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Thema: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

  1. #1
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    Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    22
    Während Angelika bei der Beerdigung weilte, malte Simone fünf weitere Abtreibungs-Bilder. Nun waren es acht. Zusammen mit den giftigen Tieren waren das genug für eine kleine Ausstellung.

    Nach dem letzte Bild spürte Simone ein Stechen in der Magengegend, als ob ihr jemand ein Messer hineingerammt hätte. Der Schmerz könnte von der Abtreibung herrühren. Vielleicht war etwas schiefgelaufen? Oder es war ein Phantomschmerz, der Gedanken an Wehen hinaufbeschwor.

    Sie stellte alle Bilder mit dem Rücken zur Wand und betrachtete sie in der Reihe. Sie waren alle unterschiedlich groß und hatten verschiedene Formate. Vielleicht machte dies sogar einen Reiz aus? Nicht die typische Reihung wie andere zeitgenössische Künstler sie schufen. So, wie es jetzt war, entsprach es ganz ihrem Wesen. Ein wenig chaotisch. Man mußte sich nicht immer daran orientieren, was gerade hip war. Je länger sie die Bilder betrachtete, desto unerträglicher wurde der Schmerz. Sie mußte die Bilder wieder umdrehen. In ihrer Häufung waren sie zu eindringlich.

    Sie ließ die Rolläden in ihrem Schlafzimmer herunter und legte sich ins Bett, obwohl die Sonne noch schien. Der Schmerz im Magen wurde etwas dumpfer, als sie die Augen schloß. Aber in ihrem Geiste schossen viele abwechselnde Visionen. Das Licht war grell, obwohl es im Raum dunkel war. Wie in einer rasenden Diashow zog vor ihrem inneren Auge ein Bild nach dem anderen, das sie gemalt hatte, vorbei. Das Flimmern war nicht abzustellen. Sie öffnete die Augen. Dunkel. Nur durch die Rollädenritzen die Sonnenstrahlen. Sie wünschte sich, sie könnte schlafen, aber ihr Herz raste wie nach einem Sprint. Ihr Atem ging schwer und legte sich wie ein Panzer um ihre Brust. Die Adern im Kopf schienen zu bersten. Es pulsierte, als ob gleich der Kopf platzen würde.

    War sie krank? Sie würde einen Internisten aufsuchen. Sie schälte sich aus dem Bett und fragte sich, welchen Arzt die konsultieren könnte. Da dachte sie an ihren Exmann. Er hatte sich doch schon einmal untersuchen lassen. Nach einem kurzen Telefongespräch gab er Simone die Adresse. Sie bekam für den nächsten Tag einen Termin.

    Sie legte sich wieder hin, aber es wurde nicht besser. Sie konnte nicht schlafen, obwohl sie völlig erschöpft war. Etwas raste in ihr. Nach einer Stunde stand sie wieder auf, aber sie konnte sich kaum auf den Beinen halten. Sie zitterte am ganzen Körper. Die Dämmerung hielt ihren Einzug. Vielleicht würden sich ihre Nerven dann beruhigen? Es wurde nicht besser. Sie betrachtete nochmals die Bilder. Wie magisch wurde sie von ihnen angezogen. Sie hätte davon Abstand nehmen müssen. Denn plötzlich hörte sie hinter sich ein Keuchen. Sie drehte sich um. Aber da war niemand. Woher kam dieses Geräusch? Es kam immer näher und wurde lauter. Es war ein lüsternes Keuchen. Wie bei einem Geschlechtsakt. Wollte sie hier jemand verhöhnen? Schnell drehte sie die Bilder wieder um und taumelte in ihr Bett, als ob das die Sicherheit wäre. Sie starrte an die Decke. Die Decke bewegte sich. Von oben kam ein Geräusch. Aber Angelika war doch gar nicht da. Ganz eindeutig, die Dielen knarrten. Jemand mußte dort oben sein und herumlaufen. Ein Einbrecher vielleicht? Sie hätte aufstehen sollen, um nachzuschauen. Aber sie hatte dieses Herzklopfen. Schnell zog die Decke über den Kopf.

    Irgendwann mußte sie kurz eingeschlafen sein. Aber es war kein tiefer Schlaf. Denn sie dachte im Traum. Sie war auf dem Klo und schiß dieses so voll, daß es überquoll. Ein Riesenberg nur mit Scheiße. Sie war überall. Sie versuchte sie wegzuwischen, fand aber immer mehr. Mitten im Traum reflektierte sie, woher das kam. Natürlich, sie hatte einmal eine Lebensvergiftung gehabt. Genau die gleiche Situation. Nur daß sie dazu auch noch gekotzt hatte. Plötzlich hatte sie ein Würgen im Hals wie damals.

    Sie stand tatsächlich auf, um auf das Klo zu gehen. Ihr entrang nur ein kleines Räuspern. Das Würgen war weg.

    Was stimmte nicht mit ihr? Morgen würde sie genaueres erfahren.

    23
    Auf dem Weg zum Arzt spannte ihre Brust. Sie hatte Atemnot. Das gleiche Symptom wie am vorherigen Tag. Sie fuhr zu schnell. Hinter der großen Verkehrskreuzung wurde sie geblitzt. Sicher, das waren die Verfolger. Sie hatten sie abgelichtet. Sie hielt an einer Ampel kurz vor der Arztpraxis. Sie starrte auf ein Plakat. Darauf war ein abgetriebenes Kind zu sehen. In großen Lettern stand dort: Für mehr Menschlichkeit. Ihre Augen weiteten sich in Entsetzen. Jemand hatte ihre Bilder kopiert! Jemand hatte sie bestohlen. Sicher, das waren wieder die Verfolger. Ihre Herz klopfte jetzt drei Frequenzen schneller.

    Die Arztpraxis kam ihr wie eine dunkel Höhle vor. Beklemmungen stiegen auf. Zuerst wurde sie an der Brust geröntgt, da sie die Atemnot erwähnt hatte. Als sie ihren nackten Oberkörper an die kalten Metallplatten drückte, lief ihr eine Armee von Ameisen über den Rücken. Dann das Blitzen vor den geschlossenen Augen. Jetzt war sie sich sicher, der unbekannte Verfolger war ihr Exmann. Schließlich hatte sie die Adresse des Arztes von ihm. Dem Arzt würde sie bestimmt nicht trauen können.

