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Thema: Zensur. Eine Polemik.

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Zensur. Eine Polemik.

    Zensur.
    Eine Polemik.



    I. Zensur im Echtleben



    Zensur ist angstgeboren. Man schneidet in Wörter, doch man zielt auf Menschen: auf zwei Arten von Menschen: Schreiber und Leser.
    Angst hat man vor den Lesern des Geschriebenen: vor der Wirkung, die das gelesen Geschriebene auf sie haben könnte.



    Am besten ist daher, wenn möglichst viele Menschen nicht lesen können. Dazu braucht es keine Analphabetisierungskampagne - es genügen Fern- und Videosehen, computer- oder konsolengestützte Spiele. Es genügen entsprechende Auswahlverfahren an den Grundschulen: dort werden nur die Angepassten durchgelassen. Revoluzzer werden in Sonderschulen abgeschoben oder als hyperaktiv mit Medikamenten ruhig gestellt. Auch die verzögerte Einschulung schiebt die Gefahr noch etwas auf.

    Hat ein Kind dennoch zum Buch gefunden, verdirbt man es mit Harry Potter oder sonst geeigneter, von Erwachsenen ausgesuchter Lektüre.
    Glücklich die Kinder, denen noch echte Lindgrens zur Verfügung gestellt werden.

    Kinder, denen anders nicht beizukommen war, werden in die Universitätsauslesen getrichtert, mit Stipendien geködert, nach Amerika geschickt und mit straffen Studienzeiten an die kurze Leine genommen. Spätestens der Eintritt ins Berufsleben ist von bedingungsloser Anpassung begleitet.

    Selbstdenken wird durch verordnetes Leistungsgutsein verhindert: ist das jugendliche Gehirn mit Paukstoff zugekleistert, locken daneben noch die Konsumfreuden des Kapitalismus und die durch ihn und seine Bedürfniserregung an Unnötigem notwendige Spaß- und Freizeitgesellschaft.
    Was dem Menschen noch an freier Zeit verbleibt, wird mit Körperkultur und -bewusstseinspflege einerseits, Mülltrennung und ökologischem Verhalten andrerseits gesellschaftsgerecht aufgefüllt.

    Ein Gehirn, das nicht selbst denkt, ist am Lesen nicht interessiert. Es ist ihm einfach zu anstrengend. Eine verdummte Gesellschaft ist leicht zu führen. Nicht einmal die Einheitsbreiigkeit der verschiedenen politischen Parteien wird erkannt. So geht alles seinen Gang. Stagniert.



    Sind also die Leser auf unterstes Niveau nivelliert, die rein zahlenmäßig größte Gefahr ins Unerhebliche reduziert, verbleibt noch die nunmehr relativ geringe Gefahr durch die Schreiber.

    Analog zum Lesen ist auch die Fähigkeit, zumindest richtig zu schreiben, gelungen eingeschränkt worden: Linkshändern wird die Fähigkeit zugerichtet, auch rechts gut schreiben zu können, womit die besonders Begabten auf nurmehr die Hälfte ihrer Gehirnfähigkeiten zurückgeschraubt werden. Im Deutschunterricht werden die wirklich Kreativen mit roten Marginalien: "Unsinn!", "unverständlich!", "Ausdruck!", "Satzbau!" und ähnlichem frühzeitig im Selbstbewusstsein gestaucht. Eine letzte Verunsicherung durch die Rechtschreibreform tut das Ihrige.
    Aber auch die neue Rechtschreibung und Grammatik werden nicht mehr gründlich gelehrt. Latein als Konzentrationsübung dazu ist erfolgreich zurückgedrängt worden.

    Dennoch ist eine Unmenge an Schreibern festzustellen: Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Nun - reine Alibifunktion!

    Die Angepassten, deren Deutschaufsätze mit h?heren Noten gefördert wurden, fühlen sich zum Schreiben berufen. Papier ist geduldig und wenn auch keine Lebensstoffe mehr zur Verfügung stehen, Hauptsache die Sprache stimmt und der durch den achso erfolgreichen Deutschunterricht gefestigte Glaube an die Erlernbarkeit guter Sprache wird in Creative Writing Kursen einfach aufgefangen: ja nicht selbst denken beim Schreiben, sondern bitte erst unter Anleitung des Gruppenleiters in der Gruppe besprechen, schleifen zum Einheitsbrei, deutschlehrer- und germanistentauglich.

