Karl IV. von Luxemburg, der Ludwig dem Bayern 1347 auf dem Thron folgte, konnte sich ohne großen äußeren Druck auf die deutschen Belange orientieren. Frankreich und England stritten im Westen um die Macht, der Papst mußte darum eine ruhigere Hand gegen die Deutschen führen. Karl IV. kaufte den Nachfahren Ludwigs des Bayern die armen Landstriche der Lausitz und Brandenburgs ab und vereinigte sie mit dem reichen Böhmen, zu dem auch Schlesien und die Oberpfalz als Hausgut gewonnen wurden. Im Norden machte er Tangermünde/Elbe neben Prag zu einer zweiten Residenz, damit seine Intentionen im Norden anzeigend. Hausmachtpolitik wie die seiner Vorgänger. Im Westen verlor das Reich Burgund an Frankreich, wo dessen Herzog eine Apanage von 120000 Goldmark (ca. 6000000 €) einem Herzogtitel von Burgund vorzog. Karl IV. ließ es geschehen, obwohl er nominell König von Burgund war.
Karls Politik war intensiver als die seiner Vorgänger und führte zur Hebung der Wirtschaftskraft in den Landschaften seines Machtschwerpunktes. Oder und Moldau wurden schiffbar gemacht, Straßen angelegt, der Bergbau gefördert, Burgen fortifikatorisch verbessert, Universitäten gegründet und Rechtsbestimmungen konkretisiert.

„Die Pestkatastrophe in der Mitte des 14. Jahrhunderts ist der entscheidende Wendepunkt der Geschichte Europas im Mittelalter. Der 'Herbst des Mittelalters' war damit angebrochen, aber nicht als eine natürliche Phase des Kulturverlaufs, sondern infolge höherer Gewalt. Die Kultur des Mittelalters welkte nicht, weil sie verblüht war und ihre Kräfte versiegten, sondern weil ein Orkan sie tödlich getroffen hatte.
Schon während des Massensterbens [mehr als 60% aller Europäer starben in den Pestjahren 1347/50] waren die Zeichen zu bemerken, die das gewaltsame Ende des Mittelalters begleiteten. Es bildeten sich außerhalb der Kirche Sekten, die schreiend durch die Lande zogen und sich vor aller Augen geißelten. Sie wollten, so riefen sie, Buße tun, um den Zorn des Himmels abzuwenden. Leider taten sie nicht nur Buße, sondern auch vielerlei Unfug und Schlimmeres. Auf diese Sekten gingen die Judenverfolgungen während der Pestzeit zurück. […] Die blutigsten Judenverfolgungen aber geschahen nicht in Deutschland, sondern in der französischen Provence.“ (Nobel, S. 154.)

Die Goldene Bulle von 1356 legte fest, wie der deutsche König gewählt werden sollte und schuf damit eine Verfassungsurkunde, die das Reich hinsichtlich der Kaiserwahl zur Aristokratie machte. Eine ständige Reichsversammlung von Vertretern aller Reichsgebiete war nicht geplant, aber eine alljährlich vier Wochen nach Ostern in einer Reichsstadt abzuhaltende Fürstenversammlung sollte das Reich gewissermaßen politisch lenken und Zwistigkeiten unkriegerisch lösen. Auch das ist ein Indiz für den aristokratischen Charakter des Reiches. Sieben Churfürsten sollen den Kaiser bestimmen: die rheinischen Erzbischöfe von Köln, Trier und Mainz, dazu der König von Böhmen, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen und der Markgraf von Brandenburg. Ob diese sieben Fürsten die mächtigsten im Reich waren, sei dahingestellt, doch weder der Erzbischof der reichen Stadt Magdeburg noch die Herzöge von Österreich, Bayern, Lothringen oder Braunschweig konnten sich in diesem Gremium statuieren. Sie wurden wegen der Goldenen Bulle zu Fürsten zweiten Ranges, nahmen das aber hin. Also müssen die sieben Erstgenannten größeren politischen Einfluß besessen haben. Das alte germanische Prinzip einer nur einstimmigen Wahl wurde zugunsten des Mehrheitswahlrechts aufgehoben. Damit war ein neues Staatsrecht geschaffen, das die Churfürsten über die anderen Fürsten hob. Drei der sieben Churfürsten standen in Abhängigkeit zum Papst, mußten ihm Annaten und Palliengelder auszahlen und das Recht sprechen, das sie von Rom bekamen (de non evocando).
Die Goldene Bulle bescheinigte den Churfürsten, ihre Ämter gemäß dem Erstgeburtsrecht vererben zu dürfen, zudem das höchste Recht in ihren Landen, so lange der König nicht einzugreifen wünsche. Der deutsche König blieb höchste Instanz im Reich, mußte allerdings vor Ort sein, um Entscheidungen gegen den Landesfürsten fällen zu dürfen.
Wir erkennen anhand dieser Bestimmungen, wie sehr das Reich in der Verteilung der politischen Macht dem heutigen Europa ähnelte, wie modern es gegenüber den zentralistischen Machtstaaten des Westens aufgebaut war, in denen das Hauen und Stechen um politische Einflußgebiete an im Reich längst vergangene Zeiten erinnert. Dagegen läßt sich sagen: Moderner Stimmenkauf ist nicht nur vorteilhaft für die Entwicklung des dadurch vom Krieg verschonten Landesteils. Korruption, Simonie und Hintertürdiplomatie schaden dem Gemeinwesen mehr, als es ein verhinderter Krieg mit einer klaren Dezision [Entscheidung] ermöglicht. Es darf also bezweifelt werden, ob die durch die Goldene Bulle fixierte Politik plutokratischer Praxis für das Reichsganze vorteilhaft war.

„Als der Rat der Stadt Magdeburg im Jahre 1422 den Bau der Elbbrücke plante, wollte sich niemand dafür als Baumeister wählen lassen, da 'unspreklik arbeit, sorge und moie und große vorsumenisse und schade orer neringe den jenen dar von komen wolde, de sik des underwunden'. Da nahm sich ein 'biederer Mann', Hans Schartau, des Baues an und gewann noch einige andere dazu. Schartau brauchte nicht 'Versäumnis und Schaden seiner Nahrung' zu befürchten. Er gehörte einer der reichsten und wohlhabendsten stadtadeligen Familien Magdeburgs an.“ (Erich Maschke: Verfassung und soziale Kräfte in der deutschen Stadt des späten Mittelalters, vornehmlich in Oberdeutschland. 1959. S. 331.)

Zur Wirtschaft des Spätmittelalters: Wie wir bereits wissen, war die Wirtschaft des Mittelalters nicht überregional strukturiert, sondern basierte auf beinahe autarken Gemeinden, die Überschüsse dazu verwendeten, Handel mit dem Außen zu treiben. Den Ausgangspunkt dieser regionalen Wirtschaftsform bildete die Zunft, ein Zusammenschluß im gleichen Wirtschaftsbereich arbeitender, meist familiär ausgerichteter Kleinbetriebe, in der der jeweilige Marktanteil, der Ausstoß und die Preise für die Produkte festgelegt wurden, Produktions- und Vertriebsgenossenschaften, in denen jeder im Zugehörigkeitsbereich sein Auskommen fand, Gewinne jedoch marginal blieben, somit Expansion und Kapitalisierung selten genug folgten. Mit dem Zunftwesen verbunden war die demokratische Grundstruktur vieler Städte, die zur Stadtaristokratie führte, [1] die jeweils ihren Landesherren die Herrschaft streitig machten. Das waren die Zunftkämpfe (Zunftrevolution), die meist mit dem formalen Sieg der Landesherren, tatsächlich aber dem der Zünfte endeten, denn die bestimmten die örtliche Wirtschafts- und Finanzpolitik v.a. deshalb, weil die Landesherren keine Kontrollinstanzen besaßen oder gar Beamte einzusetzen in der Lage waren. Die Zunftrevolution führte dazu, daß einfache Handwerker in die patrizischen Stadträte eindrangen und Mitspracherechte erkämpften, allerdings überließen die Zünfte die zeitraubenden und ehrenamtlichen Funktionen des Bürgermeisters, Amtmanns oder diplomatischen Dienstes dem Patriziat, das mehr Zeit und größere finanzielle Mittel besaß, drangen bei Ratssitzungen (Rat, Gericht, Finanzverwaltung...) aber vermehrt auf die Durchsetzung ihrer meist wirtschaftlich begründbaren Ziele, die sich nicht immer mit denen des Stadtpatriziats bissen.
Neben diesen kleineren Organisationsformen sind zwei größere zu nennen, eine aus dem Norden, eine aus dem Süden. Im Norden entstand eine Vereinigung von Kaufleuten, fürderhin zu der von Städten werdend, die auch außenpolitisch auftrat und zum mächtigsten Wirtschaftsverbund im Mittelalter wurde, die Hanse (ein altes Wort für Gemeinschaft). Sie war vor allem wirtschaftlich orientiert, indem sie das für einen europäischen Handel organisieren wollte, was bereits zuvor in regionaler Form geschaffen worden war: Preiskontrolle, Gewinnfestlegung, Handelskontingente der einzelnen Mitglieder, Rechtssicherheit durch paraphierte Vertragsvorlagen. Das Prinzip ist das gleiche wie bei der Zunftgenossenschaft, allerdings um zwei Elemente erweitert:


  1. überregionale Gültigkeit, was die Gewinnmarge extrem steigerte;
  2. Bekämpfung der Nichtmitglieder, also überregionaler Konkurrenzkampf, somit präkapitalistischer Wettbewerb.


Es ist dies die Zeit, in der Lübeck der bedeutendste Handelsplatz der Welt war. Hier liefen die Fäden zusammen: Aus dem Osten und Norden kamen Holz, Pelze, Bernstein, Honig, Wolle, Getreide, Wachs, Tran, Flachs und Fische. In den Export gingen Wein, Tuche und Luxuswaren aus den Werkstätten von anderswo. Lübeck war zugleich das Ausgangstor für die vielen deutschen Siedler, die es in die von den Deutschrittern eroberten Gebiete am Südufer der Ostsee zog, denn dort konnte man nicht nur freier als in vielen Teilen des Reiches leben, sondern auch schnell reich werden.
Die Hanse war ein friedlebender Bund, ein Krieg gegen den Dänenkönig schlägt da nicht zu Buche. Jeder Kaufmann weiß, wie sehr Krieg dem Geschäft schadet. Der norddeutsche Kaufmann führte Krieg nur, wenn er in ihn gezwungen wurde.
Im Süden schlossen sich schweizerische Gemeinden zu einem politischen Bund zusammen, blieben zwar formal dem Reichsverband erhalten, errangen aber eine politische Selbständigkeit im Reich. Das hatte aber im 14. Jahrhundert noch keine Bedeutung, dafür waren diese Vorgänge zu unbedeutend für das allgemeine Getriebe.
Das Lebenszentrum des Spätmittelalters bildete immer noch die Kirche, der Glauben. Daran orientierten sich die Menschen, was in der Kirche geschah, interessierte sie wirklich, beschäftigte sie und prägte ihr Handeln. Wirtschaftsfragen, kriegerische Auseinandersetzungen, politische Bündnisse oder Parteiungen... all das sind Nebenerscheinungen und vergleichsweise uninteressant, etwa so interessant für damalige Menschen wie für heutige Salzburger Wasserstandsmeldungen vom Unterlauf der Havel. – Die Kirche war im 14. Jahrhundert nicht einheitlich. Es gab Ketzerbewegungen, ein Schisma und Streit darüber, wie stark sich die Kirche in Weltliches einmischen solle. Es blieb der Konzilbewegung des 15. Jahrhunderts vorbehalten, diese Probleme anzugehen.


Aufgaben:


  1. Vergleiche das Zunftwesen mit der heutigen Wirtschaftsform und formuliere Vor- und Nachteile beider Formen! (II)
  2. Diskutiere die Auffassung, nach der das Reich eine Aristokratie gewesen sein soll! (III)



[1] Das ist eine zwangsläufige Entwicklung, daß Gleichheit zur Elitenbildung führt, die, sobald sie vertraglich oder politisch fixiert wird, entweder in eine Oligarchie (wenn die Macht von den Stärksten, meist mit Gewalt, errungen wird) oder Aristokratie (wenn die Macht von den Klügsten errungen oder ihnen von den Mitbürgern übergeben wird) führt.