    Der Arzt nahm ihr Blut ab. Danach mußte sie in ein Gerät blasen. Die Lunge funktionierte nicht richtig. Der Arzt schloß auf einen Angstkrampf. Es sei, kein körperlicher Defekt, sondern ein psychischer. Sie sollte einen Neurologen oder Psychiater konsultieren.

    Dieser Depp schickte sie also zu einem Psychiater. Sie war doch nicht psychisch krank! Sie hatte eindeutige körperliche Beschwerden. Jetzt war sie sich sicher, ihr Exmann wollte sie aus dem Verkehr ziehen. Er würde sie bestimmt gerne ein Leben lang hinter Gittern in der Psychiatrie sehen. Der Arzt und ihr Exmann arbeiteten zusammen. Ihr Ex hatte bestimmt vorher mit dem Arzt telefoniert und ihren Fall geschildert. Welch gemeiner Komplott!

    Auf dem Weg in die Stadt fiel ihr ein weiteres Plakat auf. Es war ein Konzertplakat von den Guano Apes. Darauf war ein riesiges Insekt zu sehen. Ihre Hornisse. Sie hatte die göttliche Eingebung: Ihr Exmann hatte alle möglichen Leute kontaktiert, damit jemand ihre Bilder kopiere, um sie in den Wahnsinn zu stürzen.

    Ihre Gedanken waren völlig zerfleddert, als sie in das Szene Cafe stürzte. An den Wänden hingen Bilder von Vogelspinnen in allen möglichen Perspektiven. Das war bestimmt kein Zufall. Soviele Zufälle konnte es doch gar nicht geben! Ihr Exmann hatte bestimmt auch ihr Lieblingscafe kontaktiert. Natürlich, es waren immer Fotos, auf die sie stieß. Aber alle Bilder hatten Affinität zu ihren eigenen. Daß ihr Exmann ihre Bilder noch gar nicht gesehen hatte, fiel ihr gar nicht auf. Ihr Exmann mußte die ganze Stadt in Aufwallung gebracht haben.

    In einem Rausch von Gedanken trank sie ihren Cafe. Die Musik vermischte sich mit ihren Gedanken. Dazu rauchte sie eine Zigarette nach der anderen. Wie um sich zu beruhigen, stand sie auf und nahm die Zeitung. Scheinbar zufällig hatte sie sich Die Zeit ergattert. Schon lange hatte sie keine Zeitung mehr in den Fingern gehabt. Sie schlug den Feuilletonteil auf. Sofort wurde sie von einem Artilkel über Eva Hesse gefangen genommen. Je länger sie las, tauschte sie ihren eigenen Namen gegen den von Eva Hesse aus. Ihr Ex hatte es also geschafft, einen Artikel für sie in der Zeitung zu drucken. Daß er gar keine Kontakte zu einem Medium, wie Die Zeit hatte, ließ sie glattweg unter den Tisch fallen. Sie fand auch einen Artikel über Angelika. Die neue Bestsellerautorin an Deutschlands Literaturhimmel. Es war zwar nicht ihr Name, der genannt war, aber wahrscheinlich hatte sie unter einem Pseudonym veröffentlicht. Das machten doch Schriftsteller!

    Wie in einem Rausch legte sie die Zeitung weg, bezahlte und setzte sich ins Auto. Angelika und sie würden berühmt werden! Sie würden beide in den Himmel fliegen. War das Leben nicht ein einziger Rausch? Daß sich beide ihre Flügel verbrennen würden, bedachte sie in jenem Moment nicht.

  2. #2
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    hallo patina,

    diese passage ist sehr eindringlich geschildert, finde ich. du solltest simones perspektive durchhalten!!!

    aus meiner sicht solltest du deswegen sätze, wie z.b. diese, streichen:


    Daß ihr Exmann ihre Bilder noch gar nicht gesehen hatte, fiel ihr gar nicht auf.

    Daß er gar keine Kontakte zu einem Medium, wie Die Zeit hatte, ließ sie glattweg unter den Tisch fallen.

    Daß sich beide ihre Flügel verbrennen würden, bedachte sie in jenem Moment nicht.
    herzliche grüße
    chris

  3. #3
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    Hallo Chrisi,
    ich habe die Sätze gestrichen. Sie waren noch ein Stück Realität. Aber hast recht, das kann entfallen. Diese Momente kann ich deswegen so gut beschreiben, da ich sie ähnnlich erlebt habe.

    Würdest du im Teil 2 nur noch aus Simones Realität heraus schreiben und Angelikas Perspektive unter den Tisch fallen lassen? Wäre vielleicht eine Variante.

    Und wenn Simone dann wieder auftaucht aus ihrer Psychose, könnte ich wieder Angelika einbringen. Das wäre dann Teil 3.

    Super, danke.

    lg Patina

  4. #4
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    24
    Simone watete in dem bunten Herbstwald. Die Knöchel verborgen von den Blättern. Sie könnte schreien angesichts der Farben. Manchmal sah sie die Farbe eines Blatts einzeln. Im Moment war es blutrot. Wie ihre Bilder. Je länger sie in die Blätter schaute, desto mehr kristallierte sich etwas heraus. Das waren Kinderköpfe. Aus den winzigen Gehirnen tropfte Blut. Die Gehirnwindungen waren die Äste. Endlose Gedärme auf der Mutter Erde. Die Köpfe der Babys schrien. Sie starrten sie an. Sie konnte ihr Weinen hören. Als ob eine Billardkugel an die Magenwände pochte.

    Vertrocknete Brombeeren hatten plötzlich Gesichter. Kastanien schrien ihr entgegen. Sie hatten ein Maul, das nach Milch verlangte. Sie schaute in die Bäume. Aber da sah sie nur die Gehirnwindungen. Die Mäuler der Kastanien hatten ihre Gedärme in den Himmel geschossen. Sie wollte tanzen. Blieb jedoch regungslos und ließ sich treiben in dem bunten Geschehen. Das konnte sie malen!