    Die auf Verkaufserfolg kapitalistisch ausgerichteten Verlage drehen an diesem Rädchen gewitzt mit: da es keine Leser mehr gibt, werden die Bücher also nurmehr zum vergleichenden Lesen von den Schreibern gekauft: da diese aber Deutschlehrer- und Germanistenniveau haben, haben das die Autoren, die verlegt werden, natürlich auch. So zeugt sich Gegenwartsliteratur und - Lyrik quasi inzuchtmäßig immer wieder gleich, auf immer wieder gleichem Niveau: Vorbilder der Schreibschulen protegieren ihre Nachahmer. So geht auch hier alles seinen Gang. Stagniert.

    Zensur ist unnötig geworden!

    Es wird sich kein Verlag finden, der zensurables Material überhaupt verlegt, weil es das eben nicht mehr gibt.. Und Deutschlehrer und Germanisten gutgetaufter Sex oder Blasphemie, ist eben nicht das selbe wie Sex oder Blasphemie. Und Revoluzzer mit germanistischem Segen locken auch keinen Echten (gibts die überhaupt noch?) hinter dem Ofen vor.

    Zensur ist ersetzt worden durch Auswahl, Auslese, Ausschreibe. Welch gelungener, weil bequemer Weg! Keine Leser, die nicht selbst Schreiber wären und nur noch die Selbstschreiber als Käufer. Ist das nicht großartig?



    II. Zensur im Internet

    Das Internet unterliegt keiner Machtstruktur und damit grundsätzlich noch keiner durchgehenden Zensur. Es ist trotz Einzelfallzugriffen durch gerichtliche Sanktionen auf Server relativ rechtsfreier Raum.

    Dennoch treffen die oben aufgeführten Erkenntnisse auch hier zu: es gibt keine Leser, sondern nur vergleichend lesende Mitschreiber:

    Aber: deren Zensur untereinander! DIE GIBT ES!

    Da werden die lyrischen Ichs der ohnehin virtuellen Nicks verurteilt, die Tastatur schreit nach gelöschten Beiträgen oder Forenmitgliedschaften. Die Argumente gegen die Freiheit des geschriebenen Wortes bleiben die gleichen, die sie in der gut/grausamen alten Zeit noch waren, als es einerseits noch wirklich zensurable Texte gab oder zumindest andrerseits eine politisch starke Lobby, die gleich von der Herkunft eines Autors auf seine Entartung kreuzzugartig kurzschloss.

    Beide Phänomene sind:::: leider! das erste;;;: zum Glück!!! das zweite;;;: verschwunden. Zumindest in Deutschland. In der deutschen Gegenwartsliteratur. Der Versuch, sie ausgerechnet im Internet wiederzubeleben, scheint dennoch: gescheitert. Warum? Es gibt leider auch hier keine zensurablen Texte...nur eine Überproduktion an Geschriebenem...



    III. Die Schere im Kopf: Selbstzensur

    Die Kinder dieser Gesellschaft sind Geschnittene:
    im Kopf läuft automatisiert die Schere der Auswahl und Anpassung auf den Satzlinien mit und schneidet, noch vor dem Schritt zur Schrift, Stoffe, Inhalte und Formen zurecht. Immer mit einem Auge auf die verlegte Literatur oder Konkurrenz schielend, verlegt das Schreiberhirn seine Anstrengungen auf Ähnlichkeiten, so daß man durchaus von einer analogen Schreibe sprechen darf.

    Auch eine Digitalisierung gibt es, die experimentell mit Schwarz/Weiß, also Buchstabe und Nichtbuchstabe, arbeitet. Vor allem in der Lyrik ist die Weiße am Zeilenumbruch gestalterisches Element.

    Der Blick über den eigenen Sprachrand hinaus ist durch fehlende Fremdsprachenkenntnis nicht existent, wo er sich durch Schlegertextkenntnis ergibt, schneidet die Schere das "parlando" doch lieber heraus. Es sei denn, die vorgestellten Texte handelten in der PR-Branche oder arbeiteten ihrerseits mit einem gewissen "product placement" und von daher mit Zitaten.

    Erscheint dem Schreiber sein Text zu wenig literarisch, steigert er ihn durch unzählige Überarbeitungen etwas ins Ungewisse. Oder Esoterische. Oder ins Hermetische.

