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Thema: Von der Auflösung des Mittelalters

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    translatio imperii

    Ein paar Jahrzehnte stritten sich deutsche und französische Historiker, ob die Franzosen oder die Deutschen die Rechtsnachfolger Karls seien. Die Theorie der translatio imperii fand auch im Mittelater schon immer wieder opportunistischen Gebrauch.

    Im Streit zwischen dem französischen König Philipp dem Schönen und Papst Bonifatius (der bekanntlich mit einem Vergleich endete und die Tempelritter zu französichen Staatsfeinden machte und somit für etliche heute den Grund zahlreicher Verschwörungsszenarien abgibt) suchte in der Anfangsphase der Papst einen Unterstützer und fand ihn im Kaiser. Er, der Papst, suchte also nach Argumenten, um den Kaiser vor seinen Pflug zu spannen und benutzte den alten Streit zwischen Reichsverantwortlichen und dem französischen Königtum.

    Der Historiker Herm konstruiert folgendes Szenarium:

    "Plötzlich ist der vom Papst ebenfalls schon verfluchte deutsche König kein Majestätsverbrecher mehr, sondern ein ernsthafter Gesprächspartner. Goldene Brücken freilich baut der rabiate Pontifex ihm deswegen nicht. Albrechts [Albrecht von Habsburg] Gesandte müssen sich vielmehr anhören, das Römische Reich sei durch Bonifaz' Vorgänger dem Byzantinern abgenommen und auf die Deutschen übertragen worden, wie es die Krönung Karls des Großen in der Petrikirche bezeuge." (Herm: Habsburger. Düsseldorf 1994. S. 62.)

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Von der Auflösung des Mittelalters

    Die mittelalterlichen Jahrhunderte (5. bis 15. Jahrhundert) sind gekennzeichnet vom Bedeutungszuwachs der peripheren Mächte; man könnte von einer Diagonalverschiebung sprechen. So verlor die Mitte Europas an politischer und wirtschaftlicher Bedeutung, die Ränder dagegen nahmen an Bedeutung, Macht und Einfluß zu: Schweden, Dänemark, Frankreich, Britannien, Rußland, das Osmanische Reich, Spanien und Portugal vergrößerten ihre Machtstellung; das Reich verlor. Das äußerte sich im Machtanspruch des Papstes, der nach 1302 mit der Bulle unam sanctam den hierarchischen Anspruch des Papsttums dogmatisierte, das bedeutet zu einer unumstößlichen politischen Wahrheit machte. [1] Der Papst wurde von Kardinälen gewählt. Diese bestimmte der Papst. Ein geschlossener Kreis.

    Thomas von Aquin (1225-74): Summa Theologiae
    - fünf Gottesbeweise

    1. der unbewegte Beweger
    2. das Argument der ersten Ursache – Unmöglichkeit eines Zurückgehens ins Unendliche
    3. es muß eine letzte Ursache aller Notwendigkeit geben
    4. es gibt verschiedenes höchst Vollkommenes, was auf ein höchst Vollkommenes zurückgehen muß
    5. auch manche unbelebten Dinge haben einen Zweck, weswegen es ein außer allem liegendes Wesen geben muß, das nur ein in ihm liegenden Zweck besitzen kann

    - Gott besitzt keine Akzidentien (Nebensächlichkeiten) und nichts Zufälliges → Akzidentienstreit
    - Gott kann nicht definiert werden und begreift sich selbst vollkommen (Gegensatz zu Johannes Scotus)

    Erkenntnislehre:
    a) von Gott aus:
    - Gott erkennt alles gleichzeitig, nichts einzeln

    • das Immaterielle kann nichts Materielles erkennen
    • ein unwandelbares Wesen kann nichts Wandelbares erkennen
    • das Besondere ist zufällig, nicht notwendig
    • nur der wollenden Person kann der Willensakt bekannt sein (des geschaffenen)
    • das Besondere ist unendlich, bleibt unerkannt
    • Gott bekümmert sich nicht ums Besondere
    • das Böse kann Gott nicht erkennen


