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Thema: Heute, morgen Nebel

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Heute, morgen Nebel

    Zeit fand nicht statt, Bewegung hatte bewußt und beharrlich beendet, beweglich zu bleiben. Die dünnen Schnüre der Bambusangeln hingen nutzlos; weder zeigten sie die Spannung einer geringsten Strömung, einer Fahrt, noch das Zappeln eines frischen Fisches, der hätte Leben retten sollen. Irgendwo im Nirgendwo würden Soldaten sicherlich weiter schießen, würden Frauen und M?nner sicherlich weiter pimpern, poppen, Liebe heucheln, um neue Soldaten zu zeugen und zu gebären, die aufs Neue schießen könnten. Hier nicht. Nirgendwo im Irgendwo würde Motorik freiwillig verzichten, motorisch zu sein. Hier schon.
    Hier herrschte der Nebel. Grauer Nebel, Verdichtung des Wasserdampfes der Luft zu feinen Wassertröpfchen durch Berührung mit kalten Flächen. Das Wasser war sehr flächig, sehr kalt... und sehr, sehr glatt. Bewußte Tröpfchen sorgten wenigstens dafür, daß niemand verdurstete... von den zweien, die noch übrig waren; bewegungslos. Sie kauerten, sie lauerten, konnten sich kaum sehen.
    Hier herrschte der Nebel. Bitter-grauer Nebel. Jede geringste Bewegung, die sie vielleicht voneinander - er vorne im Bug, sie hinten im Heck - auszuspähen vermochten, konnte Schießen bedeuten. Das war so, denn sie, Feinde, hatten Hunger.
    Tierischen Hunger, das hundsgemeine - sind Hunde gemein? -, durch den eigenen Körper ausgelöste, triebhafte Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme, und irgendwann hatte der Trieb begonnen, sie, die Feinde, sich bezüglich einer potentiellen Lebensmittelaufnahme anstarren zu heißen; Bewegung im Nebel zu erhaschen. Das mußte aber - Zeit fand nicht mehr statt - noch vor dem Zeitschlafpunkt gewesen sein, an dem Ed über Bord gefallen war. Lautlos, kein dickes Plumpsen im Nebel, kein konzentrisches Kr?useln von Wellen im eiskalten Wasser, kein Zug auf die Angelschnüre, die Leben retten sollten.
    Und Ed wäre ideal gewesen; 130 Kilo gut durchwachsenes Fettfleisch, mehr als ausreichend bis die Zeit wieder begann. Sie hätten sich weiter bewegen können, pimpern, poppen, Liebe heucheln; selbst hier im Boot. Nun waren sie wohl zu dürr, wollten aber trotzdem leben. War es das wert?
    Ed war der fette Steuermann gewesen und schaute oft weg. Mußte er auch, denn sie wollten angeln und sich Liebe heucheln. Fische angeln, denn ein Fisch hebt die Potenz. Hier jedoch nicht. Ed hätte ebenfalls die Potenz gehoben; auf See geboren, mit Fisch ernährt. Ein kräftiger Schlag mit dem Ruder auf seinen Kopf, und sie hätten die Zeit, die nicht stattfand, abwarten können mit pimpern, mit Liebe heucheln. So hatten sie die Reise gebucht. Jetzt waren sie Feinde, regungslose Soldaten.
    Vielleicht sollte er es einmal mit reden versuchen, ohne Bewegung, so aus dem Bauch heraus. "Liebling, du bist zu dürr. Was sollen wir tun?"
    "Ich warte!", kam es durch den Nebel; lieblos.
    "Ist nicht auch das Warten ein Ablauf, der einer gewissen Zeit unterworfen ist?"
    Zögern. "So lange, bis zu stirbst!"
    "Zu lange! Könnten wir nicht die Zeit wieder in Bewegung setzen?"
    "Und wie?" Eine Spur Liebe?
    "Wir schaukeln das Boot mit unseren Gedanken. Das Boot, die Gedanken schlagen Wellen. Und Wellen schnellen in der Zeit, laufen in Sekunden davon. Mehr als eine Sekunde jedoch brauchen wir nicht."
    Stille im Nebel. Dann: "An was sollen wir denken?"
    "Denken wir doch an uns, an unsere Liebe!" Es klappte nicht. Hat es schon jemals geklappt?
    Nur nicht aufgeben. "Dann denken wir eben an Ed. Hunger ist eine gewaltige Triebkraft!"
    Der Hunger gewann in Sekunden. Die Schn?re der Angel verzogen sich nach rechts - Bewegung - und nach links. Ed tauchte auf. Er sah noch gut aus. Nach dem Deutschen Frischfischgesetz darf sich ein Fang bis zu dreißig Tage nach dem Fischen als frisch bezeichnen. Tage sind Zeit. Ob Ed schon roch?

