+ Antworten
Seite 2 von 2 ErsteErste 12
Ergebnis 26 bis 32 von 32

Thema: Rolf Peter Sieferle: Finis Germania

  1. #26
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    2.695
    Blog-Einträge
    35

    These XX: Vollendung der Zivilisation ist das kulturelle Tierreich

    Im etwas sperrigen Abschnitt "Topik der Zivilisationskritik" thematisiert Sieferle das Verhältnis von Zivilisation und Kultur. Seit der Moderne wird dieser Themenkomplex in Deutschland behandelt. Bis zu unserer Einbindung in den Westen nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Gegensatz von Zivilisation (westlich) und Kultur (deutsch, Mitte) betont. Ich erinnre hier an Thomas Mann und sein epochemachendes Buch "Betrachtungen eines Unpolitischen" von 1918, in dem Mann sich klar gegen westliche Demokratievorstellungen ausspricht, deren Durchsetzung in Deutschland er jedoch für unausweichlich hält. Im Kontext dieser geistesgeschichtlichen Entwicklung formuliert Sieferle die These:

    "Die Vollendung der Zivilisation ist das kulturelle Tierreich: das Reich der niederen bedürfnisse und ihrer unmittelbaren Befriedigung. Hier stirbt keiner mehr für ein Ideal..." (S. 92.)

    Ich stimme dieser These zu, ohne das jetzt weiter auszuführen. Nur ein Satz: Das ist der Kern des Problems der Deutschen mit dem Westen: Wir sind dem Wesen nach Kulturmenschen, der Westen ist dem Wesen nach ein Zivilisationsmensch.

  2. #27
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    2.695
    Blog-Einträge
    35

    These XXI: Die Existenz von Übels ist ein Ärgernis.

    Im Abschnitt "Pathodizee" (das Böse/Übel zeigend) formuliert Sieferle als meine XXI. These: "Die Existenz von Übeln ist ein Ärgernis, dessen Beseitigung auch auf dem Weg einer theoretischen Reduktion möglich zu sein scheint." (S. 95.)

    Kommentar: Er führt diese These im weiteren aus, lenkt sein Augenmerk aber auf die Verifizierung des Nebensatzes.
    Meine Antwort auf die These bezieht sich auf die im Hauptsatz. Sie lautet daher: nein, stimme nicht zu.
    Ein Ärgernis ist etwas, was sich abschaffen läßt, vielleicht aufgrund einer Struktur imemr wieder erscheint, modifiziert gegebenenfalls. Ein Ärgernis ist per se etwas Akzidentielles, etwas Nebensächliches, eine Kleinigkeit gegenüber anderen Dingen, die das eben nicht sind, NUR ein Ärgernis.
    Nein, ein Übel (anders gesagt: das Böse) ist eben nicht nur Ärgernis, sondern dem menschlichen Leben wesenseigen, erzeugt aus einem wesentlichen Bestandteil des Menschen (und der Welt), nämlich der Vergänglichkeit, anders gesagt, aufgrund des Todes wird es immer und zu allen Zeiten "Ärgernisse" geben, das Böse. Ein Ärgernis ist zwar zu beseitigen, aber man sollte sich sicher sein, daß die Hydra zwei neue Ärgernisse emporschnellen läßt. Das bedeutet nicht, sich in Gleichmut zu bewegen und Ärgernisse nicht anzugehen. Im Gegenteil: Der Mensch muß das angehen, andernfalls entwickelt er sich nicht weiter.

  3. #28
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    2.695
    Blog-Einträge
    35

    These XXII: Übel sind Elemente eines Ordnungszusammenhangs.

    Im gleichen Abschnitt führt Sieferle eine Argumentation durch, die teilweise dialektisch, teilweise parenthetisch, teilweise sukzessive abläuft. Meinetwegen. Die Methode hat durchaus ihre Reize und verschafft am besten Klarheit. Daher finde ich hier auch zahlreiche Ansatzpunkte für eine geordnete Auseinandersetzung.
    Im Punkt 2b formuliert er: "Die Übel können als Elemente eines übergeordneten Zusammenhangs interpretiert werden, dessen vollständige Kenntnis sich allerdings den menschlichen Wissensmöglichkeiten entzieht." (S. 96.)

    Kommentar: Sic! Genau mein Reden. Eben deshalb sind Übel nichts anderes als Katalysatoren für unser Streben, Dinge zu ändern. Ohne Übel kein menschliches Streben nach dem Beßren. Logo, oder?

  4. #29
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    2.695
    Blog-Einträge
    35

    These XXIII: Übel gelten [den Linksgrünen] als notwendige Mittel...