    Dann die "political correctness"! Welche Lobbies im Kopf! Angefangen bei der eigenen Verwandtschaft, den Lebensbegegnungen, dem Bäcker an der Ecke. Die Frauenrechtlerinnen! Tierschützer! Ach - endlos. Und das eigene Ich: wenn einem das mit dem lyrischen oder Erzähler Ich doch nicht so abgenommen wird? Dann doch lieber nicht zu viel Blut hinein! Nicht dem eigenen Puls gehorchen! Keine Tabus verletzen!

    Und nur eines ja nicht: Erzählen!
    So wie die Märchenerzähler früher, die noch mit schaurigschönen Begebenheiten aufwarten konnten und man nicht so recht wußte, ob es sich nicht vielleicht doch so zugetragen haben könnten, die Tod und Auferstehungsplots, die Suche nach dem verlorenen Tierbräutigam, die Eroberung neuer Welten, die unbelehrende Lust am Fabulieren, das leuchtende Schreiben des begeisterten Erstlesers= Schreibers! Nur ja nicht sich selbst am Geschriebenen begeistern: nein: kühl schleifen: auf Germanisten-Niveau!

    Vergessen und weggeschnitten die Ursprünge des Schreibens:
    NUR HILFESTELLUNG ZUM AUSWENDIGLERNEN! Von Texten, die das gesammelte Wissen der Menschheit in sich trugen! Zum Zweck der Weitergabe an geschulte Ausgewählte, die ihrerseits Schüler auswählen mussten, damit diese Schätze von Generation auf Generation überkommen sollten.

    NIVEA!

  2. #2
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    Hallo Susanna,

    du schreibst mir aus der gequälten, dressierten und zensurierten legasthenikerseele! das schlimmste ist selbstzensur, wenn ein gedanke, bevor er sich aus dem halbdunkel des grenzlandes zwischen unbewusstem und bewusstem hervor wagt, gleich eins über die rübe kriegt; noch gar nicht ausgeformt, wird er abgetrieben, weil nicht konform, weil nicht korrekt, weil gegen die regeln des rechtwinkeligen denkens, des lotrechten schreibens oder des linealgeraden, schablonisierten formulierens gewachsen. die sprachlichen unkrautjäter in uns und um uns zupfen alles aus, was nicht dem schrebergartenbild ihrer baum- und pflanzschulordnung entspricht.

    sofern haste recht mit deiner polemik,

    gruss eule.

  3. #3
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    Polemik
    , heisst es immer wieder, meist zu recht. Andere behaupten es nur, um das Wort "Polemik" einmal benutzt zu haben, ein offensichtlich irres Gefühl, das viel zu selten nach mehr verlangt ...

    Eigentlich müsste man hier von "tendenziöser Polemik" sprechen, falls überhaupt, doch wer verlangt schon nach mehr, ja genau. Bleiben wir also beim (H)ausgemachten: Polemik meint ursprünglich die Streitkunst, den wissenschaftlichen Streit, eine also gelehrte Fehde (gr. polemos = Krieg). In der Theologie bedeutet Polemik die Bekämpfung dogmatischer Anschauungen anderer christlicher Konfessionen. Polemisieren heißt: eine Ansicht bekämpfen. Polemik sucht also weniger den Konsens, sondern will fundamentalistisch niederkämpfen. Wahre Polemik ist demzufolge keine unfaire Rhetorik, sie überspitzt aber streithaft und beharrt unversöhnlich auf der eigenen Meinung. Wenn man sagt, ich will nicht polemisieren, so bedeutet das: ich will versöhnlich argumentieren, eine Brücke bauen, ein Angebot zur Einigung machen. Das will Susanne laut Überschrift nicht, damit das klar ist; selbst dran schuld.

    Dollen Gruß!

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Zensur. Eine Polemik.

    polemik ist eine nicht-fiktionale gattung der literatur. eine einseitig subjektive kritik an einem mißstand.

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    Schwach im Sinn ...

    Es spricht nichts gegen Polemik als Fiktion, sofern man es erst mal auf die Reihe kriegt.
    Der Hammer des Abends: (Polemik als) "nonfiktionale Literaturgattung", das ist schon hahahart.

    Allein die Vorstellung, Polemik bräuchte einen Missstand ist so abwegig wie sein Umgekehrt, benötigt doch ein Missstand keine Polemik per Definition.


