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Thema: Der rote Flamingo

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Der rote Flamingo

    Dies ist ein Text, der bestimmt fünf Jahre alt ist. Ich habe ihn geschrieben, als ich noch nicht in Internetforen tätig war und von Textarbeit noch nie etwas gehört habe. Der Text ist ungefähr 300 Seiten lang. Er beschreibt eine Therapie und eine Dreiecksgeschichte. Ich bin gerade dabei ihn zu überarbeiten und zu setzen. Deshalb sind die Trennstriche drin. Lohnt es sich, diesen Text zu überarbeiten? Ich war damals in einem manischen Stadium.


    Es gibt sicherlich vielerlei Arten, Sport zu treiben. Die diffizilste ist immer noch, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen, um ganz und gar dessen Gedanken habhaft zu werden. Dies stellt keine körperliche Auseinandersetzung im eigentlichen Sinne dar, sondern es könnte vielmehr eine psychologische genannt werden. Schach als Denksport, wie Marcel Duchamp es betrieb, kommt dem Gemeinten schon sehr nahe, doch etwas fehlt, es bleibt doch an der Oberfläche haften. In den Untergrund gehen wir, wenn wir alles bis ins letzte Detail auseinandernehmen und versuchen mit dem Scharfblick eines Adlers, das Gegenüber zu entlarven und bloßzustellen.

    Was natürlich beachtet werden muß bei diesem Spiel, ist, daß immer die eigenen Gedanken in das Gegenüber projiziert werden. Es können aus Gesten und Gesagtem Schlüsse gezogen werden, es wird aber niemals möglich sein, den Gedanken des Gegenüber gänzlich habhaft zu werden, um sie so beschreiben zu können, als wären es die eigenen. Wahrscheinlich ist es dann also fast so, daß man durch die Projektion der eigenen Gedanken nicht das Gegenüber beschreibt, sondern damit endet, sich selbst zu beschreiben.

    Dieses innnere Brennen wollte nicht aufhören. Diese Sehnsucht nach einem Halt, der sie einhüllen könnte. Manchmal war ein in den Spiegel-Schauen hilfreich, so als ob sie sich ihr selber versichern wollte, daß sie noch da sei.

    Der Boden schwankte, während sie da so saß und je länger sie zuschaute, wie er schwankte, desto höher schaukelte sie. Stand sie auf, hörte er auf zu schwanken eine Unterbrechung bildend in der Schaukel, die ja nur ihre Gedanken waren, ein Gefühl, das er Selbstentfremdung nannte, er der, wenn sie sich von ihm verabschiedete und sie sich absichtlich nicht mehr umdrehte, da sie seine Blicke folgen fühlte, da? sie sich bewußt diesem Spiele nicht mehr umdrehen durfte, um ihn bei seinem folgenden Blick zu ertappen.

    Ein Spiel war es auch, daß er sie heute morgen nach einer Tasse Cafe fragte, die sie ablehnte, um dann seinen enttäuschten Blick genugtuend zu kassieren. Ein Spiel war es auch, als er bemerkte, daß sie heute eine Sturmfrisur habe und sie nach einer etwas zu langen Denkpause, in der sie nach einer Idee für eine Antwort rang, schließlich doch noch etwas gequält herauspreßte, daß dies ihre neue Arbeitsfrisur sei. Seine Kaffeeentäuschung hatte sie wieder gutgemacht, indem sie ihn mit der Deutung ihres Übertragungstraums erpresste, dieses Traumes, der ihm indirekt sagen sollte, wie sehr sie ihn brauchte. Sie hatte sich damit also nicht selbst hingestelllt, um ihm dies zu sagen, sondern sie hatte ihren Traum als Instrument benützt. Ihrer Meinung nach stellte dies doch eine viel größere Anerkennung seiner selbst dar, als die Annahme eines Morgenkaffes, in doch etwas verrenkten psychologischen Fachbegriffen zuzugeben, daß man sich wohl doch etwas verliebt habe.

    Auf dieses Eingeständnis ihrerseits reagierte er mit einem ungläubigen "In mich?" und empfahl ihr, sie solle nach jemandem suchen, der gleich alt wie sie sei. Zum Übergang könne sie von Tilmann Moser "Kompaß der Seele" verspeisen.

