keine politischen.
    Widerstand gegen das System wird als artifiziell, rückständig, anachronistisch und dergleichen mehr wahrgenommen. Wie auch ander? Der Westen glaubt, er habe erkannt, worauf es in der politischen Willensbildung ankomme, wie sie zu organiseren sei und wuie die Individuen in dieses System eingepaßt werden müssen, damit auch fürderhin alles funktioniert.


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