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Thema: Mond - Übung in entschlackter Sprache

  1. #1
    Wolkensteiner
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    Mond - Übung in entschlackter Sprache

    Mond - Übung in entschlackter Sprache (Referenzordner hier)

    Ein alter Mann blickte wie er es seit Jahren gewohnt war, seit ihm erstmals von ihm erzählt worden und er an der Brust der Großmutter dabei eingeschlafen, zu dem, der ihn durch die Sehnsucht der Pubertät und die Leidenschaft der ersten und sich steigernd bis zur dritten Liebe stumm begleitet hatte, dem Mond.

    "Du Geselle dort, der du nichts bist und nichts weißt, aber einen besseren Zuhörer fand ich nie und darob bist du mir vertraut geworden wie einer, den ich schon ewig kenne, und in deinem weißen kalten Blick ist Reinigung von allen Falschheiten und Zweifel zerfallen in ihre Nichtigkeit, und mein Leben wird vor dir zu Ende gehen. Warum hörst du mir zu?"

    "Albert!", sanft wie eine junge Katzenmutter auf ihre säugende Schar sieht legte eine alte Frau ihre schon falbweiße Hand auf seine Schulter: "Ich höre dir zu!"
    und die Falten um ihre Mundwinkel gruben noch tiefer in ihr Fleisch, das aus schwachen Muskeln nur noch wenig Spannung bezog oder vielmehr den Jahren und ihrer Geschichte Tribut gezollt hatte und nun hilflos einem Lächeln ausgesetzt war, aus dem man die Zähne nicht sehen konnte.
    "Ach du!" Albert sah sie lange mit dunkelblitzenden Augen, die nur alte Männer haben, als hätten sie in den Augen alles Sehenswerte zugleich gespeichert, um es mit jedem Blick in ein schon graueres Außen zurückzugeben.
    "Ich weiß es ja, Liebe, aber weißt du: Er versteht mich besser" und er nickte leicht mit dem Hinterkopf schräg über sich. "Er kennt mich länger, wei?t du. Er ist immer bei mir gewesen, vor ihm möchte ich keinen guten Eindruck machen wie vor dir, mein Lieb." Sein Oberkörper zitterte ein wenig, er beugte seinen Kopf über ihre Schulter. "Warum bist du bei mir geblieben?" Seine Hände drückten nun so fest gegen ihren mageren Rücken, daß man nicht hätte sagen können, ob er sie halten oder sich an ihr festhalten wollte.
    Sie dachte lange, verlor sich in den Gängen eines Erinnerungslabyrinths und dessen Gefühlsfarben, aufschlagenden Männeraugen und rauchigen Sakkos, Tabaklippen und zwischen gepflegten zarten und fleißigen hornhautbedeckten Handinnenflächen, in Soldatenbriefen und -postkarten, im eigenen pochenden tollgewordenen Schlag ihres Brustkorbs und den aufgerichteten Brustspitzen.
    "Ich bin nur nie weggegangen von dir. Du machtest auf mich einen guten Eindruck. Das ist alles." Er verlagerte sein Gewicht ganz auf sie. So standen sie lange. Zwischendurch verlagerte sie ihr Gewicht auf ihn. Zum Mond sahen sie nicht.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Mond - Übung in entschlackter Sprache

    hehe. show don't tell, zumindest ansatzweise, sag ich doch. hehe.

    aber so als übung steht dein textlein irgendwie verloren im virtuellen raum, susanna, und wenn du magst, tät ich empfehlen: erläutere, analysiere doch deine übung noch ein wenig: um was gings und gehts dir? was macht dein textlein zu einem textlein in entschlackter sprache? anders gefragt: was ist die besondere qualität deines textleins? anders gefragt: gäbe es auch stellen im text, die sich in nicht entschlackter sprache schreiben ließen? ...

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Mond - Übung in entschlackter Sprache

    guten morgen susanna!

    gleich im ersten satz "brust der großmutter" - meinst du seine mutter? ich lese das so, denn als ihm erstmals vom mond erzählt wurde, war er noch kind?

    "... und in deinem weißen kalten Blick ist Reinigung von allen Falschheiten und Zweifel zerfallen in ihre Nichtigkeit ..."

    was soll das heißen? *grübel*

    die letzten 3 sätze finde ich überfl?ssig.


    die sprache des textes empfinde ich als kompliziert und irgendwie verstaubt (wortwahl). wenn das absicht ist, und das nehme ich mal an, dann finde ich es sehr gelungen, wie du beim leser stimmung erzeugst. ein wenig so als wäre ich so uralt, wie die beiden in deiner geschichte.

    entschlackung der sprache??? ich finde, das gegenteil ist der fall. verstehe überhaupt nicht, warum entschlackung bei diesem text ein thema sein soll?

    herzliche grüße
    chris

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Mond - Übung in entschlackter Sprache

    ...zu dem, der ihn durch die Sehnsucht der Pubertät und die Leidenschaft der ersten und sich steigernd bis zur dritten Liebe stumm begleitet hatte, dem Mond.
    als adverbiale teile des satzes lässt die entschlackte sprache substantivierungen zu von begriffen wie "liebe" oder, wie hier, "leidenschaft"? hmmm.