    Ich schätze mal, Dir geht es nur ums Labern, nicht ums Thema - darfst mich nun Schätzchen nennen.

    Finally we got some "Polemik" (t)here ... bis auf diese verdammte Versöhnlichkeit ...

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Zensur. Eine Polemik.

    ja an der sind schon viele gescheitert. bin halt unleugbar katholisch, weißt schon: feindesliebe. dagegen - und dieses konsequent durchgehalten - ist nunmal kein kraut gewachsen.

    mich zum luststreiten zu bringen erfordert eine kampfausrüstung, die du noch nicht mitbringst: keine wiederholungen in der argumentation, wenden und brechen meiner argumente, geschliffenere sprache, gleichbleibende höhe des geistes, nicht des unterleibs, feurigeres blut, obsession in der sache, nicht in der selbstdarstellung ... und so

    auch soll es ein buch geben: die kunst, gut zu beleidigen, von schopenhauer, anzuwenden, wenn man bereits im unrecht ist. das habe ich nicht gelesen, finde aber keinen witz darin, sich mit jemandem zu streiten, der schon unrecht hat. ohne die offene sache, um die es gehen muß, streite ich also nicht. rechthaben ist dumm, weil statisch. die sache voranzutreiben, leib an leib und argument an argument die kräfte zu messen, ständig selbstreflexiv sein größter eigener feind zu bleiben noch v o r dem anderen, seine argumente also geistig vorwegzunehmen: das wärs!

    ich setze große hoffnungen in dich, arminius!

  7. #7
    Kurzvormabschussiger
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    *gelangweiltdensackhochzieh* ...

    Viel zu autobiographisch Dein vorwurfsvolles Hilflosgeposte.

    Auch paradox: Dialog und Anklage sind offensichtlich zu unterschiedlich, um (ausgerechnet!) von Dir auseinander gehalten zu werden ...

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
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    Bilderstürmer in Chemnitz

    Hallo allerseits,

    Dieser Vorgang ist so unglaublich, daß man sich ein paar Jahrzehnte zurückversetzt glaubt.

    Mehr dazu hier.

    Da sind wir also wieder angekommen ...

    Gruß

    K.

  9. #9
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Bilderstürmer in Chemnitz

    ein in der tat unglaublicher vorgang. man stelle sich vor, einem linken künstler wäre ein gleiches geschehen, zumal der künstler ja angab, das bewußte zeichen zu übermalen. aber selbst wenn er dieses zeichen behauptet hätte wissen wollen, so wäre das wohl statthaft gewesen. oder ist es verboten wie das hakenkreuz? nicht ganz, es ist nur dann verboten, wenn es eine politische botschaft verkündet, nicht aber, wenn es den alten teleologischen schutzzweck (symbol des kreuzes) repräsentiert. da es an einer kirche angebracht war, dürfte dieser schutzzweck angedeutet worden sein. allerdings ist es wohl der gesinnung des künstlers zu schulden, daß er überhaupt an dieses symbol dachte, als er die kirche malte. doch gesinnung ist hierzulande nicht zu bestrafen. und genau dies ist mit der übermalung jetzt geschehen; es wird die gesinnung und das daraus folgende künstlerische produkt zensiert. über den künstlerischen gehalt des bildes mag man streiten, ich bin kein freund solcher naiver malerei, aber das ist nicht entscheidend; entscheidend ist vielmehr, daß hier faschistoid gehandelt wurde, denn der maler soll nunmehr nicht das malen, was seiner freien künstlerischen natur entspricht, sondern die schere innen kopf legen und aposteriori seine bilder malen, nicht mehr so, wie er das für richtig hält. und das ist der todesstoß für die kunst und erinnert an die zeiten unserer nation, als kunst vor allem parteiutilitaskunst gewesen, 33-45 die der nsdap und 46-89 die der sed.

