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Thema: Herbst

  1. #1
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    Herbst

    ....nun ja, die zeit ist danach, mal etwas konventionelles:


    Herbst

    Der September ist erst im Herbst zu Haus.
    Er hat die Türen ganz in grün, auch offene Fensterläden,
    Über die der Regen führt zum Abschied.

    Seine Sonnenblumen wachsen ihm ans Dach hin wie
    das Weinlaub in rot über die Trauben.

    Nur der Himmel ist schon im Winterlicht
    und hebt mit dem Wind die Wolken ostwärts vorüber.
    Tag um Tag führt zur Nacht früher die Dämmerung,
    bis er es weiß, er ist nach Haus gebracht.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Herbst

    Nichts Halbes und nichts Ganzes, Leicester. der September ist viel mehr, Sommer und Herbst, vielleicht eine Winterahnung. Äquinoctium, Stürme aus West, Sommerwetter aus Ost, alte Weiber auf der Bank vor dem Haus, Stromer kehren von ihren Sommereskapaden heim... In Deinem Gedicht ist das nicht einmal mitgedacht. Und darum hier bloß ein paar semantische Bemerkungen.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Herbst

    ...nun sei man nicht so strenge mit dem Textchen. Der Herbst hier im Süden ist anders als bei euch im Osten. Er ist fast gar nicht. Auch ein Grund, warum es hier so etwas wie Übergangsmantel u.ä. nicht zu kaufen gibt. Das Herbstgedicht ist ein Erinnerungstext. Vielleicht so etwas wie Sehnsucht (wenn das Wort nicht so bescheuert wäre).

  4. #4
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    AW: Herbst

    das gedicht macht einen sehr ästhetischen eindruck. dennoch spielt es mit den präpositionen und den damit verbundenen richtungsvektoren zu viel und für meinen begriff schief:
    erst dann (zu hause), von außen nach innen (türen, fensterläden), hoch, hoch (sonnenblumen, weinlaub), drüber (weinlaub), hebt ..vorüber (wind die wolken), führt zur nacht (ich assoziiere komischerweise: hinunter; dämmerung), bis ..., passiv nach hause gebracht.
    aber doch - ist ja grade das typische am herbst, dieses durcheinander, das die bunten blätter nachtanzen, auch das schiefe - doch doch, ist ein adäquates stilmittel.

    eine andre brechung, die mir auffällt: der september wird personalisiert: ist zu haus, bleibt aber passiv, ist also nicht der aktive abschiedslader, der alle vom ende des sommers überzeugen muß und erst dann bei sich ist, wenn alle für den winter bereit. wer aber ist dann der beweger? wer bringt den september nach haus?

    und was mir noch auffällt: sind die reimworte absichtlich versteckt oder ist das zufall gewesen? (über/vorüber; nacht/gebracht)
    die wiederholung von "führt" ist nicht liebevoll.
    ebenso ist die letzte zeile zu sehr/lieblos gestaltet: bis er es weiß, er ist nach haus gebracht. was bringt das "es"? das sperrt sich irgendwie. wie meinst du das denn an der stelle?

  5. #5
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    AW: Herbst

    Danke Susanne. Gut gelesen, denk ich. 2x "führt" ist Kappes, klar. Das 'es' in der letzten Zeile ist überflüssig, es sei denn man setzt hinter 'weiß' einen Doppelpunkt, aber das wäre etwas stark betont. Nun ja. Die versteckten Reime sind kein Zufall, man hat ja nicht viel Vergnügen beim Schreiben, aber das gönne ich mir...

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Herbst

    Nicht so streng, Verwehrtester? Das war eben die sanfte Kritik. Willst Du's strenger noch?


    Herbst mag in der Karibik anders sein als bei mir in der MITTE Deutschlands, aber daß Du Deinen Schwarzwald gleich in den Süden setzt, will mir schon gewollt erscheinen, um zu retten, was nicht zu retten, ein schlechter Text.

    FÜHRT zu oft, ein dunkler Vokal mit einem kleinen Hänger ins Fistlige, aber ist das herbstig? ÜBER zu oft. Der Text wird transitiv, aber das soll der Herbst nicht sein: er ist mir die liebste Jahreszeit und KEIN Übergang von A nach B, sondern ein Selbstwert.

  7. #7
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    AW: Herbst

    Ja. Ja. Die Nichtlyriker haben es gerne, wenn ein Text möglichst prosaisch ist. Ich weiß. Und warum? Sie hassen Pathos, alles Katholische ist ihnen fremd und widerwärtig. Einheitsbrei wollen sie. Nun denn. Und was ist das Ergebnis? Seit nunmehr 50 Jahren (in Worten: fünfzig) hat es in der MITTE Deutschlands und auch drumherum kein Lyriker mehr geschafft (ja, Fried hat mal so einen Zufallstreffer gelandet, aber alles andere, Huchel ausgenommen, wird man kaum in irgendeiner Todesanzeige wiederfinden) einen Text zu schreiben, bei dem der Leser stutzig wird, aufhorcht, noch mal liest. Keiner. O tempora, o mores.

  8. #8
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    AW: Herbst

    Schlecht geschlafen, Verwehrtester? Ich möchte behaupten, daß ich in den letzten vier Jahren zwanzig bis dreißig Texte neuer und unbekannter Autoren las, die mich aufhorchen ließen, die ich des öfteren las und lesen werde. Es waren katholische dabei, sicherlich doch, aber zumeist die Besonderheit eines empfindenden Gemüts, wie es es seit jeher gibt und geben wird. Und wenn dieses Gemüt nur fleißig schreibt, so finden sich unter tausend Texten vielleicht zwei, die very special sind, bei nur durchschnittlichem Talent. Und die sind dann keine Zufallstreffer, sondern Ausdruck des Wahrscheinlichen, das jeder Mensch in sich trägt und bei entsprechendem Willen auch antrifft.


    Dein Text hier ist kein Text, der mich antrifft. Aber vielleicht andere.

  9. #9
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    AW: Herbst

    ja, der 21. september bedeutet meist eine zäsur. meine tochter judith ist an diesem tag geboren. das äquinoctium und mit ihm die äquinoctorialstürme lassen sich damit verbinden; sind sie vorbei, verabschiedet sich der sommer oft genug mit einigen warmen tagen, die den tod desselben nur verzögern, dramaturgisch gesprochen, sie sind ein retardierendes moment, um die unvermeidlichkeit des sommerendes, seine verendung, anzuzeigen. aber mal ehrlich, leicester, sollte der herbst nicht auch zu freudigeren botschaften ermuntern? die zwei winzig anmutenden mittleren verse gehen in grundton "vanitas" unter. mir ist der herbst die liebste jahreszeit. ich jubiliere, wenn die heißen tage vorbei sind und ich endlich frei athmen kann.

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