    ...der ihn durch die Sehnsucht der Pubertät und die Leidenschaft der ersten und sich steigernd bis zur dritten Liebe stumm begleitet hatte...
    bis zur dritten liebe. also gibt es sie, die dritte liebe. warum sollte ich dann nichts sagen dürfen über sie in subjektstellung, sie ausschmücken beispielsweise: die dritte liebe war seine schönste und blumigste.

    hmmm.

    müsst die entschlackte sprache nicht überhaupt schluss machen mit derartigen substantiven wie "liebe"?

  5. #5
    Wolkensteiner
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    AW: Mond - Übung in entschlackter Sprache

    hmm - also soweit ich das nicht im theorieordner bereits zugeordnet habe:

    ich meine hier die großmutter, die fürs märchenerzählen und die nichtalltagstiefen zuständig ist. verstaubte sprache ist sicherer grund für experimente und richtig: die beschlackung der verb- und appositionsstellen etc. im satz, insofern hat sich "entschlackt" als irreführend herausgestellt, transformiert oder purifiziert als besser.

    bei den nebensätzen schwimme ich noch (nur dort? "hihi"), dort ebenso streng vorzugehen wie im hauptsatz. allerdings ist mir nebensätzliches der bereich der dynamik, nicht der der tragenden statik des satzes. nebensätze als verbausgestaltungen: phantasiebereich und stattfinden sind ja frei der schlacke zugänglich.

    Mr. Jones: müsst die entschlackte sprache nicht überhaupt schluss machen mit derartigen substantiven wie "liebe"?
    mein gott, jetzt hat ers! - das ist genau der springende punkt: "die liebe gibt es nicht". von ihr in der form einer substanziellen personifizierung reden ist phantasie oder geschwafel.
    "also gibt es sie": daß es etwas gibt, ist in zwei verschiedenen arten möglich: im existieren und im stattfinden. für mich ist das ein unterschied. "zu lieben" findet statt, "liebe" existiert nicht. dennoch gibt es liebe. klar?

    gäbe es auch stellen, die sich in nicht-entschlackter sprache schreiben ließen?
    ja natürlich: alle! so werden ja alle bisherigen texte geschrieben:

    der blasse mond fand bei seinem nächtlichen blick ins offene sommernachtsfenster zwei einander schon lange liebende. er nahm wie täglich die ihm zürnende anbetung des alten mannes entgegen, aber diesmal durchkreuzte die mondeifersüchtige frau seine versklavenden absichten und versuchte, die sinnliche aufmerksamkeit des laut vor sich hin betenden auf sich zu ziehen. Ihre unauffällige verführung gelang. kein blassestes interesse mehr für den lebensgefährten mond. mit zwei einander haltenden rötlichen schatten auf der oberfläche zog sich dieser zurück. was waren das noch für traumgezeiten gewesen, als die liebenden ihrer unendlichen sehnsucht dadurch ausdruck verliehen, daß sie ihn nachts zum geheimen und zuverlässigen boten w?hlten.

  6. #6
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Mond - Übung in entschlackter Sprache

    hallo susanna,

    ah, der cent ist gefallen!

    hab tatsächlich einen wesentlichen punkt entschlackter sprache vergessen *schäm* die klischees. die töten jeden guten text. dein beispiel unten finde ich klasse. ein abschreckendes beispiel für langweile

    der blasse mond fand bei seinem nächtlichen blick ins offene sommernachtsfenster zwei einander schon lange liebende. er nahm wie täglich die ihm zürnende anbetung des alten mannes entgegen, aber diesmal durchkreuzte die mondeifersüchtige frau seine versklavenden absichten und versuchte, die sinnliche aufmerksamkeit des laut vor sich hin betenden auf sich zu ziehen. Ihre unauffällige verführung gelang. kein blassestes interesse mehr für den lebensgefährten mond. mit zwei einander haltenden rötlichen schatten auf der oberfläche zog sich dieser zurück. was waren das noch für traumgezeiten gewesen, als die liebenden ihrer unendlichen sehnsucht dadurch ausdruck verliehen, daß sie ihn nachts zum geheimen und zuverlässigen boten wählten.
    vielleicht reden wir auch nur aneinander vorbei?
    unter entschlackung verstehe ich u. a., was ich in patinas ordner mit "indirekter sprache" meinte.
    aber, entschlackung heißt außerdem, von satzungetümen abschied zu nehmen (außer es geht ums stilistische mittel, so wie deine verstaubten). verzweifelt suchte der leser nach dem punkt und fand ihn nicht.

    super interessantes thema.

    herzliche grüße
    chris

  7. #7
    Wolkensteiner
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    AW: Mond - Übung in entschlackter Sprache

    du verstehst unter entschlackung, daß man aus direkter sprache indirekte sprache macht? und wie machst du das? stell doch mal deine theorie ein -

    freut mich übrigens, daß dir der begriff so unter die haut gegangen ist, daß du ihn jetzt überall verwendest, ohne die theorie dazu zu kennen.

    mein unterstes beispiel find ich auch richtig klasse für langweilige sprache. so schreiben eben viele, weißt schon, die adjektive.

    unterm staub oben tanzt die sprache, aber dafür braucht man langen atem. bei dreiwort-sätzen geht ja immer die puste aus, sone moderne trippelnde kurzatmigkeit, die man auch oft in der gegenwartslyrik (dreiwort - umbruch) findet. satzungetüme haben dagegen eine kompliziertere choreographie der leidenschaft, die eine gewisse geschwindigkeit beim leser im erfassen und mitverfolgen voraussetzt. aber ich denk mal, für jeden text gibts auch einen leser.
    was täten wir denn, würde ich jetzt kurzsätze schreiben (verzweifelt suchte der leser den innerhalb der punkte untergegangenen text) und du wortungetüme. neenee - ist schon richtig so

    aber laß mal deine theorie zur entschlackung lesen. und möglicherweise gibts ja noch von anderen forumatikern theorien dazu?

  8. #8
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Mond - Übung in entschlackter Sprache

    *nochmalschäm* ich sollte wohl wirklich erstmal meine hausaufgaben machen. aber bevor ich das tue, hier meine theorie zur entschlackung, ganz spontan in die tasten gehauen:

    georg orwell - wenn du ein wort streichen kannst, streiche es.
    keine abgedroschenen phrasen verwenden a la "muss liebe schön sein"
    keine klischees, sondern blumige sprache, ohne zu übertreiben
    gezielt freiräume schaffen für eigene gedanken und bilder des lesers
    speziell für dialoge - immer indirekt, d. h. gute dialoge sprechen zwischen den zeilen.

    noch was vergessen?

    herzliche grüße
    chris

  9. #9
    Wolkensteiner
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    AW: Mond - Übung in entschlackter Sprache

    was du als entschlackung (jetzt kann ichs selbst bald nimmer hörn!) beschreibst, ist die Abgrenzung der umgangssprache von der schriftsprache.
    innerhalb der schriftsprache sollten diese postulate selbstverständlich sein.
    ich denk aber, daß eine höhere sprachebene dort anfängt (in deckung kann ich später gehen "grins"), wo diese allgemeingültigen postulate verlassen werden, um subjektiv zu gestalten. unter gestaltung verstehe ich, mit den stilmitteln zu spielen, sie so einzusetzen, daß sie dem jeweiligen text - nicht irgendeinem und nicht allen - angemessen sind und ihm zuarbeiten.

    dialoge dürfen nicht künstlich wirken. wenn die figuren lebten oder es tatsächlich tun, so lasse man sie reden wie sie es tun (würden). die hintersinnigkeit ergibt sich bereits daraus, daß die menschen in der regel ohnehin anders denken.
    hat man die figuren vorher entsprechend gezeichnet, so ergibt sich zwischen den zeilen des echt-dialogs die brechung.
    die besten dialoge, die ich kenne, entstehen aus einem klaren mißverständnis über die gegenüberperson, die jedes direkte wort in eine groteske bedeutung verdrehen, weil es sich nicht um die vermeintliche person handelt. also z.b. einem zu einem essen eingeladenen mann wird gesagt, die frau im esszimmer sei geisteskrank. die frau selbst kam aber nur zu spät zur essenseinladung, ihr wurde der gastgeber angekündigt, auf den sie warten solle. im dialog der beiden aufeinander losgelassenen bemitleidet er sie und ist sehr vorsichtig, während sie sich laufend entschuldigt. hier kannst du mit einfachster direkter sprache die abgründigsten dialoge entwerfen.

    was mir nicht zusagt, ist das heute auch in der lyrik anzutreffende postulat, der leser müsse genug freiraum haben für eigene gedanken und bilder, es dürfe nichts zu explizit ausformuliert sein.

    ich halte das für falsch.
    abgesehen davon, daß sprache niemals hinreichend ist, um solche räume gänzlich zu verschütten [mr.jones zur ästhetik der lüge], sie also umfassend bildlich darzustellen, liest doch der leser, weil er etwas vom autor will

    und genau da weiß ich nicht, ob der leser hier nicht sehr verengt als moderner quizshow-fernseh-zuschauer verstanden wird. ich glaub nicht, daß jeder leser raten will und seine eigene phantasie entwickeln - die er ja vielleicht nicht mal hat, sonst würde er ja kreativ sein und nicht lesen.