    Universalienstreit: die Universalien sind nicht außerhalb der Seele, aber der Verstand begreift Dinge außerhalb der Seele, wenn er Universalien begreift

    b) vom Menschen aus:
    - die Erkenntniskraft der menschlichen Vernunft vermag als lumen naturale (ratio naturalis) das, wovon sie Gottes wegen Prinzipien in sich trägt, zu erkennen → der Mensch erkennt gemäß seiner Vernunft (nötig, um zu glauben; praeambula fidei), aber muß Offenbarungen (Schöpfung, Erbsünde, Fegefeuer, Menschwerdung) als übervernünftig begreifen
    - die Naturerkenntnis ist also der Vorläufer/Vorstufe der Gnade, durch sie wird der Mensch vervollkommnet → über den Glauben, der auf der Erfahrung gründet, wird aufsteigend analogisch auf Gott geschlossen;
    - machte für das Kirchendogma ein gefährliches Geständnis, indem er ein von der Theologie unterschiedenes Recht des Daseins einräumt, das durch die Philosophie beschrieben werden kann (Chamberlain)

    Ethik:
    - das Böse ist Zufall
    - alle Dinge streben danach, Gott gleich zu werden → das Höchste: die Kontemplation
    - niemand vermag sich Gottes Beistand verdienen (Gnade ist die Form der Gewährung des Loskommens von der Sünde)
    - es gibt keine Annäherung ans Ideal, aber die Kreaturen sind mittels der Gnade durchaus imstande, zur divinae bonitatis similitudo zu gelangen, zu der sie bestimmt sind
    - heilige Handlungen verlieren nicht ihre Heiligkeit, wenn sie von schlechten Priestern durchgeführt würden

    In England regte sich Widerspruch, als der französische König seine weltliche Macht auf den Papstsitz Avignon [2] ins Spiel brachte, um hier Druck mit Hilfe des Papstes auf England auszuüben. Der englische Geistliche Wiclif forderte die Verweltlichung der Kirchengüter, um dem Klüngel die wirtschaftliche Basis zu entziehen. Außerdem brachte er den verhängnisvollen Begriff der Prädestination auf, nannte die wahre Kirche diejenige der Berufenen und zudem verwarf er die im Mittelalter unstrittige Transubstantion im Abendmahl, die Verwandlung von Wein in Jesu Blut mit der Kraft des von der Kirche beauftragten Priesters. Wiclifs Lösungsversuch von der offiziellen Kirche kam einer Revolution gleich. Er versammelte Gleichgesinnte, Revolutionäre, die er ausbildete und als Wanderprediger ausschickte, die Menschen von der römischen Kirche abzubringen. Lollarden nannten die sich. Irgendwann kamen die auch nach Böhmen und fanden dort offene Ohren, denn in Böhmen verband sich Widerstand gegen die römische Kirche mit dem Widerstand gegen das Kaisertum. In Prag lehrte um 1400 Johann Hus, der Wiclifs Schriften sorgfältig las und weiterdachte, vor allem politisch. Hus nahm Wiclifs Transubstantionsverneinung nicht an und beließ diese Lehre. Damit blieb der Priester ein Wundermann, ein Geweihter Gottes, der das eben vollziehen konnte, Wein zu Blut machen. Unmittelbar und unterstützt vom böhmischen König Wenzel führte die politische Auslegung Wiclifs dazu, daß an der Prager Universität das Deutsche dem Tschechischen nachgeordnet wurde. Die Deutschen zogen aus und gründeten in Leipzig eine neue Universität. 1409. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Hus wurde nach Konstanz zu einem Konzil gelockt und dort zum Ketzer erklärt, was bedeutete: er wurde verbrannt. Damit ging die Isolierung der Prager Universität einher, die als Ketzeruniversität galt und viele Studenten verlor.
    Doch die Erschütterung mittelalterlicher Weltbegriffe ging weiter. In Böhmen verband sich wie in England der religiöse Aufstand mit einem nationalen Element. In Deutschland traten Tauler und Meister Eckhart auf, die Thomas von Aquin und anderen eigene Denkansätze entgegenstellten.
    Die Kirche drohte in große Unordnung zu geraten und stand damit gegen Augustins Dogma der Unteilbarkeit aller Prädestinierten. Doch wer war prädestiniert? Augustin behauptete, all jene, die die Sakramente verwalteten und das Gesetz Christi erfüllten. Und hier setzte die Kritik immer wieder ein, denn auch Hus kritisierte den Lebenswandel manches Kirchenoberen, der so gar nicht apostolisch lebte. Und während Wiclif den Priesterstand ganz abschaffen und durch Laienpriestertum ersetzen wollte, hielt Hus am Priesterstand fest, denn Hus wollte keine Anarchie. Die Kirchenoberen dagegen argumentierten, daß der Priester ein Amt versehe und nicht als Individuum wahrgenommen werden dürfe. Unabhängig vom Persönlichen sei der Priester wegen seiner Priesterweihe dadurch bestimmt, Gottes Wort unter die Gläubigen zu bringen, mithin auch das Abendmahl IM NAMEN des Gotteskörpers auf der Erde, der Kirche, zu erteilen, also durch das Wort Dingen ihren Wert und ihre Bedeutung zu verleihen.