    Plötzlich stolperte sie über einen Ast und fiel in das weiche Herbstlaub. Sie blieb liegen und starrte mit offenen Augen in den Himmel. Die Wolken trieben am Himmel, vereinten sich zu seltsamen Formationen. Sie sah ganz deutlich einen Engel. Er hatte einen abgerissenen Kinderkopf in der Hand. Immer näher kam der Engel und setzte sich schließlich neben sie. Er hielt ihr den Kinderkopf vor ihr Gesicht. "Siehst du, was du uns angetan hast?" Entsetzt schaute Simone auf das Gesicht. Es war ihr eigenes. Es war ihr Kind. Das Kind weinte nicht, sondern schaute sie nur mit arglosen Augen an. Wenn der abgerissene Hals nicht gewesen wäre, dann hätte Simone es jetzt in die Arme genommen und versucht ein Schlaflied zu singen. Warum weinte das Kind nicht?

    Die Schmerzen überfielen Simones Körper. Ihr Hals war abgeschnitten. Sie war zerissen in zwei Teile. Der Kopf schwebte ganz weit oben, während der Körper auf dem Grund lag. Lange lag sie so und sagte zu sich: "Das mußt du jetzt ertragen! Das ist deine Strafe. Gott hat sie dir auferlegt." Der Engel war doch Gott. Er hatte sich ihr eindeutig gezeigt.

    Lange blieb sie so liegen. Nun mit geschlossenen Augen. Es flimmerte weiter, aber die Bilder waren nicht mehr so deutlich. Von dem Engel sah sie nur noch einzelne Fetzen, mal einen Flügel, mal ein Auge. Die Dunkelheit fiel ein. Simone regte sich nicht. Als ob sie hier in dem Blätterwerk sterben wollte. Plötzlich hörte sie eine Stimme: "Simone, steh auf. Ich warte auf dich. Ich bin zuhause. Willst du nicht kommen?" Es war eindeutig die Stimme von Angelika. Langsam mit trägen Gliedern erhob sie sich. Wieder das Zittern am ganzen Körper. Sie taumelte. Wo war sie? Wo war der Weg? Im Halbdunkel fand sie eine Wegmarkierung. War das ihr Weg? Ihr war alles egal. Hauptsache gehen. Sie ging langsam. Aber je länger sie lief, desto federnder wurde ihr Schritt. Was hatte sie für eine Eingebung gehabt! Schließlich zeigten sich endlich die Lichter der Einfamilienhäuser. Es hatte etwas heimeliges. Sie würde nach Hause zurückkehren. Ob Angelika schon da war?

  5. #5
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    hallo patina,

    warum schreibst du nicht den ganzen roman ausschließlich aus der perspektive von simone? es geht doch um sie oder? warum schreibst du auch aus angelikas perspektive? welchen zweck hat das? ist mir nicht klar.

    herzliche grü0e

    chris

  6. #6
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    Liebe Christine,

    einen Roman über eine reine Psychose habe ich schon geschrieben. Noch einer wäre zuviel des Guten. In jenem Roman geht es bei der Protagonistin nur um Männer. Diesmal wollte ich den weiblichen Part mit drin haben.
    Außerdem wäre das nur krank, ständig aus Simones Perspektive zu schreiben. Ich wollte auch noch den Aspekt einer gesunden Person mit drin haben.

    liebe Grüße

    Patina

  7. #7
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    25
    Im Kühlschrank war noch eine Flasche Wein. Mit der Flasche und einem Glas in der Hand wandelte sie durch die Wohnung. Sie hatte kein Licht gemacht, da es ihr zu grell erschien. Im Halbdunkel wanderte sie die Zimmer ab. Eines nach dem anderen öffnete sie, blieb stehen, nahm ein Schluck direkt aus der Flasche und schaute in das diffuse Licht. Als ob sie etwas suchen würde. Natürlich es war der Engel, der es ihr angetan hatte.

    Als sie die Schlafzimmertür gelangte, saß er auf ihrem Bett. Die Flügel brannten hellrot wie Feuer. Die restliche Gestalt regte sich nicht. Der Körper und das Gesicht kaum erkennbar. Ihr fiel das Glas aus der Hand. Als die Scherben klirrten, meinte sie der Engel habe sich bewegt. Sie trug nur Socken. Durch die Scherben wandelte sie zu der Erscheinung. Sie merkte nicht, daß sie sich die Füße aufschnitt. Beim Gehen nahm sie noch einen kräftigen Zug aus der Flasche. Der Engel trug Angelikas Züge. War sie schon heimgekehrt? Sie wollte schon jubilieren, als sich die Züge plötzlich wandelten. Der Engel sah jetzt aus wie eine Greisin, erinnerte aber immer noch an Angelika. Der abgerissene Kopf eines Kindes lag auf ihrem Kopfkissen. Der Engel regte sich nicht. Sie packte ihn an den Schultern.
    „Mußt du mir das antun?“ Die Mimik des Engels schwang in Entsetzen.
    „Ich wollte dich nur darauf aufmerksam machen, daß man keine Kinder tötet.“ „Aber ich war es nicht, es war mein Exmann!“
    „Dazu gehören immer zwei!“
    „Verschwinde, das ist mein Bett, mein Schlafzimmer!“
    „Willst du mich jetzt auch noch töten?“
    „Ich will nur, daß du gehst.“
    „Ich bleibe.“
    Simone rannte zurück durch die Scherben aus dem Schlafzimmer. Erst in der Küche schaute sie auf den Boden. Überall Blutspuren. Sie mußte das aufwischen, bevor Angelika es bemerkte. Wobei Angelika saß in ihrem Schlafzimmer. Also ließ sie die Blutspuren sein, setzte sich ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Während es flimmerte, zog sie die Scherben aus den Wunden. Sie bemerkte nicht einmal, wie höllisch es schmerzte.

    Sie drehte sich eine Zigarette, während ihr das neueste Video von Silbermond entgegenschrie. Die Musik unterstrich noch ihre Gefühle. Sie war ganz oben. Den Engel im Schlafzimmer verdrängte sie. Schließlich war sie die beste Malerin und Musikerin aller Zeiten. Lauthals sang sie völlig falsch die Zeilen des Videos mit. Das war sie, die da sang. Natürlich. Sie mit schwarz gefärbten Haaren.

    Als die Klingeltöne-Werbung kam, dachte sie wieder an den Engel. Sollte sie noch einmal in das Schlafzimmer schauen? Schließlich war es das Gleiche, wie die eigenen Bilder zu bestaunen. Wie magisch stand sie auf. Die Blutspuren waren ihr so egal. Der Engel saß immer noch da. Nur die Flügel flammten nicht mehr ganz so rot. Schnell zog sie die Tür zum Schlafzimmer zu. Sie würde heute im Wohnzimmer schlafen.

    Sie schaute noch lange MTV und spiegelte sich in allen möglichen Sängerinnen. Sogar Sarah O‘Connor hatte sie für sich eingenommen. Sie hatte jetzt in ihren Gedanken selbst ein Baby und eine glückliche Beziehung. Die Flasche Wein tat ihr Gutes. Sie dämmerte hinweg. Aber nachts um vier Uhr erwachte sie. Der Engel saß an ihrem Bett. Seine Augen waren blutunterlaufen. Als ob er sich mit rotem Kajal geschminkt hätte oder eine Runde Koks genommen hätte. Er hielt ihre Hand.
    „Simone, was ist das in der Küche? Woher kommt das ganze Blut? Warum schläfst du hier im Wohnzimmer?“
    Simone dachte kurz nach. Was war das? Nicht der Engel? War das real? War das tatsächlich Angelika?
    „Das Blut, ja, ich habe ein Glas zertrümmert. Aber jetzt ist es doch schon wieder gut, oder?“
    „Geh schlafen, leg dich in dein Schlafzimmer.“
    „Aber da sitzt doch er.“
    „Wer sitzt in deinem Schlafzimmer?“
    Simone flüsterte ganz leise, daß Angelika es nicht hören konnte.
    „Na der Engel.“ Dann etwas lauter mit bittender Stimme.
    „Laß mich heute hier schlafen.“
    Simone hörte noch, wie der Engel oder Angelika das zerbrochene Glas wegräumte.

  8. #8
    Wolkensteiner
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    Patina, ich finde die herbstwaldpassage großartig! das mußte ich jetzt schon sagen, obgleich ich dich in ruhe arbeiten lassen möcht

  9. #9
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    Liebe Patina...Diese Passagen wirken durchaus geordneter, ich meine damit, daß du scheinbar konzentrierter warst beim schreiben...es ist jetzt irgendwie entspannter zu lesen, weniger chaotisch...verstehst?...gut so...

  10. #10
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    Liebe Sandra,
    ich glaube nicht, daß diese Zeilen weniger chaotisch sind. Da sind immer noch eine Menge Fehler drin. Woraus ziehst du diesen Schluß?

    liebe Grüße

    Patina

  11. #11
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    Aber ich empfinde es so, eben ruhiger und geordneter als vorher...ich habe nicht gesagt, daß es perfekt ist, aber was ist schon perfekt?...natürlich sind hier und da noch fehler drin, aber die umrisse zeichnen sich immer deutlicher ab, es wird klarer...kann es nicht anders sagen...

  12. #12
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    26
    Die Morgensonne kitzelte Simone. Sie erinnerte sich nur noch an den Engel mit den blutroten Flügeln.

    Ohne zu frühstücken setzte sie sich an den Schreibtisch, bewaffnet mit Papier und Farben. Obwohl sie sich nicht konzentrieren konnte, brachte sie einen Engel zustande. Die Flügel waren von ihm abgefallen und lagen auf dem Boden. Sie ließ die Tusche verlaufen. Der Engel war nun fast schwarz im Gesicht und am Körper. Wie geknebelt saß er in der Mitte des Papiers. Ein kleines Engelsteufelchen. Befriedigt legte sie das Papier weg und nahm das nächste. Diesmal schwebte der Engel in Richtung Himmel. Sie verwendete immer die gleichen Farben. Die Konturen der Engel waren schwarz. Der Engel selbst gelb, der Hintergrund rot. Noch vier weitere Engelsbilder folgten. Sie hängte sie sofort, naß wie sie waren, in ihrem Arbeitszimmer auf. Leuchtend stachen sie von der weißen Wand ab. Die Engel waren ihr Schutzwall. Intuitiv wollte sie sich wehren gegen diese Erscheinungen.

    Während sie die Bilder betrachtete, hörte sie, wie Angelika aufs Klo ging. Sie wollte sie jetzt nicht sehen. Sie wollte mit niemandem sprechen. Also verharrte sie still in ihrem Arbeitszimmer, bis Angelika wieder verschwunden war.

    Je länger sie auf die Bilder schaute, desto plastischer wurden sie. Sie schienen sich zu bewegen und kamen ihre entgegen. Sie hatte den Engel vergewaltigt, genauso wie sie ihr eigenes abgetriebenes Kind durch die Bilder verhöhnt hatte. Es war reine Wiedergutmachungstaktik. Sie riß die nassen Bilder von den W?nden und warf sie in den Papierkorb.

    Erschöpft setzte sie sich auf das Sofa. Die Handgelenke schmerzten. Kam das durch die Bewegung mit dem Pinsel?
    ‚Geknebelte Engel‘, tönte in ihrem Kopf.
    Mit starrem Blick saß sie da. Irgendetwas störte. Es war so leer. Sie ging zur Anlage und legte Musik auf. Das war schon besser. Sie holte die Bilder wieder aus dem Papierkorb und legte sie in einem Stapel auf den Schreibtisch. Aufhängen sollte sie die Bilder nicht. Aber wenn sie da einfach so lagen, konnte ihr kein Engel etwas antun.

    Noch zweimal versuchte sie, weitere Engel zu malen. Jedesmal zerbrach ihr das Bild unter den Fingern. Einmal zu viel schwarz. Das andere Mal die falschen Farben. Ein Zyklus von fünf Bildern sollte reichen. Aber sie wollte ihre Kreativität über das Knie brechen. Noch ein Engel, sagte sie sich. Gib mir noch einen einzigen. Aber es war wie verhext. Kein einziger gelang ihr. Frustriert legte sie sich endgültig auf das Sofa und ließ die Gedanken treiben.

    Während sie so lag, schmerzte ihr der Rücken. Würden ihr jetzt Flügel wachsen? Engelsflügel? Es war, als ob ein Feuer ihren Rücken ergriffen hätte. Sie schloß die Augen. Der Engel pulsierte gegen ihre Bilder. Dieses Rot! War es nicht abzustellen? Plötzlich fühlte sie einen Schub in ihrem Rücken und dann schoß es aus ihr heraus. Zuerst ein kleines Flügelchen. Aber es wuchs. So schnell konnte sie gar nicht denken. Und dann, sie wandte ihren Kopf, konnt sie einen Teil des Flügels erhaschen. Nicht rot, cremefarben. Sie torkelte vor den Spiegel. Die Vision war weg. Doch der Rücken brannte wie unter einem Feuer.

  13. #13
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    27
    Die Tage fegten dahin, wie dunkel grollende Eisenbahnräder. Simone nahm kaum noch wahr, wann Tag oder Nacht war. Sie hatte die Rolläden von den Fenstern in ihren Zimmern heruntergelassen und arbeitete wie im Fieber in künstlichem Licht. Das gesamte Arbeitszimmer war übersät mit Bildern, so daß sie kaum noch darin laufen konnte. Offene Farbtuben verteilt über den Raum. Nicht ausgewaschene Pinsel tropften auf den Boden. Dreckige Malerlappen klebten in jedem erdenklichen Winkel des Raumes. Leere Weinflaschen türmten sich in einem Eck und überall die Asche verteilt von ihren Zigaretten. Mittlerweile rauchte sie zwei Packungen pro Tag oder vielleicht auch Nacht, denn sie hatte jeglichen Schlafrythmus verloren.

    Manchmal legte sie sich hin, wenn sie erschöpft war von ihren Malorgien. Aber es war nur eine Art Dämmerzustand, der über sie hereinfiel. Oft kam ihr in diesen Halbwachzuständen der Engel entgegen. Aber er ließ sie in Ruhe. Er klebte nur wie ein Bild vor ihren Augen. Vielleicht saß er immer noch in ihrem Schlafzimmer, in das sie sich seit der Vision nicht mehr hineingewagt hatte.

    Sie schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer. Die Türen zu diesen Räumen verließ sie nur, wenn Angelika nicht in der Wohnung war und schloß sie hinter sich jedesmal sorgfältig ab. Sie aß nur noch Dosennahrung aus ihren Vorräten. Aus Panik, sie könnte Angelika begegnen, hortete sie die leergegessenen Dosen im Wohnzimmer. Dort saß sie dann wie ein furchtsames Eichhörnchen und scheffelte schnell die Nahrung in den Rachen. Sie war völlig abgemagert und merkte es nicht einmal, denn den Weg ins Badezimmer, um sich im Spiegel anzuschauen, schaffte sie nicht mehr.

    Des öfteren kam Angelika an ihre Tür und versuchte, sie zu öffnen. Ihre Stimme klang dann bittend:
    „Simone, mach auf, was ist los? Kann ich dir helfen?“
    Manchmal antwortete sie nicht und dachte sich:
    „Laß sie verschwinden. Ich will niemanden sehen.“
    Sie wartete dann bis das Klopfen erstarb.
    Hin und wieder rang sie sich doch zu einer Antwort durch und sagte dann:
    „Ich ruhe gerade.“

    Einmal fürchtete Simone, Angelika könnte die Tür einbrechen. Sie polteterte mit den Fäusten gegen die Tür. Simone lag gerade auf dem Sofa mit beschleunigtem Herzschlag, da sich der Engel gezeigt hatte.
    „Simone, soll ich die Tür eintreten? Was ist los? Warum zeigst du dich nicht?“
    „Ach Angelika, laß mich, er ist doch gerade da.“
    „Wer ist da?“
    „Na mein Freund?“
    „Dein Freund? Ich habe niemanden gesehen.“
    „Glaub mir, er ist da!“
    Wollte sie Angelika eifersüchtig machen? Warum war ihr dieser Satz entwichen?
    „Simone, ich hole einen Arzt, wenn du dich nicht sofort zeigst. Das ist krank! Ich weiß nicht, was du hast, aber irgendetwas stimmt nicht. Seit zwei Wochen nagelst du dich zu. Es muß was geschehen.“
    Simone wurde wütend.
    „Ich brauche keinen Scheißarzt. Mir geht es gut. Laß mich nur in Ruhe!“
    „Angelika, was ist mit deiner Ausstellung?“
    „Das sind meine Bilder, ich will sie nicht verkaufen. Hau jetzt endlich ab!“
    Angelika verschwand und Simone saß leer auf ihrem Sofa. Was hatte sie noch? Ihre Bilder. Aber die waren wirklich gut. Sie watete durch die Bilder hindurch und zog eines nach dem anderen heraus. Sie war ein Genie. Ein gefeiertes Genie. Sie würde ewig leben.

  14. #14
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    28
    Die Tür wurde eingebrochen und Simone sah die Welt nur noch wie durch ein Milchglas. Sie wußte nicht, ob sie saß oder lag. Weichzeichner-Gestalten fegten vor ihrem Gesicht, aber sie konnte sie nicht erkennen. Manchmal meinte sie die Stimme von Angelika zu hören, aber es war nur ein entferntes Schluchzen. Jemand beugte sich über sie und nahm ihre Handgelenke. Sie fühlte sich wie an einen Stromkreis angeschlossen und fing Feuer. Der Rücken brannte wieder. Aber kein Wort drang von ihren Lippen. Plötzlich sagte eine der Gestalten:
    „Abtransportieren.“
    Sie dachte an ein Gefangenenlager. Sie war sich sicher, sie würde vergast werden. Waren nicht alle Künstler im Dritten Reich vergast worden? Angelika hatte sie an die Nazis verraten. Simone war dabei, sich ihre Engelsflügel zu verbrennen.