    das gilt vielleicht für die (memo an mich: hier muß ich mein essay zur zensur einstellen) neuere generation der sich mit dem autor vergleichenden selbstschreiber-leser, aber nicht für die nur-leser.

    die sind immer noch das publikum am marktplatz, das vom märchenerzähler gefesselt und gebannt sein will, ungeachtet aller verpflichtungen stehen bleibt, zuhört, von ihm an der hand genommen mit ihm zusammen neue welten entdecken möchte. wenn da zuviel freiraum herrscht, erlischt das interesse.
    den eindruck von zu viel freiraum hat der leser aber auch dann, wenn nicht eine gewisse redundanz gegeben ist. zeit, das gelesene auch aufzunehmen. das eben ist epische breite. keiner versteht beim ersten wort. ist ein text so komprimiert, daß jeder satz oftmals gelesen werden muß, um ihn zu verstehen, bleibt der leser nicht dabei, steigt aus, geht seinen geschäften nach.
    ich meine, daß es sich hier um ein postulat handelt, das sehrsehr dem umstand entgegenkommt, daß manche autoren zwar sprache haben, aber nichts zu sagen wissen. so wird verrätselt und offen gelassen, in der hoffnung, der leser möge aus seinem eigenen leben etwas sinnvolles ergänzen.

  10. #10
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Mond - Übung in entschlackter Sprache

    die leser sollen nix erraten, susanna. ich meine, autoren müssen den weg vorgeben, müssen einen plan haben, müssen wissen, worüber sie schreiben (wollen) ... ABER, die müssen deswegen noch lange nicht ALLES aufschreiben, sondern die leser im raum zwischen den zeilen leiten wie einen blinden, der durch diese hilfe das korn finden wird.

    wenn das gelingt, ist es kunst oder nenn es gute literatur


    herzliche grüße

    chris

  11. #11
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Mond - Übung in entschlackter Sprache

    Wie ist es zu erklären, daß ein kultiviertes Volk wie die Griechen keinen Mondkult besaßen? Entwickelt der Mond in Griechenland nicht diese von vielen Menschen erfahrbaren Kräfte zur Vollmondzeit?

    Nach zwei Dritteln verliert dieser text an Originalität. Du verläßt da das Erzählen. Ich hatte mich gerade darauf eingestellt, Dir als Erzähler zuzuhören, da setzt Du damit aus. Ist das für Dich entschlackte Sprache?

  12. #12
    Wolkensteiner
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    AW: Mond - Übung in entschlackter Sprache

    nein. die entschlackte sprache hat nur eine forderung nach entschlackung von abstrakta an der subjekt- und den objektstellen im hauptsatz.

    hier hab ichs wirklich mit der angst bekommen, mit dem erzählen fortfahren zu müssen und deshalb schnell wieder abgebrochen. denn es sollten ja nur ein paar exemplarische sätze sein, um entschlackung und komplementäre aufforstungen in den nebensätzen anschaulich zu machen. ein anschauliches kurzbeispiel sollte das sein für einen sprachstil. die erzählende kernanlage wäre aber vielleicht wert, weitergeführt zu werden. würde mich selbst interessieren, was dabei herauskommt. hätte ich im moment zeit wie grashalme, erzählte ich weiter.
    aber mich drücken schon mancini und die katze ...

  13. #13
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Mond - Übung in entschlackter Sprache

    Das Brot eines Lektors: Sprachfluß strömen lassen, zugleich von Treibgut befreien.

    Tatsächlich?

    Semantische Duplizität bei beigestellten Attributen soll entfernt werden, retardierende Elemente sollen dem Rotstift zum Opfer fallen. Bloß nichts doppelt sagen! Bloß nicht schwafeln? Bloß nicht etwas schon Gesagtes durch Adverbien oder Adjektive nochmals wiederkäuen?

    Entschlackung ist nicht nur lebensfern, sondern im Höchstmaß undramaturgisch. Gerade das sogenannte Schwätzen wirkt ausnehmend spannungsfördernd. Gerade das Doppeltsagen wirkt ungemein kommunikativ. Denn, seien wir mal ehrlich, wer redet denn "druckreif", will sagen so, wie sich das der gemeine Lektor ausmalt? Der Erfolg eines Buches/Textes liegt nicht in der Bereinigung (Tötung und Abschleifung des Besonderen) der angelieferten (lebendigen) Sprache, sondern im Fluß der Gedanken, in die der Leser eintauchen kann, gerade auch, weil er sogenanntes Treibgut beiseite räumen muß, will er durchkommen. Zu viel Treibgut ist auch uncool. Das ist der Job des Entschlackens, das Zuviel beseitigen. Aber sonst gilt: Finger weg vom text!

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