    Im selben Abschnitt versetzt sich Sieferle in die weltanschauliche Position seiner Gegner, des linksgrünen Establishments, und führt aus, wie sie die Funktion der Übel begreifen und welche Folgerung das haben muß. So formuliert er als 23. These:
    "Die Übel gelten (den Linksgrünen) als notwendige Mittel zur Konstituierung eines zusammenhängenden Ganzen."

    Damit verbunden ist nach Sieferle ein Übergang von der Annahme der Welt als einer Pathodizee zu einer Theodizee. Anders gesagt: Statt die Welt als ein System von Übeln zu begreifen, aus dem sich der Glaube und die führende Hand der Eliten selber als Führer aus dem Elend bestimmen mag, wird die Welt zu einem Raum, in dem Gott (das schlichgtweg Gute) Übel aufzeigt, keiner Führerschaft durch Eliten bedarf, somit das absolut Guite entpersönlicht wird und einem abstrakten Menschheitsideal subsumiert werden kann. Die absolute Nivellierung, die in einem Gutmenschenweltsaat ihre politsiche Entsprechung finden muß.

    Kommentar: Sieferles Gedankengang ist nachvollziehbar, wird von mir in diesem Punkt aber nicht geteilt, da er mich paranoid dünkt. (Nicht weil er etwa nicht stimmen könnte! ) - ich glaube vielmehr, daß der Mensch dazu aufgerufen ist, die Welt als ein System von Übeln zu begreifen, sich aber nicht in eine einlullende Weltstaat-Mythologie hineinbegeben darf, sondern das viele Wege in diversen politischen und sozialen Diversitäten das sind, wonach gestrebt werden sollte. Herder. Jedes Volk vertriott eine Idee Gottes, die sich entwickeln muß. Das Ziel kann nicht in einem einheitlichen, auf gleichen Werten basierenden Weltstaat liegen; zwar ist der Weltfrieden eine anzustrebende politische Zielstellung, aber nicht, wenn dadurch die Verschiedenheit der Völker wegnivelliert wird.

  5. #30
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    2.695
    Blog-Einträge
    35

    These XXIV: Prozessuale Geschichtsphilosophie begreift die Gegenwart...

    Wir nähern uns dem Ende des Büchleins. Auf der vorletzten Seite seiner Ausführungen beschäftigt sich Sieferle mit Geschichtsphilosophie. Er formuliert als meine XXIV. These: "... prozessuale Geschichtsphilosophie, welche die Gegenwart als notwendige Verkehrungsphase innerhalb eines historischen Vorgangs begreift, [muß] [..] eben vorübergehend solche Stadien der Entäußerung [Phasen der schlechten Wirklichkeit] durchlaufen." (S. 98.)

    Kommentar: Geschichtsphilosophisches Denken gibt es erst seit der Neuzeit. Janein, es gab immer schon heilsgeschichtliche Erwartung, Zukunftsbeschreibungen, Apokalypsen oder zyklisches Geschichtsdenken, aber den eigentlichen terminus technicus "Geschichtsphilosophie" entwickelte Voltaire, 18. Jahrhundert in Frankreich. Kein Wunder, ein vernünftiges Zeitalter fragt sich im Kontext vernünftigen Handelns schnell, in welche Richtung der Gang des Ganzen gehen muß, gehen müßte, wenn man es schafft, vernünftigem Denken zum Sieg zu verhelfen. Ein solches Denken kann nur uniform sein, Vielfalt lediglich als Teilganzes begreifen, nicht aber als Selbstwert, als eigene Idee. Demgemäß muß, folgt man dem vernünftigen Denken als historischem Prozeß, am Ende ein Weltstaat stehen, in dem paraphierte Menschenrechte für alle Menschen gelten. Jeder auf dem Wege dorthin abbiegende Gedanke kann nur als "Phase der schlechten Wirklichkeit" interpretiert und bekämpft werden. Und das scheint nicht nur für Sieferle ein Problem zu sein. Für mich auch. Folgerungen aus diesem Schluß will ich jetzt nicht ziehen.

    Ich stimme der These zu.

  6. #31
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    2.695
    Blog-Einträge
    35

    These XXV: Es lebe die ewige Wiederkehr des Gleichen!

    Den Abschluß von Sieferles Buch, gleichsam, ein Vermächtnis, bildet die letzte, die XXV. These, in der Sieferle eine Abkehr vom Fortschritts- und Vernunftglauben in Form einer Frage formuliert: "Wäre es nicht plausibel, wenn nach dem Obsoletwerden der Geschichtsphilosopbhie [siehe These XXIV) auf den antiken Gedanken einer ungeordneten Fluktuation [Chaos, Spiel, Gleichlauf des Lebens ohne Ziel] zurückgegriffen würde unter Verzicht auf die Annahme kosmologischer Konstanz?" (S. 99.)