    29
    Die Gestalten versuchten sie zu einem kleinen Transporter zu führen. Aber sie wehrte sich mit Händen und Füßen. Sie wollte nicht in ein KZ. Schließlich drehte ihr einer der Männer den Arm um und zwang sie in den Wagen. Er gurtete sie auf einer Bahre fest und gab ihr eine Spritze. Während sie langsam hinwegdämmerte, überlegte sie sich, wie weit es wohl nach Ausschwitz war. Welch Gemeinheit, daß Angelika sie verraten hatte!

    Sie erwachte in einem hellen Raum. Sie war immer noch festgeschnallt. Oben an der Decke war ein Lüftungsschacht. Ob dort jetzt wohl das Gas austrat? Auf einem Beistelltisch lagen medizinische Instrumente, die sie an Zahnarzt erinnerten. Würden sie jetzt gleich kommen und ihr die Zähne ziehen, um sie zu einem Geständnis zu bewegen? Sicherlich, sie war schuldig, sie hatte ihr Kind ermordet.

    Sie zitterte am ganzen Körper. In dem Raum mußte es eiskalt sein. Sie versuchte, sich loszureißen. Aber die Gurte waren so fest, daß sie, sobald Simone ihre Handgelenke und Fußfesseln versuchte zu bewegen, sofort in die Gelenke schnitten.

    Schließlich begann sie zu wimmern:
    „Laßt mich hier raus!“ Als niemand kam, erhob sie die Stimme und wurde lauter. Niemand kam. Dann schrie sie, mindestens eine halbe Stunde lang. Sie war völlig fertig, als sich ein Mann in weißer Bekleidung zeigte. War das der Zahnarzt, der ihr die Zähne ziehen wollte? Er grinste und hatte leicht schiefe Zähne.
    „Aber wer wird denn so schreien! Wollen Sie hier noch eine Weile liegenbleiben? Aber bitte gerne!“
    Er wandte sich zum Gehen.
    Simone wimmerte nur:
    „Nein, ich will hier raus!“
    Er schnallte sie tatsächlich los und führte sie in ein Zimmer mit vier Betten, zeigte auf ihre Tasche und meinte, sie solle sie ausräumen. Essen gäbe es gegen sechs Uhr. Er würde sie abholen und ihr den Speisesaal zeigen.

    Als der Zahnarzt verschwunden war, begann Simone das Zimmer auf Wanzen hin abzusuchen. Die Steckdose könnte eine Wanze sein. Sie stopfte sie mit Watte aus ihrer Tasche zu. Unter dem Bett fand sie ein paar Staubwolken. Sonst nichts. Die Schränke kamen dran. Aber nur ein Schrank war offen. Das mußte ihr eigener sein. Aber der war gähnend leer. Mißmutig begann sie, ihre Tasche auszuräumen. Was sollte sie hier? Wo war sie hier gelandet?

    Sie legte sich aufs Bett. Die Gedanken ratterten. Ihr war immer noch kalt. Sie deckt sich zu und zitterte unter der Decke. Das lag bestimmt an dieser Spritze, daß ihr so kalt war.

    Nach einer Weile kam der Zahnarzt und führte sie in den Speisesaal. Er war voll mit Leuten, die sie noch nie gesehen hatte. Aus der Küche tönte ständig eine Stimme und rief Namen auf. Dann trottete eine der Personen an den Tresen und holte sich ein Tablett ab mit einer riesigen umgestülpten Plastikschüssel. Waren das alles Gefangene hier? War das Essen vergiftet? Sie war sich sicher. Als ihr Name fiel, holte sie zwar das Tablett ab, aber sie nahm keinen Bissen zu sich. Sie wollte nicht sterben.

  15. #15
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    30
    Das Raucherzimmer war genagelt voll nach dem Essen. Rauchschwaden sammelten sich an dem Fenster, bis jemand es öffnete. Der Fensteröffner drehte sich um, lachte und schrie:
    „Ab sofort bin ich hier der König!“
    Simone sah in sein Gesicht. Er hatte ein sympathisches Lachen. Die fauligen Zähne übersah sie glattweg. Er kam auf sie zu und schrie ihr ins Ohr, daß alle es hörten:
    „Prinzessin, bist du vom Modell-Laufsteg gestolpert? Was willst du hier in der Mitte von Irren?“
    Simone überlegte kurz. Dann sagte sie schlagfertig:
    „Ich habe den Teufel geboren. Die Nazis haben mich eingeschleppt.“
    Das Raucherzimmer johlte.
    Simone gefiel das Spiel. Sie war also in einem Nazilager mit lauter Irren zusammen. Die Irren waren doch auch von jeher weggesperrt worden. Nazis hatten sie kastriert. Was gab es für einen Unterschied zwischen Irren und Künstlern? Waren sie nicht seit jeher über einen Kamm geschoren worden?

    Der König gab ihr einen dicken Kuß auf die Lippen. Simone meinte davonzufliegen. War das nicht der Engel? Erneut ein Raunen im Raucherzimmer. Der König schien ziemlichen Respekt einzuflößen.

    Lange saß sie mit dem König im Raucherzimmer. Er versprach ihr, Alkohol einzuschleusen. Manchmal ging sein Blick nach oben und er meinte, die überwachen einen. Simone hatte jemand gefunden mit dem sie eins war.

    Er warnte sie, nicht die Tabletten zu nehmen. Jene seien pures Gift und sie würde alles verlieren. Der Zauber wäre ziemlich schnell vorbei. Sie fragte ihn nach dem Essen. Er meinte, das Essen sei ok.

    Alle waren schon gegangen, als plötzlich wieder eine Person in weiß erschien. Mit herrischer Stimme mahnte sie:
    „Schluß für heute abend!“

    Simone konnte lange nicht schlafen. Sie dachte an die Bilder, die sie gemalt hatte. Sie waren jetzt wahrscheinlich konfisziert von den Nazis. Stimmen überfielen sie in dem dunklen Raum. Jemand schnarchte, aber sie nahm es nicht wahr. Da waren nur diese schrecklichen Laute.
    „Ooch mach es mir nochmal.“
    Zuerst leise.
    Dann: „Fick mich!“
    Als es unerträglich wurde, schleuderte sie ihre gesamten Habseligkeiten, die sie in jenem Moment als Symbol für ihre Bilder empfand, vor die Tür. Es brannte noch ein leichtes Licht. Vorsichtig wie ein Dieb schlich sie wieder ins Bett. Das Herz klopfte. Der Rücken brannte. Vielleicht würden ihr endlich Engelsflügel wachsen.

