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Thema: 23/2

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    23/2

    canto 7

    beim fleisch läuft alles prima, das leben schüttelt uns nur so aus dem ärmel. jedem frischgeschlüpften desperado predigt man:"duzi duzi, kleiner nackefrosch, dir rinnt ja das wasser aus den augen, mußt viel trinken,denk bloß an deinen hirnstoffwechsel!" die üblichen werkschutzbehauptungen, er soll ja was werden. bleibt er im krieg kugelfrei, hat er hinterher das sagen, baut auch feine denkmäler dem weltgeist; setzt der sich auf ein furzkissen, schreien alle hirnis lauthals: "epochenschwelle!" verkündet: aufklärung! morgenröte! die wird blutrot, im ernstfall, von jeher die vernunft sich mit ihrem vorsatz sich verwechselt. folgt zwangsläufiges nachtarocken, einschließen, hirnwaschen und aufhängen. gesetzmäßiges bekümmert kein irrtum: wir geschehen eben, all unserem larifari zum trotz, gehen wir uns nicht aus dem kopf. wir verstören, nicht der andromedanebel. der funkelt nur.



    canto 8

    gottvater zeugte keinen christus, sondern die zentralperspektive, seine namenlose tocher. mein kind ist nur ein bellen in der nacht. man wird bescheiden. doch keine angst, ich werde euch alles ausweisen, auf mich ist verlass! die nackte wahrheit erzählen kann euch schließlich jeder idiot: denkt nicht lange herum, macht eure geschäftchen, verrentet und vergeht. nur keine weiteren umstände! in wirklichkeit sei alles hohl? ein glück, sonst wäre gar kein durchkommen mehr! verstopfte welten, von der nacht im herzen der dinge, finsternis des schoßes, aus dem alles kroch. ich hab meine nabelschnur nie preisgegeben, daran seile ich mich ab, in tiefen, wo ihr nicht als tote hinkommt. keine sorge, ich klettere wieder ins wort, herauf zum fälligen generalverrat, den judaslohn einfordern. ein neues jerusalem, da im nirgendwo? von wegen. ich kotz gleich auf den tisch!

    canto 9

    am anfang war der inzest, kann man eigentlich wissen. wahrheit ist der gleichklang der kommandos: "schnettereteng": gleich wirft jeder seinen hut in die luft! taktwechsel - sofort geht's wieder um kopf und kragen. die banalität des weibes bezeuge unsere hoffungslose einfleischung. das männliche ist der rede nicht wert, auf der spur des urprünglichen unwillens, der aussetzung in die bewußtheit, die ich künftig wursthaut nenne, lächerliche blase von differenzen, beim erstbesten nadelstich platzt sie und zerfällt rückstandslos zu natur. darum: was haben wir mit uns zu schaffen? haben wir uns etwa ins sein gezogen, aus freien stücken? schon die quarks klammern aus reiner verzweiflung, naturgesetz, du übler ausfluß, hast uns geworfen, wirst uns zertrampeln. verfluchter stumpfsinn allen beharrens. blankes nichts wäre unser gott, wollten wir überhaupt einen.

    canto 10

    was bedenkt sich daß gefälteltes gewebe in seiner knochenkapsel. ans ich und ähnliche gespenster glaubt eh keiner mehr. benommeheit du mutter aller verehrung: üblen weihrauch schwenkt man dem götzen der zeilenschinderei: der großen wahrhaftigkeit. von der eigenen propaganda vergewaltigt, was für ein fortschritt! wahrhaftig sind kühe, weil sie so ernsthaft wiederkäuen. wahrhaftig brannten uns die toten ihren erloschenen blick in die schädel. Was folgt, ist duldungsstarre: im sentimental hocken die leser auf ihren tretmühlen und wir jodeln ihnen von unseren elfenbeintürmen die botschaft herunter. ich lade euch auf meinen turm, wer sich wahrhaftig glaubt, soll springen. vergebens harrt der verworfene rest, im fernsehen läuft springreiten dazu. respekt verdienen nur, die sich ziehen lassen.

    canto 11

    was tun? die restzeit verschnaufen? mit reglosem echsenblick? geduldig die große verwundung erwarten? an der körperchemie drehen? gewaltsam dümmer werden? den amok erlaufen? märsche blasen auf köchernen kämmen? dreimal täglich alles putzen? flache welten ersinnen? brunnen vergiften? die erde umrunden als zeitpfeil? auch glück muß man wollen, erleuchtung inklusive: bin nichts schuldig, mit dem leben hab ich ja schon bezahlt, ich pfeif auf deinung und meinung, schau ganz entspannt ins ohnehin. hygienisch gedankenfrei gerät der kopf, zum bauern, der mir seine dicken kartoffeln zeigt. hokus mein pokus mahnt sein recht an; von allem trugwerk ist liebe das erbärmlichste. wahrhaftig demütigt uns der leib, dieses feindesland des fleisches. wie verlockend, der böse blick darauf.