    Meister ECKART (1260-1327)
    der größte deutsche Mystiker, Dominikaner
    - versteht Gott personal und überpersonal → Konflikt mit der Kirche, die diese irrationalen Elemente nicht tolerieren konnte
    - schuf die deutsche Mystikersprache: Gemüt, Vernunft, Verstand, Grund...
    - wurde kurz vor seinem Tode zuerst vom Kölner Erzbischof, dann vom Papst als Irrlehrer angefeindet
    - kann nicht als Urkunde einer bis dahin nicht in Erscheinung getretenen germanischen Christlichkeit herhalten, „so daß er auch nicht als Schildhalter einer deutschen Nationalkirche in Anspruch genommen werden kann“ (Hudal)
    - seine Lehre fußt auf 2. Kor. 1.2: Das Edelste, was am Menschen ist, ist das Blut – wenn es recht will. Aber auch das Ärgste, was am Menschen ist, ist das Blut, wenn es übel will. (Rosenberg)

    Lehre:
    - das Mittleramt Christi und das corpus Christi mysticum bleibt, allerdings wird das Endliche dem Unendlichen direkt gegenübergestellt → der innertrinitarische Aktus des Lebens in Christi wird nicht von dem des Lebens im Geschöpften des Vaters getrennt, d.i. Pantheismus und Neuplatonismus
    - keine Disputation über Eckarts Lehre möglich, weil sie aus einem inneren Glaubensgrundsatz heraus verkündet ward → das Herz sprach

    All das führte zu einem Schisma, einer Kirchenspaltung. Äußerlich gab es lange Zeit zwei Päpste, einen in Rom, einen anderen im französischen Avignon. Die einzelnen Staaten lehnten sich dem Papst an, der ihnen mehr Vorteile versprach. Das war kein Zustand von Dauer. Es stand die Frage, ob die Kirche dazu fähig wäre, eine Selbstreinigung vorzunehmen. Manche wollten eine Restauration hin zur Überlieferung, andere bevorzugten Wiclifs (Universität Oxford) und Hus' (Universität Prag) Ansätze. Die wichtigste theologische Fakultät saß in Paris. Man beschloß, was Akademiker immer zu beschließen pflegen, ein Konzil, was heißt, man beschloß, sich zu treffen und miteinander zu reden. Ziele des Redens: Reinigung der Kirchenhierarchie, Abschaffung der von vielen kritisierten Mißbräuche unter dem Deckmantel der Kirche, Zurückweisung von Ketzereien und schließlich das wichtigste Ziel: Abschaffung des Schismas [3].
    Neben diesem inneren Problemfeld gab es auch eine äußere Bedrohung für das christliche Europa: die Osmanen. Ein türkischer Stamm hatte unter seinem Führer Osman einen Kriegerstaat errichtet und räumlich erweitert. 1389 wurden die Serben auf dem Amselfeld (Kosovo) besiegt und islamisiert. Nicht Wenzel IV. von Luxemburg (auch der Faule genannt), seinerzeit Kaiser, sondern sein Sohn Sigismund von Luxemburg, 1389 Churfürst von Brandenburg [4] und König von Ungarn, erkannte die Gefahr und sammelte in Europa Truppen: Deutsche, Ungarn, Engländer, Italiener, Polen und Franzosen. Doch er wurde mit seinen Rittern bei Nikopolis 1396 besiegt. Das lag an der uneinheitlichen Führung, der Zersplitterung des Christenheeres in viele einzelne Kampfverbände, die nicht zusammenwirkten, währenddessen die türkischen Janitscharen und Sipahi als Kampfeinheit auftraten. Europa hatte Glück, die Türken konnten nicht nachsetzen, um ihren Erfolg vollends auszukosten, denn sie mußten erst gen Osten gegen den aggressiven Mongolen Tamerlan ziehen.
    Zwei Probleme standen vor den europäischen Herrschern dieses Zeitalters des Übergangs: die Lösung der Kirchenspaltung (A) und die Abwehr der Türken (B).
    A. Das Konzil von Konstanz und die Hussitenfrage

