Zeit fand nicht statt, Bewegung hatte bewußt und beharrlich beendet, beweglich zu bleiben. Die dünnen Schnüre der Bambusangeln hingen nutzlos; weder zeigten sie die Spannung einer geringsten Strömung, einer Fahrt, noch das Zappeln eines frischen Fisches, der hätte Leben retten sollen. Irgendwo im Nirgendwo würden Soldaten sicherlich weiter schießen, würden Frauen und M?nner sicherlich weiter pimpern, poppen, Liebe heucheln, um neue Soldaten zu zeugen und zu gebären, die aufs Neue schießen könnten. Hier nicht. Nirgendwo im Irgendwo würde Motorik freiwillig verzichten, motorisch zu sein. Hier schon.
Hier herrschte der Nebel. Grauer Nebel, Verdichtung des Wasserdampfes der Luft zu feinen Wassertröpfchen durch Berührung mit kalten Flächen. Das Wasser war sehr flächig, sehr kalt... und sehr, sehr glatt. Bewußte Tröpfchen sorgten wenigstens dafür, daß niemand verdurstete... von den zweien, die noch übrig waren; bewegungslos. Sie kauerten, sie lauerten, konnten sich kaum sehen.
Hier herrschte der Nebel. Bitter-grauer Nebel. Jede geringste Bewegung, die sie vielleicht voneinander - er vorne im Bug, sie hinten im Heck - auszuspähen vermochten, konnte Schießen bedeuten. Das war so, denn sie, Feinde, hatten Hunger.
Tierischen Hunger, das hundsgemeine - sind Hunde gemein? -, durch den eigenen Körper ausgelöste, triebhafte Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme, und irgendwann hatte der Trieb begonnen, sie, die Feinde, sich bezüglich einer potentiellen Lebensmittelaufnahme anstarren zu heißen; Bewegung im Nebel zu erhaschen. Das mußte aber - Zeit fand nicht mehr statt - noch vor dem Zeitschlafpunkt gewesen sein, an dem Ed über Bord gefallen war. Lautlos, kein dickes Plumpsen im Nebel, kein konzentrisches Kr?useln von Wellen im eiskalten Wasser, kein Zug auf die Angelschnüre, die Leben retten sollten.
Und Ed wäre ideal gewesen; 130 Kilo gut durchwachsenes Fettfleisch, mehr als ausreichend bis die Zeit wieder begann. Sie hätten sich weiter bewegen können, pimpern, poppen, Liebe heucheln; selbst hier im Boot. Nun waren sie wohl zu dürr, wollten aber trotzdem leben. War es das wert?
Ed war der fette Steuermann gewesen und schaute oft weg. Mußte er auch, denn sie wollten angeln und sich Liebe heucheln. Fische angeln, denn ein Fisch hebt die Potenz. Hier jedoch nicht. Ed hätte ebenfalls die Potenz gehoben; auf See geboren, mit Fisch ernährt. Ein kräftiger Schlag mit dem Ruder auf seinen Kopf, und sie hätten die Zeit, die nicht stattfand, abwarten können mit pimpern, mit Liebe heucheln. So hatten sie die Reise gebucht. Jetzt waren sie Feinde, regungslose Soldaten.
Vielleicht sollte er es einmal mit reden versuchen, ohne Bewegung, so aus dem Bauch heraus. "Liebling, du bist zu dürr. Was sollen wir tun?"
"Ich warte!", kam es durch den Nebel; lieblos.
"Ist nicht auch das Warten ein Ablauf, der einer gewissen Zeit unterworfen ist?"
Zögern. "So lange, bis zu stirbst!"
"Zu lange! Könnten wir nicht die Zeit wieder in Bewegung setzen?"
"Und wie?" Eine Spur Liebe?
"Wir schaukeln das Boot mit unseren Gedanken. Das Boot, die Gedanken schlagen Wellen. Und Wellen schnellen in der Zeit, laufen in Sekunden davon. Mehr als eine Sekunde jedoch brauchen wir nicht."
Stille im Nebel. Dann: "An was sollen wir denken?"
"Denken wir doch an uns, an unsere Liebe!" Es klappte nicht. Hat es schon jemals geklappt?
Nur nicht aufgeben. "Dann denken wir eben an Ed. Hunger ist eine gewaltige Triebkraft!"
Der Hunger gewann in Sekunden. Die Schn?re der Angel verzogen sich nach rechts - Bewegung - und nach links. Ed tauchte auf. Er sah noch gut aus. Nach dem Deutschen Frischfischgesetz darf sich ein Fang bis zu dreißig Tage nach dem Fischen als frisch bezeichnen. Tage sind Zeit. Ob Ed schon roch?