    Nun saß sie auf dem Balkon der Klinik "Mrs. Dalloway" von Virgina Woolf lesend und zwischen jeder Zeile sprang ihr das Morgengespräch wieder in das Gedächtnis. Fast unbemerkt hatte er sich trotz seiner Abwesenheit wie eine Dunstglocke über ihr ausgebreitet. Er war nun ständig bei ihr. Nichts hätte sie sich sehnlicher erwünscht, als diesen gordischen Knoten zu durchtrennen, aber mit diesem Gedanken zog sie ihn noch fester und ihr war klar, daß es keinerlei Entrinnen gab.

    Er war stolz wie ein Schwan, der die Krieger, die aus den Gräben steigen, auffängt. Sie hoffte, daß er sich dazu bereiterklären würde, ihren inneren Krieg zu schlichten, dieser friedenbringende weiße Schwan.
    Bei einem Gespräch sprachen sie über Trennung und wie diese aussehen könnte und er hatte wohl an ihrem Gesicht abgelesen, daß sie traurig sei und ihr dies dann auch sagte, daß er es ihr ansehe.

    Es kostete sie Kraft, viel Kraft, sich ständig selbst zu sehen, kritisieren, quittieren, die Gedanken zehnmal umzudrehen, so zu tun, als ob man das eine wäre, während man jenes war oder beides gleichzeitig sein wollte, aber nur eines aufeinmal sein könnte.

    Beim nächsten Mal saß sie mit höchster Muskelanspannung eine dreiviertel Stunde lang auf dem Stuhl, gespannt wie ein Bogen, voll konzentriert, aufsaugend, was er ihr erwiderte, jeden Unterton heraushören wollend, jenen Unterton erhaschen wollend, der darauf hindeuten könnte, daß er das ihm Gesagte, um wenn nicht eben mit dem Größten, so wenig mit dem Kleinsten erwidern könne.

    Beim nächsten Temin hatte sie eine viertel Stunde vor seinem Raum gewartet und war dann zurückgegangen zu den anderen Patienten, dieser anderen Welt. Und dann war er doch gekommen, für sie gekommen, um sie abzuholen und sie durfte, da es regnete unter seinem Schirm Platz nehmen auf dem Weg zu seinem Raum. Am Ende des Gesprächs fragte er sie, wie sie sein Zuspätkommen empfunden habe. Und in diesem Zusammenhang fragte er auch, ob sie manchmal nur nicke, um ihm entsprechen zu wollen und sie fühlte sich ertappt, bloßgestellt in ihrer wackligen Gefühlswelt. Ach könnte sie doch all die Zwischentöne, Farbnuancen festhalten, die sich in den Gesprächen abspielten! Es war ein Spiel. Wie abgesprochen, um das gefährlich sorgsam aufgebaute Gerüst nicht zusammenstürzen zu lassen, vermieden sie es beide auszusprechen, ob er sie nach ihrem Klinikaufenthalt übernehmen könne. Sie hatte sich dieses Thema betreffend zurückgezogen und es ihm überlassen dieses Thema nochmals aufzugreifen.

    Bei dem nächsten Gespräch machte er wieder keinerlei Anstalten, das Thema nochmals aufzugreifen. Die diffuse Angst machte sich somit wieder zunehmend breit. Sie kam nicht an. Niemand war da. Es gab nichts zu tun. Das Brennen im Bauch setzte sich als Kloß im Halse fest. Hauptbahnhof. Rückfahrt. Die Angst nahm zu. Untertunnelung. Panik überfiel sie. Sie aß. Angst überfiel sie beim Essen. Es bot keinerlei Hilfe. Als sie an ihr neues zu Hause dachte, war sie etwas beruhigter. Wenn sie nur gewußt hätte, daß er da wäre. Wenn er wenigstens nur hin und wieder für sie da wäre.

    Und es war tatsächlich geschehen - er hatte sie übernommen, um hin und wieder für sie da zu sein.



    1
    Er gab nicht viel von sich preis, aber die wenigen Worte, die Perlen verkleidet in weinrotem Samt waren, sammelte sie in dem einzigen ehrenwürdigem Aufbewahrungsort, einem prächtig besticktem Schatzkästchen, das sie ständig bei sich trug, damit sie jederzeit, wenn böse Worte von widerwärtigen Kreaturen fallen sollten diese Perlen vor diese Säue werfen könnte, was sie aber nicht tat. Dazu waren sie ihr zu wertvoll, aber allein der Gedanke, daß sie es tun könnte, wenn sie wollte, gab ihr die Genugtuung, daß sie die bösen Worte allein in Gedanken abwehren konnte, ohne eine ihrer gesammelten Perlen abgeben zu müssen.

