Die Beziehungen beider Nationen waren seinerzeit sehr komplex. Sowohl englische Adlige besaßen in Frankreich ausgedehnte Gebiete als auch umgekehrt französische in England. So wundern zahlreiche kriegerische Auseinandersetzungen in wechselnden Gruppierungen nicht, die jetzt aber nicht im einzelnen beschrieben werden sollen. Vielmehr sind hier der Grundkonflikt und letztlich die historische Lösung darzustellen.

Das Unterhaus war von Beginn an das Repräsentationsorgan des mittleren und niederen [britischen] Adels sowie der Bürger in den Städten und Ortschaften. Seit 1715 war die Legislaturperiode von zuvor drei auf sieben Jahre festgelegt. Wahlberechtigt waren bis zur Wahlrechtsreform von 1832 nur diejenigen, die über ein jährliches Mindesteinkommen aus Grundeigentum [Landbesitzer, etwa 5% der männlichen Bevölkerung] in Höhe von 40 Shilling [etwa 430 €] verfügten. Das Unterhaus hatte etwa 635 Abgeordnete (wobei das Haus nur 346 Sitzplätze besaß), die durch Mehrheitsbeschluß seit 1832 den Premierminister bestimmen. Die Abgeordnetensitze waren wegen des gesellschaftlichen Prestiges und der damit verbundenen Vergünstigungen (Titel, Aufträge, Einflußnahme auf politische und fiskale Ämter, Portofreiheit usw.) sehr begehrt und zugleich käuflich. (um 1810 für 5000 ₤, etwa 1,1 Mill. €) (William Thackeray: Jahrmarkt der Eitelkeit. Berlin 1988. S. 551.)

In England wird heute noch an vielen Schulen gelehrt, daß die magna charta von 1215 die englische Verfassungsgeschichte eröffne. Das ist insofern Unfug, als daß diese Urkunde niemals Gesetzeskraft erlangte, insofern korrekt, als daß durch die magna charta ein Zusammenwirken von Königtum und Ständen beschlossen wurde, das letztlich auf den Ausgleich von Interessen hinauslief. Dieses Prozeßhafte nennt man Politik und ging über England hinaus, nämlich bis nach Frankreich hinüber. Der französische König sollte den Schiedsrichter spielen und entschied für seinen Amtskollegen. Die englischen Lords holten daraufhin den Neffen des französischen Königs, Simon von Montfort, dessen Vater für den Papst die Albigenser verfolgt hatte. Dieser Simon von Montfort stellte den englischen König bei Lewes 1264, besiegte ihn und nahm ihn gefangen. Er setzte nun eine aristokratische Regierung ein, neun englische Lords, die eine allgemeine Versammlung von Vertretern des Adels aus allen Grafschaften planten, aber nicht dazu kamen, diese abzuhalten, denn das englische Königtum hatte neue Kräfte mobilisiert.
Der Sohn des Königs, Edward, sammelte Königsgetreue. 1265 schlug er bei Evesham Simon von Montfort, der fiel. Aber der Wunsch des Adels nach Regierungsbeteiligung blieb. Ein Kompromiß zeichnete sich ab. Aber es dauerte noch einmal dreißig Jahre, bis 1295 eine Körperschaft zusammentrat, die Unterhaus genannt wurde, ein Steuerbewilligungsrecht besaß und sich aus Vertretern der Städte und der Ritterschaft (je zwei Vertreter aus jeder Grafschaft, county, und jeder Stadt, city) bildete. Dagegen trafen sich die höheren Adligen in beratender Funktion in einem Oberhaus.
Edward I., seit 1272 König, ließ in zwei Urkunden dieses Zusammentreten dokumentieren, wobei eine Genehmigung des Steuererhebungsrechtes durch das Unterhaus ausblieb, sich aber in England eben so einbürgerte, daß der König fortan keine Steuern ohne Bewilligung des Parlaments, wie Unter- und Oberhaus fortan genannt wurden, erhob.
Das schauen wir uns ein wenig genauer an, denn der Teufel steckt im Detail:

Geld ist ein Abstraktum und beruht auf der Fiktion seiner Sicherheit. So wird es als Tauschmittel zwischen Individuen benutzt, die es als funktionellen Wert begreifen oder es fungiert als Schmiermittel in der Gemeinschaft, eine Art persönliches Band der Wechselbeziehung zwischen den Menschen.
Die Wirtschaft im Mittelalter war keine Geldwirtschaft, sondern eine Naturalwirtschaft. Einnahmen ergaben sich aus dem Ertrag, den ein Boden abwarf. Dieser Ertrag wurde zu Markte getragen und dort getauscht, nicht immer gegen Geld. Für die Herrschenden gab es mehrere Möglichkeiten, an diesem Tauschhandel zu partizipieren. Sie konnten dem Produzenten (Bauern, Lohnarbeiter, Händler) Steuern auferlegen, die der zu zahlen hatte, weil er eben produzierte und dafür den Schutz des Herrn erhielt. Sie konnten einen Markt- und Hafenzoll erheben, indirekt durch Vermögenssteuer in den Kreislauf des Geldes eingreifen oder eine Einkommenssteuer erheben.
Das Mittelalter unterschied zwischen Vermögen und Einkommen so gut wie gar nicht. Wer herrschte, der zog also über Kopfsteuern oder Steuern vom bebauten Land seinen Anteil ein. Manchmal wurde von den Steuereintreibern geschätzt, wie viel jemand besaß und davon dann ein Zehntel oder Dreizehntel eingezogen. Wie diese Schätzungen manchmal aussahen, soll ein Beispiel zeigen:

In dem Film „Ivanhoe“ (mit Robert und Elisabeth Taylor), in dem Robin Hood als treuer Untertan seines in Gefangenschaft sitzenden Königs Richard Löwenherz hilft, das Lösegeld von 100000 Mark Silber (ca. 8 Mill. €) aufzubringen. Dabei sollen auch die Juden helfen. Im Film wird so getan, als ob sie es freiwillig täten, weil Richard der bessere und gerechtere König gewesen sei. Die historische Wirklichkeit sah so aus, daß der reichste Jude auf 10000 Mark Silber taxiert wurde. Er wollte sie nicht zahlen. Da sperrte man ihn ein und zog ihm jeden Tag einen Zahn. Sieben Zähne später zahlte der Jude die 10000 Mark Silber.

In Frankreich galt das Prinzip der Steuerpacht. Steuerpächter schossen dem König einen Betrag für ein bestimmtes Gebiet vor und erhielten das Recht, sich entsprechend ihrer Vorauslage im betreffenden Gebiet zu bedienen.
In England setzte der König Beamte ein, die das erledigen sollten. Die zogen nun durchs Land und bemaßen die Steuerzahler. Der König schrieb die Steuern [1] aus (der Adel war frei davon), der Sheriff (so nannte man diese Eintreiber) trieb ein. Es galt, zwei Probleme zu lösen:


  1. die Festlegung der Steuern;
  2. die Eintreibungsmodalitäten der Steuern.