    canto 12

    pakte mit dem pack? luzifer entpuppt sich als iteration. keine rücksicht auf die im chorgestühl, das schafft ellbogenfreiheit! jeder drehe an seines nächsten strick, heimzahlen bringt heimat, die große selbsternennung, alles wird beispiel füreinander. meine feinde verdau ich spurlos: blechherzchen, poch du nur deine sonette, esse und amboß sollen dir gebühren. vernichtung heißt das versprechen, tägliches blutbad für jeden, der auf sich hält. macht brennt den schmerz aus; kaiserliche botschaften bringt sie auf leerer hand, ein gelöbnis, rein wie der tod. alle schrecken lehren, mausoleum sein, aus bloßer möglichkeit steigen und zuckende herzen zerkau'n. großer wille schafft den sozialismus ohne menschliches zutun, das bündnis der vergehenden, die öfen, den eisernen weg, die flammende spur ins nichts. den opfern abverlangt man dankbarkeit wie ehedem.

    [Diese Nachricht wurde von Doderer am 24. Oktober 2000 editiert.]

  2. #2
    edjuschka
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    Aw: 23/2

    Das ist ja wie ein Drehrumbum.
    Und immer lustig und vergnügt sich's Weible hier im Schatten sieht.

    Ausführlicher Kommentar heute abend.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    Aw: 23/2

    hallo ed,


    die ist das lied vom rand der welt
    wo jeder, der dort steht und tut
    noch einen schritt, hinunterfällt
    auf ewig stürzt, sei auf der hut!

    ps: was ist ein drehrumbum?

  4. #4
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    Aw: 23/2

    Was für ein düsterer wortgewaltiger dichter Text. Da trau ich mich ja gar nichts mehr reinzustellen.

  5. #5
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    Aw: 23/2

    betroffen auch ich... atemanhaltend... bewundernd und dann doch erlöst, dass Du Doderer, mit dem gereimten Verslein vom Rand der Welt, uns zu zwinkerst....

    madonna

  6. #6
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    Aw: 23/2

    7: Andromeda ist eine Fokussionsebene zuviel. Nebel sowieso nicht. spontainos
    8: in mehrfacher Hinsicht o.k.
    9: Bitte keine despektierlichen Inzest-Illusionen, Doderer! Thema ist unklar, denn eigentlich willst Du hier zu vieles!
    10: springreiten? Sonst o.k. - Orthographie ausgenommen; hier aber peripher deutsam.
    11: Echsenblick ist doppelt deutbar: Erstarrung im Inneren, weil Totgeborenheit, Erstarrung nach außen, weil ungedreht exorzierend.
    12: Mehr von Luci. Weib, Dein Nam sei Luci!

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    Aw: 23/2

    schnettereteng!!

    Gut gemacht, das wird.

    Kleine Anmerkung, Kleinigkeiten:
    Zu 7: nachtarocken: was ist das?
    andromedanebel: funkelt er, der Nebel?
    zu 8: letzter satz: hm.
    10: springreiten im fernsehen: hm.
    Manchmal das Gefühl: was ist Zier, was ist Bedeutung?

    Aber, das das Wichtigste: viel Vergnügen gehabt, beim Lesen. Hätte ich gerne als Buch.

  8. #8
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    Aw: 23/2

    hallo pasquale,

    kein grund zur betroffenheit, wäre doch langweilig, wenn nur texte dieser art im forum stünden

    hallo madonna,...

    [..]


    hallo ed,
    danke für die kritik im detail, werde alles sorgsam überdenken

    hallo lester,
    danke auch dir, für die kritischen anmerkungen,
    springreiten muss wohl verboten werden und der zierrat weggeschliffen


    liebe grüße

    doderer

  9. #9
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    Aw: 23/2

    "wahrhaftig sind kühe, weil sie so ernsthaft wiederkäuen" - ist meine lieblingsstelle.
    tolle cantos! freude

  10. #10
    saulchen
    Laufkundschaft

    23/2

    "23/2" ist der titel, illuminatus für arme?
    wirres zeug, aber spannend allemal. für einen poetryslam geeignet. als überlegung zu schockierend, es fehlt der vernunftanteil.
    es ist auch keine dichtung, zu viele bedeutungstragende worte mit entsprechenden wortfeldern.
    aber wie einer bemerkte, wäre das als prosa nett zu lesen.
    wenn es etwas gibt, an das es mich erinnert, müßte ich auf "die frau ohne schatten" von hoffmansthal verweisen.

    schöner text für diese stunde und meine stimmung.
    danke schön,

    saul

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