    Eine dieser Perlen war, daß er zu ihr gesagt hatte, daß sie ja da verborgen schon ein Selbstwertgefühl habe. Sie wußte von diesem Gefühl, aber sie verbarg es, wie diese Perlen, da sie das Verlangen hatte nach außen hin bescheiden zu wirken, um innen sich selbst die Gewißheit verschaffen zu können, daß sie ja eigentlich dem Gegenüber überlegen sei, es aber nie zeigte, da sie sich ständig bewußt war, da? sie bei einem Wortgefecht die Verliererin sein würde, denn ihre komplizierten Gedankenwendungen war sie, allenfalls in der Lage zu Papier zu bringen.

    Eine weitere Perle war seine Verhaltensweise ihr gegenüber, die eine solche Konstanz hatte, bis auf wenige Ausnahmen abgesehen, daß sie bei ihm nie das Gefühl hatte im Dunklen stehengelassen zu werden. Die Stufen, auf denen man sich in diesem, seinem Gebäude niedersetzte, waren nicht kalt wie Stein, sondern sie waren gleich jenen Perlen ausgekleidet mit Perserteppichen, die zum gemütlichen Niederlassen einluden. Er behandelte sie stets mit einer gewissen Ehrerbietung, die aber nichts Unterwürfiges hatte, sondern es war so, als ob sie eingeladen war, ihm zu helfen, es aber unterließ, da sobald sie dazu im Begriff war, diesen erhabenen Stolz dieses Schwans zu spüren bekam, dem eine hilfreiche Geste einer Verletzung gleichkommen würde, als ob man feindlichen Boden betrete.

    Seine Ausdrucksweise war stets höflich, frei von ausfälligen Bemerkungen, so daß sie schon fast altmodisch in ihren jungen Ohren anklangen und so war auch sein Verhalten ihr gegenüber - diesem höflichen Fragen am Anfang jedes Gesprächs "W?nschen Sie einen Tee?" fehlte nur noch, daß er ihr aus dem Mantel geholfen hätte, was dieser leicht umständlichen Art noch die Krone aufgesetzt hätte und um all dies zu bestätigen, saß er anschließend nicht männlich breitbeinig auf seinem windigen Stuhl, sondern hielt seine langen zierlichen Beine stets verschlossen, seinem Gegenüber ein Spiegelbild bildend, was ihre Mutter fälschlicherweise als verklemmt bezeichnen würde, dabei sagte diese Haltung nur ein gegenseitiges Anerkennen menschlicher Würde und Achtung des Gegenübers aus.
    Einmal stellte sie sich vor, sie würde mit ihm zum Essen gehen und während sie diesen Gedanken dachte und weiterspann, war ihr klar, daß sie keinen einzigen Bissen hinunter bekommen würde, so wie sie ihren Tee, den sie am Anfang des Gesprächs von ihm serviert bekam, nur am Anfang, wenn er mit organisatorischen Dingen so beschäftigt war, daß er abgelenkt war, so daß er ihr Trinken nicht bemerken würde oder sie würde es wagen am Ende des Geprächs zu trinken, wenn das Gleiche der Fall war, wenn er beschäftigt wäre einen neuen Termin zu finden. Genauso würde sie bei jenem imaginierten Essen ihre Gabel nur an den Mund führen, wenn er nach dem Ober riefe oder er vielleicht selbst damit beschäftigt sei, sein - sagen wir vielleicht - Fleisch zu zerteilen. Wenn ihr seine Aufmerksamkeit gelten würde, würde sie dasitzen steif wie ein Stockfisch und bei dem Versuch, die Gabel an den Mund zu führen, würde sie kläglich damit enden, ihn, anstatt die Gabel anzuschauen, damit sie seinen Worten lauschen könne, um dann die Gabel nicht direkt in den Mund, sondern haarscharf drei Millimeter daneben in ihre Wange zu rammen. Und um ihn für diese Unbeholfenheit ihrerseits zu bestrafen, würde sie ihr Messer gegen ihn erheben, um ihm sanft über die Nase zu streichen, was sie aber - dies gestand sie sich selbst - nie tun könnte. Und wenn sie dies dann doch getan hätte, würde er ihr gestehen, wie sehr er dies genossen hätte, ihre kalte Messerspitze an seiner Nase spüren zu dürfen, und daß sie dies, wann immer sie wolle, wiederholen dürfe. Zur Überbrückung dieses doch etwas peinlichen Ausspruchs seinerseits, würde er zur Ablenkung von dieser Situation seinen Blick auf den Ober heften, um sich über eine nebensächliche Widrigkeit zu beklagen und sie würde befriedigt ihre Messerspitze in das tote Fleisch rammen, es ungesehen direkt in den Mund führen, damit sie es wie ein Tier, ohne zu kauen, denn in der Zwischenzeit würde sich ja seine Aufmerksamkeit wieder allmählich ihr annähern, hinunterschlingen könne.