    1411 wurde Sigismund zum deutschen König gewählt. Er wollte das Christentum einen, heilen. So verhandelte er mit anderen Majestäten über die Einberufung eines allgemeinen Konzils nach Konstanz am Bodensee, zu dem Vertreter aller wichtigen west- und mitteleuropäischen Kirchen erschienen. Man erklärte die drei gewählten Päpste für abgesetzt, wählte aber keinen neuen Papst, denn so behielt das Konzil die Macht in den Händen. Es wundert darum nicht, daß dieses Konzil lange, sehr lange dauerte.
    Der große Ketzer Wiclif war 1384 gestorben, aber sein böhmischer Nachfolger im Geiste Johann Hus lebte und wirkte noch. Man lud ihn vor das Konzil. Er kam zu hören, daß er ein Ketzer sei. Freiwillig. Er glaubte, daß die Kraft seiner Argumente gegen politischen Indoktrinismus ausreichte! Außerdem ließ er sich von Sigismund zusichern, ungeschoren nach Böhmen zurückgeleitet zu werden. Das ist schon weltfremd. Hus hätte wissen können, daß für den Fall, daß er als Ketzer verurteilt würde, kein Gesetz ihn retten könne, denn gemäß überkommener Vorstellung mußte kein Christ einem Ketzer gegenüber Wort halten. Und so wurde Johann Hus 1415 als Ketzer verbrannt.

    So gefährlich nahe die mittelalterliche Vernunft oft genug der Ketzerei kommt, dem Gewissen und Vertrauen nach ist sie Glaube und Dienst am Reiche Gottes, und in ihren größten Leistungen ist sie das wirklich. So gründet das Reich Gottes breiter auf der Erde, nämlich in der erkannten Welt und in der begriffenen Geschichte. Sie verstrebt es fester im Menschen, nämlich auch in seinem Verstand. Sie baut es höher hinauf, nämlich bis in den Konvergenzpunkt aller Abstraktionen. Sie gibt seinen Wundern die Helligkeit der Definition und seiner Fülle die Hochform des Systems. [..] Erst als das Reich verging, lösten sich die Dienste zu abgesonderten Machtpositionen los und stellten sich je auf sich selbst. Erst dann wurde auch die Vernunft eigensinnig und souverän, und im Innern des abendländischen Geistes vollzog sich eine neue translatio imperii: vom Reich Gottes zum Reiche der Vernunft (Freyer II, S. 726.)
    1417 einigte man sich auf Martin V. als neuen Papst, der in seiner Kapitulation erklären mußte, sich unter die Kontrolle periodisch abzuhaltender Konzile zu stellen.
    Doch mit der Verbrennung Johann Hus' war dessen Ideenwelt nicht zerstört. Damit war ein Märtyrer geboren. Es bildeten sich Bauernheere, die durch das Reich zogen und immer in Bewegung waren, schnell Beute machten, um nach Hause zurückzukehren. Sie entwickelten die Wagenburgen weiter, eine Taktik schnell bewegter Wagenburgenketten, die den Feind umfuhren und zerteilten, um aus dem sicheren Abstand diesen zu töten. Sie sollen Muster bei der Umzingelung gebildet haben, kryptische oder griechische Buchstaben, was den Feind verwirrte. Fabel mehr als Wirklichkeit. Entscheidend an dem Erfolg ist der Zusammenhang zwischen dem Nationalstolz der Tschechen und dem religiösen Eifer, den die Ideen Hus' im Volk genährt hatten. So waren die Hussiten anfangs defensiv, nach ihrem Siege 1426 bei Aussig drangen sie auch nördlich vor. Aber sie waren nicht in der Lage, aus ihrem Unbehagen an der religiösen und politischen Wirklichkeit des 15. Jahrhunderts einen konstruktiven Tatbestand in Form eines neuen Staatsgedankens zu schaffen. Sie siegten und siegten, um am Ende unterzugehen, bestenfalls als Mythos im Bewußtsein der Tschechen fortzuleben. 1434 wurden die Taboriten, wie sie sich in bezug auf die Geburtsstadt Hus', Tabor, nannten, von einem tschechischen Heer bei Lipa zerschlagen.
    1431 traf man sich in Basel zu einem neuen Konzil. Einigkeit herrschte bezüglich der Verweigerung hussitischer Lehren. Auch sollte der Laienkelch verboten werden, schärfer noch, Laien sollten diesen Kelch bei der Abendmahlsfeier nicht erhalten. Damit gab es Christen zweier Klassen: vollkommene, die wegen der Zulassung zur Abendmahlsfeier in die Vereinigung mit Jesus gelangten und Christen zweiter Wahl, die zwar den Kirchenzehnt bezahlen mußten, aber zur Abendmahlsfeier nicht zugelassen wurden. Aber plötzlich schlug man einen auf Versöhnung abzielenden Tonfall an und gewährte den Hussiten diesen Kelch, nahm sie wieder in die Kirche auf und nannte diese Richtung des Katholizismus fortan Utraquismus oder Calixtiner. 1433. Später erkannten die Böhmer Sigismund als ihren König an, wohingegen der Böhmen als einen tschechischen Nationalstaat respektierte.
    Das Konzil endete 1443 ohne klare Beseitigung des Schismas, allerdings hatten die Nationalstaaten mehr Macht gewonnen, u.a. behielten sie sich Investiturrechte vor, auch wenn das dem Papst nicht passen konnte und er die Unterzeichnung entsprechender Urkunden verweigerte, abgesetzt wurde, der neue wurde nicht anerkannt... Ein ewiges Hin und Her ohne klare Beschlüsse. Die Kirche des Mittelalters hatte sich schließlich gegen die modernen Strömungen behauptet, mit ihr die Verwicklung vieler Ämter, hatte es allerdings versäumt, sich zu rüsten. Restauration statt dessen. Und mit dieser wuchs der Ablaß, den die Kirche als eine nie enden wollende Geldquelle entdeckt hatte.
    B. Die Türkengefahr