    Die Nacht war schrecklich. Ständig wurde sie geweckt von Geräuschen auf dem Flur. Sie klammerte sich an ihre Bettdecke und dachte: „Ich hoffe, sie kommen nicht, um mich zu holen!“

    31
    In der Nacht hatte sich der König zu ihr hereingeschlichen, ohne Licht zu machen.
    „Pscht, laß mich da sein. Die da draußen merken nichts.“
    Er kroch unter ihre Bettdecke. Zuerst umklammerten sie sich. Es wurde bald heftiger. Sie roch an seinem T-Shirt. Es war ihr eigener Geruch. Sie hatten die T-Shirts im Raucherzimmer vor zwei Stunden getauscht. Kurz appelierte noch ihr Hirn, was sie da tue. Aber dann waren sie schon beide im Rausch. Simone hatte ihre Tage, was sie in jenem Moment nicht weiter störte. Er kam nicht. Sie auch nicht. Aber die Wärme eines anderen Körpers war wohltuend.

    Der Morgen kitzelte sie. Er machte sich auf und davon. Die Weißen hatten nichts bemerkt.

    Sie fiel noch kurz in einen dumpfen Schlaf. Als sie erwachte, bemerkte sie das blutverschmierte Laken. Ohne sich nocheinmal umzudrehen, ging sie unter die Dusche und danach frühstücken.

    Eine der Weißgekleideten erwartete sie bei ihrer Rückkehr schon im Gang. Erbost baute sie sich vor Simone auf:
    „Das kann ja wohl nicht ihr Ernst sein, oder? Das Laken müssen Sie jetzt aber selber wechseln.“

    Mit hochrotem Kopf zog Simone die Bettwäsche ab.

    32
    Simone hatte sich einen Platz im Bad ergattert. Nur deshalb, da es abschließbar war. Sie hatte mit dem König vereinbart, daß er nachkomme.

    Er kam tatsächlich. Langsam begann er, sie zu entkleiden, aber ständig ging sein Blick nach oben und er raunte:
    „Die überwachen uns. Da siehst du das? Da aus dem Lüftungsschacht!“
    Simone lachte. Seit sie den König an der Seite hatte, war ihre Furcht fast weg.
    Das Wasser plätscherte mit einem Schwall in die Badewanne. Sie hatte den Badezusatz vergessen. Egal, sollte er sie doch weiter nackt sehen. Waren nicht alle eins? Irre und Künstler?

    Nachdem sie sich in das Bad gesetzt hatte, schrubbte er ihr den Rücken mit einer harten Bürste. Sie meinte, die ganzen letzten Wochen fielen von ihr ab, als er ihr mit schnellen festen Bewegungen kleine Hautfetzen wegschrubbte.

    Am Abend nahm sie brav ihre Medikamente. Sie konnte ihn im Augenwinkel sehen, als sie den Inhalt des kleinen Plastikgefäßes in sich hineingoß. In seinem Gesicht war Entsetzen.

    Da sie die Medikamente genommen hatte, bekam sie am späten Tag Ausgang. Der König und sie planten größeres. Beschwörerisch murmelte er:
    „Nicht weit von hier gibt es ein kleines Hotel.“

    Sie richteten ein weiteres Blutbad in dem Hotel an, obwohl es Simone überhaupt nicht mehr gefiel. Die gute Seite des Königs war plötzlich weg. Sie sah seine schlechten Zähne und seinen bleichen untrainierten Körper. Außerdem wollte sie nur noch schlafen. Er rollte sich zur Seite und murmelte:
    „Ich hab dich gewarnt. Das sind die Scheißmedis.“
    Nach einer Stunde verließen sie das Hotel, ohne die Rechnung zu bezahlen. Aber es geschah unabsichtlich. Sie waren beide in ihrem Tran. Der König in seinem Wahn, Simone in ihrer Schläfrigkeit.

  16. #16
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    33
    Simone saß im Raucherzimmer, als plötzlich eine Schwester eintrat und ihr zurief: „Sie haben Besuch.“

    Das Besucherzimmer war genauso entsetzlich ausgestattet wie die Station. 50er Jahre Stühle mit beige-braunem melierten Bezug. Die Wände trostlos ohne Bilder. Der Raum war riesig, aber leer. Nur im hintersten Eck eine weibliche Person. Angelika.

    Sie stürzte sofort auf Simone zu und wollte ansetzen, etwas zu sagen. Aber Simone wich zurück und starrte Angelika feindselig an. Angelikas Mund war nun wie zugeklebt. Sie wollte abwarten, was geschah.

    Simone verdrückte sich in ein Eck mit dem Rücken zu Angelika. Doch schließlich brach es aus ihr heraus:
    „Du hast mich in dieses gottverdammte Nazilager verschleppt mit all den Irren. Du bist schuld, wenn sie mich vergasen. Und ich dachte, wir sind Freundinnen!“
    „Aber Simone, du bist in einer psychiatrischen Klinik. Die Ärzte hier wollen nur dein Bestes!“
    „Pahh, Klinik! Willst du mich verarschen?“
    „Nein, Simone, habe Vertrauen zu mir. Ich bin immer noch deine Freundin.“
    „Auf solche Freundinnen kann ich scheißen.“
    „Na gut, dann gehe ich eben wieder. Vielleicht kommst du ja demnächst runter von deinem Trip.“
    Sie wandte sich zum Gehen. Simone stand immer noch in ihrem Eck und drehte sich nicht um. Sie sagte noch:
    „Ich empfehle dir, die Medikamente zu nehmen. Ich habe mit dem Arzt gesprochen.“
    „Danke, hab ich schon. Die Medis sind scheiße! Ich fühle mich, als ob ich einen Stock verschluckt hätte. Und die Zunge ist geschwollen.“
    Angelika trat ein paar Schritte auf Simone zu. Jene drehte sich um und sagte mit haßerfüllten Augen:
    „Hau ab!“
    Im Gehen sagte Angelika:
    „Ich komme wieder. Die Medikamente werden irgendwann schon anfangen zu wirken.“

    34
    Der König war aus der Klinik abgehauen. Simone erhielt jeden Abend einen Anruf von ihm. Je mehr Tage dahinstrichen, desto weniger dachte Simone an ihn.