    Kommentar: Im Grunde ist das NICHt die Idee einer ewigen WIEDERKEHR des GLEICHEN, aber beinahe. Die Fluktuation ohne Ziel, der ewige (Natur)-Kreislauf, der ein Gutteil Gleichmut von den Menschen verlangt, eine Einbindung, aber keienswegs die gewalt, Dinge nach einem Willen gestalten zu wollen, der auf Vernunft aufgebaut ist und alles passend machen will, was da nicht passend sein will. Denn was anderes ist Fortschritt als der Glaube, daß es ein Übergeordnetes gibt, dem sich die Menschheit bewußt oder unterbewußt angleichen will?
    Mir fällt es schwer, an eine Welt ohne Fortschrittsglauben glauben zu könne. Es liegt in der Natur des Menschen, daß er Sinn sucht, den er oft genug in etwas findet, was außer ihm liegt. Er will das Bessere, ein Ideal, also auch eine Richtung vorgegeben gewußt haben. Eine Bewußtheit im Fluß des Ewiggleichen sprengt seinen Selbstbehauptungswillen und wird daher von ihm abgelehnt. Von den meisten jedenfalls. Die Vorstellung ist auch wenig tröstlich, wenig aufmunternd.
    Andererseits bedeutet das auch ein Höchstmaß an Freiheit, denn der Mensch, frei von einem Bewußtsein, einem supervernünftigen Fortschritt dienen zu müssen, weil der ja alternativlos sein soll, kann eben auch anders, als er es muß. Siddhartha. Doch sind wir Menschen, jetzt als Gattung zu verstehen, dazu überhaupt in der Lage, über individuelle Glücksverheißungen hinaus das Menschsein zu erproben? Ich denke, nein. (Und ich erfahre es just in diesem Augenblick, wie schmerzhaft es ist, sich von jemandem zu trennen, dem vernünftiges Handeln wichtiger ist als herzdrängendes.)
    Und damit beende ich meine Auseinandersetzung mit diesem bemerkenswerten Inhalt.

    Im folgenden Beitrag wird zusammengefaßt und weniges über das vorzügliche Nachwort mitgeteilt. Bleiben Sie also eingeschaltet, wenn es wieder heißt: Ich stimme der These zu.

  7. #32
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    2.695
    Blog-Einträge
    35

    AW: Rolf Peter Sieferle: Finis Germania

    These I-V: stimme zu
    These VI-XI: stimme nicht zu
    These XII: Morgenthau-Ambitionen
    These XIII: Nazis als negativ auserwähltes Volk
    These XIV: Auschwitz als negatives Absolutum
    These XV: Antifaschismus war Bauernfängerei
    These XVI: Antifaschismus ist die letzte Ideologie
    These XVII: Antifaschismus ist Antigermanismus
    These XVIII: Auschwitz als Mythos
    These XIX: Relativismus zermalmt jede Kritik
    These XX: Zivilisation will sein... das kulturelle Tierreich
    These XXI: Übel seien (für die Linksgrünen) abzuschaffende Ärgernisse ±

    These XXII: Übel als Element eines Ordnungszusammenhangs
    These XXIII: Übel seien notwendig, um ein Ganzes zu konstituieren
    These XXIV: Abkehr von prozessualer Geschichtsauffassung
    These XXV: Ewige Wiederkehr des Gleichen

    Mehr als sieben bunte Bildchen läßt die Software nicht zu. Da ich das nicht ändern will, muß es eben so gehen.

    Sieht so aus, als ob ich den meisten Gedankengängen nicht zustimmte. Das ist aber nicht der Fall. Den meisten Überlegungen stimme ich zu.
    Ich stimme der Quintessenz seiner Ausführungen allerdings NICHT ZU, sehe Deutschland nicht als multitribalistisches (dieses Wort benutzte Sieferles Freund Kolb im Nachwort statt Spenglers Fellachenbegriff) Kampffeld enthemmter Mischpoke. Die konservativen Kräften sind hierzulande stark genug, sich gegen die linksgrüne Geistlosigkeit zu behaupten. Wehe, wenn der deutsche Michel erkennt, wohin ihn deren Politik führen wird. Ich bin also, wie immer, vorsichtig optimistisch und teile den dystopisch-manischen Duktus des Buches nicht.
    Das Buch hat mir gefallen, weil ich mich gern mit Büchern befasse, die gegen den obwaltenden Zeitgeist argumentieren. Das war vor 200 Jahren so, vor 100, vor achtzig und ist heute so. Der ewige Humanist. Mehr davon!

+ Antworten

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •