Rußland ist weit, waldreich und weitgehend flach. Der Wald beherbergt wilde Tiere, legt sich aber auch wie ein Schutz um die Lichtungen, in denen die Russen ihre Städte anlegten. Die Russen entwickelten keine besondere Beziehung zum Wald, wie es die Deutschen taten, sondern zu den großen Flüssen, auf denen ihre Herrscher einst aus dem hohen Norden Europas gekommen waren (die Waräger um 860) und durch sie Zugang zum Weltmeer fanden. An der Nahtstelle zwischen dem Schwarzen Meer und dem Zugang zum Kernmeer des Altertums, dem Mittelmeer, liegt Konstantinopel, die große Sehnsuchtsstadt der christianisierten Russen, das geistige Zentrum des Russentums und der Zielpunkt aller ihrer politischen Bestrebungen bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein.

Gegen den Islam war nur abzuriegeln: erst in der Spätzeit [um 1200] verschliffen sich hier die Gegensätze, näherten sich byzantinische und mohammedanische Kultur auf vorderasiatischem Boden an. Die Slawen aber sind gleichsam von Anfang an das große Vorfeld des Christentums und des Reichs. Große christliche Völker mit einer eigenen Innigkeit und Kühnheit des Glaubens, weltberühmte Kirchen und Klöster, volksnah und vollheiliger Schätze wachsen hier auf. Bei den Westslawen und dem westlichen Teil der Südslawen ist das das Werk der deutschen Mission, im Osten aber stammt die ganze Aussaat von Byzanz. (Freyer II, S. 625.)
Rußlands Geschichte begann durch das Einsickern fremder Völker aus zwei Richtungen. Aus dem Norden drangen über die vereisten Seen und die Wolga die Wikinger allmählich nach Osten und Süden vor; aus dem Süden drangen Griechen den Dnepr entlang nach Norden. Der Dnepr war der erste Strom, an dem sich Herrschaftsstrukturen ausbildeten. Das Fürstengeschlecht der Rurik gewann die Herrschaft über die Ufer und sammelte aus dem Hinterland Naturalien ein, die es über den Strom bis zur Mündung verfrachtete, von da aus übers Schwarze Meer bis nach Konstantinopel verschiffte und dort verkaufte. Auf die Rückfahrt kamen Missionare mit, griechisch-orthodoxe, die ihre Arbeit taten und die heidnischen Slawen mitsamt ihrer skandinavischen Herrenschicht allmählich missionierten. Mit diesen Missionaren kamen auch griechische Adlige nach Rußland resp. ins Kiewer Rus, wie diese Frühform Rußlands heute bezeichnet wird; es dauerte nicht lange, bis sich die Oberschicht, über den Einfluß der Frauen vornehmlich, christlich bekehren ließ. Wladimirs Frau sei hier genannt, die ihren Mann mit sanftem Druck zum Begründer der russischen Kirche werden ließ. Über diese Prinzessin ist auch eine Verbindung zu den Ottonen zu konstruieren.
Die Ruriks vererbten ihr Imperium in Blutlinie, was in der Folge zu vielen Fehden führte, die die Hackordnung bestimmten. Das kennen wir bereits aus West- und Mitteleuropa, wo dieses Prinzip auch über Jahrhunderte Anwendung fand und eigentlich erst mit der Goldenen Bulle [1] 1356 zumindest hinsichtlich der Einsetzungsregularien des Königs sein Ende fand. Es gibt aber ein paar Unterschiede in der Entwicklung Rußlands gegenüber der in West- und Mitteleuropa:


  • das Land ist dünner besiedelt und sehr viel größer;
  • in den wenigen, aber großen Städten entwickelte sich Selbstverwaltung auf breiter demokratischer Basis, die zur Entstehung eines Großbürgertums führte, das mit seiner errungenen Stellung in der örtlichen Gemeinschaft zufrieden ist;
  • es gibt keine Lehnsverfassung, da die zentrale Macht auf die Gebietsfürsten zählen kann, die der zentralen Macht mehr bedürfen als umgekehrt;
  • die Gebietsfürsten festigen ihre Stellung nicht gegen die Zentralmacht;
  • die orthodoxe Kirche tritt nicht gegen den Staat auf, sondern ist integraler Bestandteil desselben;
  • die russischen Wissenschaften und das russische Mönchtum waren nicht auf den Austausch mit dem Ausland orientiert, sondern entwickelten sich sehr langsam ohne Fremdeinflüsse;
  • es gibt neben den Gebietsfürsten Großgrundbesitzer, die meist nur wirtschaftlich orientiert sind und sich nicht gegen die Zentralmacht oder die Gebietsfürsten stellen.


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Im Grunde genommen hat sich an dieser Struktur in Rußland bis heute nichts geändert.
Neben der Entwicklung Rußlands im Gebiet der heutigen Ukraine drangen die Russen auch nach Nordwesten vor, besiedelten die Gegend am Ladogasee (Nowgorod, z.dt. Neustadt) und vermischten sich mit den Finnen. Diese Großrussen, wie man sie später nannte, wandten sich dann nach Osten in die russische Ebene und begründeten mit Moskau ihr politisches Zentrum. Der Kampf um neue Gebiete währte lange. Die nomadischen Völker östlich Moskaus ließen sich nur ungern assimilieren. Hunnen und Tataren hinderten für Jahrhunderte den russischen Expansionsdrang nach Osten und brachten Rußland an den Rand der völligen Zerstörung.


Aufgabe: Stelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Anfänge in der russischen, griechischen und deutschen Geschichte fest! (II)



[1] Wortlaut der ersten Seite der Goldenen Bulle vom Exemplar Karls IV. :
Omnipotens eterne Deus, spes unica mundi, [Allmächtiger, einziger Gott, einzige Hoffnung der Welt]
Qui celi fabricator ades, qui conditor orbis, [der die Welt erbaute, der die Welt stets bewacht]
Tu populi memor esto tui. Sic mitis ab alto [Deiner gedenken die Menschen. Aus Deiner Tiefe quillt die Mildtätigkeit,]
Prospice, ne gressum faciat, ubi regnat Erinis, [er achtet seiner Kinder und besiegt den Zweifel, wo der nach vorn drängt]
Imperat Allecto, leges dictante Megera; [er regiert die Weltenlenker, diktiert ihnen die Gesetze]
Sed pocius virtute tui, quem diligis, huius [und schenkt dem Kraft, der an ihn glaubt, seinem]
Cesaris insignis Karoli, Deus alme, ministra, [gekrönten Kaiser Karl, der freigebige Gott, den Dienern des Kaisers]
Ut valeat ductore pio per amena virecta [damit sie gütig sind und durch die Geschicke des Lebens sanft und weise führen]
Florentum semper nemorum sedesque beatas [und bei ihren Entscheidungen immer eine weise Hand besitzen]
Ad latices intrare pios, ubi semina vite [um im Alltag der Frommen, wo die tägliche Fronarbeit zum Wohle]
Divinis animantur aquis et fonte superno [Gottes die Quelle des Lebens speist und]
Letificata seges spinis mundatur ademptis, [die Dornen, die Plagegeister entfernt werden]
Ut messis queat esse Dei mercisque future [und die Ernte Gotte getrost eingefahren werden kann,]
Maxima centenum cumulare per horrea fructum. [zu häufeln die größten Entscheidungen zum Wohle aller. ]


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