    Langsam begann sich ihr Kopf etwas zu ordnen und sie konnte an der Beschäftigungstherapie teilnehmen. Das war ein Fortschritt, denn im Akutstadium durfte dort niemand mitmachen. Jedesmal, wenn die Glastür hinter ihr zuschnappte, bekam sie den Hauch eines Gefühls, was Freiheit bedeutete. Es gab keine Acrylfarben, also behalf sie sich mit Aqaurelltechnik. Sie malte Blumen mit Zähnen, die wie kleine Ungeheuer aussahen und an den oberen Rand des Blattes gequetscht waren, so als ob sie davonflögen. Der Werkstattleiter war total begeistert von ihren Bildern und Simone war stolz auf ihre kleinen Werken. Daß sie wieder malen konnte!

    Aber es herrschte trotzdem noch Unordnung in ihrem Kopf. In der Nacht befand sie sich oft in einem Halb-Wach-Zustand und wirr zappende Alpträume scho?en ihr durch das Hirn.

    Tagsüber hielt sie sich meistens im Raucherzimmer auf. Sie freundete sich mit einem kleinen dunklen jungen Mann namens Niko an. Seine Diagnose lautete manisch-depressiv, während ihre Diagnose paranoid-schizophren war. Mit Niko ging sie, wenn sie Ausgang hatten, hinaus in den Park oder sie druchstreiften die angrenzenden kleinen Läden. Einmal kaufte sich Simone drei Paar Sandalen, obwohl jetzt Winter war. Wenn Niko nicht dabei gewesen wäre, hätte sie sich niemals die Schuhe gekauft. Aber es war ganz so, als ob der manische Einkaufsfunke von Niko auf sie übergesprungen war. Er war total begeistert von den Schuhen. Also mußte sie sie wohl kaufen.

    Die Paranoia, sie sei in einem Nazilager war weg, nur der Engel blieb ihr noch. Es ging auf Weihnachten zu und in der Klinik wurde die Dekoration aufgehängt. Oft blieb sie an einem der Engel hängen, die ein Patient gebastelt hatte. Sie war sich sicher, die Engel wurden für sie aufgehängt. Aber bei Gesprächen mit dem Sationsarzt kam ihr kein Wort darüber von den Lippen. Der Engel war ihr Geheimnis.

  17. #17
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    35
    Angelika hatte Simone ein Buch geschickt, da sie sich sich nicht mehr getraute, Simone zu besuchen. Simone verschlang es auf einmal, während sie im Speisesaal saß. In das Raucherzimmer ging sie nur noch selten, da es ihr dort zu laut war. Auch die johlende Menge, die vor dem Fernseher saß, ertrug sie kaum noch.

    Das Buch handelte von einer Frauenbeziehung. Man könnte sie als lesbisch deuten, aber nur in Andeutungen. Das gefiel Simone. Sie hatte sich nie als lesbisch gesehen, nur übten manche Frauen eine große Faszination auf sie aus. Eine körperliche Beziehung konnte sie sich nicht vorstellen.

    Während der Tage, die sie lesend im Speisesaal saß, wurde sie von den Schwestern beobachtet. Sie bekam eine Aufgabe übertragen. Sie sollte morgens die Brötchen holen. Simone führte den kleinen Auftrag aus. So konnte sie nicht mehr zu den Verrückten gerechnet werden. Diese kleine Handlung war für die Schwestern ein Anzeichen, daß sie genesen würde.

    Der Stationsarzt holte sie zu einem Gespräch und meinte, er hätte es noch nie vorher gesehen, daß eine Psychose so schnell abklinge. Sie könne entlassen werden auf eine offene Station. Da wäre noch eines. Sie müßte sich einem Aidstest unterziehen. Von dem Hotel, mit dem sie mit dem König gehaust hatte, war eine Rechnung gekommen, die sie bezahlen müsse. Der König sei weitab und könne nicht mehr belangt werden.

    Die Schwestern entschuldigten sich bei Simone für die Vorkommnisse mit dem König. Der Aidstest war negativ. Simone hatte fünf Kilo von den Medikamenten zugenommen. Das war ihr schrecklich lästig. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf die ausschlagende Waage. Der Pfleger, der neben ihr stand, meinte nur: „Was ist das schon, wenn der Kopf wieder heil ist?“

    Als Simone die Hand an der Glastür hatte, sah sie den letzten Engel. Er hatte sich die Flügel zurechtgestuzt und saß auf dem Boden.

    Ende Teil 2

  18. #18
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Mit dem Rücken zur Wand - Teil II

    Diesen Text kennzeichnen zwei Strukturfehler:


    1. Wenn sich die Autorin dazu entschließt, einen auf zwei Figuren verteilten Erzähler zu benutzen, kann sie nicht mittenmang damit aufhören und die chose nur noch aus einer Perspektive erzählen und
    2. die Innensicht der Paranoiden (was nun eigentlich? Psychose, Schizophrenie oder MPS?) wiederzugeben, sollte sie nicht in Stereotypen verbleiben, sondern sich wirklich in diese Innensicht begeben und die Welt aus diesem Blickwinkel wiedergeben, denn dann erst wird es interessant - für einen aufgeschlossenen Leser.


    Da der Text, neben etlichen anderen Fehlern, diese Grundwidersprüche weder künstlerisch noch sprachlich ausgleichen kann, ist er mißlungen. Denke ich.

    P.S. Ich habe das nicht ungern gelesen, was aber wohl daran lag, daß Patina es schaffte, mir die Heldin sympathisch zu machen. Engel, Farben, Freundinnen, ein abgelegenes Haus, der oftmalige Gebrauch des Wortes "Scheiße"... Wahrscheinlich deswegen.

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