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Bilderstürmer in Chemnitz

    es ist so ein armutszeugnis, daß die regierenden ihren regierten nicht trauen. als wären es keine erwachsenen und aufgeklärten menschen mehr, sondern zu bevormundende unmündlinge. irgendwie muß diese parteidiktatur aufhören!
    immer, wenn der staat die gesinnungsherrschaft übernimmt und eine gleichschaltung versucht, ist der mündige bürger gefragt, der mündige mensch.
    der gesinnungsterror ist ja von allen seiten zu beobachten. es vergeht einem bald die lust. die anerzogene dummheit hat zu einer willfährigkeit und unterwürfigkeit geführt, die die diktatoren frech und ohne rot zu werden zu solchen zensurmaßnahmen greifen läßt. kann man den bürgern das sehen nicht verbieten oder ihnen die augen entfernen, so entfernt man die bilder.
    bislang hat man möglicherweise übersehen, daß man auch die eigene geschichte entfernen müßte, die vorstaatliche. am liebsten wäre es den zensoren wohl, die deutschen kämen aus einem anamnesevakuum.
    so eine entlarvung aller sinnlosen aufarbeitungsmüh nach dem 2. weltkrieg:
    man fürchtet ein bild und nicht mehr einen mündigen bürger.
    das ist das trostlose: vor kritischen gedanken fürchtet man sich nicht mehr, weil es sie nicht mehr gibt. das selbständige denken ist in deutschland kein wert mehr. keiner jedenfalls, der die ganze gesellschaft durchzieht.
    damit das so bleibt, werden die eingriffe in die meinungsfreiheit immer unverschämter.
    der staat hat ein ganz klar abgegrenztes territorium seiner bestimmung des unerwünschten: das ist das strafrecht. allem anderen hat er sich zu enthalten. das strafrecht orientiert sich an taten, nicht an gesinnungen. die ausforschungen der gedanken ist grundsätzlich verboten. übergriffe hierin kennzeichnen die diktatur.

    die kunst müssen wir hier nicht bemühen. das sehe ich auch so.

  11. #11
    rodbertus
    Laufkundschaft
    beschreibt die unfähigkeit der deutschen justiz im umgang mit dem problem der meinungsvielfalt.


    http://www.diakonetz.de/ticker/news_druck.php3?nummer=272

    Die Schere im Kopf: Amtsgericht Stuttgart setzt auf Zensur statt Meinungsvielfalt
    Mit einem Tiefschlag gegen die Grundsätze von Demokratie und Meinungsvielfalt im Internet haben Richter des Stuttgarter Amtsgerichtes ein unrühmliches Kapitel deutscher Rechtsgeschichte geschrieben. Das Gericht verurteilte den selbsternannten „Anwalt für digitale Bürgerrechte“ Alvar Freude zu einer Strafe von 120 Tagessätzen zu je 25 Euro.

    Als ahndungswürdig empfanden die Richter virtuelle Querverweise auf einem Internetprojekt des Kommunikationsdesigners. In einer Dokumentation über Sperrverfügungen des Landgerichtes Düsseldorf hatte Freude auch auf Internetseiten der national-konservativen Szene verwiesen. Seinem Argument, dass die Dokumentation eines Sachverhaltes unmöglich sei, solange es verboten ist, die umstrittenen Inhalte nachvollziehbar abzubilden, wollte die Richterin nicht folgen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Gegen seine Verurteilung wegen Volksverhetzung und Beihilfe zur Verbreitung von Nazi-Propaganda hat Freude Berufung angekündigt.
    Mit der Verurteilung von Alvar Freude setzten die Stuttgarter Richter vor allem ein Zeichen für die Hilflosigkeit des deutschen Rechtsapparates gegenüber einigen drängende Fragen der modernen Kommunikationsgesellschaft: Welcher Bekenntnisgrad ist virtuellen Sprungmarken in zeitgeschichtlichen Dokumentationen beizumessen? Sind angehende Politik-, Sozial-, Kultur-, Religions- und Geschichtswissenschaftler grundsätzlich verdächtig, dem Sympathisantenkreis einer radikalen Szene nahe zu stehen, wenn sie in ihren – zunehmend auch im Internet veröffentlichten – Arbeiten, auf entsprechende Quellen verweisen? Gilt es, das Recht auf freie Meinungsbildung durch staatliche Zensur einzuschränken? Müssen fleißige deutsche Beamte in zahlreichen Arbeitskreisen unverständliche Verordnungen über den Gebrauch virtueller Sprungmarken auf persönlichen Heimseiten bundesdeutscher Nutzer des internationalen Datenverbundes entwerfen? Gibt es eine Chance für den gesunden Menschenverstand?
    Der Amtsschimmel wiehert – und dies um so lauter, als selbst der zuständige Staatsanwalt in einem Pressegespräch erklärte, nicht davon auszugehen, dass Alvar Freude der rechten Szene zuzuordnen sei. Am treffendsten fasste wohl ein Prozessbeobachter die Vorgänge in dem Stuttgarter Gericht zusammen: „Der Richterin war es egal. Sie wusste, dass es so oder so zu einem Einspruch kommen wird."
    In diesem Zusammenhang – und um Missverständnissen vorzubeugen - distanzieren wir uns deutlich von allen, auf den Seiten des DIAKOnetzes angegebenen, Hyperlinks und Querverweisen. Schließlich können auch wir nicht dafür garantieren, dass eine der angegebenen Sprungmarke in den Tiefen des Internets, zum Beispiel auf die umstrittenen Webprojekte des Alvar Freude verweist.