    1437 starb Sigismund, mit ihm starb das Haus Luxemburg aus. Auf dem Sterbebett empfahl er den Ständen seiner Königreiche, das Erbrecht seiner mit einem Habsburger verheirateten Tochter anzuerkennen. Böhmen, Österreich und Ungarn waren so zu einem politischen Verband zusammengekommen. Man brauchte die Kräfte, um die Türken auf Abstand zu halten. Aber deren Kraft wuchs weiter. 1453 eroberten sie Konstantinopel und metzelten alle Christen nieder. Aus der Hagia Sophia wurde eine Moschee (muslimisches Gotteshaus), der christliche Kaiserpalast zur Residenz des Sultans umgebaut. Islamisierung ist ein schleichender Prozeß. Sultan Mehmed der Eroberer war klug genug, die christlichen Anführer der Griechen und Armenier (Patriarchen) als geistliche Oberhäupter anzuerkennen und mit weitreichenden administrativen Befugnissen auszustatten. Das änderte nichts daran, daß nur Muslime im osmanischen Imperium Vollbürger werden konnten und Vorteile gegenüber Nichtmuslimen besaßen, was früher oder später dazu führen mußte, alle zu Moslems zu machen. Die Stoßrichtung der Osmanen richtete sich nach Nordwesten. Dort lag das Reich.