Es mußte geklärt werden, wer die Steuern festlegen und wer sie wie eintreiben dürfe. Damit verbunden waren die Fragen nach der politischen Macht und einem diesbezüglichen Regulativ, letztlich dem Zusammenspiel von Judikative und Exekutive. Da es keine entsprechenden Gesetze gab, setzte der König fest, daß er zwei Mal im Jahr das Parlament zusammenrufen werde, um die Steuern festzulegen und die Eintreibung auszuwerten. Das Parlament sollte eine Kontrollfunktion der Verwaltung erhalten.
Es leuchtet ein, daß ohne präzise Gesetze, zu denen sich das Parlament nicht aufraffen konnte, hier Willkür und Maßlosigkeit bei der Steuererhebung bestehen blieben. Es bedeutet aber auch, daß die Engländer sich durch die Schaffung eines derart befugten Parlaments überhaupt erst in die Lage versetzten, Gesetze und Regularien möglich zu machen. Und das ist eine historische Leistung, die zu dieser Zeit bemerkenswert ist.
Willkür und Maßlosigkeit bleiben dennoch die Kernbegriffe für diese Zeit. Die englischen Könige dieser Zeit, Edward I. und Edward II., führten Kriege gegen die Schotten. Was Edward I. gewann, verlor sein Sohn. Der hatte die Tochter Philipps des Schönen aus Frankreich geheiratet, wurde allerdings schwul und wahnsinnig, so daß die Ehe nicht glücklich war. Die Schöne aus Frankreich ließ ihrem Mann ein glühendes Eisen in den Hintern stoßen. 1327.
Erstaunlich genug gab es einen Sohn aus der Beziehung, der als Edward III. englischer König wurde. Da Philipps drei Söhne ohne männliche Nachfahren starben, kam Edward 1328 auch auf den französischen Thron. Das nahmen die französischen Adligen nicht hin, beriefen sich auf das salische Gesetz und riefen einen Vetter des Königs als neuen französischen König aus, Philipp VI.. Edward III. nahm das erst einmal hin und huldigte als Herzog von Guienne Philipp VI., aber dadurch wurde der Krieg nur aufgeschoben. Er entzündete sich am Zankapfel Schottland. Die Schotten erhoben sich wieder gegen die Engländer und wurden diesmal von den Franzosen unterstützt. Der Kampf tobte hin und her. Die Engländer unterstützten die Flamen (holländische Belgier) gegen die Franzosen, die dieses reiche Gebiet für sich beanspruchten.
Die Schlachten verliefen in etwa nach diesem Muster:
Da die Franzosen sehr viel stärkere Ritterkontingente ins Feld führen konnten, mußten die Engländer auf eine Waffe zurückgreifen, die sie besser als die Franzosen beherrschten, den Bogen. Bogenschützen wirken aus der Entfernung, sind aber im Nahkampf hoffnungslos unterlegen. Der englische Heerführer mußte seine Armeen so aufstellen, daß die Bogner (Bogenschützen, Armbrüste) gut geschützt vor Reiterangriffen ihr Werk aus der Ferne erledigen konnten, mit anderen Worten: die Bogner wurden auf die Hügel gestellt und entsprechend gesichert. Die englischen Ritter hatten nichts weiter zu tun, als die Bogner zu beschützen, denn sie konnten sich aufgrund ihrer numerischen Unterlegenheit nicht auf offene Feldschlachten einlassen.
Berühmt wurde die Schlacht von Crecy von 1346, in der Edward III. mit dieser reinen Defensivtaktik einen grandiosen Sieg feierte. Die Engländer nutzten diesen Sieg zu Plünderungen in Frankreich. Sie nahmen den französischen König gefangen und konnten 1360 den Frieden diktieren. Edward III. verzichtete auf den Titel eines französischen Königs, behielt aber seine Besitzungen in Südfrankreich, die aus dem französischen Lehnsverband entlassen wurden. Der englische König konnte den französischen zu einer Zahlung von drei Millionen Goldstücken (mehrere Milliarden nach heutigen Gelde) zwingen. Aber Frankreich war entvölkert und geplündert und konnte diese Summe nicht aufbringen. Das bedeutete Plünderung durch Engländer und Haß für lange Zeit.
1377 starben sowohl Edward III. als auch sein Sohn, der Schwarze Prinz, benannt nach seiner schwarzen Rüstung. Richard II., elfjährig, wurde König. Die Franzosen machten sich die englische Führungsschwäche zunutze und gingen auf Raubzug gegen das reiche Flandern. Das Geld benutzte Karl V., nunmehr französischer König, dazu, die Spanier, Gascogner, Bordeauxlais, Aquitanier und Basken gegen die Engländer aufzuwiegeln.
Die Engländer bildeten eine Einheit, sie hatten sich politisch um ihren König geschart. Die Franzosen blieben in dieser Zeit zwar zahlenmäßig weit überlegen, waren aber keine handelnde Einheit. Mit Karl V. führte sie plötzlich ein starker König an und da England eine kurzzeitige Führungsschwäche besaß, konnte sich das Blatt leicht wieder wenden. Karl V. war allerdings nicht der Mann, der die strukturelle Schwäche Frankreichs zu beseitigen. Es gab keine Interessenvertretung, die Stände haßten einander, Stadt und Land waren einander feindlich gesonnen. Ein Sieg war nur dann nützlich, wenn er dafür sorgte, die inneren Konflikte zu lösen. Karl V. löste sie nicht. So verpuffte der Sieg. Und der Krieg ging weiter...


Aufgaben:


  1. Charakterisiere das englisch-französische Verhältnis im Mittelalter! (II)
  2. Beschreibe das Erscheinungsbild der Jungfrau von Orleans anhand zweier Darstellungen! (I)
  3. Nenne zwei Konfliktherde in den englisch-französischen Beziehungen, die über das 14. Jahrhundert hinausreichten! (II)
  4. Erforsche die Ereignisse um die Jungfrau von Orleans! Stelle eine These in bezug auf ihre historische Bedeutung auf! Formuliere den Text im Stile dieses Kapitels! (III)




[1] Steuern besitzen nicht nur eine finanzielle Seite, was in Staaten ohne ausgewogene Rechtslage besonders deutlich wird, sondern auch eine machtpolitische. Der französische Kardinal Richelieu begriff ihre politische Funktion als Zeichen permanenter Unterwerfung: wer Steuern zahlen muß, ist nicht frei.