    Dann aber dachte sie, daß solch ein gemeinsames Essen die Spannung zwischen ihnen kaputt machen würde - jeder würde von sich zu viel preisgeben und den anderen vielleicht in einer Enttäuschung zurücklassen, daß der eine dem anderen vielleicht doch nicht den jeweiligen Erwartungen entspreche. So wie wenn man als Kind die Weihnachtsgeschenke im voraus entdeckte und einem jede Phantasie oder Vorfreude auf das Erwartete genommen werde, so würden sie einer an dem anderen kein Geheimnis mehr haben. Aus diesem Grund war sie froh, daß diese Szene nur allein in ihrer Vorstellung existierte und dazu einlud sich noch weitere Szenen auszumalen.

  2. #2
    Wolkensteiner
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    AW: Der rote Flamingo

    beklemmende übertragung zum reißaus-nehmen, aber sehr gute gestaltung der gedankenblasen und projektionen. gute sprache. wüßte gar nicht, was daran zu überarbeiten wäre. paar kleinigkeiten vielleicht:

    "als ob sie sich ihr selber versichern wollte, daß sie noch da sei":
    komma nach sich, oder "ihr selber" raus. so was halt.

    etwas unbehagen macht mir hier deine vorangestellte kommentierung (manisch). für den text hat sie nichts zu sagen zu haben, andererseits verlockt sie dazu, ähnliche texte auf ähnliche befindlichkeiten seines autors zurückzuführen. genau das stört mich massiv, wenn man an literatur mit der psychokeule rangeht. phantasie schafft psychotische räume auch so, schließlich kennt jeder seine träume und deren seelensprache. müßte man sich bei jedem text fragen, was ein psychologe herausliest, schriebe man womöglich gar nicht. deshalb sollte dieses scheinbare einfallstor schön verschlossen bleiben. es bringt dem text nix und schadet nur.

    hab ich gesagt, daß mir der text sehr gefällt?

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der rote Flamingo

    Hallo Susanna,
    schön, da? dir der Text gefallen hat. Ich habe ihn damals an den Fischer-Verlag geschickt und die haben mir eine wunderbar einfühlsame Absage geschickt. Es sei noch zu autobiographisch. Das war keine übliche Standardabsage.

    Mit dem manisch meine ich, heute könnte ich nie wieder so schreiben. Ein anderer Schfitsteller sagte mir, der beste Teil meines Romans "Abschied" sei der, den ich in der Psychose geschrieben hätte. Die Rücksichtslosigkeit mache die Qualität des Textes aus und richtig rücksichtslos ist man nur in der Psychose. Naja, deshalb habe ich das mit dem manisch angeführt.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der rote Flamingo

    Ein einfühlsam geschriebener Text mit etlichen Höhe- und Tiefpunkten. Manisch eben, könnte man meinen.

    Schlichtweg 20 daß-Sätze streichen, obgleich die natürlich in eine kausale Welt passen. Zudem würde-Konstruktionen vermeiden, obgleich das meiste in einer Als-Ob-Welt stattfindet. Tja, womit wohl das gestalterische Hauptproblem auktorialen Erzählerin fixiert worden ist: der Text lebt von der Nähe zur Krankheit, darf sich aber nicht in sie begeben. Wie lösen? Abstand ist keine Lösung.

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