    Nachtrag: Die Auflösung des Reiches

    Das Interregnum war Ausdruck einer tiefgreifenden Krise des mittelalterlichen Reichsgedankens. Das zentrale Kraftzentrum des Abendlandes hatte eine strategische Schlacht gegen die peripheren Nationalstaatsgedanken und Teilsouveränitäten aufstrebender Territorialfürsten verloren. Diese Peripherien kämpften sich zur Geltung durch, zur Gleichberechtigung mit dem Zentrum. Innerhalb des Reiches tobte der Kampf seit jeher, war aber Teil einer ganzheitlichen Ordnung, die eben von jener Spannung getragen wurde, die zwischen dem Teil und dem Ganzen besteht; außerhalb des Reiches gab es politische und wirtschaftliche Realitäten, die eine funktionale Selbständigkeit nicht nur bewirkt hatten, sondern nun selbst zum Kraftzentrum werden wollten, zur universalen Macht. Dieses Streben kennzeichnet sowohl Spanier wie Portugiesen, Holländer, Venezianer wie Briten oder Franzosen, auch Russen, Polen, Dänen oder Schweden. Diese Teile strebten jeweils nach der Hegemonie, aber im Ganzen stärkten sie Europa, das Abendland, denn es bildeten sich mehrere Kraftzentren, die zwar oft genug miteinander im Konflikt waren, aber als System übereinander hinwegwirkten, sich befruchteten und mit der Klammer des Christentums, einer zunehmenden Erwerbsethik und der Gier nach Neuem und Unbekanntem nicht nur eine latente Weltmachtpolitik betrieben.
    Das war etwas anderes als das mittelalterliche Reich, das jedem Existenz beließ, solange er sich im Kontext des Gemeinsamen einbringen wollte; es war ein auf Konkurrenz aufgebautes und von Machtphantasien getragenes Teilganzes, das selbst Ganzes sein wollte - die Idee des Nationalstaates wird davon bestimmt. Das Reich wurde zum Spielball dieser Interessen, es wurde hineingetragen und Patens der Geschichte. Die starken Kräfte bestimmten fortan das Geschick der Staaten, das äußere Geschick der Menschen. Das war im mittelalterlichen Reich nicht so, da war die Herrschaft örtlich, personal, ausgleichend. Die neuen Machtzentren statuierten Macht, gaben Gesetze vor, glichen Interessen aus, aber behielten sich die Vormacht, griffen imperial aus. Das ist etwas ganz anderes als das Freiheit belassende Reich, dessen Orientierung keineswegs imperial war.


    Aufgaben:


    1. Gib die Lehre Aquins in eigenen Worten wieder! (II)
    2. War die Verbrennung Husens ein Verbrechen? Argumentiere! (III)
    3. Erkläre die Vielzahl der Konzile im Spätmittelalter! (II)
    4. Stelle die wichtigsten Punkte der Lehre Husens zusammen! (I)




    [1] Wir erinnern uns an Gregor VII, der das auch schon wollte. 1077 konnte das Kaisertum Einfluß auf die Papstwahl gegen das eherne Gesetz der Oligarchie durchsetzen. Um 1300 nicht mehr.

    [2] Im 14. Jahrhundert geriet das Papsttum zunehmend unter den Einfluß des französischen Königtums, das angesichts der anarchischen italienischen Zustände den Papstsitz nach Avignon verlegte. Besonders Philipp der Schöne (um 1308) konnte den Papst für seine Machtpolitik benutzen und mit seiner Hilfe den entscheidenden Streich gegen den Templerorden führte, der nach dem Verlust seines letzten Stützpunktes in Palästina seine militärische Aufgabe verloren hatte, somit als Sündenopfer für die verfehlte Politik dort herhalten konnte, zugleich sehr reich geworden war, was Philipps Gier weckte. Er ließ die Templer verhaften und der Inquisition übergeben und zog deren Besitztümer ein.

    [3] Dieser Streit war typisch fürs Mittelalter, in dem jenseitige Heilserwartungen gegenüber diesseitigen vorherrschten. Sie markieren den letzten Höhepunkt des Mittelalters. Mit der Entdeckung Amerikas endete die Zeit, in der die Menschen zuerst ans Jenseits dachten, wenn sie im Diesseits etwas taten. Die Perspektive verlagerte sich seitdem ins Hier und Heute. Zivilisation.

    [4] Derselbe Sigismund überließ um 1411 die Mark Brandenburg dem Burggrafen von Nürnberg, Friedrich VI. von Hohenzollern, für dessen Dienste. Zugleich setzte er 1415 eine Urkunde auf, die die Mark Brandenburg an den Kaiser verfügte, sofern der 400000 Gulden an Friedrich VI. von Hohenzollern zahlte. Mit dem Verlust der Kaiserkrone für das Haus Luxemburg, dem Sigismund angehörte, ging die Mark Brandenburg an das Adelsgeschlecht der Hohenzollern über, die bis 1918 in Brandenburg/Preußen herrschten.



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