  2. #2
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    AW: Heute, morgen Nebel

    Am dritten Tag beginnen Gäste zu stinken. Bist Du Gast, Hanni? Karenz- und Hungerzeiten inbegriffen, treibt es Dich auf morsches Duenneis. Und schwer ist Dein Text nun wahrlich nicht. Er radebricht sich so im Imkommensurablen. Einmal ins Wasser gefallen, wird aus einem Fisch kein Sperling.

    Apostrophitis, Hanni: AUFS schreibt sich ohne Apostroph. Wir sind hier nicht im missing link - Land!

    Gut aber ist an Deinem Text die Lockerheit, in der Du erzählst. Das kannst Du. Bist eben eine Schwätzernatur, vielleicht und wahrscheinlich das, was man einen Küchenphilosophen nennt. Weisheiten beim Möhre(n)putzen.

    Ich frage ganz vorsichtig an, ob Du auch einmal die Variante des Verdichtens ins Auge fassen möchtest/kannst. Du solltest jedenfalls, sonst schlingert Dein Schiff irgendwann, weil die fettgewordenen Selbstinszenierungen keinen Platz zum Atmen und Selbsterkennen mehr lassen. Verstehst Du das? Du schreibst Dich so in einen Rausch, vergißt aber darüber, daß Sprache und Aussage ineinander verworben sind, ein Gutteil Freiheit des Geistes bedürfen, nicht nur des despektierlichen und amüsierten Seitenblicks.

    Frohes Schaffen beim Möhreputzen!

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Heute, morgen Nebel

    Gut, aufs neue, Robert. Fühlen, nur fühlen, nicht immer gleich das Rot in Deine Augen drücken, wenn Du den Namen Hannemann liest. Und verscherz es Dir nicht mit den Küchen, Du brauchst sie noch bei Deinem Totenmahl.
    Übrigens war es eine Kalbshaxe... nach Münchner Art.

    De artificiis pulcheris per manum in detrahere cutem de dauci carotae.
    Über die schöne Kunst, eine Karotte von Hand zu schälen.

    Karotte, im gemeinen Volksmund: Eselsmöhre, gelbe Rübe, Möhre, Mohrrübe, Vogelnest, Schattbutbengel (paßt irgendwie alles).
    Heilwirkung: Mann kann die Karotte als den Stoffwechsel unterstützend, harntreibend, wurmtreibend (hat er?), aber auch als leicht stopfend bezeichnen. Karotten sind ein unübertreffliches fäulniswidriges Mittel und verhindern diese Fäulnis im Darm. Wer Beschwerden im Darm oder mit den Endprodukten des Darmes hat, der reibe 250g geschälte Karotten und koche sie in einem 1/2 Liter guter Fleischsuppe. Karottensaft vertreibt Sodbrennen wie auch Würmer in den Eingeweiden und im Hirn.
    In Milch gekocht sind die Karotten ein allgemeines Stärkungsmittel für Schwindsüchtige. Wer an Brustwassersucht leidet, sollte Karottensamen in Wein gekocht trinken. Aber nicht mit mir!!! Auf Geschwüre, welche um sich fressen, legt man das in Honig zerstoßene Kraut.

    Im krassen Gegensatz zum äußerst gemeinen Feldhasen (lepus vulgaris campi oder Bugs Bunny) frißt der kultivierte Mensch die Karotte geschält.
    Hierzu nimmt der zum Küchenphilosophen geweihte Mann, leicht auf den Fußballen (Nix Kicker!) wippend, seine volksmundlich frische Möhre in die linke Hand - ätherische Frauen bevorzugen oft eine andere Vorgehensweise -, die zarte Spitze nach vorne und vorerst in Richtung der rechten Kniescheibe gerichtet - hier stimmen Frau und Mann wieder überein -, greift dann mit der rechten Hand zu einem kleinen scharfen Küchenmesser (volksmundlich Pittmesser) - doch jetzt sollte Mann spätestens überlegen, wozu ätherische Frau sonst noch fähig ist - und schrappt mit der Schneide die edle Karotte, wobei Mann diese durch sanften Druck des linken Zeigefingers gegen Ende des Schrappens leicht ansteigen läßt. Zwei Zentimeter des bekömmlichen Krauts übrig lassen, Möhre nach Handlung gut waschen und zur weiteren Verwendung beiseite stecken.
    Und das nächste Mal erkläre ich Dir, wie Mann eine gute Hirnsuppe kocht.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Heute, morgen Nebel

    sehr aufschlußreich, habe gerade den absatz über die karotte mit genuß gelesen und will mehr von diesen exkursen goutieren !
    aber hirnsuppe? in zeiten des bse? oder war das nur metaphorisch gemeint?

    doderer

  5. #5
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    AW: Heute, morgen Nebel

    Nur metaphorisch!
    Und BSE tut mir nicht weh. Freund Jakob sitzt mir auch so im Creutz.

  6. #6
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Heute, morgen Nebel

    Herr Hannemann, Sie haben sich das Perionym Hasenmann verdient! Gratulation! Ab sofort tituliere ich Sie zärtlichst Hasi.

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