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause
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    virtuelle sprungmarke

    verlinken ist eine handlung, durch welche inhalte verbreitet werden. die verbreitung bestimmter inhalte ist verboten. jeder seitenbetreiber kennt den haftungsausschluß, den er in sein impressum setzen muß und die pflicht, die links zu überprüfen.

    eine andere frage ist die nach forschung und ihrem material. jeder reporter oder journalist und jeder wissenschaftler muß seine quellen angeben.
    der stoß muß sich gegen das wort "feigenblättchen" richten, welches der zensur eine bahn brechen will, um quellen mundtot zu machen. nach der kunst soll also auch die forschung behindert werden.

    damit zugleich nicht nur die quellen, sondern der gegenstand selbst. wen es nicht mehr interessiert, warum es neonazis gibt, wird auch für sie blind. blinde ecken und das einstellen der kommunikation versch?rfen ganz grundsätzlich alle probleme und verhindern alle lösungen. cui bono?



    juristen an bestimmenden stellen sind durch ihre auslese nicht zu querdenkern geboren. die angst, als politisch unkorrekt aufzufallen, ist hier ja nicht selten.

    virtuelle sprungmarke ist ein schönes wort.

  13. #13
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Zensur halte ich für notwendig. Sie setzt Grenzen und zwingt Künstler zur Kunst. Ohne Zensur hat es die Kunst schwer. Jede Form ist Begrenzung, sowohl inhaltlich als auch äußerlich.

    Aber Selbstzensur ist der Tod jeder sich als demokratisch gerierenden Gesellschaft. Unser Zeit ist voll von Selbstzensorikern. Sie wittern das Lüftchen aus den Direktorenbüros, was ein potentieller oder tatsächlicher Auftraggeber möchte und passen sich an: sie schneiden alles weg, was ihm nicht gefallen könnte und entwickeln in sich Charakterzüge, die den Wünschen ihrer Chefs entsprechen könnten. Eine neurotische Gesellschaft wächst so heran, eine Gesellschaft Gleichgeschalteter in Reihenhäusern, normierten Garagen und 4cm-Rasen-Rasenflächen. Das Original hat nur dann Bedeutung, wenn es im Kanon heult, womit es sich selbst aufgeben muß.

    Wir haben heute ein Welt der Angestellten, der Abhängigen, der Bürokraten und traditionslosen Rationalisten.

  14. #14
    Kurzvormabschussiger
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    unfaßbar

    [...] mehr fachliteratur lesen [...]
    Po-Lähm-ik

    Kommt drauf an, was hier unter "Fachliteratur" verstanden gewusst werden will.
    Alles, was vom Systemkonformpöbel nicht zensiert wurde, somit dem, zensierenden, System diene?
    Selbst harmlos aussehende Schulbücher infiltrieren
    Propaganda. (Ein Schulbuch, so brav, erhaben über jeden Verdacht der Indoktrinationsmaschinerieanteilschaft ...) Oft subtil, freilich, sodass Eltern brüsk zurückweisen würden, richtete man entsprechendlautende Aussage an sie.
    Je barscher Abweisung, umso mehr bereits besetzt, zersetzt, von der lähmenden
    Kraft der unsichtbaren Kette.
    Manch Angeketteter stürbe vor Verzweiflung, wüsste er um seine Ketten rings um ihn.
    Von daher hat es Gutes, dass manch im Leben maßgebendes unsichtbar
    - unfaßbar -
    bleibe.

  15. #15
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Zensur. Eine Polemik.

    ein wichtiger, wenngleich merkwürdig unvollständiger ordner...

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